Ein gepflegtes Reihenhaus mit gemähtem Rasen. Blumenkästen am Fenster. Ein „Willkommen“-Schild an der Tür. Es sah aus wie das perfekte Zuhause. Aber wir wussten: Hier wohnt der Teufel.
Fünfundzwanzig Motorräder.
Der Donner der Motoren ließ die Fensterscheiben der Nachbarschaft vibrieren.
Dann wurde es still.
Eine beängstigende Stille.
„Hier ist der Deal“, sagte ich leise zu meinen Männern.
„Da drinnen ist ein Tablet. Das ist unser einziger Beweis. Und da drinnen ist ein zweijähriges Mädchen in Lebensgefahr.“
Ich sah in die harten Gesichter meiner Brüder.
„Wir brechen nicht ein. Wir sind keine Einbrecher.“
„Was dann?“, fragte der Hüne und ballte seine Fäuste.
„Wir klopfen. Wir holen uns das Mädchen. Und wir sorgen dafür, dass er nicht abhaut, bis die Polizei da ist.“
Ich ging zur Haustür.
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.
Nicht vor Angst. Vor Wut.
Ich klopfte.
Es dauerte einen Moment.
Dann öffnete sich die Tür.
Ralf.
Er sah nicht aus wie ein Monster.
Er war groß, gut gebaut, trug ein sauberes Poloshirt.
Das freundliche Gesicht eines Nachbarn, dem man im Urlaub den Schlüssel gibt.
Eines Notfallsanitäters, dem man sein Leben anvertraut.
Er sah mich an. Dann sah er an mir vorbei auf die Straße.
Er sah die Kutten. Die verschränkten Arme. Die stille Bedrohung.
Sein Lächeln gefror.
„Ja bitte?“, fragte er, aber seine Stimme war brüchig.
„Ralf?“, fragte ich ruhig.
„Wer sind Sie? Was wollen Sie?“
„Ich bin Manfred. Ich komme gerade aus dem Krankenhaus.“
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich blitzschnell.
Die freundliche Maske fiel. Dahinter kam eine eiskalte Fratze zum Vorschein.
„Verschwinden Sie“, zischte er. „Ich habe nichts zu sagen.“
„Ich glaube doch, Ralf. Ich habe Lukas getroffen.“
Er wollte die Tür zuschlagen.
Ich stellte meinen Stiefel dazwischen.
„Er hat mir von dem Sturz erzählt“, sagte ich.
„Er ist gefallen!“, schrie Ralf. „Ein tragischer Unfall! Das passiert!“
„Vierzehn Mal?“, fragte ich.
Ralf erstarrte.
„Was?“
„Lukas hat gesagt, du hast ihn vierzehn Mal die Kellertreppe hinuntergestoßen. Bis er aufgehört hat zu schreien.“
Ralf wich einen Schritt zurück.
„Sie sind verrückt. Verlassen Sie mein Grundstück! Sofort! Oder ich rufe die Polizei!“
„Tu das“, sagte ich. „Die würden sicher gerne das Tablet sehen.“
In diesem Moment wusste er, dass es vorbei war.
Seine Augen weiteten sich vor Schreck.
„Welches Tablet?“, stammelte er.
„Das unter der Matratze. Das mit den Videos.“
Ich trat einen Schritt vor.
„Jeder Schlag, Ralf. Jedes Würgen. Jede Drohung gegen die kleine Lena. Alles aufgenommen.“
Ralf reagierte nicht wie ein normaler Mensch.
Er reagierte wie ein Tier, das in die Enge getrieben wurde.
Er griff blitzschnell nach einem Regenschirmständer aus schwerem Metall, der im Flur stand.
Er holte aus.
Er wollte mich treffen. Mitten ins Gesicht.
Aber er hatte nicht mit dem Hünen gerechnet.
Bevor Ralf zuschlagen konnte, wurde er von 130 Kilo Muskelmasse gegen die Wand gedrückt.
Der Metallständer schepperte zu Boden.
Ralf schrie auf.
„Das ist Hausfriedensbruch! Körperverletzung! Überfall!“
Zwei weitere Biker kamen dazu.
Sie drehten ihm die Arme auf den Rücken und drückten ihn sanft, aber bestimmt auf den Boden.
„Keine Sorge, Ralf“, sagte ich und stieg über ihn hinweg.
„Wir tun dir nichts. Wir warten nur.“
„Worauf?“, keuchte er, das Gesicht im Teppich.
„Auf die Polizei. Wir haben sie schon gerufen. Jedermann-Festnahmerecht. Gefahr im Verzug.“
Ich ging weiter in den Flur.
Ich hörte ein Wimmern.
Im Wohnzimmer, in einem Laufstall, saß Lena.
Zwei Jahre alt.
Blonde Locken.
Die Windel hing ihr schwer zwischen den Beinen. Sie hatte offensichtlich seit Stunden nichts gegessen.
Aber sie lebte.
Sie hatte keine blauen Flecken.
Als sie mich sah – einen riesigen Mann in schwarzem Leder – fing sie an zu weinen.
Ich nahm sie hoch. Ganz vorsichtig.
„Ist ja gut, kleine Maus“, flüsterte ich. „Der böse Mann tut dir nie wieder was.“
Kalle rannte währenddessen die Treppe hoch.
In Lukas‘ Zimmer.
Es dauerte keine zwei Minuten.
Er kam wieder runter.
In seiner Hand hielt er ein altes Tablet mit gesprungenem Display.
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