Ein Mädchen in viel zu großer Schürze betrat sein Büro – was sie ihm reichte, veränderte alles

Mia erklärte es sehr genau.

Die Nachbarin hatte zunächst entschieden widersprochen. Doch Mia hatte darauf bestanden, wenigstens die Bewerbung abzugeben. Schließlich hatte Frau Nowak ihren erwachsenen Sohn angerufen, der in der Nähe arbeitete.

Er hatte Mia bis zum Empfang des Bürohauses begleitet und dort auf sie gewartet.

Friedrich war erleichtert.

„Er ist noch unten?“

„Ja. Herr Nowak trinkt Kaffee.“

„Dann müssen wir ihm nachher danken.“

Mia nickte.

Plötzlich sah sie wieder sehr klein aus.

Nicht wie eine Bewerberin.

Einfach wie ein Kind, das sich seit Stunden zusammengerissen hatte.

„Mia“, sagte Friedrich vorsichtig, „was genau wolltest du hier erreichen?“

Sie blinzelte.

„Dass meine Mama die Stelle bekommt.“

„Obwohl sie nicht zum Gespräch kommen konnte?“

„Ja.“

„Warum sollte ich sie einstellen, ohne sie kennenzulernen?“

Mia antwortete sofort.

„Weil sie gut ist.“

Friedrich sagte nichts.

„Sie wischt auch unter den Schränken“, erklärte Mia.

Frau Bergmann drehte sich diskret zur Seite.

Friedrich biss sich auf die Lippe.

„Das ist natürlich ein starkes Argument.“

„Und sie klaut nichts.“

Jetzt verschwand sein Lächeln.

„Hat jemand so etwas behauptet?“

Mia zögerte.

„Ein Mann früher.“

„Was war passiert?“

„Seine Frau hatte eine Kette verlegt.“

Friedrich spürte ein unangenehmes Ziehen im Magen.

„Und?“

„Sie lag später im Auto.“

Mia verschränkte die Hände.

„Aber da hatte er Mama schon gesagt, sie soll nicht wiederkommen.“

„Hat er sich entschuldigt?“

Das Mädchen sah ihn verständnislos an.

„Nein.“

Friedrich kannte genügend Menschen, die genau so handelten.

Ein Verdacht war schnell ausgesprochen.

Eine Entschuldigung dagegen schien manchen Leuten schwerer zu fallen als eine Hypothek.

„Meine Mama sagt, man darf nicht bitter werden“, sagte Mia. „Sonst macht man sich selbst kaputt.“

Wieder Helene.

Nicht ihre Worte.

Aber ihre Art zu denken.

Friedrich sah auf die Bewerbung.

Unten hatte Sabine Keller mit Kugelschreiber noch eine Zeile ergänzt:

Zuverlässig. Diskret. Belastbar. Ich möchte langfristig arbeiten.

Darunter stand ihre Telefonnummer.

Am oberen Rand befand sich etwas, das offensichtlich nicht zur Bewerbung gehörte.

In einer anderen Handschrift.

Mit lilafarbenem Filzstift.

Meine Mama kann alles schaffen.

Friedrich zeigte darauf.

„Hast du das geschrieben?“

Mia wurde rot.

„Das sollte Mama eigentlich wegmachen.“

„Hat sie aber nicht.“

„Sie hat gesagt, vielleicht bringt es Glück.“

Friedrich musste die Brille abnehmen.

Für einen Augenblick verschwammen die Buchstaben.

„Herr Adler?“

„Alles gut.“

Er räusperte sich.

„Mia, hast du manchmal das Gefühl, du musst deiner Mutter helfen, obwohl du eigentlich noch gar nicht helfen können solltest?“

Sie sah ihn lange an.

Dann nickte sie.

„Ja.“

„Das kenne ich.“

„Ihre Mama war auch allein?“

„Nein.“

Friedrich lehnte sich zurück.

„Aber meine Eltern hatten wenig Geld. Mein Vater war Maurer. Meine Mutter hat in einer Bäckerei gearbeitet und abends Treppenhäuser geputzt.“

Mias Augen wurden groß.

„Sie?“

Friedrich lachte leise.

„Warum überrascht dich das?“

Sie deutete auf das Büro.

„Weil Sie sehr reich aussehen.“

Frau Bergmann hustete.

Friedrich sah an sich hinunter.

„Das ist vermutlich nicht unbedingt ein Kompliment.“

„Ich meinte Ihren Schreibtisch.“

„Ah.“

„Der ist riesig.“

„Das stimmt.“

Mia rutschte endlich in den Besucherstuhl.

Ihre Beine baumelten über dem Boden.

„Hatten Sie als Kind Angst, dass Sie ausziehen müssen?“

Friedrich überlegte.

„Einmal.“

Er hatte seit vierzig Jahren nicht mehr daran gedacht.

Sein Vater war nach einem Arbeitsunfall drei Monate ausgefallen. Die Rechnungen stapelten sich in einer Schublade.

Friedrich war damals zwölf gewesen.

Er erinnerte sich noch daran, wie seine Mutter nachts am Küchentisch Münzen gezählt hatte.

Zehnpfennigstücke.

Markstücke.

Alles in kleinen Stapeln.

Er hatte im Türrahmen gestanden und so getan, als müsse er nur etwas trinken.

Am nächsten Morgen hatte niemand darüber gesprochen.

„Ja“, sagte Friedrich. „Einmal hatte ich große Angst.“

Mia betrachtete ihn jetzt anders.

Weniger wie einen Chef.

Mehr wie einen Menschen.

„Und was haben Sie gemacht?“

„Nichts.“

Er lächelte traurig.

„Ich war zwölf. Ich konnte nichts machen.“

Mia sah auf ihre Hände.

„Genau.“

Da verstand Friedrich plötzlich, was eigentlich vor ihm saß.

Keine mutige kleine Heldin aus einer hübschen Geschichte.

Kein Kind, das bewundert werden wollte.

Da saß ein Mädchen, das glaubte, für die Sorgen einer Erwachsenen verantwortlich zu sein.

Und das durfte nicht so bleiben.

Friedrich beugte sich vor.

„Mia, hör mir bitte gut zu.“

Sie sah auf.

„Es ist nicht deine Aufgabe, die Miete zu bezahlen.“

Mia öffnete den Mund.

„Aber—“

„Und es ist nicht deine Aufgabe, deiner Mutter Arbeit zu besorgen.“

„Aber ich kann doch helfen.“

„Natürlich kannst du helfen.“

Er zeigte auf die Bewerbung.

„Und heute hast du das getan.“

Dann wurde seine Stimme ruhiger.

„Aber Erwachsene müssen die Probleme der Erwachsenen lösen.“

Mia presste die Lippen zusammen.

„Und wenn sie es nicht schaffen?“

Friedrich dachte lange nach.

„Dann müssen andere Erwachsene hinschauen.“

Der Satz blieb im Raum.

Friedrich nahm sein Telefon.

„Frau Bergmann, könnten Sie Frau Keller anrufen?“

Mia sprang fast vom Stuhl.

„Jetzt?“

„Jetzt.“

„Heißt das, Mama bekommt die Stelle?“

Friedrich hob eine Hand.

„Langsam.“

Mias Gesicht fiel sofort zusammen.

Er musste lachen.

„Ich habe nicht Nein gesagt.“

„Aber auch nicht Ja.“

„Du wärst eine anstrengende Verhandlungspartnerin.“

„Was ist das?“

„Jemand, der nicht locker lässt.“

Mia dachte kurz nach.

„Dann bin ich das.“

Sabine Keller meldete sich nach dem dritten Klingeln.

Ihre Stimme klang heiser.

„Hallo?“

„Frau Keller? Mein Name ist Friedrich Adler.“

Am anderen Ende herrschte Stille.

Dann hörte er, wie die Frau scharf Luft holte.

„Herr Adler?“

„Ihre Tochter sitzt bei mir.“

„Oh Gott.“

Sofort begann Sabine zu sprechen.

Schnell. Panisch.

Sie habe erst später erfahren, wohin Mia gegangen sei. Frau Nowak habe sie beruhigt. Ihr Sohn sei mitgegangen. Es tue ihr unendlich leid. Das sei völlig unangebracht.

Friedrich ließ sie ausreden.

„Frau Keller.“

„Ja?“

„Ihre Tochter ist sicher.“

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