Mia deutete auf die Treppe.
„Oben ist das Bad.“
Martin holte frische Handtücher.
Dann stand er minutenlang vor dem Kleiderschrank in seinem Schlafzimmer.
Claudias Kleidung hing immer noch auf ihrer Seite.
Drei Jahre.
Er hatte es nie geschafft, sie wegzugeben.
Manchmal hatte er sich dafür geschämt.
Freunde hatten gesagt, irgendwann müsse man loslassen.
Sein Vater hatte es anders formuliert.
„Jeder räumt sein Herz in seinem eigenen Tempo auf.“
Martin nahm eine Jeans, einen Pullover und eine dicke Strickjacke heraus.
Für einen Moment hielt er den Pullover an sein Gesicht.
Dann legte er alles vor die Badezimmertür.
Unten machte er Kartoffelsuppe warm.
Mia schnitt Brot.
Oder versuchte es zumindest.
„Papa?“
„Hm?“
„Ist Kat obdachlos?“
Martin legte das Messer hin.
„Vielleicht im Moment.“
„Warum?“
„Das weiß ich noch nicht.“
„Hat sie was falsch gemacht?“
Er dachte kurz nach.
„Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“
Mia sah ihn erwartungsvoll an.
„Manchmal passiert im Leben etwas, das größer ist als man selbst“, sagte Martin. „Und wenn dann niemand da ist, kann man sehr schnell fallen.“
„So wie du nach Mama?“
Martin erstarrte.
Kinder hatten ein Talent dafür, Dinge auszusprechen, um die Erwachsene jahrelang herumliefen.
„Ja“, sagte er schließlich. „Vielleicht ein bisschen so.“
„Aber Opa war da.“
„Ja.“
„Und Frau Meier von nebenan.“
„Auch.“
„Und Oma Helga.“
Martin nickte.
„Siehst du.“
Mia nahm wieder das Brotmesser.
„Dann müssen wir jetzt Kats Leute sein.“
Martin musste sich wegdrehen.
Als Kat später die Küche betrat, trug sie Claudias alten grauen Pullover.
Martin hatte diesen Pullover seit Jahren nicht gesehen.
Plötzlich stand seine Frau für einen schmerzhaften Augenblick wieder in diesem Raum.
Nicht Kat.
Claudia.
Weihnachten.
Kaffee.
Ihr Lachen.
Dann war der Moment vorbei.
„Entschuldigung“, sagte Kat. „Ist das …“
„Der Pullover meiner Frau.“
Kat blieb stehen.
„Ich wusste nicht, dass …“
„Ist schon gut.“
„Ich kann etwas anderes anziehen.“
„Nein.“
Martin räusperte sich.
„Sie hätte gewollt, dass jemand nicht friert.“
Kat setzte sich.
Sie aß anfangs sehr langsam.
Zu langsam.
Als müsste sie beweisen, dass sie nicht hungrig war.
Nach fünf Minuten aß sie schneller.
Nach zehn nahm sie eine zweite Portion.
Mia sagte kein Wort dazu.
Sie schob nur unauffällig den Brotkorb näher.
Später brachte Martin Mia ins Bett.
„Bleiben die beiden morgen noch da?“
„Ich weiß es nicht.“
„Kannst du Kat nicht bei uns arbeiten lassen?“
„So einfach ist das nicht.“
Mia zog die Decke bis zum Kinn.
„Erwachsene machen immer alles kompliziert.“
Martin küsste sie auf die Stirn.
„Das stimmt leider.“
Unten saß Kat auf dem Sofa.
Emma schlief in ihren Armen.
Martin setzte sich in den Sessel gegenüber.
„Möchten Sie erzählen, was passiert ist?“
Kat blickte auf ihre Tochter.
„Muss ich?“
„Nein.“
Eine lange Stille folgte.
Dann begann sie trotzdem.
Ihr Freund Sven sei anfangs charmant gewesen.
Aufmerksam.
Hilfsbereit.
Einer von denen, die jedem Nachbarn die Getränkekiste hochtragen und beim Grillfest die besten Witze machen.
„Alle mochten ihn.“
Als Kat schwanger wurde, änderte sich etwas.
Er kontrollierte zuerst nur ihr Handy.
Dann das Geld.
Dann ihre Kontakte.
Er beschimpfte sie.
Dann schubste er sie.
Später wurde es schlimmer.
Kat erzählte nicht jedes Detail.
Martin fragte nicht.
„Warum sind Sie nicht früher gegangen?“, fragte er irgendwann vorsichtig.
Kat lachte bitter.
„Weil man jeden Tag denkt, morgen wird es besser.“
Martin schwieg.
„Und weil man irgendwann glaubt, man sei selbst schuld.“
Ihre Eltern waren verstorben.
Keine Geschwister.
Eine Cousine lebte mehrere Stunden entfernt.
Freunde hatten geholfen, so lange sie konnten.
Dann hatte Kat angefangen, sich zurückzuziehen.
Aus Scham.
Aus Angst.
Aus Stolz.
„Ich hatte früher zwei Jobs“, sagte sie plötzlich.
„Ich war nicht immer so.“
Martin hob den Blick.
„So wie?“
„So.“
Sie deutete auf den Pullover, die Decke, den Raum.
„Abhängig von fremden Leuten.“
„Abhängigkeit ist nicht dasselbe wie Hilfe.“
„Fühlt sich aber so an.“
Martin lehnte sich zurück.
„Als Claudia starb, konnte ich wochenlang kaum klar denken.“
Kat sah ihn an.
„Mia war drei.“
Er fuhr fort.
„Mein Vater kam jeden Morgen um sechs in die Firma, obwohl er längst in Rente war. Meine Nachbarin stellte Essen vor die Tür. Eine Erzieherin blieb nach Feierabend länger, weil ich im Stau stand.“
Martin lächelte schwach.
„Ich habe fast ein Jahr gebraucht, um zu verstehen, dass ich das nicht allein geschafft hätte.“
Kat schwieg.
„Sie müssen sich nicht schämen, weil jemand Ihnen eine Hand reicht.“
„Und was wollen Sie dafür?“
„Nichts.“
„Das gibt es nicht.“
„Doch.“
Martin sah sie direkt an.
„Mein Vater hat immer gesagt: Wenn du jemandem hilfst, damit er dir etwas schuldet, dann ist es kein Helfen. Dann ist es ein Geschäft.“
Kat blinzelte.
„Bleiben Sie ein paar Tage.“
„Martin …“
„Schlafen Sie. Essen Sie. Kümmern Sie sich um Emma. Ich kenne eine Beratungsstelle. Und einen Anwalt, der manchmal Fälle kostenlos übernimmt.“
„Ich will keine Almosen.“
„Dann nennen Sie es nicht so.“
„Wie denn?“
„Eine Pause.“
Kat schüttelte den Kopf.
„Eine Pause wovon?“
„Vom Fallen.“
Am nächsten Morgen wachte Martin vom Geruch nach Kaffee auf.
Als er in die Küche kam, saß Kat am Tisch.
Mia neben ihr.
Zwischen ihnen lagen drei völlig misslungene Haarzöpfe.
„Papa“, sagte Mia vorwurfsvoll. „So macht man das.“
Kat lachte.
„Wir üben noch.“
Aus einer Nacht wurden drei Tage.
Aus drei Tagen eine Woche.
Kat telefonierte mit einer Beratungsstelle.
Der Anwalt half ihr bei den notwendigen Schutzmaßnahmen und bei Fragen zum Sorgerecht.
Eine Sozialarbeiterin organisierte Termine.
Es gab Formulare.
Wartezeiten.
Telefonate.
Ablehnungen.
Neue Anträge.
Martin lernte schnell, dass Hilfe selten so einfach war wie in gut gemeinten Sonntagsreden.
Doch Kat gab nicht auf.
Sie rief selbst an.
Sie schrieb Bewerbungen.
Sie machte Termine.
Sie suchte eine Betreuung für Emma.
„Ich will arbeiten“, sagte sie.
Schließlich bekam sie eine Stelle am Empfang einer kleinen Gemeinschaftspraxis.
Kein Traumjob.
Aber geregelte Arbeitszeiten.
Ein Einkommen.
Ein Anfang.
Nach fünf Wochen zog Kat aus Martins Haus aus.
Martin besaß eine kleine Zweizimmerwohnung, die eigentlich renoviert werden sollte.
„Sie können dort vorerst wohnen.“
Kat verschränkte die Arme.
„Kostenlos?“
„Nein.“
„Gut.“
Martin musste grinsen.
„Ich wollte ohnehin Miete verlangen.“
„Wie viel?“
Er nannte eine niedrige Summe.
Kat verzog das Gesicht.
„Das ist viel zu wenig.“
„Die Küche ist alt.“
„Martin.“
„Das Bad auch.“
„Martin.“
„Und die Fenster …“
„Martin.“
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