Ich spürte, wie mir Tränen über die Wangen liefen.
Neben mir stand Ingrid, die sich mit einer Hand über den Mund fuhr.
„Mein Gott“, flüsterte sie. „Sieh dir das an.“
Wir ließen die beiden zunächst nur wenige Minuten zusammen. Danach brachten wir Rex zurück in seinen geschützten Bereich.
Doch von diesem Tag an gab es für ihn etwas Neues.
Max.
Und für Max gab es plötzlich wieder jemanden, auf den er warten konnte.
In den folgenden Wochen organisierten wir ihren Alltag so, dass Rex medizinisch gut versorgt blieb und regelmäßig unter Aufsicht Zeit mit Max verbringen konnte.
Als der Welpe kräftiger wurde, richteten wir einen sicheren Bereich direkt neben Max‘ Schlafplatz ein.
Rex hatte dort seine eigene weiche Unterlage.
Aber meistens wollte er so nah wie möglich bei dem großen Bernhardiner liegen.
Am liebsten schlief er neben dessen riesiger Vorderpfote.
Manchmal legte Max seinen Kopf vorsichtig neben ihn, als wollte er sichergehen, dass der Kleine noch da war.
Wenn Rex unruhig wurde, hob Max sofort den Kopf.
Wenn er winselte, rückte der Bernhardiner näher.
Und wenn Rex endlich einschlief, blieb Max oft lange wach und beobachtete ihn.
Ich begann, die beiden jeden Morgen als Erstes zu besuchen.
Eines Tages kam ich in ihren Bereich und fand Rex nicht sofort.
Mir blieb beinahe das Herz stehen.
Dann sah ich, dass Max zusammengerollt auf seiner Decke lag.
Zwischen seinen Vorderpfoten befand sich ein kleines Bündel aus schwarzbraunem Fell.
Rex schlief tief und fest.
Seine winzige Nase ruhte auf Max‘ Pfote.
Ich musste lächeln.
„Na, Großer“, flüsterte ich. „Du hast wohl endlich jemanden gefunden.“
Max öffnete ein Auge.
Sein Schwanz klopfte einmal gegen den Boden.
Dann schlief er wieder ein.
Als Rex alt genug war, um seine ersten Schritte zu versuchen, wurde Max zu seinem geduldigsten Begleiter.
Der kleine Schäferhund stand auf wackeligen Beinen, machte zwei Schritte und fiel auf seinen Bauch.
Max hob den Kopf.
Rex rappelte sich wieder auf.
Diesmal schaffte er drei Schritte.
Dann stolperte er direkt gegen die Vorderpfote des Bernhardiners.
Max bewegte sich keinen Zentimeter.
Er senkte nur die Nase und berührte Rex ganz leicht an der Schulter.
Der Kleine versuchte es erneut.
Und wieder.
Und wieder.
Irgendwann stand Rex tatsächlich vor Max‘ Gesicht und bellte zum ersten Mal richtig.
Es war ein winziger, quietschender Laut.
Max antwortete mit einem tiefen Wuff.
Rex erschrak kurz.
Dann wedelte er begeistert mit seinem kleinen Schwanz.
Von diesem Tag an schien er überzeugt zu sein, dass Max ihm die Welt erklären konnte.
Wenn Max trank, wollte Rex ebenfalls trinken.
Wenn Max sich hinlegte, suchte Rex sofort einen Platz neben ihm.
Und wenn der große Bernhardiner durch den Auslauf ging, folgte ihm ein kleiner schwarzbrauner Schatten.
Natürlich mussten wir immer aufpassen, dass Max den Welpen nicht versehentlich umstieß.
Doch erstaunlicherweise bewegte er sich in Rex‘ Nähe besonders vorsichtig.
Sogar beim Fressen wartete er manchmal, bis Rex seine eigene kleine Portion bekommen hatte.
„Er benimmt sich wirklich wie ein Vater“, sagte Ingrid eines Nachmittags.
Wir standen gemeinsam am Zaun.
Rex hatte gerade versucht, an Max‘ Ohr zu knabbern.
Der Bernhardiner ließ es geduldig geschehen.
„Vielleicht hat er selbst jemanden gebraucht, um den er sich kümmern kann“, antwortete ich.
Ingrid nickte langsam.
„Manchmal findet ein Tier seinen Lebensmut wieder, wenn es für ein anderes da sein darf.“
Sechs Wochen später erkannte ich Rex kaum wieder.
Aus dem schwachen, zitternden Bündel war ein lebhafter Welpe geworden.
Er rannte durch den Auslauf, jagte einem Stoffball hinterher und bellte aufgeregt, wenn jemand das Futter brachte.
Max lag meistens in der Mitte des Geschehens.
Manchmal sah er aus wie ein müder Großvater, der einem übermütigen Enkel beim Spielen zuschaute.
Doch sobald Rex sich zu weit entfernte, hob Max den Kopf.
Und sobald der Kleine zurückkam, entspannte sich sein Gesicht wieder.
Die beiden waren unzertrennlich geworden.
Als Rex drei Monate alt war, begannen wir langsam, über seine Vermittlung nachzudenken.
Dieser Gedanke bereitete mir schlaflose Nächte.
Rex war jung, gesund und wunderschön.
Es würde nicht schwer sein, eine Familie für ihn zu finden.
Aber was würde aus Max werden?
Der Bernhardiner hatte acht Monate lang vergeblich auf eine Adoption gewartet.
Nun hatte er endlich wieder Freude am Leben gefunden.
Und ausgerechnet diesen kleinen Gefährten sollten wir ihm wegnehmen?
Ich sprach mit Ingrid darüber.
„Wir müssen an beide denken“, sagte sie.
„Ich weiß.“
„Vielleicht findet sich jemand, der beide nehmen kann.“
Ich sah sie zweifelnd an.
Zwei Hunde gleichzeitig aufzunehmen war eine große Verantwortung.
Und Max war nicht irgendein Hund.
Er brauchte Platz, gutes Futter, regelmäßige Pflege und Menschen, die mit seiner Größe umgehen konnten.
Ich wollte mir keine falschen Hoffnungen machen.
Doch dann meldete sich eine Familie aus der Nähe von Soest.
Thomas und Claudia Seidel, beide Mitte vierzig, lebten in einem Haus mit einem großen, eingezäunten Garten.
Sie hatten vor einigen Monaten ihren alten Familienhund verloren.
Nun wollten sie wieder einem Tier ein Zuhause geben.
Sie interessierten sich für Rex.
An einem Samstag kamen sie ins Tierheim.
Claudia trug eine einfache blaue Jacke und hatte Lachfältchen um die Augen. Thomas war ein großer Mann mit grauen Schläfen und rauen Händen.
Beide wirkten freundlich und ruhig.
Als wir Rex in den Besucherbereich brachten, lief der Welpe sofort auf sie zu.
Claudia ging in die Hocke.
„Ach, du kleiner Kerl.“
Rex leckte ihre Finger ab und versuchte, an ihrem Ärmel hochzuklettern.
Thomas lachte.
„Der hat aber ordentlich Energie.“
Ich erzählte ihnen, wie Rex gefunden worden war.
Wie krank er gewesen war.
Und wie gut er sich inzwischen entwickelt hatte.
Dann erwähnte ich Max.
Claudia schaute auf.
„Wer ist Max?“
Ich führte die beiden zu seinem Gehege.
Der große Bernhardiner lag auf seiner Decke.
Als Rex ihn entdeckte, rannte er sofort los.
Er schlüpfte zwischen Max‘ Vorderpfoten und drückte seinen Kopf gegen dessen Brust.
Max hob langsam den Kopf und leckte ihm über die Stirn.
Thomas sagte kein Wort.
Claudia blieb vor dem Gitter stehen.
Lange beobachteten beide die Hunde.
Dann fragte sie leise:
„Sind die immer so miteinander?“
„Ja“, antwortete ich. „Seit Rex ganz klein war.“
Ich erzählte ihnen von der ersten Begegnung.
Von den Nächten, in denen Max auf jedes Winseln des Welpen reagiert hatte.
Von den ersten Gehversuchen.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






