Thomas hatte ihn am Nachmittag zuvor dorthin gebracht.
Auch das war inzwischen bestätigt.
Ich war todmüde.
Heinrich dagegen wirkte, als hätte er seit Jahren nicht richtig geschlafen.
„Heiner“, sagte ich irgendwann. „Du musst nach Hause.“
Er sah auf seine Kaffeetasse.
„Zu Hause ist niemand.“
Ich kannte diese Antwort.
Seine Frau Marianne war sechs Jahre zuvor gestorben.
Seitdem lebte er allein in einem Reihenhaus, das für einen Menschen viel zu groß war.
Früher hatte er immer behauptet, er genieße seine Ruhe.
Aber wir wussten, dass er seit Mariannes Tod oft schon morgens um sieben in der Werkstatt stand.
Manchmal ohne etwas zu tun.
Einfach nur, weil dort wenigstens jemand vorbeikam.
„Ich kann dir Frühstück machen“, sagte ich.
Er schnaubte.
„Du kannst nicht mal ein Ei kochen, ohne die Küche unter Wasser zu setzen.“
Zum ersten Mal seit Stunden mussten wir beide lächeln.
Dann wurde Heinrich wieder ernst.
„Erwin, ich muss dir etwas erzählen.“
Ich lehnte mich zurück.
Heinrich war kein Mann, der viel von früher erzählte.
Schon gar nicht von Dingen, die ihm wehtaten.
„Meine Tochter war auch mal in so einer Beziehung.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Anja?“
Er nickte.
Anja war damals Anfang vierzig und wohnte mittlerweile in Norddeutschland.
Wir wussten, dass Heinrich nur selten Kontakt zu ihr hatte.
Aber warum, darüber sprach er nie.
„Sie war 24“, begann er. „Kam eines Abends zu uns. Hatte einen blauen Fleck am Hals.“
Er schwieg.
„Marianne wollte sofort wissen, was passiert war. Ich hab nur gefragt, ob sie sich gestritten hätten.“
Ich wartete.
„Anja sagte, ihr Freund hätte sie gepackt.“
Heinrich starrte auf die Tischplatte.
„Und weißt du, was ich gesagt habe?“
Ich schüttelte den Kopf.
Seine Stimme wurde leiser.
„Ich hab gesagt: Ihr jungen Leute gebt heute viel zu schnell auf. Redet vernünftig miteinander.“
Er presste die Lippen zusammen.
„Das hab ich zu meiner eigenen Tochter gesagt.“
Draußen fuhr ein Lieferwagen vorbei.
Heinrich wartete, bis das Geräusch verklungen war.
„Zwei Wochen später stand sie wieder vor unserer Tür. Mit einem Koffer. Da war es noch schlimmer geworden.“
„Was hast du gemacht?“
„Marianne hat sie reingelassen. Ich hab erst mal gefragt, ob das wirklich nötig sei.“
Seine Augen wurden feucht.
„Sie hat mich angesehen, Erwin. Nicht böse. Einfach nur enttäuscht.“
Ich sagte nichts.
„Sie ist trotzdem geblieben. Marianne hat ihr geholfen, da rauszukommen. Und ich hab irgendwann auch begriffen, was los war.“
Heinrich rieb sich über die Nase.
„Aber Anja hat meinen ersten Satz nie vergessen.“
„Habt ihr darüber gesprochen?“
„Einmal. Da hat sie gesagt, sie hätte sich damals gewünscht, dass ihr Vater ihr glaubt, bevor sie wieder verletzt werden musste.“
Er sah mich an.
„Und sie hatte recht.“
Lange saßen wir schweigend nebeneinander.
Dann sagte Heinrich:
„Als Leni heute Nacht vor mir stand, hab ich plötzlich wieder Anja gesehen.“
Er schluckte.
„Nur dass dieses Kind niemanden hatte, der erst mal lange nachdenken konnte.“
Am Sonntag besuchten wir Nina im Krankenhaus.
Nicht alle vierundzwanzig.
Nur Heinrich, Gisela und ich.
Wir hatten vorher gefragt, ob sie uns überhaupt sehen wollte.
Nina hatte ja gesagt.
Sie lag in einem kleinen Zweibettzimmer am Fenster.
Ihr Gesicht war blass. Über der linken Augenbraue klebte ein Pflaster, und ihr rechter Arm lag in einer Schlinge.
Als wir eintraten, versuchte sie sich aufzusetzen.
„Bleiben Sie ruhig liegen“, sagte Gisela.
Nina lächelte schwach.
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“
Heinrich stellte einen kleinen Blumenstrauß auf den Tisch.
Er sah dabei aus wie ein Schuljunge, der nicht wusste, wohin mit seinen Händen.
„Nichts“, sagte er schließlich. „Sie müssen gar nichts sagen.“
Nina schaute ihn an.
„Leni erzählt immer von Ihnen.“
Heinrich brummte.
„Hoffentlich nichts Schlechtes.“
Zum ersten Mal lachte Nina kurz.
Dann kamen ihr Tränen.
„Sie hat mir erzählt, dass Sie ihr vor zwei Jahren das Fahrrad repariert haben.“
„Das war nur ein Schutzblech.“
„Für sie war es etwas Großes.“
Nina wischte sich über die Augen.
„Sie sagt immer, dass Onkel Heiner zwar aussieht wie ein böser Bär, aber eigentlich lieb ist.“
Heinrich senkte den Blick.
„Na, ein Bär vielleicht. Aber böse bin ich nicht.“
Wieder lachte Nina.
Dann wurde sie ernst.
„Sie hat mir gestern erzählt, dass sie zu Ihnen gelaufen ist.“
Heinrich nickte.
„Ein tapferes Mädchen.“
„Nein“, sagte Nina leise. „Sie hätte gar nicht tapfer sein müssen.“
Niemand widersprach.
„Sie ist sieben Jahre alt. Sie sollte sich Sorgen machen, ob sie morgen ihre Freundin besuchen darf. Nicht, ob ihre Mutter die Nacht überlebt.“
Ihre Stimme brach.
Gisela setzte sich an ihr Bett.
„Sie haben jetzt Hilfe. Sie müssen die nächsten Schritte nicht allein schaffen.“
Nina schüttelte den Kopf.
„Das sagen alle.“
Dann sah sie auf ihre Hände.
„Aber am Ende muss ich doch wieder zurück in dieses Haus.“
Heinrich zog einen Stuhl heran.
„Nein“, sagte er ruhig.
Nina hob den Kopf.
„Sie müssen nicht zurück, nur weil das Haus dort steht.“
„Aber meine Sachen sind da. Die Schulbücher der Kinder. Unsere Möbel. Ich habe kaum Geld.“
„Die Sachen laufen nicht weg.“
„Sie verstehen das nicht.“
Heinrich nickte langsam.
„Vielleicht nicht alles.“
Er beugte sich ein wenig vor.
„Aber ich verstehe, dass Sie Angst haben. Und ich verstehe, dass man mit zwei Kindern nicht einfach irgendwo neu anfängt.“
Nina begann zu weinen.
„Ich habe so lange versucht, alles zusammenzuhalten.“
„Das glaube ich Ihnen.“
„Ich dachte, wenn ich mich nur richtig verhalte …“
Sie brachte den Satz nicht zu Ende.
Heinrich sah sie lange an.
Dann sagte er:
„Sie können sich noch so richtig verhalten. Wenn jemand Sie schlecht behandeln will, liegt das nicht an Ihnen.“
Nina hielt sich eine Hand vors Gesicht.
Und plötzlich erzählte sie.
Nicht alles auf einmal.
Aber mehr, als wir in drei Jahren erfahren hatten.
Von den ersten Beschimpfungen.
Davon, wie Thomas nach und nach ihre Kontakte eingeschränkt hatte.
Wie er ihre Freundin nicht mehr ins Haus lassen wollte.
Wie er ihr Handy kontrollierte.
Wie sie sich irgendwann nicht mehr traute, allein zum Einkaufen zu gehen, ohne vorher zu sagen, wann sie zurückkam.
„Er war am Anfang ganz anders“, flüsterte sie.
Gisela nickte.
„Das glaube ich Ihnen.“
„Ich schäme mich so.“
Heinrich schüttelte den Kopf.
„Sie müssen sich nicht schämen.“
Nina sah ihn an.
„Doch. Vor allem wegen Leni.“
Heinrich antwortete erst nach einer Weile.
„Ihre Tochter ist zu uns gekommen, weil sie wusste, dass ihre Mutter Hilfe braucht. Sie liebt Sie. Und jetzt braucht sie vor allem eins.“
„Was?“
„Dass Sie beide sicher sind.“
Wir wollten gerade gehen, als Nina nach Heinrichs Hand griff.
„Herr Wendt?“
Er drehte sich um.
„Ja?“
„Darf ich Ihnen etwas sagen?“
Er nickte.
„Leni ist nicht zufällig zu Ihnen gelaufen.“
Heinrich runzelte die Stirn.
Nina atmete tief durch.
„Vor ein paar Monaten hat sie mich gefragt, was sie machen soll, wenn Thomas wieder so böse wird.“
Sie blickte zum Fenster.
„Ich wusste nicht, was ich ihr sagen sollte. Ich wollte nicht, dass sie Angst bekommt. Dabei hatte sie längst Angst.“
Heinrich stand vollkommen still.
„Dann hat sie gefragt, ob sie zu Ihnen gehen dürfte.“
Nina schluckte.
„Ich habe gesagt, ja. Wenn du wirklich Hilfe brauchst, lauf zu den Männern in der alten Werkstatt.“
Mir wurde eng in der Brust.
„Warum ausgerechnet zu uns?“, fragte ich.
Nina sah mich an.
„Weil Sie immer nett zu ihr waren.“
Dann schaute sie wieder zu Heinrich.
„Und weil Leni gesagt hat, Onkel Heiner würde niemals zulassen, dass jemand einem Kind wehtut.“
Heinrich musste sich setzen.
Er legte die Hände auf die Oberschenkel und schaute auf den Boden.
Lange sagte niemand etwas.
Dann fragte Nina ganz leise:
„Wissen Sie noch, als Leni Ihnen letzten Sommer jeden Samstag Limonade verkauft hat?“
Er nickte.
„Die war meistens viel zu süß.“
Nina lächelte unter Tränen.
„Sie wollte immer, dass ich genug vorbereite. Besonders für Sie.“
„Warum?“
„Weil sie gesagt hat, dass sie sich bei Ihnen sicher fühlt.“
Heinrich zog ein zerknittertes Taschentuch aus der Hosentasche.
Er räusperte sich.
„Dann hat sie einen guten Geschmack bei ihren Kunden.“
Mehr brachte er nicht heraus.
In den folgenden Wochen wurde einiges schwierig.
Vieles sogar.
Nina konnte nicht einfach nach Hause zurückkehren.
Sie hatte Angst vor Thomas und davor, was nach seiner Festnahme geschehen würde.
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