Anna lächelte schwach.
„Als was denn?“
Martin blickte zu Sophie.
„Als Gegenleistung.“
„Wofür?“
„Ihre Tochter hat mir heute etwas beigebracht.“
Sophie schaute neugierig auf.
Anna ebenfalls.
Martin atmete tief ein.
Normalerweise sprach er nicht über sich.
Schon gar nicht mit Fremden.
Doch hier wirkte jede geschäftliche Fassade plötzlich lächerlich.
„Ich leite eine mittelgroße Immobilienfirma.“
Anna nickte langsam.
„Mein Vater hat sie gegründet.“
Martin schaute auf seine Hände.
„Er gehörte zu dieser Generation, die glaubte, Arbeit sei die Antwort auf fast alles.“
Anna lächelte müde.
„Davon kenne ich einige.“
„Ich auch.“
Martin schmunzelte.
„Als ich ein Kind war, dachte ich immer, irgendwann würde mein Vater weniger arbeiten.“
Er schüttelte den Kopf.
„Tat er nie.“
„Dann habe ich die Firma übernommen.“
„Und?“
„Und wurde genauso.“
Im Zimmer war es still.
„Ich habe mir immer gesagt, noch dieses Projekt. Noch dieses Jahr. Noch diese Expansion.“
Martin blickte aus dem Fenster.
Der Schnee klebte an der dunklen Scheibe.
„Plötzlich bin ich 47.“
Anna sagte nichts.
„Meine Mutter ist vor vier Jahren gestorben.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Kurz vorher hat sie mich gefragt, ob ich glücklich bin.“
„Was haben Sie gesagt?“
„Dass die Firma gut läuft.“
Anna verzog traurig den Mund.
„Das war nicht ihre Frage.“
„Nein.“
Martin nickte.
„Das habe ich damals auch gemerkt.“
Sophie hörte still zu.
„Heute stand Ihre Tochter draußen im Schnee.“
Martin sah sie an.
„Und auf einmal kam mir diese Frage wieder in den Kopf.“
Anna wischte sich eine Träne von der Wange.
„Sind Sie glücklich?“
Martin dachte einen Moment nach.
„Ich glaube, ich war sehr erfolgreich darin, beschäftigt zu sein.“
Anna lächelte.
„Das klingt nach etwas, was viele Menschen erst mit sechzig merken.“
„Dann habe ich ja noch Glück.“
„Vielleicht.“
Sophie zog an seinem Ärmel.
„Du bist doch ein guter Erwachsener.“
Martin sah sie an.
„Findest du?“
Sie nickte energisch.
„Ich hab’s doch gleich gesehen.“
„Was?“
„Deine Augen.“
Anna lachte zum ersten Mal.
Ein kleines, erschöpftes Lachen.
Aber es veränderte ihr ganzes Gesicht.
Martin blieb noch fast eine Stunde.
Als er gehen wollte, schlief Sophie bereits.
Zusammengerollt neben ihrer Mutter.
Den Kopf auf Annas Arm.
Ihr abgewetztes Stoffkaninchen zwischen ihnen.
Anna sah Martin an.
„Herr Keller?“
„Martin.“
„Martin.“
Sie zögerte.
„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das zurückgeben soll.“
„Gar nicht.“
„So funktioniert das Leben nicht.“
Martin musste lächeln.
„Vielleicht sollte es manchmal genau so funktionieren.“
Anna sah ihn fragend an.
„Meine Mutter hatte einen Spruch.“
„Noch einen?“
„Sehr viele.“
Anna schmunzelte.
„Sie sagte immer: Wenn dir jemand die Hand reicht, musst du ihm nicht dieselbe Hand zurückgeben. Reich irgendwann einem anderen deine.“
Anna schwieg.
Dann nickte sie langsam.
„Das gefällt mir.“
Martin ließ seine Visitenkarte auf dem kleinen Tisch liegen.
„Falls Sie etwas brauchen.“
Anna wollte protestieren.
„Nicht nur Geld.“
Er hob die Hand.
„Einen Einkauf. Jemanden, der Sophie irgendwohin fährt. Irgendetwas.“
„Sie kennen uns kaum.“
„Stimmt.“
Martin zog seinen Mantel an.
„Aber vielleicht müssen Menschen sich nicht jahrelang kennen, bevor sie anständig zueinander sein dürfen.“
Draußen fiel noch immer Schnee.
Martin ging zu Fuß.
Sein Fahrer hatte längst Feierabend.
Normalerweise hätte ihn das geärgert.
Jetzt war er froh darüber.
Er lief durch Straßen, die er seit Jahren täglich gesehen hatte und die ihm trotzdem plötzlich fremd vorkamen.
In den Fenstern standen Weihnachtssterne.
Hinter Gardinen saßen Familien an Küchentischen.
Ein älteres Paar schmückte gemeinsam einen kleinen Baum.
Vor einer Bäckerei kehrte ein Mann den Schnee vom Gehweg.
Martin dachte an seine Kindheit.
An Sonntage bei seiner Großmutter.
An Kartoffelsuppe.
An ein Radio auf der Fensterbank.
An Nachbarn, die einfach klingelten, wenn ihnen Zucker fehlte.
Damals hatte er diese Welt für eng gehalten.
Zu langsam.
Zu gewöhnlich.
Jetzt begriff er, dass sie etwas besessen hatte, das man in keinem Geschäftsbericht messen konnte.
Nähe.
Martin blieb stehen und rief seinen Assistenten an.
„Stefan?“
„Herr Keller?“
Der Mann klang überrascht.
„Es ist nach neun.“
„Ich weiß.“
„Ist etwas passiert?“
Martin sah hinauf zu den beleuchteten Fenstern.
„Ja.“
„Schlimm?“
„Eigentlich nicht.“
Er lächelte.
„Vielleicht sogar das Gegenteil.“
„Was brauchen Sie?“
„Streichen Sie morgen Vormittag meine Termine.“
Am anderen Ende entstand Stille.
„Alle?“
„Alle.“
„Auch die Sitzung mit den Investoren?“
„Verschieben.“
„Das haben Sie noch nie gemacht.“
„Dann wird es Zeit.“
Stefan lachte unsicher.
„Was planen Sie?“
„Ich möchte mit unserer Personalabteilung sprechen.“
„Worüber?“
Martin ging weiter.
„Über Eltern, die plötzlich krank werden. Über Alleinerziehende. Über Mitarbeiter, die niemanden haben, wenn ihr Kind aus der Schule abgeholt werden muss.“
„Okay…“
„Wir richten einen Notfallfonds ein.“
Stefan schwieg.
„Und eine Kinderbetreuung für Krisenfälle. Nicht irgendwann. Jetzt.“
„Das wird Geld kosten.“
Martin musste lachen.
Wie oft hatte er diesen Satz selbst gesagt?
„Ja.“
„Und der Vorstand?“
„Mit dem rede ich.“
„Was ist passiert?“
Martin blieb an einer Ampel stehen.
„Heute hat mich eine Sechsjährige gefragt, ob ich ein guter Erwachsener bin.“
Stefan sagte mehrere Sekunden nichts.
„Und?“
„Ich arbeite dran.“
Am nächsten Vormittag saß Martin nicht wie sonst um sieben Uhr vor Tabellen.
Er saß mit fünf Mitarbeitern aus Personal, Verwaltung und Sozialberatung in einem Konferenzraum.
Anfangs blickten sie ihn an, als hätte er über Nacht den Verstand verloren.
Martin erklärte, was er wollte.
Unkomplizierte Hilfe.
Keine zwanzigseitigen Anträge.
Keine Situation, in der ein Mitarbeiter erst seine ganze Not offenlegen musste, bevor jemand half.
Wenn ein alleinerziehender Vater plötzlich ins Krankenhaus musste, sollte sein Kind nicht irgendwo stranden.
Wenn eine Mutter wegen eines Notfalls nicht zur Kita kam, sollte es eine Lösung geben.
Wenn jemand nach einer Scheidung für zwei Monate finanziell ins Rutschen kam, sollte nicht gleich die ganze Familie zerbrechen.
Eine ältere Mitarbeiterin namens Brigitte, seit 28 Jahren im Unternehmen, sah Martin schließlich an.
„Darf ich etwas sagen?“
„Natürlich.“
„Ihr Vater hätte das nie genehmigt.“
Im Raum wurde es still.
Martin lächelte.
„Ich weiß.“
Brigitte hob eine Augenbraue.
„Und Sie hätten es vor einer Woche auch nicht genehmigt.“
Martin dachte an Sophie.
„Das weiß ich auch.“
Brigitte betrachtete ihn einen Moment.
Dann nickte sie.
„Gut.“
„Gut?“
„Dann hat sich offenbar etwas geändert.“
Anna blieb fünf Tage im Krankenhaus.
Martin besuchte sie zweimal.
Nicht mit Blumen im Wert eines halben Wocheneinkaufs.
Beim ersten Mal brachte er Mandarinen, ein Rätselheft für Sophie und ein Buch, das Anna erwähnt hatte.
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