Jana nickte.
„Blauer Kombi. Hinterer Parkplatz.“
Mehmet nahm Karl mit.
Zehn Minuten später kamen sie zurück.
Mehmet setzte sich nicht.
„Jana.“
An seinem Ton hörte ich sofort, dass er etwas gefunden hatte.
„Unter dem Wagen sitzt ein kleines Gerät mit Magnet.“
Sie starrte ihn an.
„Was für ein Gerät?“
„Sieht nach einem Ortungsgerät aus.“
„Nein.“
„Ich hab es nicht angefasst.“
Jana schüttelte den Kopf.
„Nein. Nein, nein.“
Finn rückte näher zu seiner Mutter.
Rolf nahm sein Handy.
„Jana, bevor wir irgendetwas tun: Möchten Sie jetzt an einen Ort, an dem Thomas Sie nicht einfach erreichen kann?“
„Es gibt keinen.“
„Doch“, sagte eine Stimme vom Ende des Tisches.
Es war Uwe.
Uwe war früher Berufsfeuerwehrmann gewesen. Nach seiner Pensionierung hatte er ehrenamtlich in einer Beratungsstelle bei Transporten und praktischen Dingen geholfen. Seine verstorbene Schwester hatte selbst jahrelang in einer gewalttätigen Ehe gelebt.
Darüber sprach er fast nie.
„Es gibt Möglichkeiten“, sagte er. „Aber nicht bei einem von uns zu Hause. Das wäre keine gute Idee. Wir machen das vernünftig.“
Jana sah die Männer am Tisch an.
„Warum?“
Niemand verstand zuerst.
„Warum helft ihr mir?“
Rolf lehnte sich zurück.
„Weil Ihr Sohn uns gefragt hat.“
„Sie kennen uns nicht.“
„Muss ich auch nicht.“
„Aber—“
„Jana.“
Rolf deutete auf Finn.
„Ein Achtjähriger sollte sein Taschengeld für Dinosaurier, Fußballkarten oder irgendeinen Unsinn ausgeben. Nicht dafür, jemanden zu finden, der seine Mutter beschützt.“
Finn schob die sieben Euro tiefer in seine Hosentasche.
Zum ersten Mal huschte etwas über Janas Gesicht, das fast wie ein Lächeln aussah.
Es verschwand sofort wieder.
Dieter telefonierte.
Nicht mit alten Kollegen aus Gefälligkeit.
Nicht mit irgendwelchen Freunden, die etwas „regeln“ sollten.
Er rief bei einer zuständigen Stelle an und erklärte nur so viel, wie Jana erlaubte.
Uwe organisierte Kontakt zu einer geschützten Unterkunft.
Rolf kümmerte sich darum, dass Jana und Finn etwas aßen.
„Ich kann nichts essen“, sagte Jana.
„Dann nehmen Sie es mit.“
„Ich hab kein Geld für—“
„Darüber reden wir nicht.“
„Ich will keine Schulden.“
Rolf sah sie ernst an.
„Ein belegtes Brot ist keine Hypothek.“
Finn kicherte.
Nur ganz kurz.
Aber wir hörten es alle.
Dann vibrierte Janas Handy.
Sie erstarrte.
Auf dem Display stand nur:
THOMAS.
Sie ließ das Telefon beinahe fallen.
„Nicht rangehen“, sagte Karl.
Dieter schüttelte den Kopf.
„Das entscheidet sie.“
Jana sah ihn an.
Dann nahm sie ab.
„Hallo?“
Wir konnten Thomas nicht hören.
Aber wir sahen, was seine Stimme mit ihr machte.
Ihr Rücken wurde gerade.
Die Schultern schoben sich nach innen.
Sie wurde innerhalb von Sekunden kleiner.
„Wir essen nur etwas.“
Pause.
„Nein.“
Pause.
„Finn musste zur Toilette.“
Längere Pause.
Dann wurde ihr Gesicht weiß.
„Woher weißt du das?“
Sie sah zum Fenster.
Zum Parkplatz.
Zu ihrem Auto.
„Thomas, ich—“
Sie legte auf.
Ihre Hand zitterte so stark, dass das Handy gegen die Tischkante schlug.
„Er weiß, wo wir sitzen.“
Finn begann zu weinen.
Leise.
„Er kommt.“
Rolf richtete sich auf.
„Gut.“
Jana starrte ihn entsetzt an.
„Was?“
„Nicht gut, weil er kommt.“
Rolf sah Dieter an.
„Gut, weil Sie diesmal nicht allein sind.“
Dieter nickte.
„Und weil wir nichts Dummes machen.“
Rolf verzog den Mund.
„Das war an mich gerichtet.“
„Vor allem.“
Ein paar Männer mussten trotz allem lächeln.
Die Spannung löste sich für zwei Sekunden.
Dann begann das Warten.
Vielleicht zwanzig Minuten.
Vielleicht dreißig.
Mir kamen sie länger vor.
Niemand stand am Eingang.
Niemand ballte die Fäuste.
Niemand plante irgendeine Rache.
Rolf sagte nur einen Satz.
„Wenn er auftaucht, bleibt jeder sitzen.“
Dann kam Thomas.
Ich erkannte ihn sofort.
Nicht weil er Uniform trug.
Tat er nicht.
Er trug Jeans, ein dunkles Hemd und eine leichte Jacke.
Ein ganz normaler Mann um die vierzig.
Ordentliche Haare.
Saubere Schuhe.
Das war vielleicht das Verstörendste.
Er sah nicht aus wie ein Monster.
Er sah aus wie jemand, den man bitten würde, kurz ein Paket für den Nachbarn anzunehmen.
Thomas blieb am Eingang stehen.
Sein Blick fand Jana sofort.
Dann Finn.
Dann uns.
Er lächelte.
„Da seid ihr ja.“
Jana griff nach Finns Hand.
Rolf bewegte sich nicht.
Thomas kam zum Tisch.
„Jana. Wir fahren.“
„Nein.“
Es war kaum hörbar.
Thomas neigte den Kopf.
„Wie bitte?“
Jana schluckte.
„Wir fahren nicht mit dir.“
Sein Lächeln blieb.
Nur die Augen veränderten sich.
„Wer sind die Herren?“
„Freunde“, sagte Finn.
Thomas sah auf ihn herab.
„Dich hab ich nicht gefragt.“
Finn wich zurück.
Rolf stand langsam auf.
Nicht drohend.
Einfach so, dass er zwischen Thomas und dem Kind stand.
„Reden Sie nicht so mit dem Jungen.“
Thomas musterte ihn.
„Und Sie sind?“
„Rolf.“
„Nachname?“
„Brauchen Sie nicht.“
Thomas lächelte wieder.
„Jana, hast du irgendwelchen Fremden wieder Geschichten erzählt?“
Da war es.
Nicht laut.
Nicht brutal.
Fast fürsorglich.
„Wir haben doch darüber gesprochen, was passiert, wenn du deine Medikamente nicht—“
„Sie nimmt keine Medikamente“, sagte Finn.
Thomas sah ihn an.
„Finn.“
Nur der Name.
Aber der Junge zuckte zusammen.
Dieter stand auf.
„Lassen Sie das.“
Thomas erkannte etwas an ihm.
Vielleicht Haltung.
Vielleicht Sprache.
„Kollege?“
„Früher.“
„Dann wissen Sie ja, wie solche privaten Streitigkeiten laufen.“
Dieter sah ihn lange an.
„Nein.“
Thomas‘ Lächeln verschwand.
„Ich weiß, wie gern Täter das Wort privat benutzen.“
Plötzlich war es still.
Thomas blickte zu Jana.
„Wir gehen jetzt nach Hause.“
Jana atmete ein.
„Nein.“
Diesmal lauter.
Thomas machte einen Schritt.
Rolf ebenfalls.
Nicht nach vorn.
Nur zur Seite.
Genau in den Weg.
„Fassen Sie sie nicht an.“
„Gehen Sie mir aus dem Weg.“
„Nein.“
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