Er bot mir zitternd seine wertvollsten Spielkarten an, nur damit ich ihn endlich sterben lasse

„Er hielt mir mit zitternden Händen seine wertvollsten Spielkarten hin und flüsterte: ‚Die sind 500 Euro wert. Bitte, nimm sie und pass auf, dass ich nie wieder aufwache.’“

„Weißt du, wie viele man davon braucht?“

Die Stimme war so leise, dass sie fast im Summen der Neonröhren des Parkhauses unterging.

Ich blieb wie angewurzelt stehen. Vor mir, hinter einer grauen Betonsäule, kauerte ein Kind. Er hielt eine Dose Schlaftabletten in der Hand, als wäre es der kostbarste Schatz der Welt.

„Ich wiege nur noch zwanzig Kilo“, sagte er und sah mich an. Seine Augen waren riesig in dem eingefallenen Gesicht. „Ich habe es ausgerechnet, aber ich bin mir nicht sicher. Ich will nichts falsch machen.“

Ich hatte eigentlich nur nachsehen wollen, ob hier ein Obdachloser Schutz vor der Kälte sucht. Stattdessen fand ich einen kleinen Jungen, der plante, aus dem Leben zu gehen.

Er trug einen Schlafanzug mit Dinosaurier-Muster, der viel zu groß an seinem dünnen Körper hing. Sein Kopf war kahl. Die Haut so blass wie das Krankenhausbändchen an seinem Handgelenk.

Er musterte mich. Meine alte Lederjacke, die vom Hafenöl fleckig war. Die verblassten Anker-Tattoos auf meinen Händen. Mein Gesicht, das aussah wie eine zerklüftete Felswand.

Jedes andere Kind wäre vor einem Kerl wie mir weggelaufen. Aber er? Er atmete erleichtert aus.

„Du siehst aus wie jemand, der den Tod kennt“, flüsterte er. „In Filmen haben Leute wie du keine Angst davor.“

Dann griff er in seine Tasche und zog einen Gefrierbeutel voller bunter Karten heraus. Seine Hände zitterten so stark, dass die Karten im Plastik raschelten.

„Das sind ‚Monster-Legenden‘. Mein Papa hat im Internet geschaut. Die sind sicher fünfhundert Euro wert“, sagte er hastig, als hätte er Angst, ich würde einfach weitergehen. „Wenn ich sie dir gebe… hilfst du mir dann? Ich kann die Behandlung nicht mehr machen. Ich kann einfach nicht mehr.“

Mein Name ist Hannes. Ich bin achtundsechzig Jahre alt. Ich habe vierzig Jahre im Hamburger Hafen gearbeitet. Ich habe Männer unter Containern sterben sehen. Ich habe Stürme auf der Nordsee überlebt, bei denen wir dachten, der Herrgott hätte uns vergessen.

Aber noch nie in meinem Leben habe ich mich so hilflos gefühlt wie in diesem Moment.

Es war Mitternacht. Ich war hier, weil mein Bruder im Sterben lag. Lungenkrebs. Ich war nur rausgegangen, um eine zu rauchen. Die Ironie des Schicksals.

Ich ging langsam in die Hocke. Meine Knie knackten laut in der Stille.

„Wie heißt du, Jungchen?“

„Lukas.“

Er zählte die Tabletten weiter in seine kleine, offene Handfläche. „Dreiundzwanzig, vierundzwanzig…“

„Lukas“, sagte ich sanft. „Pack das weg.“

Er zuckte zusammen. Die weißen Pillen kullerten über den schmutzigen Betonboden. Sofort schossen ihm Tränen in die Augen. Er krabbelte panisch hinterher.

„Nein, nein! Bitte sag es niemandem!“, schluchzte er. „Du kriegst alles. Meine Karten. Meinen MP3-Player. Bitte!“

Ich setzte mich direkt auf den kalten Boden. Der Beton sog sofort die Kälte in meine alten Knochen, aber das war mir egal.

„Ich verrate dich nicht, Lukas. Aber sag mir, warum du hier sitzt.“

Er ließ die Schultern hängen. Er sah so unfassbar müde aus.

„Die Leukämie ist wieder da. Zum dritten Mal.“

Die Worte hingen in der Luft wie Blei.

„Sie wollen noch eine Stammzellentransplantation machen“, fuhr er fort, und seine Stimme brach. „Die letzte… die letzte hat mich fast umgebracht. Vier Monate Isolation. Ich konnte nicht essen. Ich habe Blut gespuckt. Jeden Tag. Und es hat nichts gebracht.“

„Wo ist deine Mama?“

„Sie schläft auf dem Klappstuhl in meinem Zimmer. Sie war seit zwei Wochen nicht mehr draußen. Papa arbeitet Doppelschichten im Lager, damit wir die Rechnungen bezahlen können, die die Kasse nicht voll übernimmt. Ich habe ihn seit fünf Tagen nicht gesehen.“

„Und du denkst, das hier…“, ich nickte zu den verstreuten Pillen, „…ist die Lösung?“

Er sah mich direkt an. Ein Blick, der viel zu alt war für einen Elfjährigen.

„Der Arzt hat es Mama auf dem Flur gesagt. Sie dachten, ich schlafe. Zwanzig Prozent Chance, dass es klappt. Zwanzig Prozent Chance, dass ich noch sechs Monate lebe. Aber diese sechs Monate werden die Hölle. Ich war schon in der Hölle, Hannes. Ich will da nicht mehr hin.“

Es brach mir das Herz. Nicht nur das, was er sagte, sondern wie nüchtern er es sagte.

Er schob mir den Beutel mit den Karten hin. „Nimm sie. Da ist der ‚Rote Drache‘ dabei. Erste Auflage. Der ist selten. Du kannst ihn verkaufen.“

Ich schob den Beutel sanft zurück. „Ich will deine Karten nicht.“

„Was willst du dann? Ich habe kein Geld. Ich bin nur eine Belastung.“

Da war es. Das Wort, das kein Kind jemals fühlen sollte.

„Eine Belastung?“, fragte ich rau.

„Ich koste mehr als unser Haus wert ist. Papas Chef hat ihm gesagt, er soll ‚der Natur ihren Lauf lassen‘, damit er nicht noch mehr fehlt. Mama hat seit zwei Jahren nicht mehr richtig gelächelt. Meine kleine Schwester muss bei Oma wohnen, weil Mama keine Kraft für uns beide hat. Sie erinnert sich gar nicht mehr an mich, wie ich gesund war. Nur an den kranken Bruder, der alles kaputt macht.“

„Das stimmt ni-“

„Doch! Es ist wahr!“, schrie er fast, und seine Stimme hallte von den Wänden wider. „Ich habe sie streiten hören. Sie sind am Ende. Wegen mir. Wenn ich weg bin, können sie wieder leben. Dann hört das Weinen auf.“

Er griff wieder nach den Tabletten.

„Lukas. Hör mir zu.“

Er hielt inne.

„Ich habe im Hafen gearbeitet. Glaub mir, ich habe den Tod gesehen. Und er verfolgt mich jeden Tag.“

„Aber du hast keine Schmerzen wie ich.“

„Körperlich? Vielleicht nicht so wie du. Aber Löcher in der Seele tun auch weh.“

Er schniefte. „Ich will doch nur, dass es aufhört.“

„Ich weiß. Du willst nicht sterben, Lukas. Du willst, dass der Schmerz aufhört. Das ist ein gewaltiger Unterschied.“

„Was ist der Unterschied, wenn das Ergebnis das Gleiche ist?“

Verdammt. Er war schlau. Zu schlau.

„Darf ich dir eine Geschichte erzählen?“

Er zuckte mit den Schultern, aber er legte die Tabletten nicht weg.

„Vor vierzig Jahren riss ein Stahlseil im Hafen. Es peitschte zurück. Ich stand daneben. Zwei meiner besten Freunde waren sofort tot. Ich überlebte, aber mein Bein war Trümmer. Und mein Kopf… mein Kopf war voller Schuld.“

Lukas sah auf mein Bein. Ich klopfte darauf.

„Jeden Tag Schmerzen. Jede Nacht Alpträume. Ich wollte auch nicht mehr. Ich saß am Kai, starrte ins dunkle Wasser der Elbe. Es wäre so leicht gewesen, einfach reinzurutschen.“

„Hast du es versucht?“

„Fast. Ich war bereit. Ich dachte, ich tue meiner Frau einen Gefallen. Ein Krüppel weniger, um den sie sich kümmern muss.“

„Warum hast du es nicht getan?“

„Weil ein alter Kollege sich neben mich setzte. Er sagte kein Wort. Er gab mir nur ein halbes Fischbrötchen und blieb sitzen. Er zeigte mir, dass ich nicht allein bin.“

Ich rutschte näher an ihn heran.

„Und weißt du was, Lukas? Ich bin froh, dass ich nicht gesprungen bin.“

„Warum?“

„Weil ich sonst 40 Jahre Leben verpasst hätte. Ich hätte nicht gesehen, wie mein Sohn laufen lernt. Ich hätte nicht erlebt, wie er seinen Abschluss macht. Ich hätte meine Enkelin nie im Arm gehalten. Ja, es gab Schmerzen. Immer. Aber es gab auch Freude.“

„Ich habe keine Freude mehr“, sagte Lukas leise.

„Erzähl mir von den Karten. Von diesem Drachen.“

Er sah verwirrt aus. „Was?“

„Ich habe keine Ahnung davon. Erzähl mir, warum dieser Drache so besonders ist.“

Zögernd nahm er die Karte aus der Schutzhülle. Und dann passierte etwas Wunderbares. Während er mir erklärte, was Angriffspunkte und Verteidigungswerte sind, veränderte sich sein Gesicht.

Für einen Moment war er kein Krebspatient. Er war kein sterbendes Kind. Er war ein Junge, der sein Lieblingsspiel erklärte. Seine Augen leuchteten.

„Ich war der Beste in der Schule“, sagte er stolz. „Ich wollte zum Turnier nach Berlin.“

„Siehst du das?“, fragte ich.

„Was?“

„Dieses Leuchten in deinen Augen. Das ist Freude. Sie ist noch da. Sie ist nur vergraben unter all dem Mist.“

Er sah auf die Karte in seiner Hand. „Der Drache ist stark. Er gibt niemals auf, auch wenn er fast keine Energie mehr hat.“

„Wie du.“

„Nein. Ich gebe auf. Ich sitze hier mit Tabletten.“

„Noch hast du sie nicht geschluckt. Du sitzt hier und erklärst einem alten Knacker ein Kartenspiel.“

Er musste fast lächeln.

„Lukas, ich mache dir einen Vorschlag.“

Er sah mich misstrauisch an. „Was für einen?“

„Wir machen einen Deal. Einen echten Männer-Deal.“

„Was für einen Deal?“

„Du gibst der Transplantation noch eine Chance. Eine einzige. Wenn es nicht klappt, wenn die Ärzte sagen, es ist vorbei… dann reden wir wieder. Aber du kämpfst. Ein letztes Mal.“

„Und was kriege ich dafür?“

„Wenn du es überlebst… dann schuldest du mir was.“

„Was?“

„Du bringst mir dieses Spiel bei. Und wir kämpfen gegeneinander. Du und ich. Der Hafenarbeiter gegen den Champion.“

Er starrte mich an. „Du willst ‚Monster-Legenden‘ lernen?“

„Ich bin Rentner. Ich habe Zeit. Und ich will vom Besten lernen.“

Er schwieg lange. Er sah auf die Tabletten. Dann auf den Drachen. Dann zu mir.

„Und wenn ich bei der Operation sterbe?“

„Dann verspreche ich dir, dass ich an deinem Grab stehe und allen erzähle, dass du der mutigste Junge warst, den ich je getroffen habe. Der Junge, der den Drachen zähmen wollte.“

Eine Träne lief über seine Wange. Aber diesmal war es keine Träne der Verzweiflung.

„Du würdest das wirklich tun? Lernen?“

„Ich kaufe mir morgen mein eigenes Deck. Aber du musst mir helfen, es zusammenzustellen. Ich will keinen Schrott kaufen.“

Lukas atmete tief ein. Es klang rasselnd in seiner Lunge. Er sah auf die Dose in seiner Hand.

Langsam, ganz langsam, schraubte er den Deckel darauf.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen