Dann erfuhr er, dass Roswitha sich ausführlich nach möglichen finanziellen Unterstützungsleistungen erkundigt hatte.
Es ging um Pflegegeld und zusätzliche Hilfen für Kinder mit erhöhtem Betreuungsbedarf.
Natürlich war es grundsätzlich richtig, dass Familien Unterstützung bekommen konnten.
Aber Hartmut hatte den bedrückenden Eindruck, dass Roswitha sich mehr für die Zahlungen interessierte als für ihren Neffen.
Beweisen konnte er das nicht.
Und Roswitha war immerhin eine nahe Verwandte.
Deshalb wurde ihr Antrag sorgfältig geprüft.
Auch begleitete Kontakte wurden vereinbart.
Für Marc begann damit eine schwierige Zeit.
Vor jedem Treffen klammerte er sich an Bosco.
„Muss ich wirklich?“, fragte er.
Hartmut setzte sich zu ihm.
„Wir sagen den Leuten, wie du dich dabei fühlst. Versprochen.“
Anfangs schien alles ruhig zu verlaufen.
Roswitha brachte kleine Geschenke mit. Sie lächelte freundlich, solange andere Erwachsene im Raum waren.
Später durfte Marc sie für längere Zeit besuchen.
Und danach veränderte sich der Junge.
Er sprach wieder weniger.
Er wollte abends nicht allein schlafen.
Manchmal wachte er weinend auf und konnte nicht erklären, was passiert war.
Hartmut meldete seine Beobachtungen sofort der zuständigen Betreuerin.
Nach einem besonders schwierigen Besuch fand er Marc auf dem Badezimmerboden.
Der Junge hatte die Knie an die Brust gezogen und kratzte sich nervös am Kopf.
Bosco stand vor ihm und stupste vorsichtig seine Hände an.
„Marc?“
Der Junge hob den Kopf.
Sein Gesicht war voller Tränen.
„Sie will nicht, dass ihre Freunde mich sehen.“
Hartmut kniete sich neben ihn.
„Wer?“
„Tante Roswitha.“
Marc schluckte.
„Wenn Besuch kommt, muss ich in der Küche bleiben. Sie sagt, mein Gesicht erschreckt die Leute.“
Hartmut spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
„Hat sie das wirklich gesagt?“
Marc nickte.
„Sie sagt, ich soll nicht so komisch aussehen.“
Dann begann er wieder zu weinen.
Hartmut nahm ihn vorsichtig in die Arme.
„Du musst dich für dein Gesicht nicht schämen.“
Marc presste sein Gesicht gegen dessen Hemd.
„Aber ich bin hässlich.“
Hartmut schloss kurz die Augen.
Dann nahm er Boscos Kopf sanft zwischen seine Hände.
„Schau Bosco an. Findest du ihn hässlich?“
„Nein“, schluchzte Marc.
„Und mich?“
Marc schüttelte sofort den Kopf.
„Du bist doch mein Papa.“
Hartmut bekam kaum noch Luft.
Es war das erste Mal, dass Marc ihn so nannte.
Er hielt den Jungen fest.
„Dann hör mir gut zu. Du bist genauso wenig hässlich wie wir beide. Unsere Narben gehören zu uns. Aber sie bestimmen nicht, wer wir sind.“
Marc sah ihn an.
„Muss ich wieder zu ihr?“
„Ich werde alles dafür tun, dass du dort leben kannst, wo du dich sicher fühlst.“
Noch am selben Abend schrieb Hartmut die Worte des Jungen auf.
Er informierte die zuständigen Fachkräfte und bat darum, die Besuchsregelung erneut zu überprüfen.
Marc bekam Unterstützung durch eine Kinderpsychologin.
Seine Ängste wurden ernst genommen.
Und als deutlich wurde, wie unterschiedlich sich Marc in den beiden Haushalten fühlte, kam es schließlich zu einem Gerichtstermin.
Hartmut hatte sich auf diesen Tag vorbereitet.
Seine Anwältin hatte ihm erklärt, dass nicht sein Aussehen und auch nicht sein früherer Beruf entscheidend seien.
Es ging darum, welche Lebenssituation für Marc am besten war.
Trotzdem war Hartmut nervös.
Er saß vor dem Sitzungssaal auf einer Holzbank.
Neben ihm saß Marc.
Bosco lag zu ihren Füßen.
Der Hund begleitete Marc seit einiger Zeit auch zu bestimmten therapeutischen Terminen. Für die Anhörung war nach vorheriger Abstimmung gestattet worden, dass er sich in einem geeigneten Bereich aufhalten durfte.
Marc hatte darauf bestanden.
„Ohne Bosco kann ich nicht“, hatte er gesagt.
Hartmut strich ihm über den Rücken.
„Du musst heute nichts beweisen.“
„Auch nicht, dass ich mutig bin?“
„Nein. Du darfst einfach Marc sein.“
Als die Tür geöffnet wurde, stand Roswitha bereits mit ihrem Rechtsbeistand im Raum.
Sie trug ein sorgfältig ausgewähltes Kleid und lächelte Marc kurz zu.
Der Junge rückte sofort näher an Hartmut.
Während der Anhörung sprach Roswitha viel über Familienzusammenhalt.
Sie sagte, sie habe ihre Schwester sehr geliebt.
Jetzt wolle sie alles nachholen, was sie bei Marc versäumt habe.
„Er gehört zu unserer Familie“, erklärte sie mit tränenerstickter Stimme.
Hartmut hörte zu.
Er wusste, dass verwandtschaftliche Beziehungen wichtig waren.
Aber jedes Mal, wenn Roswitha von Familie sprach, spürte er, wie Marcs Hand fester nach seiner griff.
Dann kam Hartmut an die Reihe.
Er erzählte von Marcs Entwicklung.
Von den ersten gesprochenen Worten.
Von den Nächten, in denen der Junge wieder ruhig schlafen konnte.
Von den Besuchen bei Roswitha und den Ängsten, die danach zurückgekehrt waren.
Schließlich fragte Roswithas Rechtsbeistand nach Bosco.
„Halten Sie einen Hund dieser Größe wirklich für angemessen im Haushalt eines kleinen Kindes?“
Hartmut antwortete ruhig.
„Bosco wird verantwortungsvoll gehalten. Marc und er werden beaufsichtigt. Der Hund ist ein wichtiger Teil unseres Alltags.“
„Und Sie selbst? Glauben Sie, dass Ihre gesundheitlichen Einschränkungen eine dauerhafte Betreuung ermöglichen?“
Hartmut sah den Mann an.
„Meine Narben hindern mich nicht daran, für ein Kind zu sorgen.“
Der Rechtsbeistand deutete auf sein Gesicht.
„Ein Kind, das bereits wegen seines Aussehens belastet ist, braucht doch vor allem ein möglichst unbelastetes Umfeld.“
Hartmut schwieg einen Moment.
Dann sagte er:
„Marc braucht Menschen, die ihn lieben. Nicht Menschen ohne Narben.“
Im Raum wurde es still.
Auch die Richterin schaute von ihren Unterlagen auf.
Schließlich erklärte sie, dass Marcs eigene Wünsche berücksichtigt werden sollten.
Die Erwachsenen wurden gebeten, besonders behutsam mit ihm umzugehen.
Marc durfte auf einem kleinen Stuhl Platz nehmen.
Seine Füße erreichten kaum den Boden.
Die Richterin sprach langsam und freundlich.
„Marc, möchtest du mir erzählen, wo du dich zu Hause fühlst?“
Der Junge starrte auf seine Schuhe.
„Du musst keine Angst haben“, sagte sie.
Marc hob den Kopf.
Sein Blick wanderte zu Roswitha.
Die Tante sah ihn angespannt an.
Er senkte sofort wieder die Augen.
Seine Hände begannen zu zittern.
Hartmut bemerkte es zuerst.
„Marc?“
Der Junge antwortete nicht.
Er atmete immer schneller.
Seine Finger krallten sich in den Stoff seiner Hose.
„Ich kann nicht“, flüsterte er.
Die Richterin unterbrach die Befragung.
Doch Marc war bereits völlig überfordert.
Er weinte und rang nach Luft.
Hartmut wollte zu ihm gehen.
In diesem Moment erhob sich Bosco.
Sein Halsband klimperte leise.
Der große Hund ging zu Marc und blieb direkt neben seinem Stuhl stehen.
„Der Hund muss weg!“, rief Roswitha erschrocken.
Ein Mitarbeiter machte einen Schritt nach vorne.
Doch Hartmut hob beruhigend die Hand.
„Bitte. Er kennt Marc.“
Bosco stand ganz ruhig neben dem Kind.
Er bellte nicht.
Er knurrte nicht.
Stattdessen legte er seinen schweren Kopf auf Marcs Knie.
Genau wie damals auf der Parkbank.
Marc griff nach seinem Halsband.
Seine Finger vergruben sich im kurzen Fell.
Bosco blieb still.
Nach einer Weile wurde Marcs Atmung ruhiger.
Er lehnte sich zu dem Hund hinunter und drückte seine Stirn gegen dessen vernarbten Kopf.
Niemand sagte ein Wort.
Die Richterin gab ihm Zeit.
Schließlich richtete Marc sich wieder auf.
„Ich möchte etwas sagen“, flüsterte er.
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