Hartmut löste die Kette vorsichtig von ihrem Hals.
Und dann geschah etwas so Einfaches, dass ich es trotzdem nie vergessen werde.
Sie legte sich hin.
Sofort.
Nicht zum Wasser.
Nicht zur leeren Futterschüssel.
Sie versuchte nicht wegzulaufen.
Sie machte keinen Schritt.
Sie ließ sich einfach auf die Seite sinken.
Ganz flach.
Mit ausgestreckten Beinen.
Ihr großer Bauch lag endlich vollständig auf dem Boden.
Dann stieß sie einen langen Laut aus.
Kein Wimmern.
Eher ein tiefes, zitterndes Seufzen.
Ein Laut purer Erleichterung.
Als hätte ihr Körper seit Tagen auf genau diesen Moment gewartet.
Hartmut stand neben mir.
Er sagte nichts.
Ich sah zu ihm hoch.
Der Mann hatte in mehr als zwanzig Berufsjahren verletzte Tiere, schwere Unfälle und Dinge gesehen, über die er kaum sprach.
Jetzt drehte er sich einfach weg.
Er sah eine Weile zwischen die Bäume.
Ich tat so, als würde ich es nicht bemerken.
Wir legten die Decke neben die Hündin.
Doch sie wollte zunächst nicht aufstehen.
Ich konnte ihr das nicht verdenken.
Wir gaben ihr noch etwas Wasser.
Dann holte Hartmut ein wenig leichtes Futter aus dem Fahrzeug, das wir für verletzte Fundtiere dabeihatten.
Sie fraß langsam.
Nach wenigen Bissen hörte sie plötzlich auf.
Ihr ganzer Körper spannte sich an.
Ich dachte zuerst, sie hätte Schmerzen vom Fressen.
Dann hob sie den Kopf.
Ihre Atmung wurde schneller.
Hartmut kniete sich neben mich.
„Erik.“
„Was?“
Er deutete auf ihren Bauch.
„Schau.“
Die Muskulatur zog sich sichtbar zusammen.
Dann entspannte sie sich wieder.
Ich sah ihn an.
Er sah mich an.
Keiner von uns musste etwas sagen.
Noch einmal spannte sich ihr Bauch an.
Diesmal länger.
Die Hündin begann zu hecheln.
„Verdammt“, sagte Hartmut.
Er griff nach seinem Funkgerät.
Wir wollten sie eigentlich so schnell wie möglich zu einer Tierarztpraxis bringen.
Doch plötzlich war nicht mehr klar, ob wir dafür überhaupt noch Zeit hatten.
Die Hündin versuchte aufzustehen.
Ihre Beine zitterten.
Sie drehte sich zweimal unbeholfen im Kreis und legte sich wieder hin.
Dann leckte sie nervös ihre Vorderpfoten.
„Die Geburt beginnt“, sagte Hartmut.
Ich hatte schon Hunde gesehen, die kurz vor dem Werfen standen.
Aber noch nie unter solchen Umständen.
Nicht nach Tagen an einer Kette.
Nicht halb verdurstet.
Nicht mitten im Wald.
Und ganz sicher nicht direkt nach einer Rettung.
Wir breiteten die Decke unter ihr aus, so gut es ging.
Hartmut versuchte über Funk Hilfe zu organisieren.
Ich blieb bei ihrem Kopf.
„Du machst das gut“, sagte ich.
Vielleicht sagte ich es auch mehr zu mir selbst.
Die Hündin sah mich an.
Ihre Augen waren jetzt wacher.
Immer noch erschöpft.
Aber da war etwas anderes darin.
Unruhe.
Instinkt.
Sie wusste offenbar genau, was mit ihr geschah.
Eine weitere Wehe kam.
Sie spannte den ganzen Körper an.
Ich legte eine Hand neben ihren Kopf.
Sie schob ihre Schnauze dagegen.
Wieder dieses Vertrauen.
Ich werde diesen Gedanken nie vergessen:
Dieses Tier hatte allen Grund, Menschen zu fürchten.
Und trotzdem suchte sie in diesem Moment meine Nähe.
Hartmut kam zurück.
„Die Praxis weiß Bescheid. Jemand ist unterwegs.“
„Wie lange?“
Er schüttelte nur den Kopf.
Zu lange.
Wir sahen beide zur Hündin.
Noch eine Wehe.
Dann noch eine.
Sie begann leise zu winseln.
Ich fühlte mich hilflos.
Im Dienst lernt man vieles.
Man lernt, ruhig zu bleiben.
Man lernt, Situationen einzuschätzen.
Man lernt, Verletzte zu versorgen, bis Hilfe kommt.
Aber niemand hatte mich darauf vorbereitet, mitten im Wald neben einer halb verhungerten Hündin zu knien, während sie ihre Welpen zur Welt brachte.
„Wir brauchen einen Namen für sie“, sagte Hartmut plötzlich.
Ich starrte ihn an.
„Jetzt?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Ich will sie nicht ständig nur Hündin nennen.“
Ich sah auf das durchgescheuerte Halsband.
Auf die kaputte Kette daneben.
Dann auf den Baum, an den sie gebunden gewesen war.
„Frei“, sagte ich.
Hartmut verzog das Gesicht.
„Klingt nicht wie ein Hundename.“
Trotz allem musste ich kurz lachen.
Es war das erste Mal an diesem Tag.
„Dann Minna.“
Hartmut nickte.
„Minna passt.“
Als hätte sie ihren neuen Namen gehört, hob sie den Kopf.
„Minna“, sagte ich.
Ihr Schwanz bewegte sich einmal.
Nur einmal.
Hartmut sah mich an.
„Dann ist das beschlossen.“
Kurz danach begann die nächste starke Wehe.
Diesmal war alles anders.
Minna zog die Beine an.
Sie begann zu pressen.
Hartmut kniete sofort neben ihr.
„Jetzt geht es los.“
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
Minuten zuvor hatte sie noch mit einer Kette um den Hals an einem Baum gelegen.
Jetzt lag das durchtrennte Metall keine zwei Meter entfernt.
Und Minna brachte ihr erstes Junges zur Welt.
Ein winziger, nasser Körper erschien.
Für einen Augenblick bewegte er sich nicht.
Ich hielt unwillkürlich den Atem an.
Hartmut ebenfalls.
Minna drehte sich sofort um.
All ihre Erschöpfung schien für diesen Moment verschwunden.
Sie begann das Kleine abzulecken.
Einmal.
Noch einmal.
Dann bewegte sich der Welpe.
Ein winziges Geräusch.
Hartmut ließ hörbar die Luft aus seinen Lungen.
„Da bist du ja.“
Minna leckte weiter.
Der kleine Körper begann kräftiger zu zucken.
Lebendig.
Ich saß dort und starrte ihn an.
Ein Leben.
Mitten auf einer Decke im Wald.
Neben einer kaputten Kette.
Aber Minna war noch nicht fertig.
Ihr Bauch war noch immer groß.
Sehr groß.
Und wir konnten nicht wissen, wie viele Welpen sie trug.
Der zweite kam kurze Zeit später.
Dann der dritte.
Jeder einzelne Moment fühlte sich an wie eine kleine Prüfung.
Atmete er?
Bewegte er sich?
Kümmerte Minna sich?
Hatte sie noch genug Kraft?
Sie hatte.
Immer wieder.
Obwohl ihr Körper völlig erschöpft sein musste, kümmerte sie sich sofort um jedes Junge.
Hartmut und ich halfen nur dort, wo es nötig war.
Ansonsten ließen wir sie machen.
„Vier“, sagte ich irgendwann.
Hartmut nickte.
„Vier.“
Minna hechelte schwer.
Ihr Kopf sank kurz auf die Decke.
Ich strich ihr vorsichtig über die Stirn.
„Du kannst das.“
Eine weitere Wehe kam.
Nummer fünf.
Dann sechs.
Als der sechste kleine Körper neben seiner Mutter lag, glaubte ich für einen Moment, es wäre vorbei.
Hartmut ebenfalls.
Minna lag erschöpft auf der Seite, sechs winzige Welpen an ihrem Bauch.
Sechs.
Nach allem, was ihr passiert war.
Sechs lebende Welpen.
Ich spürte einen Kloß im Hals.
„Das reicht, Mädchen“, sagte Hartmut leise. „Jetzt darfst du wirklich schlafen.“
Doch Minna hob plötzlich den Kopf.
Ihr Körper spannte sich erneut an.
Hartmut sah auf ihren Bauch.
Dann auf mich.
„Noch einer.“
Die nächste Wehe war stärker als die vorherigen.
Minna winselte laut.
Ich nahm ihren Kopf vorsichtig zwischen meine Hände.
„Komm schon, Minna.“
Sie presste.
Dann sackte sie erschöpft zurück.
Nichts.
Hartmuts Gesicht wurde ernst.
Noch eine Wehe.
Wieder nichts.
Die sechs Welpen lagen eng an ihrer Mutter.
Aber irgendwo in Minnas Bauch war noch ein siebtes Junges.
Und zum ersten Mal seit wir die Kette durchtrennt hatten, sah ich echte Angst in Hartmuts Augen.
Denn plötzlich ging es nicht mehr nur darum, dass wir sie gefunden hatten.
Es ging darum, ob wir sie rechtzeitig gefunden hatten.






