Ein Polizist riskierte wegen einer Glühbirne seine Karriere – doch dieser Arbeiter vergaß ihn nie

Nach 23 Jahren im Polizeidienst verlor ich beinahe alles, weil ich einem erschöpften Arbeiter an Heiligabend eine Rücklichtbirne schenkte. Was er später für mich tat, werde ich niemals vergessen.

„Machen Sie bitte den Motor aus und steigen Sie aus.“

Der Mann hinter dem Steuer sah mich an, als hätte ich gerade sein letztes bisschen Hoffnung zerstört.

Es war kurz nach 23 Uhr am Heiligabend. Ich stand an einer Ausfallstraße im Ruhrgebiet vor einem alten, dunkelgrauen Transporter, dessen rechtes Rücklicht nicht funktionierte.

Der Fahrer war ein breitschultriger Mann mit kurz geschorenen Haaren, einem ungepflegten Bart und einer auffälligen Narbe über der linken Augenbraue. Seine Arbeitsjacke war an den Ärmeln verschlissen. Die Hände, die er auf das Lenkrad gelegt hatte, waren voller kleiner Schnittwunden und tief sitzender Ölspuren.

Er sah aus wie jemand, mit dem man besser keinen Streit anfing.

„Herr Wachtmeister“, sagte er leise, „ich weiß, dass das Licht kaputt ist. Ich wollte es morgen reparieren. Aber ich muss heute noch nach Hause. Bitte.“

Ich hieß Matthias Kramer, war damals 52 Jahre alt und seit 23 Jahren bei der Polizei.

In dieser Zeit hatte ich gelernt, dass Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen nervös werden, wenn sie einen Streifenwagen sehen.

Manche haben etwas zu verbergen.

Andere haben einfach Angst, dass ein ohnehin schwieriger Tag noch schlimmer wird.

Dieser Mann gehörte zur zweiten Sorte.

„Führerschein und Fahrzeugschein, bitte.“

Er reichte mir die Papiere. Seine Finger zitterten leicht.

Sven Hartwig. 47 Jahre alt. Wohnhaft in einem älteren Reihenhaus am Stadtrand. Keine offenen Fahndungen, keine Hinweise auf eine Straftat.

Allerdings kannte ich seinen Namen.

Hartwig hatte früher zu einer Gruppe von Männern gehört, die regelmäßig wegen Streitigkeiten rund um eine alte Werkstatt aufgefallen waren. Einige waren ehemalige Fernfahrer, andere Schlosser, Schweißer oder Mechaniker.

Sie nannten sich einfach „die Schrauber“.

Vor Jahren hatte es Ärger mit Ruhestörungen, einer Schlägerei vor einer Kneipe und mehreren Anzeigen gegeben. Mein damaliger Dienststellenleiter Hartmut Voss betrachtete die gesamte Gruppe seitdem als Problem.

„Bei denen gibt es keine Ausnahmen“, hatte er uns wiederholt eingeschärft.

Sven bemerkte offenbar, dass ich seinen Namen erkannt hatte.

„Ich weiß, was über uns erzählt wird“, sagte er. „Aber ich komme von der Arbeit. Ich habe niemandem etwas getan.“

Ich leuchtete mit meiner Taschenlampe in den Innenraum.

Auf dem Beifahrersitz lag eine verbeulte Blechdose mit seinem Abendessen. Daneben eine Thermoskanne und ein zusammengefalteter, verschmutzter Arbeitsplan.

Am Armaturenbrett klebte eine Kinderzeichnung.

Ein Mann mit einem riesigen Bauch stand neben einem kleinen Mädchen. Beide hielten sich an den Händen. Darüber waren ein paar schiefe Sterne gemalt.

In krakeligen Buchstaben stand dort:

„Papa, du bist mein Beschützer.“

Ich musste unwillkürlich an meine eigene Tochter denken.

Als sie klein gewesen war, hatte sie mir ähnliche Bilder gemalt. Auf einem davon trug ich eine Polizeimütze, die größer war als mein Kopf.

Ich hatte das Bild jahrelang in meinem Spind aufbewahrt.

„Lange Schicht gehabt?“, fragte ich.

Sven nickte.

„Vierzehn Stunden. In der Anlage ist kurz vor Feierabend eine Leitung geplatzt. Wenn wir das nicht repariert hätten, wäre nach Weihnachten die halbe Produktion ausgefallen.“

„Und jetzt wollen Sie nach Hause?“

Er schluckte.

„Meine Frau wartet. Mein Sohn auch.“

Dann schaute er auf die Uhr.

„Ich habe die Kinder seit drei Tagen kaum gesehen. Immer nur, wenn sie schon geschlafen haben.“

Ich betrachtete das kaputte Rücklicht.

Die Sache war eigentlich einfach. Bei Dunkelheit durfte ich ihn mit dieser Beleuchtung nicht einfach weiterfahren lassen. Ich hätte ihm die Weiterfahrt untersagen müssen, bis der Mangel behoben war.

Normalerweise hätte ich ihm erklärt, dass er jemanden mit einem Ersatzleuchtmittel holen oder den Wagen stehen lassen musste.

Aber es war Heiligabend.

Und dieser Mann sah so aus, als hätte er die letzten vierzehn Stunden nur mit dem Gedanken durchgehalten, rechtzeitig nach Hause zu kommen.

„Warten Sie einen Augenblick“, sagte ich.

Ich ging zu meinem Streifenwagen.

Im Kofferraum lag eine kleine Werkzeugtasche, die ich mir über die Jahre zusammengestellt hatte. Darin befand sich auch ein Satz Ersatzlampen für unseren Dienstwagen.

Ich suchte nach der passenden Birne.

Tatsächlich hatte ich Glück.

Als ich zurückkam, stand Sven neben seinem Transporter und hielt bereits sein Handy in der Hand.

„Ich kann meine Frau anrufen“, sagte er. „Vielleicht kann sie mich abholen.“

„Müssen Sie nicht.“

Er schaute verwirrt auf die kleine Schachtel in meiner Hand.

„Öffnen Sie mal die Heckklappe.“

„Was?“

„Die Heckklappe. Wir sehen uns das Licht an.“

Fünf Minuten später funktionierte das Rücklicht wieder.

Ich ließ Sven den Blinker und das Bremslicht überprüfen. Dann klopfte ich mir den Staub von den Händen.

„So. Jetzt können Sie weiterfahren.“

Er starrte mich an.

„Was bekomme ich dafür?“

„Wofür?“

„Für die Birne. Und Ihre Zeit.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Fahren Sie vorsichtig. Und frohe Weihnachten.“

Der Mann sagte zunächst nichts.

Dann rieb er sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Sie wissen gar nicht, was das für mich bedeutet.“

„Dann erzählen Sie es Ihrer Familie.“

Er streckte mir seine raue Hand entgegen.

Ich schlug ein.

Es war ein kräftiger Händedruck, wie ihn mein Vater früher gegeben hatte, wenn ein Mann sein Wort hielt.

Dann stieg Sven ein und fuhr davon.

Ich dachte, damit sei die Sache erledigt.

Ich hätte mich kaum mehr irren können.

Drei Tage später wurde ich ins Büro meines Vorgesetzten bestellt.

Polizeidirektor Hartmut Voss saß hinter seinem Schreibtisch. Er war ein Mann Anfang sechzig, immer ordentlich gekleidet, mit sorgfältig gekämmten grauen Haaren und einer Stimme, die selten lauter wurde.

Er musste nicht schreien, um andere Menschen kleinzumachen.

„Kramer, setzen Sie sich.“

Ich nahm Platz.

Er legte ein ausgedrucktes Foto vor mich.

Darauf war ich zu sehen, wie ich an Svens Transporter stand und das Rücklicht austauschte.

Die Aufnahme stammte offensichtlich von einer Überwachungskamera an einem Gewerbegebäude.

„Erklären Sie mir das.“

„Eine Verkehrskontrolle. Das Rücklicht war defekt. Ich habe es repariert.“

„Mit welchem Material?“

„Mit einem Ersatzleuchtmittel aus dem Streifenwagen.“

„Also mit Landeseigentum.“

„Ja.“

Voss faltete die Hände.

„Wissen Sie, wer dieser Mann ist?“

„Sven Hartwig. Betriebsschlosser.“

„Und weiter?“

„Er gehört zu einer Gruppe ehemaliger Werksarbeiter, mit der es früher Ärger gegeben hat.“

Voss beugte sich vor.

„Eine Gruppe, die wir seit Jahren im Auge behalten. Und Sie versorgen eines ihrer Mitglieder auf offener Straße mit Dienstmaterial.“

Ich musste erst einmal verstehen, worauf er hinauswollte.

„Herr Direktor, es ging um eine Glühbirne für knapp drei Euro.“

„Es geht ums Prinzip.“

„Der Mann hatte nichts verbrochen. Er kam von der Arbeit und wollte zu seiner Familie.“

„Das interessiert mich nicht.“

Dieser Satz blieb mir im Gedächtnis.

Nicht, weil er besonders laut ausgesprochen wurde.

Sondern weil ich zum ersten Mal wirklich verstand, wie wenig meinen Vorgesetzten das Schicksal eines einzelnen Menschen interessierte.

„Sie hätten die Weiterfahrt untersagen können“, sagte Voss.

„Der Mangel war behoben. Das Fahrzeug war anschließend wieder verkehrssicher.“

„Sie haben gegen dienstliche Vorgaben verstoßen.“

„Dann nehme ich die Ermahnung entgegen und ersetze die Birne.“

Voss schob das Foto noch näher zu mir.

„Ich habe bereits eine dienstliche Untersuchung veranlasst. Es besteht außerdem der Verdacht, dass Sie dieser Gruppe wiederholt Sonderbehandlungen gewährt haben.“

Mir wurde heiß.

„Wie bitte?“

„Sie haben mich verstanden.“

„Das ist eine Unterstellung.“

„Das wird die Untersuchung zeigen.“

Zwei Wochen später, am 15. Januar, erhielt ich ein Schreiben, das ich bis heute nicht vergessen habe.

Aufgrund der gegen mich erhobenen Vorwürfe sollte ich vorläufig keinen Dienst mehr verrichten. Mein Dienstausweis und meine Ausrüstung waren abzugeben. Gleichzeitig wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet.

Auf einer der Seiten stand, dass sogar meine Entfernung aus dem Beamtenverhältnis geprüft werden sollte.

Dreiundzwanzig Jahre.

Dreiundzwanzig Jahre Nachtschichten, Wochenenddienste, Weihnachten auf der Wache und verpasste Geburtstage.

Ich hatte Menschen aus brennenden Wohnungen begleitet, verzweifelte Angehörige nach schweren Unfällen informiert und einmal fast zwei Stunden auf einer Brücke mit einem jungen Mann gesprochen, bis er bereit gewesen war, wieder herunterzukommen.

Ich war kein perfekter Polizist.

Aber ich hatte niemals Geld angenommen, niemals Beweise verschwinden lassen und niemals jemanden absichtlich schlechter behandelt, weil mir seine Kleidung oder sein Gesicht nicht gefielen.

Und jetzt stand mein gesamtes Berufsleben infrage.

Wegen einer Glühbirne.

Meine Frau Elke merkte sofort, dass etwas nicht stimmte.

Sie saß am Küchentisch und sortierte Rechnungen, als ich nach Hause kam.

„Du bist früh dran.“

Ich zog meine Jacke aus.

„Ich bin vorläufig vom Dienst freigestellt.“

Sie schaute auf.

„Was?“

Ich legte das Schreiben vor sie.

Elke las langsam. An einer Stelle begann sie noch einmal von vorn.

„Das können die doch nicht ernst meinen.“

„Tun sie aber.“

„Wegen des Rücklichts?“

„Angeblich steckt mehr dahinter.“

Sie sah mich lange an.

Wir waren seit 27 Jahren verheiratet. Sie kannte mich besser als jeder Kollege auf der Dienststelle.

„Matthias, was hast du gemacht?“

Diese Frage tat mehr weh als alles, was Voss gesagt hatte.

Nicht, weil sie mir misstraute.

Sondern weil selbst meine Frau wissen musste, ob es noch etwas gab, das ich ihr verschwiegen hatte.

„Ich habe einem Mann geholfen, nach Hause zu kommen.“

Mehr konnte ich dazu nicht sagen.

Elke stand auf und nahm mich in den Arm.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren wusste ich nicht, was ich als Nächstes tun sollte.

Unsere Tochter studierte noch. Unser Sohn machte gerade seine Ausbildung. Das Haus war längst nicht abbezahlt, und mit 52 Jahren konnte ich nicht einfach ein neues Berufsleben beginnen.

Natürlich war ich zunächst nicht ohne Einkommen. Aber die Vorstellung, meine Stelle und später womöglich einen Teil meiner Versorgung zu verlieren, nahm mir nachts den Schlaf.

Ein Rechtsanwalt erklärte mir, dass die Vorwürfe in ihrer bisherigen Form kaum ausreichen würden, um mich dauerhaft aus dem Dienst zu entfernen.

Doch er warnte mich auch.

„Wenn jemand behauptet, Sie hätten über Jahre hinweg bestimmte Personen begünstigt, wird man Ihre alten Vorgänge prüfen. Das kann lange dauern.“

„Und bis dahin?“

Er legte den Kugelschreiber ab.

„Bis dahin müssen wir dafür sorgen, dass aus Gerüchten keine scheinbaren Tatsachen werden.“

In den folgenden Wochen telefonierte ich mit ehemaligen Kollegen.

Manche versprachen mir Unterstützung.

Andere drucksten herum.

Einige gingen überhaupt nicht ans Telefon.

Einer, mit dem ich fünfzehn Jahre zusammen Streife gefahren war, sagte schließlich:

„Matthias, du weißt doch, wie das läuft. Ich habe noch acht Jahre bis zur Pension. Ich kann mich nicht mit Voss anlegen.“

Ich machte ihm keinen Vorwurf.

Trotzdem traf mich seine Antwort.

Denn plötzlich begriff ich, wie einsam ein Mensch werden kann, wenn sein guter Ruf infrage steht.

An einem Donnerstagabend saß ich in einer kleinen Gaststätte am Rand der Innenstadt.

Früher hatten wir dort nach langen Schichten manchmal zusammen gegessen. Die Bedienung kannte mich noch, aber an diesem Abend hatte ich nur ein Glas vor mir stehen und starrte auf mein Handy.

Ich hatte gerade gelesen, dass die örtliche Zeitung über meine Suspendierung berichtete.

„Polizist wegen möglicher Begünstigung auffälliger Personengruppe suspendiert“, stand in der Überschrift.

Mein Name war nicht genannt.

Aber in einer Stadt, in der viele Leute einander kennen, brauchte es keinen Namen.

Ich überlegte gerade, wie ich Elke erklären sollte, dass sich die Sache nun auch öffentlich herumsprach, als die Tür aufging.

Zuerst kam ein kräftiger Mann mit grauem Vollbart herein.

Dann ein älterer Mann mit einer abgetragenen Schirmmütze.

Danach zwei weitere Männer in Arbeitsjacken.

Und schließlich Sven Hartwig.

Ich erkannte ihn sofort.

Er trug dieselbe dunkelblaue Jacke wie an Heiligabend. An seinem Kragen klebte noch ein heller Fleck von irgendeinem Werkstattstaub.

Hinter ihm drängten weitere Männer in den Gastraum.

Einige wirkten, als seien sie direkt von der Schicht gekommen. Andere waren bereits im Rentenalter. Einer ging mit einem Stock. Ein anderer hatte nur noch drei Finger an der rechten Hand.

Es waren bestimmt fünfzehn Leute.

Ein paar Gäste wurden still.

Auch ich richtete mich automatisch auf.

Sven entdeckte mich in der Ecke und kam direkt auf meinen Tisch zu.

„Herr Kramer.“

„Herr Hartwig.“

Er zog einen Stuhl heran.

„Dürfen wir?“

Ich schaute zu den anderen Männern.

„Wenn Sie mir sagen, was das werden soll.“

„Wir haben gehört, was passiert ist.“

Ich antwortete nicht.

Sven setzte sich.

„Wegen mir haben Sie Ärger bekommen.“

„Ich habe meine Entscheidung selbst getroffen.“

„Trotzdem.“

Er legte eine zerknitterte Zeitung auf den Tisch.

Dann holte er einen dicken Schnellhefter aus seiner Tasche.

„Wir möchten Ihnen helfen.“

Ich musste bitter lachen.

„Sie müssen schon entschuldigen. Aber der letzte Mensch, von dem ich im Moment Hilfe erwarte, ist jemand, der bei uns schon mehrfach in den Akten aufgetaucht ist.“

Sven nickte.

„Verstehe ich.“

Er schob mir den Hefter zu.

„Dann schauen Sie erst einmal rein.“

Ich öffnete ihn.

Auf der ersten Seite lag ein Foto von einem kleinen Jungen mit Schulranzen.

Daneben ein handgeschriebener Brief.

Ich erkannte den Namen sofort.

Ralf Bender.

Vor dreizehn Jahren hatte ich ihn nach einer schweren Auseinandersetzung vor einer Kneipe festgenommen.

Er war damals 34 gewesen, arbeitslos, verzweifelt und nach dem Tod seiner Frau allein mit einem achtjährigen Sohn.

Die Festnahme war notwendig gewesen.

Aber ich erinnerte mich auch daran, dass sein Sohn am nächsten Morgen allein vor der Wohnung gestanden hatte.

Damals hatte ich mit einer Nachbarin telefoniert, das Jugendamt eingeschaltet und dafür gesorgt, dass sich jemand um den Jungen kümmerte.

Später hatte ich auf meinem dienstfreien Weg zweimal nach ihm gesehen.

Ich hatte diese Sache längst vergessen.

Ralf offenbar nicht.

In dem Brief stand:

„Herr Kramer hat meinen Vater festgenommen, als es richtig war. Aber er hat mich behandelt, als wäre ich trotzdem etwas wert.“

Ich las den Satz noch einmal.

„Wo haben Sie das her?“

Sven deutete zur Tür.

Dort stand ein älterer Mann mit schmalem Gesicht und grauem Haaransatz.

Ralf Bender.

Er hob kurz die Hand.

„Hat lange gedauert, bis ich mich bei Ihnen bedankt habe“, sagte er.

Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte.

Sven blätterte weiter.

Auf den nächsten Seiten standen Namen, Telefonnummern und kurze Erinnerungen.

Ein Mann schrieb, ich hätte ihn nach einer Schlägerei angezeigt, aber dafür gesorgt, dass seine Frau ihn im Krankenhaus besuchen konnte.

Ein anderer erinnerte sich daran, dass ich seinen schwerhörigen Vater nach einem Verkehrsunfall persönlich nach Hause begleitet hatte.

Ein ehemaliger Fernfahrer berichtete, ich hätte ihm einmal die Weiterfahrt untersagt, weil er völlig übermüdet gewesen war. Damals hatte er mich dafür beschimpft.

Heute schrieb er, ich hätte ihm möglicherweise das Leben gerettet.

„Warum machen Sie das?“, fragte ich.

Sven lehnte sich zurück.

„Weil wir uns erinnern.“

„Woran?“

„Daran, wie man uns behandelt hat.“

Er zeigte auf den Hefter.

„Sie haben Leute von uns angezeigt. Manche mussten Strafen zahlen. Zwei haben sogar gesessen. Aber keiner von ihnen behauptet, Sie hätten ihn unfair behandelt.“

Er schaute mir direkt in die Augen.

„Sie haben immer erst gefragt, was passiert ist. Andere haben oft nur unsere Arbeitsklamotten gesehen.“

Ich spürte, wie mir die Kehle eng wurde.

Sven schob mir ein zweites Blatt hin.

Darauf standen 47 Unterschriften.

Nicht alle gehörten zu seinen Freunden. Einige stammten von Angehörigen, Nachbarn oder ehemaligen Arbeitskollegen.

„Das ist eine Erklärung über Ihren Umgang mit uns“, sagte er. „Alle haben mit ihrem richtigen Namen unterschrieben.“

Ich nahm das Blatt in die Hand.

Siebenundvierzig Menschen.

Menschen, von denen ich teilweise nur die schlechtesten Tage ihres Lebens kannte.

Sie waren gekommen, um für mich einzustehen.

Als Sven meinen Gesichtsausdruck sah, wurde seine Stimme etwas leiser.

„Herr Kramer, die Glühbirne ist nicht der einzige Grund, weshalb Sie Ärger bekommen haben.“

Ich blickte auf.

„Was meinen Sie?“

Er sah kurz zu den Männern an der Tür.

Dann nahm er einen zweiten Hefter aus seiner Tasche.

Dieser war deutlich älter. Die Ecken waren abgestoßen, und auf dem Deckel stand ein Datum von vor fast zehn Jahren.

„Es gibt etwas über Ihren Chef, das Sie wissen sollten.“

Ich schob meinen Stuhl ein Stück zurück.

„Wenn das irgendwelche Geschichten über Voss sind, will ich sie nicht hören.“

„Es sind keine Geschichten.“

Sven öffnete den Hefter.

Ganz oben lag ein Foto.

Darauf war Hartmut Voss zu sehen, damals noch in einer niedrigeren Dienststellung.

Neben ihm standen zwei Männer vor einem großen Lagergebäude.

Einen davon kannte ich.

Er betrieb eine Abschleppfirma, die seit Jahren ungewöhnlich häufig bei bestimmten Verkehrskontrollen zum Einsatz kam.

„Woher stammt das?“, fragte ich.

Sven antwortete nicht sofort.

Stattdessen legte er ein zweites Foto daneben.

Darauf war ein junger Mann zu sehen, vielleicht Mitte zwanzig. Er hatte dunkle Haare, ein schmales Gesicht und dieselbe auffällige Augenbrauenform wie Sven.

„Das ist mein kleiner Bruder Daniel“, sagte er.

Seine Stimme veränderte sich.

„Er ist vor zehn Jahren gestorben.“

Ich sah wieder auf das Bild.

Und plötzlich erinnerte ich mich an einen alten Vorgang.

Ein junger Mann, der bei einer Polizeimaßnahme schwer verletzt worden war.

In der damaligen Akte stand, er sei bei einem Fluchtversuch gestürzt.

Zwei Tage später war er im Krankenhaus gestorben.

Der Fall war untersucht und schließlich abgeschlossen worden.

„Ich erinnere mich“, sagte ich langsam.

Sven nickte.

„Dann wissen Sie auch, wer damals die Maßnahme geleitet hat.“

Ich blickte wieder auf Voss‘ Foto.

„Ihr Chef“, sagte Sven. „Und ich kann Ihnen zeigen, was an jenem Abend wirklich passiert ist.“

Ich starrte Sven an.

„Wenn Sie etwas über den Tod Ihres Bruders wissen, warum haben Sie es nicht längst gemeldet?“

Er lachte kurz, aber es klang nicht nach Freude.

„Glauben Sie, wir hätten das nicht versucht?“

Er erzählte mir, was damals geschehen war.

Daniel war 26 Jahre alt gewesen. Er arbeitete als Lagerhelfer, fuhr eine alte Maschine und hatte sich gelegentlich mit den falschen Leuten angelegt.

An jenem Abend war er auf einem Betriebsgelände kontrolliert worden. Es hatte einen Streit gegeben, dann eine Festnahme.

Laut Polizeibericht war Daniel gestürzt, als er versucht hatte wegzulaufen.

Doch eine Überwachungskamera hatte einen Teil der Festnahme aufgezeichnet.

Sven holte einen kleinen Datenträger aus der Tasche.

„Der damalige Hausmeister hat die Aufnahme gesichert. Er wollte sie erst nicht herausgeben. Er hatte Angst um seine Arbeit.“

„Und später?“

„Später ist er in Rente gegangen. Er hat mir eine Kopie gegeben und versprochen, notfalls auszusagen.“

Ich sah auf den Datenträger.

„Was ist darauf zu sehen?“

Sven schluckte.

„Mein Bruder liegt bereits am Boden. Er ist gefesselt. Und Voss behandelt ihn auf eine Weise, die mit einer normalen Festnahme nichts mehr zu tun hat.“

Ich sagte nichts.

„Daniel konnte sich nicht mehr wehren“, fuhr Sven fort. „Zwei Tage später war er tot.“

Der alte Mann mit dem Stock trat näher.

„Ich war damals Pförtner auf dem Gelände“, sagte er. „Ich habe den Krankenwagen gerufen. Was später im Bericht stand, hat nicht zu dem gepasst, was ich gesehen habe.“

Ich sah die beiden Männer an.

In meinem Kopf sträubte sich alles dagegen, die Geschichte einfach zu glauben.

Ich hatte 23 Jahre lang gelernt, zwischen Behauptungen und Beweisen zu unterscheiden.

„Das muss überprüft werden“, sagte ich schließlich. „Von Leuten, die nicht in diese Sache verwickelt sind.“

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