Anna hielt inne.
„Ich dachte damals: So möchte ich auch einmal für jemanden sein.“
Matthias nickte.
„Warum nicht jetzt?“
Anna lachte bitter.
„Weil ich gerade praktisch obdachlos bin?“
„Im Moment.“
„Weil ich kein Geld habe?“
„Im Moment.“
„Weil ich ein Kind habe.“
„Das bleibt hoffentlich.“
Jetzt musste Anna wirklich lachen.
Dann wurde sie ernst.
„Sie verstehen das nicht.“
„Dann erklären Sie es mir.“
„Man kann nicht einfach einen Schalter umlegen und wieder die Frau sein, die man mit 22 war.“
Matthias schüttelte den Kopf.
„Sollen Sie auch nicht.“
„Was dann?“
„Gehen Sie als die Frau zurück, die Sie heute sind.“
Dieser Satz blieb.
Wochenlang.
Die kleine Wohnung lag in einem ruhigen Viertel am Stadtrand.
Zweiter Stock.
Kein Aufzug.
Ein Wohnzimmer mit Küchenzeile.
Ein Schlafzimmer.
Die Tapete war alt.
Im Badezimmer fehlte eine Fliese.
Anna liebte jeden Quadratmeter.
Matthias brachte am Umzugstag zwei Kartons.
„Was ist das?“
„Geschirr.“
„Ich habe gesagt, Sie sollen nichts kaufen.“
„Habe ich nicht.“
Er öffnete den Karton.
Darin befanden sich Teller mit einem dünnen blauen Rand.
„Von meiner Mutter. Sie hat vor einem Jahr ihre Wohnung verkleinert und mir ungefähr vier komplette Haushalte mitgegeben.“
Anna nahm einen Teller heraus.
„Die sind alt.“
„Das dürfen Sie ihr niemals sagen.“
Anna lachte.
Der zweite Karton enthielt Töpfe, Besteck und zwei ausgeblichene Geschirrtücher.
Dinge, die kein Millionär in einer Fernsehgeschichte verschenkt hätte.
Gerade deshalb bedeuteten sie Anna viel.
Ein Zuhause entstand nicht aus teuren Möbeln.
Es entstand aus Dingen, die schon jemand vor einem benutzt hatte.
Aus einem angeschlagenen Teller.
Einem Topf mit Kratzern.
Einem Handtuch, das nach Waschmittel roch.
Matthias half beim Aufbau eines gebrauchten Kleiderschranks.
Er war katastrophal darin.
Nach einer Stunde stand eine Seitenwand verkehrt herum.
Anna sah sie an.
Dann ihn.
„Großer Unternehmer?“
„Ich delegiere normalerweise.“
„Das merkt man.“
Lina saß auf dem Boden und lachte.
Diese Nachmittage wurden häufiger.
Nicht täglich.
Matthias achtete darauf, Anna Raum zu lassen.
Er zahlte nicht einfach sämtliche Rechnungen.
Das hätte sie nie akzeptiert.
Stattdessen half er ihr, Möglichkeiten zu finden.
Eine Stiftung vergab ein Stipendium für Menschen, die eine unterbrochene Ausbildung im sozialen Bereich wieder aufnahmen.
Matthias kannte die Einrichtung über ein Unternehmen, das medizinische Geräte vertrieb.
Er stellte den Kontakt her.
Mehr nicht.
Das Bewerbungsgespräch führte Anna selbst.
Sie bereitete sich drei Nächte lang darauf vor.
Als sie zurückkam, wartete Matthias mit Lina auf dem Spielplatz.
„Und?“
Anna stand vor ihm.
Ihr Gesicht völlig ernst.
„Ich fange im Oktober wieder an.“
Matthias sagte nichts.
Er umarmte sie einfach.
Nur kurz.
Aber in diesem kurzen Moment spürte Anna etwas, das sie erschreckte.
Nicht Dankbarkeit.
Etwas anderes.
Sie zog sich zurück.
Matthias tat sofort dasselbe.
Keiner sprach darüber.
Die Monate danach waren hart.
Viel härter als jene Geschichten, in denen nach einem glücklichen Zufall plötzlich alles leicht wird.
Anna musste morgens um halb sechs aufstehen.
Lina zur Betreuung bringen.
Unterricht.
Praxis.
Lernen.
Haushalt.
Rechnungen.
Kinderkrankheiten.
Manchmal saß Anna nachts um eins zwischen Lehrbüchern und ungewaschener Wäsche und fragte sich, warum sie das alles angefangen hatte.
Dann erinnerte sie sich an Frau Neumann.
An ihre Großmutter.
An Matthias’ Satz.
Geh als die Frau zurück, die du heute bist.
Matthias blieb in ihrem Leben.
Aber nicht als Retter.
Das war Anna wichtig.
Und irgendwann auch ihm.
Er brachte Lina gelegentlich vom Kindergarten nach Hause, wenn Anna lange Praxistage hatte.
Anna kochte dafür manchmal für ihn.
Das erste Mal stellte sie ihm Kartoffelsuppe hin.
Matthias probierte.
„Die ist hervorragend.“
„Sie haben noch keinen Löffel genommen.“
„Ich wollte vorbereitet sein.“
„Auf was?“
„Falls sie schlecht ist.“
Anna warf ein Geschirrtuch nach ihm.
Lina kreischte vor Lachen.
Es war lange her, dass Matthias in einer Küche gesessen hatte, in der Menschen lachten.
An Weihnachten stand ein kleiner Baum in Annas Wohnzimmer.
Kein perfekter Baum.
Auf einer Seite fehlten fast alle Äste.
Lina hatte selbst gebastelten Schmuck daran gehängt.
Matthias brachte keine teuren Geschenke.
Er brachte eine alte Holzkiste.
Darin befanden sich Weihnachtsfiguren aus seiner Kindheit.
Ein Schaf hatte nur drei Beine.
Der Hirte keinen Stock mehr.
„Meine Mutter sagt, entweder Lina bekommt sie oder sie landen irgendwann beim Entrümpeln.“
Anna stellte die Figuren unter den Baum.
Später, als Lina schlief, saßen Anna und Matthias mit Tee am Fenster.
„Sabine mochte Weihnachten“, sagte Matthias plötzlich.
Anna sagte nichts.
Sie hatte gelernt, dass bei alten Schmerzen Schweigen manchmal freundlicher war als Trost.
„Ich hatte Angst, dass ich sie verrate“, sagte er.
„Womit?“
Er sah Anna an.
„Damit, wieder glücklich zu sein.“
Anna spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Und?“
„Ich glaube inzwischen, dass das Unsinn ist.“
Er lächelte traurig.
„Sabine hätte mich vermutlich persönlich aus dem Grab geprügelt, wenn sie wüsste, dass ich fünf Jahre lang so gelebt habe.“
Anna lachte leise.
Dann legte sie ihre Hand auf seine.
Zum ersten Mal.
„Ich möchte nicht, dass du glaubst, ich empfinde etwas für dich, weil du uns geholfen hast.“
Matthias drehte seine Hand und verschränkte seine Finger mit ihren.
„Das glaube ich nicht.“
„Ich will dir nichts schulden.“
„Tust du nicht.“
„Und ich will nie das Gefühl haben, dass dein Geld zwischen uns steht.“
Matthias nickte.
„Dann darf es das nicht.“
Anna sah ihn lange an.
„Ich mag dich.“
„Das hoffe ich.“
„Nein.“
Sie atmete tief ein.
„Ich meine wirklich.“
Jetzt sagte Matthias nichts mehr.
Anna sprach weiter.
„Ich mag den Mann, der einen Kleiderschrank falsch herum aufbaut. Den Mann, der heimlich alte Actionfilme schaut und bei jedem Liebesfilm behauptet, er hätte Staub im Auge.“
„Sehr viel Staub.“
„Den Mann, der seine Mutter jeden Sonntag anruft.“
Matthias’ Augen wurden feucht.
„Und ich mag die Frau“, sagte er, „die mich daran erinnert hat, dass man nicht tot sein muss, um sein Leben zu verlieren.“
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