Das Wort kam so laut, dass Daniel zusammenzuckte.
Miriams professionelle Maske zerbrach. Ihre Unterlippe bebte.
„Bitte kündigen Sie mir nicht. Lina war nur dieses eine Mal hier. Ich verspreche Ihnen, dass es nie wieder passiert.“
„Ich habe nichts von einer Kündigung gesagt.“
„Wenn Sie merken, dass der Laden einen Tag ohne mich auskommt, brauchen Sie mich vielleicht gar nicht mehr.“
Daniel starrte sie an.
„Sie bekommen einen bezahlten freien Tag.“
Miriam blinzelte.
„Bezahlt?“
„Ihr Gehalt läuft weiter.“
Sie sagte nichts.
„Gehen Sie nach Hause“, fuhr Daniel fort. „Schlafen Sie. Gehen Sie mit Ihrer Tochter spazieren. Tun Sie einen Tag lang etwas, das nichts mit diesem Geschäft zu tun hat.“
Miriam ließ die Tischkante los.
„Warum?“
Auf diese einfache Frage hatte Daniel keine Antwort.
Er blickte auf ihre verletzten Finger.
„Weil ich es entschieden habe.“
Miriam nickte langsam.
Dann ging sie.
Daniel blieb allein zurück.
Zum ersten Mal fragte er sich, welche Art von Arbeitsplatz ein Mensch geschaffen haben musste, damit eine Mutter vor einem bezahlten freien Tag mehr Angst hatte als vor einem Zusammenbruch.
Am folgenden Nachmittag fuhr Daniel auf dem Weg zu einem Termin am Stadtpark vorbei.
Eigentlich hätte er Quartalszahlen prüfen müssen. Stattdessen kreisten seine Gedanken immer wieder um Miriams verzweifeltes Gesicht.
An einer Bank entdeckte er sie.
Miriam schlief.
Nicht entspannt und nicht friedlich. Ihr linker Arm lag fest um Lina, als müsste sie ihre Tochter sogar im Schlaf vor dem ganzen Leben beschützen.
Lina saß still neben ihr und betrachtete ein Bilderbuch.
Miriams freie Hand ruhte auf ihrem Knie. Die Finger waren zu einer Faust geballt.
Daniel parkte.
Er blieb einige Minuten im Wagen sitzen.
Dann stieg er aus.
Als Lina ihn erkannte, öffnete sie den Mund. Daniel legte schnell einen Finger an die Lippen.
„Psst.“
Das Mädchen nickte.
Miriam fröstelte im Wind. Daniel zog seine dunkle Wollweste aus und legte sie vorsichtig über ihre Schultern.
Aus einer Bäckerei hatte er Kakao und zwei Franzbrötchen mitgebracht. Er stellte die Tüte neben Lina.
„Für euch.“
„Mama sagt, wir dürfen nichts von Fremden nehmen.“
„Ich bin kein Fremder.“
Lina überlegte.
„Sie sind der Mann, der Mama keinen freien Tag geben wollte.“
Daniel schluckte.
„Heute hat sie einen.“
„Aber nur, weil ich Sie bezahlt habe?“
Er sah das Mädchen an.
„Dein Geld liegt noch in meiner Schublade.“
„Dann gehört der Tag noch gar nicht uns.“
Daniel setzte sich an das andere Ende der Bank.
„Doch“, sagte er. „Der Tag gehört euch.“
Miriam bewegte sich, wachte aber nicht auf.
Daniel betrachtete ihr müdes Gesicht.
Plötzlich roch er nicht mehr das feuchte Herbstlaub. Er roch Maschinenöl, Stoffstaub und den abgestandenen Kaffee seiner Kindheit.
Seine Mutter hatte in den achtziger Jahren als Heimnäherin gearbeitet. Daniel erinnerte sich an Kisten voller zugeschnittener Stoffteile, die in ihrer Zweizimmerwohnung bis unter die Fenster gestapelt waren.
Bezahlt wurde pro Stück.
Fehler wurden abgezogen.
Krankheitstage gab es nicht.
Seine Mutter saß nachts an der Maschine, während Daniel am Küchentisch Hausaufgaben machte. Oft massierte sie ihre Handgelenke und sagte: „Nur noch diese Kiste.“
Aus einer Kiste wurden zwei.
Aus zwei wurden zwanzig Jahre.
Als Daniel neunzehn war, brach sie neben ihrer Maschine zusammen. Ihr Herz hatte zu lange zu viel getragen.
Daniel war an diesem Abend nicht da gewesen.
Er hatte sich für seine arme Mutter geschämt und war zu einer Feier gegangen.
Danach hatte er sich geschworen, nie wieder abhängig, hilflos oder arm zu sein.
Er hatte gearbeitet, gespart und ein Unternehmen aufgebaut, in dem alles glänzte.
Nun sah er Miriam an und begriff, was er getan hatte.
Er hatte nicht das Gegenteil von der Welt seiner Mutter geschaffen.
Er hatte dieselbe Welt mit schöneren Möbeln gebaut.
Daniel stand auf.
„Passen Sie auf Ihre Mama auf“, sagte er zu Lina.
„Das mache ich immer.“
Diese Antwort traf ihn härter als jeder Vorwurf.
Am nächsten Morgen hing seine frisch gereinigte Wollweste in Miriams Umkleideschrank.
Daneben lag ein kleiner Zettel.
Danke, stand darauf.
Mehr nicht.
Miriam nahm die Weste und klopfte an Daniels Bürotür.
Unter dem Arm trug sie eine alte, an den Ecken ausgefranste Mappe.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte er.
„Besser.“
„Haben Sie geschlafen?“
„Fast den ganzen Tag.“
Daniel nickte.
Miriam legte die Mappe auf seinen Tisch.
„Ich möchte Ihnen etwas zeigen.“
Sie öffnete sie.
Darin lagen Zeichnungen von Damenschuhen. Keine untragbaren Kunstwerke, sondern elegante Modelle mit breiteren Absätzen, weichen Innenflächen und einer besonderen Stütze unter dem Fußgewölbe.
Daniel nahm die erste Zeichnung in die Hand.
„Wann haben Sie das entworfen?“
„Nachts.“
„Während Sie diese Stoffbeutel nähen?“
Miriam hob überrascht den Kopf.
Daniel hatte geraten.
Ihr Schweigen bestätigte es.
„Ich habe früher Modedesign studiert“, erklärte sie. „Aber ich musste aufhören. Seitdem zeichne ich nur noch für mich.“
Daniel betrachtete einen dunkelroten Schuh.
Von vorn wirkte er fein und schmal. Von der Seite erkannte man, dass der Absatz das Gewicht anders verteilte.
„Setzen Sie sich.“
Miriam zögerte.
„Bitte.“
Zum ersten Mal hatte er dieses Wort zu ihr gesagt.
Sie setzte sich neben ihn.
Daniel nahm einen Bleistift.
„Hier stimmt der Winkel noch nicht. Wenn Sie ihn um wenige Millimeter verändern, wird der Druck von den Zehen weggeführt.“
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