Ich verlor nach 23 Jahren meinen Dienst, weil ich an Heiligabend einem fremden Mann eine Rücklichtbirne schenkte. Was er später für mich tat, vergesse ich nie.
„Sie wollen mir ernsthaft erzählen, dass Sie dafür Ihren Dienst aufs Spiel gesetzt haben?“
Der Revierleiter stand hinter seinem Schreibtisch und hielt das ausgedruckte Foto hoch, als hätte ich darauf gerade eine Bank überfallen.
Darauf war nur zu sehen, wie ich neben einem alten grauen Transporter kniete und eine Rückleuchte wechselte.
Ich kannte dieses Foto.
Es war drei Tage zuvor entstanden, am 24. Dezember, kurz vor elf Uhr nachts.
„Der Mann konnte so nicht weiterfahren“, sagte ich. „Also habe ich das Problem behoben.“
Revierleiter Bergmann schlug das Blatt auf den Tisch.
„Sie haben Material des Landes verschenkt.“
„Eine Glühbirne.“
„Es geht nicht um den Wert.“
Ich war damals 52 und seit 23 Jahren Polizist.
Ich hatte Betrunkene aus Autos gezogen, Familien nach Unfällen benachrichtigt und einmal zwei Stunden auf einer Brücke mit einem jungen Mann gesprochen, bis er endlich wieder über das Geländer zurückgeklettert war.
Aber an diesem Abend ging es um eine Glühbirne.
Und um einen Mann namens Harald Mertens.
Harald war 57, Schweißer und Schlosser, fast zwei Meter groß und so breit, dass er in seiner alten Arbeitsjacke wie ein Schrank auf Beinen wirkte.
Grauer Stoppelbart. Hände wie Schraubstöcke. Eine tiefe Stimme.
Auf dem Revier kannte man ihn.
Nicht weil er ein Schwerverbrecher gewesen wäre.
Harald gehörte zu einer Gruppe ehemaliger Stahl- und Hafenarbeiter, die sich selbst „die alte Schicht“ nannten. Männer, die seit Jahrzehnten miteinander arbeiteten, Skat spielten, sich beim Renovieren halfen und gelegentlich auch einmal dort standen, wo Ärger war.
Einige hatten Vorstrafen wegen Schlägereien oder kleinerer Delikte.
Deshalb hatte Bergmann eine einfache Meinung über sie.
„Mit denen gibt es keine Ausnahmen.“
Am Heiligabend war Harald mir aufgefallen, weil an seinem alten Transporter hinten links überhaupt kein Licht mehr brannte.
Ich gab ihm das Signal zum Anhalten.
Als ich auf seine Fahrertür zuging, sah ich zuerst die ölverschmierte Jacke. Dann die vernarbten Hände auf dem Lenkrad.
„Führerschein und Fahrzeugpapiere.“
„Natürlich.“
Er bewegte sich langsam.
Nicht ängstlich. Eher vorsichtig.
Auf dem Beifahrersitz standen eine Thermoskanne und eine zerbeulte Brotdose. Auf dem Armaturenbrett klebte ein mit Filzstiften bemaltes Blatt.
Ein Mädchen hatte darauf einen riesigen Mann mit viel zu langen Armen gemalt.
Darüber stand:
„Opa Harry ist der Stärkste.“
Ich deutete nach hinten.
„Ihr Rücklicht ist ausgefallen.“
Harald schloss für einen Moment die Augen.
„Verdammt.“
„So können Sie nicht weiterfahren.“
Da veränderte sich sein Gesicht.
Dieser riesige Mann, vor dem vermutlich manche Leute freiwillig die Straßenseite gewechselt hätten, sah plötzlich aus wie jemand, dem man den Boden unter den Füßen weggezogen hatte.
„Herr Wachtmeister … ich muss nach Hause.“
„Das müssen heute viele.“
„Meine Tochter wartet auf mich.“
Er schluckte.
„Und meine Enkelin.“
Ich hätte eine Verwarnung aussprechen und ihm die Weiterfahrt untersagen können, bis das Licht repariert war.
Um diese Uhrzeit an Heiligabend hätte er kaum noch eine Werkstatt gefunden.
„Wo kommen Sie her?“
„Spätschicht. Zwölf Stunden.“
Er zeigte auf seine Hände.
„Maschinenschaden. Zwei Kollegen krank. Sie kennen das wahrscheinlich. Einer fehlt, und die anderen machen weiter.“
Ja.
Das kannte ich.
Meine eigene Tochter hatte mir früher Bilder gemalt, wenn ich Weihnachten Nachtdienst hatte.
Einmal hatte sie geschrieben: „Papa, komm wenigstens zum Nachtisch.“
Ich war erst nach Mitternacht nach Hause gekommen.
Sie hatte auf dem Sofa geschlafen.
Das vergisst man nicht.
„Öffnen Sie mal hinten.“
Harald runzelte die Stirn.
„Warum?“
„Machen Sie einfach.“
Ich holte aus unserem Streifenwagen eine Ersatzbirne. Wir hatten ein kleines Set für unsere eigenen Fahrzeuge dabei.
Fünf Minuten später funktionierte sein Rücklicht wieder.
Harald starrte mich an.
„Was schulde ich Ihnen?“
„Nichts.“
„Das kann ich nicht annehmen.“
„Dann fahren Sie vorsichtig und verbringen Sie Weihnachten mit Ihrer Familie.“
Er sah mich lange an.
Dann streckte er seine riesige Hand aus.
„Das vergesse ich Ihnen nicht.“
„Frohe Weihnachten, Herr Mertens.“
Ich dachte, damit sei die Sache erledigt.
Ich irrte mich.
Eine Kamera an einer Tankstelle hatte die Kontrolle aufgenommen. Irgendjemand meldete Bergmann, dass ich einem bekannten Mitglied der „alten Schicht“ geholfen hatte.
Für meinen Revierleiter war das der perfekte Anlass.
Wir hatten seit Monaten Streit.
Ich hatte mehrfach hinterfragt, warum bestimmte Ermittlungen gegen eine Spedition und mehrere Lagerhallen immer wieder plötzlich eingestellt wurden, während bei Kleinigkeiten im Umfeld der alten Arbeitertruppe mit erstaunlichem Aufwand kontrolliert wurde.
Bergmann mochte keine Fragen.
Jetzt hatte er etwas gegen mich in der Hand.
Offiziell ging es um die unerlaubte Verwendung von Dienstmaterial und einen Verstoß gegen interne Anweisungen.
Inoffiziell sagte er mir im Büro:
„Vielleicht lernen Sie endlich, dass Sie nicht entscheiden, wer hier Freund und wer Feind ist.“
„Das entscheide ich auch nicht.“
„Offensichtlich doch.“
„Ich habe einem Mann geholfen, sicher nach Hause zu kommen.“
„Sie haben eine Anweisung missachtet.“
Zunächst wurde ich vom Dienst suspendiert.
Dann begann ein Disziplinarverfahren.
Plötzlich tauchten alte Beschwerden auf, die längst erledigt gewesen waren. Aussagen wurden aus dem Zusammenhang gezogen. Kollegen, mit denen ich jahrelang Kaffee getrunken hatte, wechselten die Straßenseite, wenn sie mich sahen.
Meine Frau Claudia versuchte, mich aufzubauen.
„Du hast nichts Unrechtes getan.“
Aber nachts lag ich wach.
Unser Haus war noch nicht abbezahlt. Unsere Tochter hatte selbst zwei Kinder. Ich hatte geglaubt, noch einige Jahre Dienst vor mir zu haben.
Und plötzlich war ich der Mann, über den hinter vorgehaltener Hand geredet wurde.
Nach 23 Jahren.
Wegen einer Glühbirne.
Eines Abends saß ich allein in einer kleinen Gaststätte nahe des alten Güterbahnhofs.
Vor mir stand ein Bier, das längst schal geworden war.
Da ging die Tür auf.
Harald Mertens kam herein.
Hinter ihm standen sechs Männer.
Arbeitshosen. Grobe Jacken. Einer hatte noch schwarzen Schmierstoff unter den Fingernägeln.
Ich richtete mich automatisch auf.
Harald bemerkte es.
„Keine Sorge“, sagte er. „Wir wollen keinen Ärger.“
„Den habe ich schon.“
„Deshalb sind wir hier.“
Er setzte sich mir gegenüber.
„Wir haben gehört, was passiert ist.“
„Dann wissen Sie auch, dass ich gerade wirklich keine Gesellschaft brauche.“
Harald nickte.
„Verstehe ich.“
Er legte einen dicken Ordner auf den Tisch.
„Aber vielleicht brauchen Sie das hier.“
Ich öffnete ihn.
Oben lag eine Liste mit Namen.
„Was ist das?“
„Leute, die Sie in den letzten zwanzig Jahren kontrolliert, angezeigt oder festgenommen haben.“
Ich musste beinahe lachen.
„Das soll mir helfen?“
„Lesen Sie.“
Neben jedem Namen stand eine kurze Erklärung.
„Sachbeschädigung. 2008.“
„Körperverletzung. 2011.“
„Fahren ohne Fahrerlaubnis. 2013.“
Harald tippte auf die Liste.
„Sie haben mich selbst zweimal mitgenommen.“
„Ich erinnere mich.“
„Und trotzdem bin ich hier.“
Er lehnte sich zurück.
„Wissen Sie warum?“
Ich sagte nichts.
„Weil Sie uns nie behandelt haben wie Dreck.“
Der älteste Mann am Tisch meldete sich.
Dieter. Ehemaliger Kranführer. Ende sechzig.
„Als mein Sohn Mist gebaut hat, haben Sie ihn angezeigt“, sagte er. „Zu Recht. Aber danach haben Sie mir erklärt, wo ich Hilfe für ihn bekomme.“
Ein anderer sagte:
„Bei mir haben Sie nachts meine Frau angerufen, statt mich betrunken nach Hause laufen zu lassen.“
Harald blätterte weiter.
„Fast jeder hier hat eine Geschichte mit Ihnen.“
„Und?“
„Und keiner behauptet, Sie wären weich gewesen.“
Er sah mich direkt an.
„Sie waren nur fair.“
Dann nahm er einen zweiten Ordner heraus.
Seine Stimme wurde leiser.
„Und jetzt müssen wir Ihnen etwas zeigen.“
Darin waren Fotos von Bergmann.
Aufnahmen an einer Lagerhalle am Binnenhafen.
Treffen mit Männern, gegen die wir wegen Hehlerei und groß angelegter Warenverschiebungen ermittelt hatten.
Kennzeichen.
Daten.
Kopien von Lieferscheinen.
„Woher haben Sie das?“
„Zwanzig Jahre Schichtarbeit“, sagte Harald. „Man kennt Leute.“
„Warum haben Sie das nie gemeldet?“
Er lachte bitter.
„Bei wem?“
Dann wurde er ernst.
„Bei Bergmann?“
Ich sah wieder auf die Bilder.
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