Ein Fremder bot ihr am Busbahnhof ein Zimmer an – zwei Jahre später änderte sie sein ganzes Leben

Später hörte ich sie lange im Bad.

Am nächsten Morgen war ich kurz nach sechs wach.

Alte Gewohnheit.

Ich brühte Kaffee, schnitt Brot und stellte Marmelade auf den Tisch.

Als Mara in die Küche kam, trug sie dieselbe Kleidung wie am Tag zuvor.

„Ich kann heute wieder gehen“, sagte sie sofort.

„Warum?“

„Ich will nicht stören.“

„Sie stören nicht.“

„Ich kann zahlen, wenn ich Arbeit finde.“

„Darüber reden wir später.“

Sie biss sich auf die Lippe.

„Ich will niemandem etwas schulden.“

Der Satz traf mich.

„Dann schulden Sie mir nichts.“

Mara verstand diese Antwort offensichtlich nicht.

Also fügte ich hinzu:

„Sie können später jemand anderem helfen. Dann sind wir quitt.“

Sie sah mich lange an.

Danach setzte sie sich.

Am selben Vormittag wusch sie ungefragt das Geschirr.

Am nächsten Tag fegte sie den Flur.

Am dritten räumte sie ein Regal um, das seit Jahren aussah, als hätte jemand eine Schachtel Schrauben darin explodieren lassen.

„Sie müssen hier nichts verdienen“, sagte ich.

„Ich weiß.“

„Warum machen Sie es dann?“

Mara zuckte mit den Schultern.

„Wenn ich nichts mache, denke ich zu viel.“

Das verstand ich.

In den ersten Wochen bemerkte ich Dinge, über die wir nie sprachen.

Wenn mir ein Glas herunterfiel, erstarrte sie.

Wenn ich genervt über eine Rechnung fluchte, entschuldigte sie sich.

Wenn ich fragte, was sie essen wolle, sagte sie fast immer: „Mir egal.“

Eines Abends stellte ich ihr einen Teller auf den Tisch.

„Zu viel?“, fragte ich.

Mara blickte darauf.

„Nein.“

Dann sagte sie plötzlich: „Entschuldigung.“

„Wofür?“

Sie wusste es selbst nicht.

Da verstand ich, was jahrelange Demütigung mit einem Menschen machen kann.

Man muss niemanden einsperren, damit er sich gefangen fühlt.

Man bringt ihm einfach lange genug bei, dass jede eigene Meinung Ärger verursacht.

Ein paar Tage später nahm ich Mara mit in die Werkstatt.

Sie setzte sich auf einen Hocker und beobachtete, wie ich ein Stück Nussbaum schleifte.

„Möchten Sie probieren?“

„Ich kann das nicht.“

„Deshalb heißt es probieren.“

Ich gab ihr ein Reststück und Schleifpapier.

Sie fuhr vorsichtig darüber.

„Fester“, sagte ich.

Sie versuchte es.

Nach einer Weile strich sie über die Oberfläche.

„Das fühlt sich ganz anders an.“

„Holz braucht Geduld.“

Mara drehte das Stück in der Hand.

„Und wenn es kaputt ist?“

„Kommt drauf an.“

„Worauf?“

„Manches kann man leimen. Manches muss man neu verbinden. Und manches bleibt sichtbar beschädigt, funktioniert aber trotzdem.“

Sie sagte nichts mehr.

Doch am nächsten Morgen stand sie wieder in der Werkstatt.

Bald half sie mir täglich.

Erst beim Schleifen.

Dann beim Ölen.

Später zeichnete sie kleine Entwürfe auf alte Rechnungsrückseiten.

Blätter.

Vögel.

Schlichte Muster.

Eines Tages entdeckte ich eine Skizze für eine kleine Erinnerungsbox.

„Was ist das?“

Mara wollte das Papier sofort wegnehmen.

„Nur eine Idee.“

„Dann bauen wir sie.“

„Die kauft doch niemand.“

„Das weißt du erst, wenn sie fertig ist.“

Inzwischen waren wir beim Du.

Wir fertigten drei Stück.

Eine Woche später waren alle verkauft.

Eine ältere Kundin bestellte sofort zwei weitere.

Mara glaubte zunächst, ich hätte die Frau überredet.

Ich musste ihr den Bestellzettel zeigen.

Danach saß sie minutenlang auf dem Werkstatthocker und starrte auf ihre eigenen Zeichnungen.

„Vielleicht kann ich doch etwas“, sagte sie.

Es war einer der traurigsten Sätze, die ich je gehört hatte.

Denn er klang nicht stolz.

Er klang überrascht.

Mit den Monaten veränderte sich das Haus.

Auf dem Küchentisch lagen plötzlich bunte Stifte.

Im Garten blühten wieder Ringelblumen und Dahlien, weil Mara das verwilderte Beet vor dem Küchenfenster übernommen hatte.

Sonntags gab es manchmal Pfannkuchen.

Die ersten verbrannten so schlimm, dass wir die Fenster öffnen mussten.

Ich lachte darüber.

Mara anfangs nicht.

Dann sah sie, dass ich wirklich lachte und nicht wütend war.

Beim dritten misslungenen Pfannkuchen fing sie selbst an.

Wir standen in der Küche und lachten über schwarzen Teig wie zwei Verrückte.

Ich merkte erst später, wie lange ich nicht mehr so gelacht hatte.

Doch im Dorf blieb unsere ungewöhnliche Wohngemeinschaft natürlich nicht unbemerkt.

„Heinrich, du kennst die doch gar nicht“, sagte mein Nachbar Rolf am Gartenzaun.

„Inzwischen schon.“

„Du weißt, wie das heutzutage läuft. Erst tun sie hilflos, dann fehlt plötzlich etwas.“

„Wer sind denn ‚die‘?“

Er winkte ab.

Eine andere Bekannte fragte mich beim Bäcker, ob Mara „nicht langsam wieder auf eigenen Beinen stehen“ müsse.

Mara hörte davon.

Natürlich.

In einem Dorf reist ein Satz schneller als ein Auto.

Eines Abends legte sie ihren Löffel hin.

„Ich ziehe aus.“

„Warum?“

„Die Leute reden.“

„Die Leute reden auch darüber, wer seinen Rasen samstags um halb eins mäht.“

Sie lächelte nicht.

„Ich will nicht, dass sie denken, ich nutze dich aus.“

„Und ich will nicht, dass fremde Leute bestimmen, wie ich mein Haus führe.“

„Aber—“

„Mara.“

Ich musste kurz überlegen.

„Mit 61 lernt man irgendwann, dass ein sauberer Ruf nicht bedeutet, dass man ein gutes Leben geführt hat.“

Sie sah mich an.

„Meine Mutter hätte gesagt: Kümmere dich darum, ob du abends in den Spiegel schauen kannst. Der Rest hat selbst genug Spiegel zu Hause.“

Diesmal musste Mara lachen.

Sie blieb.

Unsere Werkstatt bekam immer mehr Aufträge.

Vor allem ihre kleinen Entwürfe liefen gut.

Holzschalen mit schlichten Motiven.

Erinnerungsboxen.

Bilderrahmen.

Kleine Regale.

Mara belegte irgendwann einen Abendkurs für Gestaltung an einer Weiterbildungsschule.

Beim ersten Kurstag wollte sie dreimal absagen.

„Da sind bestimmt Leute, die viel besser sind.“

„Natürlich.“

Sie sah mich verletzt an.

„Danke.“

„Und es gibt Leute, die schlechter sind. Das ist doch völlig egal.“

Sie ging.

Zwei Monate später brachte sie eine Zeichnung mit der Note „sehr gut“ nach Hause.

Ich hängte sie in der Werkstatt auf.

Sie beschwerte sich.

Ich ließ sie hängen.

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