Eine Frau mit kurzen grauen Haaren stellte sich als Renate vor.
Sie war 56 und arbeitete seit vielen Jahren ehrenamtlich mit hilfsbedürftigen Tieren.
Als sie den Rottweiler sah, wurde ihr Gesicht ernst.
„Der ist wirklich in einem schlechten Zustand.“
Sie untersuchte beide Hunde vorsichtig und kontrollierte ihre Atmung.
Dann zeigte Andreas ihr den Strick.
Renate fuhr mit den Fingern über die zerbissenen Fasern.
„Das hat der Kleine gemacht?“
Andreas nickte.
„Wir haben es nicht gesehen. Aber alles deutet darauf hin.“
Renate betrachtete die wunde Schnauze des Mischlings.
Eine Weile sagte sie nichts.
Dann seufzte sie.
„Das habe ich in dieser Form auch noch nicht erlebt.“
Die Helfer versorgten beide Tiere zunächst mit dem Nötigsten.
Anschließend legten sie den Rottweiler behutsam auf eine Trage.
Er war so schwach, dass er kaum reagierte.
Doch als die Männer ihn anhoben, geschah etwas Unerwartetes.
Der Mischling versuchte aufzustehen.
Seine Vorderbeine knickten sofort wieder ein.
Er winselte.
Dann schleppte er sich ein kleines Stück in Richtung seines Freundes.
Renate kniete sich neben ihn.
„Schon gut, Kleiner. Wir nehmen ihn dir nicht weg.“
Sie sah zu ihren Kollegen.
„Die beiden müssen zusammenbleiben.“
Sie stellten die Tragen nebeneinander.
Erst als der Mischling den Rottweiler wieder sehen konnte, wurde er ruhig.
Ich ging hinter den Helfern her und dachte nur an eine Sache.
Hoffentlich kamen wir nicht zu spät.
In der Tierarztpraxis einer kleinen Harzer Gemeinde erwartete uns Dr. Karin Seidel.
Die 58-jährige Tierärztin hatte bereits alles vorbereitet.
Der Rottweiler wurde sofort untersucht und medizinisch versorgt.
Der Mischling kam auf einen zweiten Untersuchungstisch.
Seine Pfoten wurden gereinigt, die wunden Stellen behandelt und sein Allgemeinzustand kontrolliert.
Andreas und ich standen im Flur.
Wir hatten seit Stunden nichts gegessen.
Trotzdem verspürte keiner von uns Hunger.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam die Tierärztin zu uns.
„Beide Hunde sind stark geschwächt“, erklärte sie. „Der Rottweiler hat besonders viel Flüssigkeit verloren und ist deutlich unterernährt.“
Ich presste die Hände zusammen.
„Wird er überleben?“
„Wir tun alles dafür. Im Moment reagiert er auf die Behandlung.“
Andreas atmete hörbar aus.
„Und der Kleine?“
„Auch er ist erschöpft und unterernährt. Seine Pfoten und die Schnauze sind verletzt. Aber seine Aussichten sind gut.“
Sie sah uns nachdenklich an.
„Wie lange die beiden dort waren, kann ich nicht sicher sagen. Nach dem Zustand des Seils muss der Mischling allerdings sehr ausdauernd daran gearbeitet haben.“
„Er wollte den anderen befreien“, sagte ich.
Die Tierärztin nickte langsam.
„Es sieht jedenfalls ganz danach aus.“
Wir erzählten ihr alles.
Von dem Winseln, der Lichtung, dem zerfaserten Strick und davon, wie der Mischling trotz völliger Erschöpfung versucht hatte, den großen Hund zu beschützen.
Karin hörte aufmerksam zu.
„Hunde können sehr enge Bindungen entwickeln“, sagte sie schließlich. „Manchmal überraschen sie uns damit, was sie füreinander tun.“
Sie schaute durch das Fenster in den Behandlungsraum.
„Der Kleine hätte wahrscheinlich eine bessere Chance gehabt, selbst Nahrung zu finden, wenn er weitergezogen wäre.“
Mir wurde eng im Hals.
„Aber er ist nicht gegangen.“
„Nein“, sagte sie. „Offenbar nicht.“
Wir blieben bis zum Abend in der Praxis.
Auf der Rückfahrt zu unserer Ferienwohnung sprach Andreas kaum ein Wort.
Erst als wir vor der Tür standen, sagte er plötzlich:
„Wir können die beiden doch nicht einfach vergessen.“
Ich sah ihn an.
„Das habe ich auch nicht vor.“
Am nächsten Morgen waren wir wieder in der Praxis.
Karin führte uns in einen ruhigen Raum.
Dort lagen die beiden Hunde auf weichen Decken nebeneinander.
Der Rottweiler war wach.
Sein Kopf ruhte auf seinen Vorderpfoten.
Und direkt an seiner Seite lag der Mischling.
So dicht, dass sich ihre Körper berührten.
„Wir hatten sie zunächst getrennt untergebracht“, erklärte Karin. „Aber der Kleine wurde sehr unruhig. Seit sie wieder nebeneinanderliegen, schläft er endlich.“
Andreas trat näher.
Der Mischling öffnete die Augen.
Für einen kurzen Moment sah er meinen Mann an.
Dann legte er seine Schnauze auf die große Pfote des Rottweilers.
Ich konnte nicht anders.
Ich begann zu weinen.
Andreas nahm meine Hand.
„Gabriele“, sagte er leise.
Ich wusste sofort, was er sagen wollte.
Wir waren seit 23 Jahren verheiratet.
Manchmal brauchten wir keine vollständigen Sätze mehr.
„Ja“, antwortete ich.
„Wirklich?“
Ich nickte.
„Wenn es möglich ist, nehmen wir beide.“
Karin sah uns überrascht an.
„Sie wissen, dass das eine große Verantwortung ist?“
Natürlich wussten wir das.
Wir lebten in einer Dreizimmerwohnung in Braunschweig.
Einen eigenen Garten hatten wir nicht.
Und seit unser alter Familienhund vor fünf Jahren gestorben war, hatten wir kein Tier mehr aufgenommen.
Aber plötzlich erschien mir unsere Wohnung nicht mehr klein.
Sie erschien mir nur noch leer.
„Wir müssen einiges organisieren“, sagte Andreas. „Aber wir würden ihnen gern ein Zuhause geben.“
Karin lächelte vorsichtig.
„Dann klären wir zuerst, wem die Hunde gehören und ob eine Vermittlung rechtlich möglich ist.“
In den folgenden Tagen wurde der Fund gemeldet.
Es wurde geprüft, ob die Tiere registriert waren oder jemand nach ihnen suchte.
Beim Rottweiler ließ sich zunächst kein Halter ermitteln.
Auch der Mischling war nicht zuzuordnen.
Wie der große Hund angebunden in den Wald gekommen war, blieb unklar.
Niemand wusste, ob die beiden vorher zusammengelebt hatten.
Wir beschlossen, ihnen Namen zu geben.
Den Rottweiler nannten wir Basko.
Der kleine Mischling wurde Oskar.
Andreas hatte den Namen vorgeschlagen.
„Ein Oskar gibt nicht so schnell auf“, sagte er.
Ich musste zum ersten Mal seit unserer Entdeckung wieder richtig lachen.
Die Genesung dauerte mehrere Wochen.
Wir verlängerten zunächst unseren Aufenthalt und fuhren später regelmäßig wieder in den Harz.
Basko bekam langsam seine Kraft zurück.
Er begann, selbstständig zu fressen, und konnte nach einigen Tagen wieder kurze Strecken gehen.
Oskars Pfoten heilten.
Seine Schnauze erholte sich ebenfalls.
Doch das Bemerkenswerteste war, wie aufmerksam er weiterhin auf Basko achtete.
Wenn der große Hund aufstand, hob Oskar den Kopf.
Wenn Basko trank, beobachtete er ihn.
Und wenn Basko sich schlafen legte, suchte Oskar einen Platz direkt neben ihm.
Eines Nachmittags saßen Andreas und ich im kleinen Innenhof der Praxis.
Basko durfte unter Aufsicht ein paar Schritte gehen.
Er stand langsam auf.
Seine Hinterbeine waren noch unsicher.
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