Ein Schäferhund grub sich im ausgetrockneten Becken fast selbst zu Tode, dann fanden wir unter ihm den Hund, den er nicht zurücklassen wollte.
Das Erste, was ich sah, waren zwei Ohren.
Keine Bewegung. Kein Bellen. Kein Winseln.
Nur zwei dunkle, dreieckige Ohren, die zwischen den harten Platten eines ausgetrockneten Rückhaltebeckens hervorragten.
Ich hielt meinen Streifenwagen an und ging über die Absperrung. Nach wenigen Metern brach mein linker Stiefel durch die feste Oberfläche.
Darunter war der Boden noch feucht.
Ich zog den Fuß heraus und blieb stehen.
Vielleicht dreißig Meter vor mir steckte ein Schäferhund fast vollständig im Schlamm.
Nur Kopf und ein Teil seines Halses waren noch zu sehen.
„Hey, mein Großer.“
Ein Ohr zuckte.
Mehr schaffte er nicht.
Mein Name ist Thomas Berger. Damals war ich 43 Jahre alt und seit fünfzehn Jahren Polizist in Brandenburg.
Ich hatte schon verletzte Tiere von Straßen getragen und Hunde aus überhitzten Fahrzeugen geholt.
Aber so etwas hatte ich noch nie gesehen.
Ich rief Feuerwehr, Tierhilfe und medizinische Unterstützung.
Dann legte ich mich flach auf den Boden und arbeitete mich langsam zu dem Hund vor.
Je näher ich kam, desto schlimmer sah es aus.
Der Schlamm um seinen Hals war hart wie Beton geworden. In den Rissen hatte sich Staub gesammelt. Kleine Fliegen saßen auf einem Ohr.
Der Hund hatte nicht einmal mehr die Kraft, sie wegzuschütteln.
Seine Schnauze lag unter einer gebrochenen Erdplatte. Zwischen Platte und Boden war ein schmaler Spalt geblieben.
Genug zum Atmen.
Gerade genug.
Wir durften die Kruste nicht einfach aufbrechen. Wenn sie nach innen fiel, konnte sie den Kopf des Hundes treffen oder den kleinen Hohlraum vor seiner Nase verschließen.
Also arbeiteten wir langsam.
Wasser.
Hebeleisen.
Hände.
Wieder Wasser.
Mehr als eine Stunde brauchten wir allein für seine Schultern.
Dann kam ein braunes Lederhalsband zum Vorschein.
Die Messingplatte war zerkratzt und voller Lehm.
Ich konnte nur einen Nachnamen erkennen.
Hartmann.
Darunter stand eine alte Adresse.
Als wir endlich die Vorderpfoten freilegten, wurde es still um mich herum.
Mehrere Krallen waren eingerissen.
Zwischen den Zehen steckte dunklerer Schlamm als an seinem Körper.
Die Haut an den Pfoten war wund.
„Der hat gegraben“, sagte einer der Feuerwehrleute.
Wir dachten zunächst, er habe versucht, sich selbst zu befreien.
Das wäre logisch gewesen.
Wir lagen falsch.
Als wir den Schäferhund schließlich auf eine Trage hoben, stellte ihm jemand Wasser hin.
Er trank nicht.
Stattdessen hob er den Kopf.
Er sah zurück zu dem Loch.
Dann versuchte er aufzustehen.
Seine Beine knickten sofort ein.
Wir hielten ihn fest, doch er schob sich mit den Vorderpfoten wieder in Richtung Becken.
„Was willst du denn da?“
Er antwortete natürlich nicht.
Er kroch einfach weiter.
Schließlich erreichte er eine andere Stelle direkt neben dem Loch, aus dem wir ihn gezogen hatten.
Dort kratzte er einmal über den Boden.
Seine Pfote bewegte sich kaum.
Dann noch einmal.
Ein Feuerwehrmann kniete sich hin und legte sein Ohr an einen Riss in der Oberfläche.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Da unten ist etwas.“
Wir begannen erneut zu graben.
Diesmal noch vorsichtiger.
Nach einigen Minuten kam helles Fell zum Vorschein.
Zuerst nur ein kleines Stück.
Dann eine Schulter.
Unter dem Schäferhund lag ein zweiter Hund.
Ein älterer Golden-Retriever-Mischling.
Sein Körper steckte tiefer im Schlamm. Sein Kopf lag in einer winzigen Lufttasche, kaum größer als eine Müslischale.
Und plötzlich verstanden wir die verletzten Pfoten des Schäferhundes.
Er hatte diesen Hohlraum gegraben.
Nicht für sich.
Für den Hund unter ihm.
Der ältere Hund lebte noch.
Sein Puls war schwach und unregelmäßig, aber er war da.
Der Schäferhund legte sich neben die Grube.
Er beobachtete jede Bewegung.
Wir brauchten fast zwei weitere Stunden.
Wir konnten den älteren Hund nicht einfach herausziehen. Also gruben wir einen schmalen Graben um seinen Körper und lösten den Lehm Stück für Stück.
Als wir seine Brust freilegten, reagierte er nicht.
Als wir schließlich den ganzen Körper anhoben, atmete er einmal tief ein.
Dann hörte er auf.
Eine Helferin begann sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen.
Der Schäferhund versuchte aufzustehen.
Ich kniete neben ihm und legte meine Hand auf seine Schulter.
„Bleib liegen. Die kümmern sich um ihn.“
Er sah mich an.
Dann wieder zu seinem Freund.
Nach weniger als einer Minute holte der ältere Hund plötzlich selbst Luft.
Ein schwacher Atemzug.
Aber er kam.
Der Schäferhund ließ den Kopf auf meinen Unterarm sinken.
Ich werde dieses Gewicht nie vergessen.
Es fühlte sich nicht an, als wäre er müde.
Es fühlte sich an, als hätte er endlich aufgehört, allein aufpassen zu müssen.
In der Tierklinik stellte sich heraus, wie knapp es gewesen war.
Der Schäferhund wog nur noch 25 Kilogramm. Er hätte deutlich schwerer sein müssen.
Seine Pfoten waren entzündet. Mehrere Krallen waren beschädigt. Die Muskeln seiner Hinterbeine waren stark geschwächt.
Wir nannten ihn vorläufig Rex.
Der ältere Hund bekam den Namen Benno.
Benno war ungefähr zehn Jahre alt. Seine Hinterbeine waren schon vor dem Unglück durch Arthrose eingeschränkt gewesen.
Bei ihm sah es schlimmer aus.
Seine Nieren arbeiteten nur eingeschränkt. Ein Hinterbein reagierte kaum. Niemand konnte sagen, ob er wieder normal laufen würde.
Rex musste ebenfalls behandelt werden.
Trotzdem wehrte er sich jedes Mal, wenn jemand ihn weiter von Benno wegbringen wollte.
Also stellte das Personal ihre Plätze nebeneinander.
Rex lag direkt an der Trennwand.
Benno lag auf der anderen Seite.
Er war noch nicht richtig bei Bewusstsein.
Am Abend bewegte Benno eine Vorderpfote.
Rex hob sofort ein Ohr.
Genau so, wie ich es morgens im Schlamm gesehen hatte.
Später durfte die Trennwand kurz geöffnet werden.
Rex robbte zu Benno und legte seine Nase neben dessen Gesicht.
Kurz darauf wurde Bennos Atmung ruhiger.
Die Einschätzung lautete, dass die Hunde mehrere Tage in diesem Becken festgesteckt hatten.
Spuren am Rand erklärten später, was wahrscheinlich passiert war.
Beide waren von einer Seite auf die scheinbar feste Fläche gelaufen.
Benno war zuerst eingebrochen.
Seine Spuren wurden immer tiefer. Offenbar konnte er sich wegen seines schwachen Hinterbeins nicht mehr herausarbeiten.
Rex war weitergelaufen.
Seine Abdrücke führten bis fast an festen Boden.
Er war nur wenige Meter von der Sicherheit entfernt gewesen.
Dann kehrten seine Spuren um.
Rex war zurückgegangen.
Er hatte begonnen, den Schlamm um Bennos Kopf wegzukratzen.
Stundenlang.
Vielleicht länger.
Dadurch entstand die kleine Luftöffnung.
Aber während Rex grub, sank er selbst immer tiefer ein.
Irgendwann steckten seine Hinterbeine fest.
Dann der Bauch.
Dann die Brust.
Trotzdem grub er weiter.
Bis seine Pfoten nicht mehr konnten.
Rex war nicht zufällig bei Benno stecken geblieben.
Er war stecken geblieben, weil er zurückgegangen war.
Diese Erkenntnis nahm ich mit nach Hause.
Meine Frau Katrin arbeitet als Krankenschwester. Sie kennt den Blick von Menschen, die zu lange versucht haben, stark zu sein.
Ich zeigte ihr die Bilder.
Rex an der Trennwand.
Benno mit Infusionen.
Die kaputten Pfoten.
„Wem gehören sie?“, fragte sie.
„Ich habe nur die Adresse vom Halsband.“
„Warst du dort?“
„Noch nicht.“
Sie sah wieder auf mein Handy.
„Wenn dort niemand mehr wohnt, dürfen die beiden nicht getrennt werden.“
Am nächsten Morgen fuhr ich zu der Adresse.
Es war ein kleines Einfamilienhaus am Rand einer ruhigen Wohnstraße.
Die Fenster waren leer.
Im Vorgarten stand ein Verkaufsschild.
Ich klingelte trotzdem.
Niemand öffnete.
Eine ältere Nachbarin kam aus dem Haus gegenüber.
Als ich ihr die Fotos zeigte, schlug sie eine Hand vor den Mund.
„Das sind Wilhelms Hunde.“
Der Mann auf den Halsbändern hieß Wilhelm Hartmann.
82 Jahre alt.
Witwer.
Er hatte fast vierzig Jahre in diesem Haus gelebt.
Seine Frau war einige Jahre zuvor gestorben. Sein Sohn wohnte weit entfernt.
Danach waren Benno und Rex sein Alltag geworden.
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