Ein leises Wimmern im Kofferraum führte zu fünf Leben, die niemand mehr vergessen konnte

Ich hatte den Wagen nur angehalten, weil er zweimal über die Mittellinie geraten war. Dann kam dieses leise Kratzen aus dem Kofferraum und plötzlich war der betrunkene Fahrer mein kleinstes Problem.

Der graue Kombi stand schief am Rand einer Landstraße außerhalb von Kassel. Hinter dem Steuer saß ein Mann, vielleicht Ende vierzig, mit geröteten Augen und einem alten Kapuzenpullover.

Schon als er die Scheibe herunterließ, roch ich Alkohol.

„Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.“

Er suchte viel zu lange danach. Seine Hände waren langsam, seine Worte noch langsamer.

„Die Straße ist schlecht“, murmelte er.

„Die Straße ist gerade“, sagte ich.

Er grinste, als hätte ich einen Witz gemacht.

Ich heiße Matthias Berger. Damals war ich 42 und seit fast fünfzehn Jahren im Streifendienst. Solche Kontrollen kannte ich.

Man sieht die unsichere Fahrweise. Man riecht den Alkohol. Man hört die Ausreden.

Normalerweise weiß man ungefähr, was als Nächstes passiert.

Bei diesem Wagen wusste ich es nicht.

Mein Kollege Daniel war gerade eingetroffen, als ich das erste Geräusch hörte.

Ein Kratzen.

Ganz leise.

Ich drehte mich zum Heck des Autos.

„Hast du das gehört?“

Daniel nickte.

Der Fahrer wurde plötzlich still.

Dann kam es noch einmal.

Diesmal kein Kratzen.

Ein Wimmern.

So schwach, dass ich zuerst dachte, ich hätte mich verhört.

Ich sah den Mann an.

„Was ist im Kofferraum?“

„Nichts.“

Daniel und ich wechselten einen Blick.

Dann bewegte sich der Kofferraumdeckel ganz leicht von innen.

„Schlüssel.“

„Was?“

„Geben Sie mir den Schlüssel.“

Sein Gesicht veränderte sich.

Nur für eine Sekunde.

Aber diese Sekunde reichte.

Daniel stellte sich neben ihn, während ich zum Heck ging. Der Kofferraumdeckel war verbeult. Als ich den Schlüssel ins Schloss steckte, hörte ich wieder dieses Wimmern.

Diesmal direkt unter meiner Hand.

Ich öffnete.

Der Geruch kam zuerst.

Urin.

Feuchte Handtücher.

Warme, abgestandene Luft.

Und dann sah ich zwei Augen im Licht meiner Taschenlampe.

Eine braun-weiße Hündin lag ganz hinten im Kofferraum.

Sie war so dünn, dass jede Rippe zu sehen war.

Unter ihrem Körper bewegte sich etwas.

Vier Welpen.

Die Hündin hatte sich um sie gelegt, als wollte sie mit ihrem eigenen Körper eine Mauer bauen.

Sie bellte nicht.

Sie sprang nicht auf.

Dafür hatte sie keine Kraft mehr.

Sie hob nur den Kopf und sah mich an.

Ich werde diesen Blick nie vergessen.

Es war kein Vertrauen.

Es war auch noch keine Hoffnung.

Es war der Blick eines Lebewesens, das völlig erschöpft war und trotzdem noch versuchte, seine Jungen zu beschützen.

„Mein Gott“, sagte Daniel hinter mir.

Im Kofferraum stand kein Wasser.

Kein Futternapf.

Keine Transportbox.

Nur schmutzige Tücher und fünf Tiere, die dort offensichtlich schon viel zu lange gelegen hatten.

Der Fahrer zuckte mit den Schultern.

„Sind doch nur Hunde.“

In mir wurde es plötzlich sehr ruhig.

Ich kniete mich etwas tiefer, damit die Hündin mich besser sehen konnte.

„Nein“, sagte ich. „Nicht nur Hunde.“

Einer der Welpen gab einen winzigen Laut von sich.

Da wusste ich, dass diese Nacht längst keine gewöhnliche Verkehrskontrolle mehr war.

Daniel kümmerte sich um den Fahrer. Ich rief über die Leitstelle Hilfe für die Tiere.

Dann warteten wir.

Das war schwerer, als es klingt.

Alles in mir wollte diese Hunde sofort herausheben.

Aber die Hündin knurrte leise, sobald meine Hand näher kam.

Nicht aggressiv.

Eher verzweifelt.

Sie hatte offenbar gelernt, dass Menschen in ihrer Nähe nichts Gutes bedeuteten.

Also blieb ich auf Abstand.

„Ist gut“, sagte ich ruhig. „Keiner nimmt dir deine Kleinen weg.“

Ob sie meine Worte verstand, weiß ich nicht.

Aber irgendwann hörte sie auf zu knurren.

Eine Mitarbeiterin des örtlichen Tiernotdienstes kam mit Decken, Boxen und Wasser. Sie hieß Sabine, war Mitte fünfzig und hatte diese ruhige Art von Menschen, die nicht hektisch werden, wenn es ernst wird.

Sie sah einmal in den Kofferraum.

Dann sagte sie:

„Wir bringen alle fünf zusammen raus.“

Das war wichtig.

Die Welpen einfach zuerst herauszunehmen hätte die Mutter vermutlich in Panik versetzt.

Also schoben wir eine große Decke vorsichtig unter die ganze kleine Familie.

Die Hündin zitterte.

Ihre Augen folgten jeder Bewegung.

Als ich meine Jacke über die Welpen legte, hob sie kurz den Kopf.

Dann legte sie ihn wieder ab.

Wir trugen alle fünf gemeinsam zum Wagen des Tiernotdienstes.

Der kleinste Welpe bewegte sich kaum noch.

Ich legte zwei Finger vorsichtig an seinen Brustkorb.

Ein Herzschlag.

Schwach.

Aber da.

Im tierärztlichen Notdienst wurde die Mutter sofort untersucht.

Sie war stark untergewichtig, ausgetrocknet und völlig erschöpft. Zwei Welpen waren vergleichsweise stabil. Die anderen beiden machten den Tierärzten Sorgen.

Der kleinste besonders.

Meine Frau Anna kam später dazu.

Sie arbeitete damals als Pflegekraft und hatte gerade selbst einen langen Dienst hinter sich.

Ich hatte ihr nur geschrieben:

„Musste nach der Schicht noch zum Tierarzt. Lange Geschichte.“

Zehn Minuten später rief sie an.

„Was ist passiert?“

Ich erzählte ihr von den fünf Hunden.

„Wo bist du?“

„Beim Notdienst.“

„Ich komme.“

„Anna, du bist seit zwölf Stunden auf den Beinen.“

„Matthias.“

Mehr sagte sie nicht.

Eine halbe Stunde später stand sie neben mir vor der Box der Hündin.

Die Mutter hob müde den Kopf.

Anna legte ihre Hand an die Scheibe.

„Du hast ganz schön gekämpft, was?“

Für die Unterlagen brauchten die Tiere vorläufige Namen.

Anna sah die Hündin lange an.

„Martha“, sagte sie.

„Martha?“

„Ja. Sie sieht aus, als hätte sie schon viel zu lange für alle anderen stark sein müssen.“

Also wurde aus der namenlosen Hündin Martha.

Die Welpen nannten wir Bruno, Lotte, Emil und Fips.

Fips war der Kleine.

In dieser ersten Nacht wusste niemand, ob er es schaffen würde.

Anna und ich saßen bis weit nach Mitternacht dort.

Immer wenn einer der Welpen fiepte, versuchte Martha den Kopf zu heben.

Sie war fast zu schwach dafür.

Aber sie versuchte es jedes Mal.

Am nächsten Morgen kam die Nachricht.

Alle fünf lebten.

Ich las die Nachricht dreimal.

Dann zeigte ich sie Daniel.

Er sagte nur:

„Gut.“

Aber seine Augen sagten mehr.

In den nächsten Tagen wurde aus dieser einen Verkehrskontrolle plötzlich ein Thema für unsere ganze Wache.

Daniel fragte jeden Morgen nach Fips.

Unsere Dienstgruppenleiterin Claudia behauptete, sie müsse wegen der Dokumentation beim Tiernotdienst vorbeischauen.

Merkwürdigerweise blieb sie dort jedes Mal ziemlich lange.

Anna besuchte Martha nach ihren Schichten.

Ich vor meinen.

Martha nahm langsam zu.

Die Welpen wurden kräftiger.

Fips blieb kleiner als die anderen, aber er fraß.

Und er hatte eine erstaunliche Fähigkeit, sich immer genau dort hinzulegen, wo eine Hand gerade frei war.

Nach gut zwei Wochen stellte sich die nächste Frage.

Wohin mit Martha und den Welpen?

Sie waren noch nicht bereit für eine normale Vermittlung. Martha brauchte Ruhe. Die Kleinen brauchten regelmäßige Mahlzeiten und Kontrolle.

Pflegestellen waren knapp.

Anna saß eines Abends mit mir am Küchentisch.

„Wir haben doch das kleine Zimmer.“

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