„Von einem Mädchen, das Schmetterlinge mochte.“
Dieter senkte den Blick.
„Das war seine Lena.“
„Die andere Lena?“, fragte das Kind.
„Ja.“
Lena dachte einen Moment nach.
„Dann kenne ich sie ja ein bisschen.“
Niemand antwortete.
Dieter musste sich räuspern.
Schließlich legte er eine seiner großen Hände auf Annas Arm.
„Wissen Sie, was das Verrückte ist?“
Anna sah ihn an.
„Kalle hat immer gesagt, er würde niemals wieder jemanden so lieb haben können wie seine Tochter.“
Dieter blickte zu Lena.
„Aber ich glaube, da hat er sich geirrt.“
Drei Stunden später kam ein Arzt in den Wartebereich.
Anna sprang auf.
„Wie geht es ihm?“
Der Arzt bat sie, sich wieder zu setzen.
Kalle hatte schwere Verletzungen erlitten.
Eine Operation war notwendig gewesen. Er hatte viel Blut verloren und musste weiterhin intensiv überwacht werden.
Sein Zustand war ernst.
„Wir haben ihn stabilisiert“, erklärte der Arzt. „Aber die nächsten Tage werden entscheidend sein.“
Anna fragte, ob sie ihn sehen dürften.
„Im Moment noch nicht. Zunächst braucht er Ruhe und medizinische Betreuung.“
Lena begann sofort zu protestieren.
„Aber er muss doch wissen, dass ich da bin!“
Anna wollte etwas sagen.
Doch Dieter ging vor ihr in die Hocke.
„Hör mal, kleine Lena. Weißt du, was Kalle früher immer gemacht hat, wenn bei uns eine Maschine kaputt war?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
„Er hat sich erst einmal alles ganz genau angeschaut. Und dann hat er sie Stück für Stück wieder in Ordnung gebracht.“
„Auch wenn sie ganz kaputt war?“
„Manchmal schon.“
„Und jetzt machen die Ärzte das mit Kalle?“
Dieter nickte.
„Genau. Und damit sie ordentlich arbeiten können, müssen wir ihnen Zeit lassen.“
Lena sah nachdenklich auf ihre Hände.
„Aber dann braucht er jemanden, der wartet.“
Der alte Mann lächelte traurig.
„Das stimmt.“
„Dann warten wir zusammen.“
Und das taten sie.
Anna brachte Lena später nach Hause. Ihre Nachbarin blieb über Nacht bei dem Kind, während Anna noch einmal ins Krankenhaus fuhr.
Dieter und zwei frühere Kollegen saßen bis spätabends im Wartebereich.
Sie sprachen wenig.
Ab und zu erzählten sie eine Geschichte von früher.
Wie Kalle einmal mitten im Winter einem Kollegen die Heizung im Auto repariert hatte.
Wie er für einen alleinstehenden Rentner das Brennholz stapelte, obwohl ihm selbst der Rücken wehtat.
Wie er sich jedes Jahr heimlich an einer Sammlung für Familien beteiligte, denen es gerade nicht gut ging.
„Er hätte uns wahrscheinlich alle zusammengestaucht, wenn er wüsste, dass wir hier sitzen“, sagte einer der Männer.
Dieter nickte.
„Ja. Und dann hätte er uns einen Kaffee spendiert.“
Zum ersten Mal an diesem Abend mussten sie lachen.
Am nächsten Morgen war Kalles Zustand weiterhin kritisch, aber stabil.
Anna durfte ihn kurz besuchen.
Er lag an Überwachungsgeräten, war blass und wirkte zwischen den Kissen kleiner, als sie ihn in Erinnerung hatte.
Sie setzte sich neben sein Bett.
Lange sagte sie nichts.
Dann nahm sie vorsichtig seine Hand.
„Kalle? Ich bin es. Anna.“
Keine Reaktion.
„Ich weiß jetzt, wer Sie sind.“
Sie musste schlucken.
„Es tut mir leid, dass ich Sie gestern nicht gleich erkannt habe.“
Anna betrachtete seine Hände.
Die Finger waren rau und von alten Verletzungen gezeichnet.
Genau diese Hände hatten sie vor fünf Jahren festgehalten, als sie dachte, sie würde ihr Baby verlieren.
„Sie haben damals gesagt, ich sei nicht allein.“
Ihre Stimme wurde brüchig.
„Jetzt sollen Sie wissen, dass Sie auch nicht allein sind.“
Sie drückte seine Hand.
„Wir sind hier.“
Eine Woche verging.
Dann noch eine.
Kalle überstand die Operation und weitere schwierige Tage auf der Intensivstation.
Er war lange Zeit erschöpft und konnte zunächst kaum sprechen.
Aber schließlich öffnete er wieder die Augen und erkannte die Menschen an seinem Bett.
Als Anna ihn zum ersten Mal wach sah, begann sie sofort zu weinen.
Kalle verzog mühsam das Gesicht.
„Na, na.“
Seine Stimme klang heiser.
„So schlimm sehe ich doch hoffentlich nicht aus.“
Anna lachte unter Tränen.
„Doch. Ziemlich schlimm.“
Ein kaum sichtbares Lächeln erschien unter seinem Bart.
„War ja klar.“
Sie setzte sich zu ihm.
„Wie fühlen Sie sich?“
„Als hätte mich ein Lastwagen überfahren.“
Anna sah ihn erschrocken an.
Kalle hob leicht eine Augenbraue.
„War doch so, oder?“
Diesmal mussten beide lachen.
Doch dann wurde Anna ernst.
„Kalle, warum haben Sie nie etwas gesagt?“
Er sah sie an.
„Worüber?“
„Über Lena. Über alles.“
Er wandte den Blick zum Fenster.
„Was hätte ich denn sagen sollen?“
„Dass Sie es waren. Damals auf der Landstraße.“
„Sie hatten genug um die Ohren.“
„Aber Sie haben uns geholfen. Und jetzt schon wieder.“
Kalle schwieg.
Dann sagte er:
„Die Kleine stand auf der Straße. Da denkt man doch nicht lange nach.“
Anna schüttelte den Kopf.
„Sie tun immer so, als wäre das nichts.“
„Ist doch selbstverständlich.“
Sie nahm seine Hand.
„Nein, Kalle. Es ist nicht selbstverständlich.“
Eine Weile sagte keiner etwas.
Dann fragte er:
„Wie geht’s der Kleinen?“
Anna lächelte.
„Gut. Sie hat nur ein paar Schrammen. Und sie fragt jeden Tag nach Ihnen.“
Kalle schloss kurz die Augen.
„Gott sei Dank.“
„Sie möchte Sie unbedingt besuchen.“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Mich?“
„Ja. Sie glaubt, Sie sind ihr Schutzengel.“
Kalle schüttelte langsam den Kopf.
„Ach, du meine Güte.“
Anna lächelte.
„Sie hat einen ziemlich sturen Kopf.“
„Dann kommt sie nach ihrer Mutter.“
Anna lachte.
Es war das erste unbeschwerte Lachen seit dem Unfall.
Am nächsten Nachmittag durfte Lena für kurze Zeit zu ihm.
Anna hatte ihr vorher erklärt, dass Kalle noch sehr schwach sei und viele Geräte an seinem Bett stünden.
Das Mädchen hatte aufmerksam zugehört.
Dann fragte es:
„Darf ich ihm etwas mitbringen?“
„Natürlich.“
Lena verschwand in ihrem Zimmer.
Sie kam mit einem sorgfältig gefalteten Blatt Papier zurück.
Darauf hatte sie mit Buntstiften zwei Mädchen gemalt.
Beide trugen rote Kleider.
Über ihnen schwebten bunte Schmetterlinge.
Als sie das Krankenzimmer betrat, blieb sie zunächst erschrocken stehen.
Kalle sah anders aus als sonst.
Er hatte keine Arbeitsjacke an, keinen schweren Gürtel und keine schmutzigen Schuhe.
Er lag in einem weißen Krankenhausbett.
Sein Gesicht war müde.
Aber seine Augen waren dieselben.
„Na, Prinzessin“, sagte er heiser.
Lena lief zu ihm.
Anna hielt sie sanft zurück, damit sie nicht gegen das Bett stieß.
Das Mädchen stellte sich dicht daneben.
„Kalle?“
„Ja?“
„Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“
Kalle schluckte.
„Tut mir leid.“
„Mama hat gesagt, du wärst sehr krank.“
„Ein bisschen angeschlagen.“
Anna schüttelte lächelnd den Kopf.
„Ein bisschen?“
Kalle antwortete nicht.
Lena nahm vorsichtig seine Hand.
„Du musst beim nächsten Mal besser aufpassen.“
Er nickte ernst.
„Da hast du recht.“
„Und nicht mehr vor große Autos laufen.“
Kalle sah Anna an.
Dann zurück zum Mädchen.
„Das ist ein guter Rat.“
Lena faltete ihr Bild auseinander.
„Das habe ich für dich gemalt.“
Kalle betrachtete es.
Sein Blick blieb an den beiden Mädchen hängen.
„Wer ist das?“
„Das bin ich.“
Sie zeigte auf die linke Figur.
„Und das ist deine Lena.“
Kalle bewegte sich nicht.
„Dieter hat mir von ihr erzählt“, sagte das Kind.
Anna hielt unwillkürlich den Atem an.
Sie hatte nicht gewusst, wie Kalle reagieren würde.
Lena erklärte weiter:
„Ich habe uns beide gemalt, damit du nicht immer so traurig sein musst.“
Kalles Augen füllten sich mit Tränen.
Er betrachtete das Blatt lange.
Dann hob er vorsichtig die Hand und berührte eine der kleinen roten Figuren.
„Meine Lena hatte auch so ein Kleid.“
Das Mädchen nickte begeistert.
„Ich weiß! Dieter hat gesagt, sie mochte Schmetterlinge.“
Kalle atmete tief ein.
„Ja. Das mochte sie.“
„Und Schokoladeneis?“
Er sah überrascht auf.
„Woher weißt du das denn?“
Lena grinste.
„Du hast es mir doch an der Brücke erzählt.“
Kalle schloss die Augen.
Dann lächelte er.
„Stimmt.“
Das Mädchen beugte sich näher.
„Kalle?“
„Ja, meine Kleine?“
„Vermisst du sie sehr?“
Er schwieg lange.
Dann nickte er.
„Jeden einzelnen Tag.“
Lena dachte nach.
Schließlich sagte sie:
„Meine Oma sagt, wenn man jemanden lieb hat, hört das nicht einfach auf. Auch wenn derjenige nicht mehr da ist.“
Kalle starrte sie an.
Anna strich ihrer Tochter über den Rücken.
„Das sagt Oma wirklich immer.“
Kalle schluckte.
„Deine Oma ist eine kluge Frau.“
Lena legte das Bild neben sein Kopfkissen.
„Dann kannst du beide Lenas lieb haben.“
Kalle sah das Kind an.
Er wollte etwas erwidern.
Aber seine Stimme versagte.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren weinte er vor anderen Menschen, ohne sein Gesicht wegzudrehen.
Nicht laut.
Nicht dramatisch.
Einfach still, während eine Fünfjährige seine Hand hielt.
Anna stand neben dem Bett und musste ebenfalls weinen.
Nach einigen Minuten fragte Lena:
„Kalle, darf ich dir noch etwas sagen?“
Er nickte.
Das Mädchen beugte sich dicht zu seinem Ohr.
Was sie sagte, hörte Anna nicht.
Aber Kalle schloss die Augen und begann erneut zu weinen.
Später, als Lena mit ihrer Mutter gegangen war, fragte Dieter bei einem Besuch:
„Na, Alter? Was hat die Kleine dir denn erzählt?“
Kalle schaute lange zum Fenster hinaus.
Schließlich sagte er:
„Sie hat gesagt, ich darf wieder lachen.“
Dieter nickte langsam.
„Das darfst du schon lange.“
Kalle wischte sich mit einer Hand über die Augen.
„Ich dachte immer, wenn ich wieder glücklich bin, vergesse ich meine Lena.“
Dieter setzte sich.
„Du vergisst sie doch nicht, bloß weil du mal einen guten Tag hast.“
Kalle schwieg.
„Weißt du noch, wie sie gelacht hat, wenn du schlechte Witze erzählt hast?“, fragte Dieter.
Ein kleines Lächeln erschien auf Kalles Gesicht.
„Die waren nicht schlecht.“
„Kalle, die waren furchtbar.“
Diesmal lachte er tatsächlich.
Kurz und rau.
Aber es war ein echtes Lachen.
Von diesem Tag an veränderte sich etwas.
Kalle hatte noch einen langen Weg vor sich.
Er musste wieder lernen, längere Strecken zu gehen. Sein Rücken machte Probleme, und ein Bein würde wahrscheinlich nie wieder so belastbar werden wie früher.
Die Ärzte erklärten ihm offen, dass er Geduld brauchen würde.
An manchen Tagen war er wütend.
An anderen wollte er niemanden sehen.
Er war es gewohnt gewesen, alles allein zu schaffen.
Jetzt musste er Hilfe annehmen.
Und das fiel ihm schwerer als jede körperliche Übung.
Einmal schimpfte er, als Anna ihm beim Anziehen der Jacke helfen wollte.
„Ich bin doch kein kleines Kind!“
Anna blieb ruhig.
„Nein. Aber ein ziemlich sturer alter Mann.“
Kalle sah sie finster an.
Sie verschränkte die Arme.
„Sie haben mir damals geholfen, als ich nichts mehr allein konnte. Jetzt bin ich eben dran.“
Er wollte widersprechen.
Doch Anna ließ ihn gar nicht erst anfangen.
„Und wenn Sie sich noch einmal dafür entschuldigen, dass Sie Hilfe brauchen, bringe ich morgen Dieter mit.“
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