Die Freundschaft der Mädchen entwickelte sich schneller als die der Erwachsenen.
Sophie lud Lina zum Spielen ein.
Lina half Sophie beim Basteln.
Sophie brachte ihr Klavierstücke bei, Lina zeigte Sophie, wie man aus alten Zeitschriften Papierblumen faltete.
Markus sah die beiden häufig zusammen.
Und er bemerkte etwas Unangenehmes.
Sophie war anders, wenn Lina da war.
Ruhiger.
Aufmerksamer.
Großzügiger.
Fast so, als habe ein fünfjähriges Mädchen seiner Tochter etwas beigebracht, das Markus trotz all seines Geldes nie hätte kaufen können.
Drei Monate nach dem ersten Treffen kam Markus durch die Eingangshalle seiner Firma.
Lina saß dort und malte.
Klara musste noch zehn Minuten arbeiten.
„Na, Künstlerin?“
Lina blickte auf.
„Hallo, Herr Hartmann.“
„Was wird es?“
Sie zeigte ihm ein Bild.
Wieder das gelbe Haus.
Diesmal standen drei Menschen davor.
Klara.
Lina.
Und ein großer Mann.
Daneben zwei kleinere Figuren.
Markus betrachtete die Zeichnung.
„Wer ist das?“
„Mama und ich.“
Lina zeigte auf Sophie.
„Das ist Sophie.“
Dann auf Markus.
„Das sind Sie.“
Er schluckte.
„Und die andere?“
„Meine alte Oma.“
„Deine Oma?“
„Die wohnt weit weg.“
Markus setzte sich.
Lina legte den Stift hin.
„Herr Hartmann?“
„Ja?“
„Darf ich was sagen?“
„Natürlich.“
Sie sah ihn ernst an.
„Als wir Sie beim Eis getroffen haben, hatte ich Angst.“
„Vor mir?“
„Nein.“
„Wovor dann?“
Sie überlegte lange.
„Dass Sie uns Geld geben.“
Markus runzelte die Stirn.
„Warum macht dir das Angst?“
„Manche Leute haben Mama Geld gegeben.“
Lina zeichnete mit dem Finger über den Tisch.
„Dann gucken sie so.“
„Wie?“
Sie zog ein trauriges Gesicht.
„Als wären wir kaputt.“
Markus wusste nicht, was er sagen sollte.
„Aber Sie haben nicht so geguckt.“
„Wie habe ich geguckt?“
„Normal.“
Dieses Wort wieder.
„Du bist doch normal.“
Lina nickte.
„Ich weiß.“
Dann sagte sie leise:
„Aber manche sehen das nicht.“
Markus spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog.
Mit 46 hatte er hunderte Seminare besucht.
Vorstände beraten.
Menschen eingestellt und entlassen.
Er hatte Bücher über Führung, Psychologie und Erfolg gelesen.
Und nun erklärte ihm ein fünfjähriges Mädchen in zwei Sätzen etwas über Würde, das ihm kein Managementbuch beigebracht hatte.
Klara kam aus dem Fahrstuhl.
Kurz darauf auch Sophie, die an diesem Nachmittag von Markus‘ Haushälterin gebracht worden war.
Die Mädchen fielen sich in die Arme.
Als Klara und Lina gehen wollten, umarmte Sophie ihren Vater.
„Bis morgen, Papa.“
Lina beobachtete sie.
Dann blieb sie stehen.
„Herr Hartmann?“
„Ja?“
Ihre Stimme wurde plötzlich kleiner.
„Darf ich Sie auch mal umarmen?“
Markus erstarrte.
Nicht weil er es nicht wollte.
Sondern weil etwas in ihrem Gesicht stand, das er nicht ignorieren konnte.
Er ging in die Hocke.
„Natürlich.“
Lina trat auf ihn zu.
Dann legte sie die Arme um seinen Hals.
Zuerst vorsichtig.
Dann immer fester.
Markus spürte ihre kleine Hand in seinem Nacken.
Sie ließ nicht los.
Eine Sekunde.
Zwei.
Fünf.
Schließlich hörte er sie flüstern:
„So hat Papa mich früher gehalten.“
Markus schloss die Augen.
„Ich weiß gar nicht mehr richtig, wie sich das angefühlt hat.“
Als Lina sich löste, waren ihre Augen feucht.
„Danke.“
„Für was?“
„Für die Umarmung.“
Sie wischte sich über die Nase.
„Nicht für die Wohnung. Nicht für Mamas Arbeit.“
Ihre Stimme zitterte.
„Ich wollte nur mal wieder eine Papa-Umarmung.“
Markus konnte nicht antworten.
Hinter Lina stand Klara.
Eine Hand vor dem Mund.
Tränen liefen ihr übers Gesicht.
Dann kam Sophie dazu.
Sie legte einen Arm um Lina.
Den anderen um Markus.
„Du kannst meinen Papa ein bisschen mitbenutzen“, erklärte sie.
Klara lachte trotz ihrer Tränen.
Markus ebenfalls.
„Aber nicht immer“, fügte Sophie hinzu.
„Manchmal brauche ich ihn selbst.“
In dieser Nacht saß Markus allein in seinem Arbeitszimmer.
Vor ihm lag ein Stapel Unterlagen.
Er öffnete keine einzige Mappe.
Stattdessen dachte er an seinen Vater.
Walter Hartmann war kein schlechter Mann gewesen.
Das musste Markus sich immer wieder sagen.
Sein Vater hatte gearbeitet.
Jahrzehntelang.
Früh raus, spät zurück.
Samstags noch Rechnungen sortiert.
Sonntags über die nächste Woche gesprochen.
Urlaub bedeutete, dass er ein Telefon mitnahm.
Als Markus 14 war, hatte sein Vater eine Schulaufführung verpasst.
Mit 17 die Abschlussfeier.
Mit 29 kam er zu Markus‘ Hochzeit eine Stunde zu spät.
Immer Arbeit.
Immer Verantwortung.
Immer der Satz:
„Ich tue das doch für euch.“
Walter starb, bevor Sophie geboren wurde.
Am Ende hinterließ er seinem Sohn Geld, einige alte Uhren und ein Haus voller Dinge.
Was Markus nicht von ihm bekommen hatte, konnte kein Testament nachreichen.
Zeit.
Aufmerksamkeit.
Das Gefühl, dass nichts anderes wichtiger war.
Markus war sein ganzes Erwachsenenleben überzeugt gewesen, anders zu sein.
Und nun erinnerte er sich an die vergangenen Donnerstage.
Sophie hatte geredet.
Er hatte aufs Handy gesehen.
Sophie hatte gelacht.
Er hatte über einen Vertrag nachgedacht.
Sophie hatte seine Hand gehalten.
Er war körperlich neben ihr gewesen.
Aber innerlich ganz woanders.
Genau wie sein Vater.
Am nächsten Morgen legte Markus sein Handy während des Frühstücks in eine Schublade.
Sophie starrte ihn an.
„Ist es kaputt?“
„Nein.“
„Warum ist es dann da drin?“
„Weil ich gerade mit dir frühstücke.“
Sie sah ihn misstrauisch an.
„Bist du krank?“
Markus lachte.
Dann wurde er ernst.
„Nein. Ich glaube, ich war nur ziemlich dumm.“
Von diesem Tag an veränderte sich nichts spektakulär.
Und gerade deshalb veränderte sich alles.
Markus arbeitete weiterhin viel.
Er leitete weiterhin seine Firma.
Es gab weiterhin Besprechungen, Probleme und Abende, an denen er müde nach Hause kam.
Aber Donnerstag blieb Donnerstag.
Ohne Handy.
Ohne Termine.
Ohne „nur kurz“.
Sophie bemerkte es.
Kinder merken mehr, als Erwachsene glauben.
Und Klara bemerkte es ebenfalls.
Mit der Zeit wurden aus gelegentlichen Gesprächen längere.
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