Ein Junge fand im Schneesturm eine volle Geldbörse – dann entdeckte er darin das Foto seines Großvaters

Dann noch bis zur Tankstelle.

Dann noch bis zur großen Kastanie.

Er teilte den Weg in kleine Stücke, so wie er Mia früher durch ihre Angst vor Gewittern geredet hatte.

Nicht an die ganze Nacht denken.

Nur an die nächsten zehn Minuten.

Ein Räumfahrzeug kam ihm entgegen.

Jonas sprang erschrocken zur Seite und landete bis zu den Knien in einem Schneehaufen.

Er fluchte.

Stand wieder auf.

Lief weiter.

In seiner Tasche fühlte er den Messingchip.

Lindenhof.

Karl Keller.

Sein Großvater.

„Was hast du damals gemacht, Opa?“

Der Schnee gab keine Antwort.

Als die Häuser größer wurden, wusste Jonas, dass er das Villenviertel erreicht hatte.

Hohe Mauern.

Große Gärten.

Beleuchtete Einfahrten.

Häuser, in deren Garagen wahrscheinlich Autos standen, die mehr kosteten als der Wohnblock seiner Familie.

Jonas fühlte sich plötzlich sehr deutlich wie das, was er war.

Ein durchnässter Sechzehnjähriger mit kaputten Schuhen.

Vor einem großen Grundstück blieb er stehen.

Die Hausnummer stimmte.

Er drückte die Klingel.

Eine Kamera über dem Tor bewegte sich.

Nach einigen Sekunden summte der Türöffner.

Jonas schob das Tor auf und stapfte durch den Schnee.

Die Haustür öffnete sich, bevor er klingeln konnte.

Ein Mann um die fünfzig stand dort.

Teurer Pullover.

Gepflegte Hände.

Misstrauischer Blick.

„Ja?“

„Entschuldigung. Ich suche Frau Winter.“

Der Mann betrachtete Jonas von oben bis unten.

„Worum geht es?“

Jonas holte die Geldbörse hervor.

„Sie hat die verloren. Unten bei der alten Gaststube.“

Der Mann sah auf die Börse.

Dann auf Jonas.

„Woher haben Sie die?“

Sie.

Jonas bemerkte, dass der Mann ihn plötzlich siezte, aber nicht aus Respekt.

Eher aus Distanz.

„Sie ist ihr aus der Tasche gefallen.“

„Und Sie sind ihr hinterhergelaufen?“

„Nein. Also… ich bin hierhergelaufen.“

Der Mann sah Richtung Straße.

„In diesem Wetter?“

„Ja.“

„Mit einer Geldbörse voller Bargeld?“

Da war etwas in seinem Ton.

Jonas kannte diesen Ton.

Er hatte ihn schon erlebt, wenn er mit Arbeitskleidung in besseren Gegenden Pakete austrug.

Nicht offen beleidigend.

Nur dieses schnelle Urteil.

Der Mann streckte die Hand nicht nach der Geldbörse aus.

„Was wollen Sie dafür?“

Jonas blinzelte.

„Wie bitte?“

„Eine Belohnung.“

Jonas spürte, wie ihm trotz der Kälte das Gesicht heiß wurde.

„Nichts.“

„Natürlich.“

„Ich will wirklich nichts.“

„Dann geben Sie sie mir.“

Jonas tat es.

„Das Geld ist komplett drin.“

„Das werden wir prüfen.“

Jonas presste die Lippen zusammen.

Er hätte gerne etwas erwidert.

Stattdessen sagte er nur: „Gut.“

In diesem Moment erschien hinter dem Mann ein älterer Herr.

Der Fahrer.

Er blieb abrupt stehen.

Sein Gesicht veränderte sich.

Er starrte Jonas an.

„Karl?“

Jonas drehte sich um.

„Was?“

Der Fahrer kam einen Schritt näher.

„Nein… natürlich nicht.“

Seine Stimme zitterte.

„Wie heißt du?“

„Jonas.“

„Nachname?“

Jonas zögerte.

„Keller.“

Der Fahrer setzte sich beinahe auf die Kommode hinter ihm.

„Mein Gott.“

Der Mann an der Tür runzelte die Stirn.

„Ernst, was soll das?“

Doch der Fahrer sah nur Jonas an.

„Bist du… bist du mit Karl Keller verwandt?“

Jonas’ Herz schlug schneller.

„Er war mein Opa.“

Der alte Mann schloss die Augen.

Jonas wollte plötzlich nur noch weg.

„Ich muss nach Hause.“

„Warte“, sagte der Fahrer.

Jonas schüttelte den Kopf.

„Meine Schwester ist allein mit meiner Mutter.“

Er zog die Kapuze wieder hoch.

„Gute Nacht.“

„Junge!“

Jonas ging bereits die Einfahrt hinunter.

Keine Belohnung.

Kein Dankeschön.

Keine Erklärung.

Nur acht Kilometer zurück.

Und einen Namen im Kopf.

Karl.


Als Jonas nach eins zu Hause ankam, schlief Mia zusammengerollt auf dem Sofa.

Auf dem Tisch stand ein Teller mit zwei belegten Broten unter Frischhaltefolie.

Ein Zettel seiner Mutter lag daneben.

Für dich. Bitte essen. Mama.

Jonas lächelte müde.

Natürlich.

Selbst krank und erschöpft dachte sie noch daran, ob er gegessen hatte.

Er kontrollierte, ob bei ihr alles in Ordnung war.

Dann setzte er sich in die Küche.

Das Foto seines Großvaters stand über ihm.

Jonas nahm es herunter.

Karl hinter dem Tresen.

Die Schürze.

Das Lächeln.

Dasselbe Foto.

Nur fehlte auf ihrer Version das kleine Mädchen.

Offenbar war das Familienfoto irgendwann zugeschnitten worden.

Jonas hörte Schritte.

Seine Mutter kam herein.

„Um Himmels willen, wo warst du?“

„Lange Geschichte.“

Sie setzte sich erschöpft.

Jonas schob ihr das Bild hin.

„Mama. Dieser Satz von Opa.“

„Welcher?“

„Ob sie gut angekommen ist.“

Sabine sah ihn verwundert an.

„Ja?“

„Wer war sie?“

„Keine Ahnung.“

Jonas erzählte von der Frau.

Von der Geldbörse.

Von dem Foto.

Vom Lindenhof-Chip.

Sabine wurde still.

Sehr still.

„Du willst mir sagen, irgendeine fremde Frau trägt seit Jahrzehnten Papas Foto mit sich herum?“

Jonas nickte.

„Und der Fahrer kannte ihn.“

Sabine sah zum Fenster.

„Das hat Papa nie erzählt.“

„Vielleicht wollte er nicht.“

„Oder wir haben nie richtig gefragt.“

Diesen Satz sagte sie so leise, dass Jonas ihn fast nicht hörte.


Am nächsten Morgen wurde Jonas von Mia geweckt.

„Da ist ein komisches Auto.“

„Mia…“

„Nein, wirklich. Ein richtig komisches.“

Jonas schleppte sich zum Fenster.

Der dunkle Wagen stand vor dem Haus.

Mehrere Nachbarn schauten bereits aus ihren Fenstern.

Die hintere Tür öffnete sich.

Helene Winter stieg aus.

Diesmal wirkte sie nicht elegant.

Nur alt.

Müde.

Ihre Augen waren gerötet.

Der Fahrer Ernst half ihr durch den Schnee.

Auch der Mann von der Haustür war dabei.

Jonas öffnete unten die Haustür.

Der Mann trat zuerst vor.

„Jonas.“

Seine Stimme klang völlig anders.

„Ich heiße Martin Winter. Ich bin Helenes Neffe.“

Jonas schwieg.

„Ich möchte mich für gestern entschuldigen.“

Jonas hob leicht die Augenbrauen.

„Ich habe dich angesehen und sofort eine Geschichte über dich erfunden.“

Martin schluckte.

„Und diese Geschichte war falsch.“

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