In einer Kölner Apotheke sagte eine fremde Frau fünf Worte zu mir – und plötzlich war mein ganzes Leben eine sorgfältig gepflegte Lüge
„Sie sehen aus wie meine Schwester.“
Die Frau vor mir hielt ihre Tüte mit Hustenbonbons so fest, dass das dünne Papier knisterte.
Ich stand in der Schlange der kleinen Apotheke am Neumarkt, mit verstopfter Nase, brennenden Augen und diesem dumpfen Druck im Kopf, den man nur bekommt, wenn eine Erkältung sich nicht entscheiden kann, ob sie bleiben oder einen umbringen will.
Ich wollte nur mein Antibiotikum abholen.
Ein ganz normaler Dienstag.
Ein nasser, grauer Dienstag in Köln, an dem die Straßenbahnen quietschten, die Leute unter Regenschirmen fluchten und niemand einem anderen länger als nötig ins Gesicht sah.
Außer dieser Frau.
Sie starrte mich an, als hätte sie ein Gespenst gesehen.
Nicht neugierig.
Nicht peinlich berührt.
Sondern so, als wäre in ihrem Inneren gerade etwas aufgeplatzt, das sie fünfundzwanzig Jahre lang mit beiden Händen zugedrückt hatte.
„Entschuldigung?“, sagte ich und zwang mich zu einem höflichen Lächeln.
Man lernt das in Deutschland früh.
Nicht auffallen.
Nicht unhöflich sein.
Auch nicht, wenn fremde Menschen plötzlich merkwürdige Dinge sagen.
Die Frau war vielleicht Mitte sechzig. Graues Haar, ordentlich im Nacken zusammengebunden. Ein beiger Wollmantel, praktische braune Schuhe, eine Handtasche, wie sie meine Mutter auch besaß. Keine Spinnerin. Keine verwirrte Gestalt.
Eher eine dieser Frauen, die sonntags Kuchen backen, Geburtstagskarten aufheben und noch wissen, wann welcher Nachbar gestorben ist.
Ihre Lippen zitterten.
„Meine Schwester“, wiederholte sie leise. „Sie ist vor fünfundzwanzig Jahren verschwunden.“
Ich spürte, wie mein höfliches Lächeln bröckelte.
Hinter uns räusperte sich ein älterer Herr mit einem Päckchen Blutdrucktabletten in der Hand. Die Apothekerin am Tresen tippte auf ihrer Kasse herum. Von draußen kam das Rauschen nasser Autoreifen.
Alles war normal.
Nur diese Frau nicht.
„Das tut mir leid“, sagte ich. „Aber da verwechseln Sie mich bestimmt.“
Sie schüttelte den Kopf.
Langsam.
Fast beleidigt, als hätte ich ihr verboten, etwas zu erkennen, das sie mit jeder Faser ihres Körpers wusste.
„Wie heißen Sie?“
„Julia“, sagte ich automatisch. „Julia Reuter.“
Da passierte etwas mit ihrem Gesicht.
Es wurde nicht einfach blass.
Es fiel in sich zusammen.
Als hätte jemand ihr nach all den Jahren endlich die letzte Stütze weggezogen.
„Nein“, flüsterte sie. „Nein. Ihr Name war auch Julia.“
Mein Magen zog sich zusammen.
Ich lachte kurz auf, viel zu hell, viel zu nervös.
„Julia ist ein ganz normaler Name.“
„Julia Marie Bergmann.“
Die Tüte in ihrer Hand rutschte ihr aus den Fingern und landete auf dem Boden.
Hustenbonbons rollten über die hellen Fliesen.
Eines blieb direkt vor meinen Stiefeln liegen.
Ich sah darauf, als hätte es mir etwas getan.
„Mein zweiter Vorname ist Marie“, sagte ich.
Ich wollte es gar nicht sagen.
Es rutschte mir heraus wie ein Geständnis.
„Julia Marie Reuter.“
Die Frau schlug eine Hand vor den Mund.
Ihre Augen waren jetzt voller Tränen.
„Sie hatte grüne Augen mit goldenen Punkten“, sagte sie. „Und eine kleine Narbe über der rechten Augenbraue.“
Meine Finger gingen wie von allein an die Stelle.
Ein winziger Strich über meinem rechten Auge.
Meine Mutter hatte mir oft erzählt, ich sei mit sieben vom Fahrrad gefallen. Am Rheinufer, zu schnell, zu stur, ohne auf meinen Vater zu hören. Drei Stiche in der Notaufnahme. Mein Vater habe die ganze Zeit meine Hand gehalten, meine Mutter habe im Flur geweint.
Ich kannte diese Geschichte.
Ich kannte sie so gut, dass sie sich wie Erinnerung anfühlte.
Aber in diesem Moment wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich den Sturz selbst nicht wirklich sah.
Nicht das Fahrrad.
Nicht den Asphalt.
Nicht meinen Vater.
Nur die Geschichte.
„Sie sind krank“, sagte ich leise. „Oder Sie irren sich.“
Die Frau griff in ihre Handtasche.
„Sie hatte ein Muttermal auf der linken Schulter“, sagte sie. „Wie eine kleine Mondsichel.“
Die Apotheke wurde plötzlich zu eng.
Zu hell.
Zu laut.
Das Summen der Neonröhren kroch mir unter die Haut.
Ich hatte dieses Muttermal.
Natürlich hatte ich es.
Jeder Mensch hat irgendein Muttermal.
Nur dass meines tatsächlich aussah wie eine Mondsichel.
Links.
Über dem Schulterblatt.
Als Kind hatte ich es schön gefunden. Mein erster Freund nannte es später mein Glückszeichen. Meine Mutter sagte immer, es sei Gottes kleiner Fingerabdruck.
Ich trat einen Schritt zurück.
Die Frau zog ein altes Foto aus ihrer Geldbörse.
Die Ränder waren weich und abgegriffen. Das Bild musste hundertmal angeschaut worden sein, vielleicht tausendmal.
Sie hielt es mir hin.
Ich wollte nicht hinsehen.
Aber ich sah hin.
Ein kleines Mädchen grinste in die Kamera. Zwei Vorderzähne fehlten. Die Haare waren braun und strubbelig, die Augen hellgrün mit winzigen goldenen Sprenkeln. Über der rechten Augenbraue ein Pflaster.
Sie trug ein rosafarbenes Kleid, das mir den Atem nahm.
Weil ich schwor, dass ich dieses Kleid kannte.
Nicht aus einem Foto.
Aus einem Gefühl.
Stoff an meinen Knien.
Ein kratzendes Etikett im Nacken.
Der Geruch nach Waschpulver und Sommergras.
„Das ist Julia“, sagte die Frau.
Ich hörte meinen eigenen Atem nicht mehr.
„Das bin nicht ich.“
Doch meine Stimme klang nicht überzeugt.
Sie klang wie eine Frau, die in einem dunklen Keller steht und sagt, sie habe keine Angst, obwohl die Treppe hinter ihr verschwunden ist.
„Ich bin Karin Bergmann“, sagte die Frau. „Ich bin Ihre Schwester.“
Da fiel meine Medikamententüte aus der Hand.
Die kleine Plastikflasche sprang auf, als sie auf den Boden knallte.
Weiße Tabletten rollten in alle Richtungen.
Unter den Ständer mit Traubenzucker.
Gegen die Schuhspitze des alten Mannes.
Bis vor die Kasse.
Niemand bückte sich.
Nicht einmal ich.
Ich stand nur da, während mein Leben in kleinen weißen Punkten über den Apothekenboden kullerte.
Dann rannte ich hinaus.
Der Regen traf mich ins Gesicht, kalt und hart.
Ich lief durch die Menschen auf dem Gehweg, vorbei an einem Zeitungskiosk, an einer Frau mit Rollator, an zwei Schülern mit Kapuzen. Einer schimpfte, weil ich ihn anrempelte.
Ich hörte nichts.
Ich erreichte mein Auto in einer Seitenstraße, bekam den Schlüssel kaum ins Schloss und setzte mich hinein.
Dann saß ich da.
Motor aus.
Hände am Lenkrad.
Regen auf der Windschutzscheibe.
Köln um mich herum, grau und laut und vollkommen gleichgültig.
Ich war zweiunddreißig Jahre alt.
Mein Name war Julia Marie Reuter.
Ich lebte in einer kleinen Wohnung in Ehrenfeld, arbeitete als freie Grafikerin, zahlte zu viel Miete und vergaß regelmäßig, meine Pflanzen zu gießen.
Ich hatte Eltern.
Gute Eltern.
Helga und Manfred Reuter.
Meine Mutter, die mir noch heute Gläser mit selbst gemachter Marmelade brachte, obwohl ich längst erwachsen war.
Mein Vater, der jedes Geräusch in meinem Auto ernster nahm als seine eigenen Rückenschmerzen.
Sie waren nicht perfekt.
Niemand ist das.
Aber sie hatten mich geliebt.
Sie hatten mich durch Fiebernächte getragen, auf Klassenfahrten vorbereitet, mir Mathe erklärt, obwohl sie selbst kaum noch wussten, wie Bruchrechnung ging.
Sie hatten auf jeder Schulaufführung in der ersten Reihe gesessen.
Mein Vater hatte geweint, als ich mein Diplom bekam.
Meine Mutter hob noch immer meine Kinderzeichnungen auf.
Solche Menschen stehlen keine Kinder.
Oder?
Ich saß fast eine Stunde im Auto.
Dann fuhr ich nach Hause.
Nicht schnell.
Nicht langsam.
Wie betäubt.
In meiner Wohnung zog ich die nassen Schuhe nicht aus. Ich stand im Flur vor dem Spiegel, betrachtete mein Gesicht und suchte nach etwas, das mir gehörte.
Meine Nase.
Mein Kinn.
Die Narbe.
Die Augen.
Plötzlich wirkte alles fremd.
Wie Möbel in einer Wohnung, die man geerbt hat.
Ich ging zum Bücherregal.
Ganz unten stand der alte Fotokarton, den meine Mutter mir vor Jahren gegeben hatte.
„Damit du auch mal was von früher hast“, hatte sie gesagt.
Ich hatte nie genau hingesehen.
Warum auch?
Man stellt solche Kartons ins Regal, zieht sie bei Umzügen mit, öffnet sie alle paar Jahre und sagt dann: Ach ja, so sah ich mal aus.
Jetzt riss ich den Deckel herunter.
Fotos.
Viele Fotos.
Ich auf einem roten Bobbycar.
Ich beim Kindergartenfest.
Ich mit Schultüte.
Ich mit Zahnlücke.
Ich mit meinem Vater im Tierpark.
Ich mit meiner Mutter am Küchentisch, vor mir ein Marmorkuchen mit drei Kerzen.
Drei Kerzen.
Nicht eine.
Nicht zwei.
Drei.
Ich suchte weiter.
Kein Babyfoto.
Kein erstes Bad.
Keine Taufe.
Keine krabbelnde Julia im Wohnzimmer.
Kein Kinderwagen.
Nichts.
Mein Leben begann auf Papier mit drei Jahren.
Ich hatte das immer gewusst und nie wirklich bemerkt.
Oder ich hatte es bemerkt und weggeschoben.
Meine Eltern hatten eine Erklärung.
Ein Kellerbrand.
Alte Kartons kaputt.
Wasserschaden.
„Damals hatten wir ja noch nicht alles digital“, sagte meine Mutter immer. „Heute wäre das anders.“
Ich hatte ihr geglaubt.
Natürlich hatte ich ihr geglaubt.
Kinder glauben ihren Eltern nicht, weil die Geschichten logisch sind.
Sie glauben ihnen, weil die Eltern die Welt sind.
Ich rief meine Mutter an.
Sie nahm beim zweiten Klingeln ab.
„Na, Julchen? Hast du die Medikamente bekommen? Du klingst bestimmt furchtbar, ich hab dir doch gesagt, du sollst gleich zum Arzt.“
Ihre Stimme.
Warm.
Besorgt.
Vertraut.
Ich schloss die Augen.
„Mama“, sagte ich. „Warum gibt es keine Babyfotos von mir?“
Stille.
Nicht lange.
Aber lang genug.
„Das weißt du doch“, sagte sie dann. „Der Kellerbrand damals.“
„Wo war das?“
„Was meinst du?“
„Der Keller. Die Wohnung. Wo haben wir gewohnt?“
„Julia, was ist denn los?“
„Bitte antworte.“
Sie atmete ein.
„In Essen. Bevor wir nach Köln gezogen sind.“
„Ich dachte, wir waren vorher in Wuppertal.“
Wieder Stille.
Diesmal länger.
„Ach Kind, du bringst mich ganz durcheinander. Das ist über fünfundzwanzig Jahre her.“
„Du erinnerst dich an den Namen der Erzieherin, die mich mit vier angeblich nicht mochte. Du weißt noch, welche Schuhe ich zur Einschulung getragen habe. Aber du weißt nicht, wo wir gewohnt haben, als ich ein Baby war?“
„Julia.“
Nur mein Name.
Mehr nicht.
Doch diesmal klang er nicht wie Liebe.
Er klang wie eine Warnung.
Ich legte auf.
Danach zog ich im Bad mein Shirt von der Schulter.
Da war es.
Die kleine Mondsichel.
Hellbraun, sauber gezeichnet, als hätte jemand mit einem feinen Pinsel eine Erinnerung auf meine Haut gesetzt, bevor irgendjemand sie mir wegnehmen konnte.
Ich setzte mich auf den Badewannenrand und fing an zu zittern.
Am Abend kam meine beste Freundin Nadine.
Sie brachte Suppe mit, obwohl ich nichts essen konnte. Nadine war Zahnarzthelferin, praktisch veranlagt, direkt, eine Frau, die fremde Krisen sortierte wie andere ihre Besteckschublade.
Ich erzählte ihr alles.
Die Apotheke.
Die Frau.
Das Foto.
Den Namen.
Das Muttermal.
Die fehlenden Babybilder.
Nadine sagte lange nichts.
Dann nahm sie mein Handy.
„Wie hieß sie?“
„Karin Bergmann.“
„Wohnort?“
„Köln, glaube ich. Sie war ja in der Apotheke.“
Nadine suchte.
Es dauerte keine fünf Minuten.
Da war sie.
Karin Bergmann.
Ehemalige Grundschullehrerin.
Profilbild mit zwei Enkelkindern im Garten.
Titelbild: Rosen an einem alten Zaun.
Ich erkannte sie sofort.
Nadine klickte auf Fotos.
Familienfeiern.
Geburtstage.
Ein Rentnerausflug an die Nordsee.
Dann ein Album.
„Unvergessen.“
Mein Herz schlug so hart, dass mir übel wurde.
Das erste Bild war ein altes Familienfoto.
Eine jüngere Karin, vielleicht Anfang vierzig. Neben ihr ein Mann mit Schnurrbart. Ein Mädchen von etwa zehn Jahren mit langen dunklen Haaren. Und vorne ein kleines Mädchen mit Zahnlücke.
Mein Gesicht.
Darunter stand:
„Unsere Julia. Seit dem 14. Juni 1999 vermisst. Wir hören nicht auf zu hoffen.“
Ich schlug die Hand vor den Mund.
Nadine fluchte leise.
Nicht laut.
Nur dieses eine Wort, das man sagt, wenn etwas so schlimm ist, dass keine Erziehung mehr hilft.
„Du musst sie treffen“, sagte sie.
Ich nickte.
Aber mein Körper wollte nicht.
Mein Körper wollte ins Bett, unter die Decke, zurück in die Geschichte vom Kellerbrand, vom Fahrradsturz, von Helga und Manfred, die meine einzigen Eltern waren.
Doch manche Wahrheiten stehen nicht vor der Tür und bitten höflich.
Sie treten ein.
Mit nassen Schuhen.
Am Donnerstag traf ich Karin Bergmann in einem kleinen Café in Deutz.
Kein schickes Café.
Eines mit braunen Holztischen, Apfelkuchen in einer Glasvitrine und einer Bedienung, die jeden Gast duzte, wenn er alt genug aussah.
Karin kam mit einer großen Stofftasche.
Sie setzte sich mir gegenüber, langsam, vorsichtig.
Als hätte sie Angst, ich könnte aufspringen und wieder wegrennen.
„Danke, dass Sie gekommen sind“, sagte sie.
Ich nickte.
Ich wusste nicht, ob ich sie duzen sollte.
Ob ich sie Schwester nennen sollte.
Ob ich überhaupt sprechen konnte.
Sie legte einen Ordner auf den Tisch.
Blau.
Abgegriffen.
An den Ecken geknickt.
„Ich habe ihn all die Jahre behalten.“
Sie öffnete ihn.
Zeitungsausschnitte.
Suchplakate.
Polizeibriefe.
Fotos.
Ein ganzes Kinderleben, abgeheftet wie ein Beweisstück gegen die Zeit.
„Julia Marie Bergmann“, las ich.
Geboren am 3. Februar 1993 in Köln.
Vermisst seit 14. Juni 1999.
Zuletzt gesehen im Innenhof eines Mehrfamilienhauses in Köln-Nippes.
Braunes Haar.
Grüne Augen.
Narbe über rechter Augenbraue.
Muttermal auf linker Schulter in Form einer Mondsichel.
Linkshänderin.
Ich sah auf meine linke Hand, die um die Kaffeetasse geschlossen war.
Meine Mutter hatte früher immer gesagt, Linkshänder seien besonders kreativ.
Sie hatte gelacht, wenn ich mit der linken Hand schrieb.
War das auch nur etwas, das sie später gelernt hatte?
Karin blätterte weiter.
„Das war dein erster Schultag.“
Ein Foto von mir mit einer viel zu großen Schultüte.
„Du wolltest unbedingt die mit den Sonnenblumen, nicht mit den Pferden, obwohl alle anderen Mädchen Pferde wollten.“
Ich starrte auf das Bild.
Irgendwo tief in mir bewegte sich etwas.
Sonnenblumen.
Gelb.
Papier, das raschelte.
Ein Rucksack, der an meinen Schultern zog.
Aber es war kein richtiges Bild im Kopf.
Eher ein Geräusch hinter einer Wand.
„Das hier war drei Tage vor deinem Verschwinden.“
Ein Polaroid.
Das kleine Mädchen saß am Küchentisch, mit Milchbart und einer Schüssel Müsli vor sich.
Auf dem Tisch lag ein Stoffelefant.
Grau.
Ausgeblichen.
Mit einem blauen Flicken am Ohr.
Karin griff in ihre Tasche.
Und holte genau diesen Elefanten heraus.
Mein Atem stockte.
„Du hast ihn Emil genannt“, sagte sie. „Nicht Elefant. Emil. Du hast gesagt, er sei ein alter Herr und müsse immer mit.“
Der Stoff war dünn geworden.
Ein Auge war locker.
Der blaue Flicken am Ohr war schief angenäht.
Ich streckte die Hand aus, ohne es zu wollen.
Meine Finger berührten den Elefanten.
Und plötzlich war da ein Geruch.
Nicht wirklich.
Aber doch.
Waschmittel.
Staub.
Kinderhaut.
Sonne auf einem Kopfkissen.
Ich zog die Hand zurück, als hätte ich mich verbrannt.
„Ich erinnere mich nicht“, flüsterte ich.
Karin nickte.
„Du warst sieben. Und was danach passiert ist… Kinder vergessen manchmal, um zu überleben.“
„Was ist passiert?“
Sie sah aus dem Fenster.
Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei. Die Scheiben zitterten leicht.
„Du hast im Innenhof gespielt. Mit Kreide. Ich war damals schon nicht mehr zu Hause, ich war verheiratet, aber ich kam jeden Dienstag vorbei, um auf dich aufzupassen, wenn Mama zur Spätschicht musste.“
Ihre Stimme wurde rau.
„An dem Tag klingelte oben das Telefon. Festnetz. Damals rannte man noch, wenn es klingelte. Ich dachte, ich bin nur zwei Minuten weg.“
Sie presste die Lippen aufeinander.
„Als ich zurückkam, war die Hoftür offen. Deine Kreide lag auf dem Boden. Und du warst weg.“
Ich sah die Kreide vor mir.
Blau.
Vielleicht bildete ich es mir ein.
Vielleicht nahm mein Kopf die Geschichte und malte Bilder dazu.
„Die Polizei suchte überall“, sagte Karin. „Keller. Garagen. Bahnhöfe. Spielplätze. Rheinwiesen. Plakate hingen in jeder Bäckerei, in jeder Sparkasse, an jeder Laterne. Damals teilte man so etwas noch nicht im Internet. Man klebte es mit Tesafilm an Scheiben und hoffte, dass jemand stehen bleibt.“
Ihre Augen füllten sich.
„Unsere Mutter ist daran zerbrochen.“
„Unsere Mutter?“
Das Wort kam hart aus mir heraus.
Unsere.
Karin nahm es nicht zurück.
„Sie hieß Erika. Sie hat dich jeden Abend am Fenster erwartet. Wirklich jeden Abend. Auch im Winter. Auch als sie kaum noch laufen konnte. Sie starb 2012. Auf ihrem Nachttisch lag dein Foto.“
Ich schluckte.
Mir war kalt.
„Und Ihr Vater?“
„Unser Vater starb zwei Jahre danach. Herz. Aber eigentlich…“ Sie machte eine kleine Bewegung mit der Hand. „Eigentlich war sein Herz schon viel früher kaputt.“
Ich wollte Mitleid empfinden.
Aber da war auch Wut.
Nicht auf Karin.
Nicht auf diese fremden Toten.
Sondern auf die Zumutung, plötzlich traurig sein zu müssen um Menschen, die ich nicht kannte und die vielleicht doch meine Eltern gewesen waren.
„Das beweist alles nichts“, sagte ich.
Karin nickte wieder.
„Nein. Darum habe ich das hier.“
Sie legte ein kleines Kästchen auf den Tisch.
Ein DNA-Test.
So modern.
So kalt.
Ein Wattestäbchen.
Ein Röhrchen.
Ein Umschlag.
Manchmal hängt ein ganzes Leben an etwas, das aussieht wie ein Zubehörteil aus der Drogerie.
„Ich habe meine Probe schon abgegeben“, sagte Karin. „Wenn du bereit bist…“
„Und wenn ich es nicht bin?“
„Dann gehe ich trotzdem nicht mehr in mein altes Leben zurück“, sagte sie leise. „Weil ich dich gesehen habe.“
Ich sah sie lange an.
In ihrem Gesicht war keine Forderung.
Nur diese furchtbare Hoffnung.
Eine Hoffnung, die schon so lange gelebt hatte, dass sie fast wie Schmerz aussah.
Ich nahm das Stäbchen.
Zehn Tage später kam das Ergebnis.
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