Das Wort klebte an Jonas wie Straßenschmutz.
Er zog Clara weiter, schneller, bis sie hinter einem geschlossenen Waschsalon standen.
„Bin ich gesucht?“, fragte Clara.
„Ja.“
„Ist Papa böse?“
„Ich glaube, er hat Angst.“
Clara wischte sich mit dem Ärmel über die Nase.
„Ich will heim.“
Da wusste Jonas, was zu tun war.
Nicht ungefähr.
Nicht irgendwann.
Jetzt.
Er brauchte die Adresse.
Im Waschsalon roch es nach feuchter Wäsche und altem Weichspüler. Eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt sortierte Hemden in einen Korb. Sie schaute hoch, als Jonas hereinkam.
„Kein Ärger“, sagte er sofort.
„Das sagen meistens die, die welchen bringen.“
Ihre Stimme war trocken, aber nicht kalt.
Jonas zeigte auf den kleinen Stadtplan an der Wand.
„Ich muss zum Stadtpark West. Und dann zu dem Viertel mit den großen Häusern.“
Die Frau sah Clara.
Dann sah sie Jonas.
Lange.
So lange, dass er schon dachte, sie würde rufen.
Doch sie ging zur Theke, nahm einen alten Werbekugelschreiber und malte eine Linie auf einen Zettel.
„Hier lang. Nicht über die große Kreuzung, da ist Baustelle. Und mit dem Kind gehst du nicht zu Fuß.“
„Wir haben kein Geld.“
Die Frau atmete aus.
Dieses Ausatmen kannte Jonas.
Erwachsene machten es, wenn die Welt ihnen kurz zu schwer wurde.
Sie öffnete ihre Geldbörse und legte zwei Fahrkarten auf die Theke.
„Straßenbahn. Einmal umsteigen. Und wenn dich jemand fragt, sagst du, Frau Kruse hat gesagt, du sollst fahren.“
„Warum?“, fragte Jonas.
„Weil ich auch mal ein Kind verloren habe.“
Mehr sagte sie nicht.
Jonas nahm die Karten.
Aber an der Haltestelle kam alles anders.
Ein Kontrolleur stieg ein, noch bevor die Bahn losfuhr. Jonas sah die Uniformjacke, die ernste Miene, den prüfenden Blick.
Clara klammerte sich an ihn.
„Ich kann nicht“, flüsterte sie.
Jonas stieg wieder aus.
Er konnte ihr nicht erklären, dass Angst manchmal stärker ist als Vernunft.
Also ging er.
Er nahm Clara auf den Rücken, wickelte die Plastiktüte um ihre Füße und lief los.
Elf Kilometer.
Durch Regen, der erst nieselte, dann fiel, dann peitschte.
Vorbei an Garagenhöfen, grauen Wohnblocks, geschlossenen Läden, Vorgärten mit akkurat geschnittenen Hecken.
Menschen sahen aus Fenstern.
Manche schüttelten den Kopf.
Eine Frau sagte: „Das arme Kind.“
Aber keiner fragte Jonas, ob seine Schultern wehtaten.
Keiner fragte, warum ein Junge mit hohlem Gesicht ein blindes Mädchen durch die Stadt trug.
An einer Tankstelle blieb er kurz unter dem Dach stehen.
Clara hob den Kopf.
„Sind wir bald da?“
„Bald.“
„Lügst du?“
Jonas lächelte müde.
„Ein bisschen. Aber mit guter Absicht.“
Sie legte ihre Wange wieder an seinen Rücken.
„Dann ist es okay.“
Beim letzten Hügel zitterten Jonas’ Beine so stark, dass er fast stürzte. Sein rechter Schuh klappte vorne auf wie ein hungriger Mund. Seine Hände waren taub. Sein Atem brannte.
Dann sah er das Tor.
Schwarzes Eisen.
Backsteinpfeiler.
Eine Einfahrt aus hellem Kies.
Dahinter ein großes Haus, warm erleuchtet, mit Fenstern so hoch wie in Kirchen.
Jonas stellte Clara vorsichtig ab, hielt sie aber an den Schultern, damit sie nicht fiel.
Er drückte auf die Klingel.
Einmal.
Zweimal.
Dann kam die Stimme.
„Fass sie nicht an!“
Und jetzt, als das Tor endlich aufging, als eine Frau mit verweintem Gesicht über die Stufen stolperte und ein Mann im dunklen Pullover hinter ihr herlief, wusste Jonas nicht, wohin mit sich.
„Clara!“
Der Mann fiel auf die Knie, mitten in den Regen.
Clara hob den Kopf.
„Papa?“
Er zog sie an sich, als müsste er sie aus einem Abgrund zurückholen.
Die Frau schluchzte so laut, dass Jonas einen Schritt zurückwich.
Ein älterer Hausangestellter stand in der Tür, bleich vor Schreck.
„Sie war bei mir“, sagte Jonas. „Ich hab ihr was zu essen gegeben. Sie ist nur müde.“
Niemand antwortete ihm.
Alle Hände waren bei Clara.
Alle Augen.
Alles Licht.
Jonas kannte diesen Moment.
Der Augenblick, in dem man seine Arbeit getan hatte und wieder überflüssig wurde.
Er hob kurz die Hand, obwohl keiner hinsah.
Dann drehte er sich um und ging.
Zurück in den Regen.
Nach drei Straßen fand er eine Bushaltestelle ohne Bank. Er setzte sich auf den Boden und zog die Knie an die Brust.
Sein Körper tat weh.
Aber innerlich war er still.
Clara war zu Hause.
Das musste reichen.
In dem großen Haus reichte es jedoch nicht.
Clara saß inzwischen in Decken gewickelt auf einem Sofa. Ein Arzt war gekommen. Die Haushälterin kochte Tee. Ihr Vater, Matthias Seidel, ging im Flur auf und ab.
Er war ein Mann, den viele kannten, ohne ihm je begegnet zu sein.
Nicht, weil er berühmt sein wollte.
Sondern weil ihm halbe Straßenzüge gehörten, Bürohäuser, Lagerhallen, Grundstücke, auf denen früher Arbeiter mit rußigen Gesichtern nach Hause gegangen waren.
Ein Mann mit Geld.
Ein Mann mit Anwälten.
Ein Mann, der an diesem Tag aussah wie jeder andere Vater, dem man das Herz herausgerissen und zurückgegeben hatte.
„Wer war der Junge?“, fragte er.
Clara hielt die Tasse mit beiden Händen.
„Jonas.“
„Jonas wie?“
„Nur Jonas.“
„Hat er dir wehgetan?“
Clara schüttelte heftig den Kopf.
„Nein. Er hat mir den weichen Teil gegeben.“
„Welchen weichen Teil?“
„Vom Kuchenbrot.“
Matthias setzte sich langsam.
„Er hat dir zu essen gegeben?“
„Sein Essen.“
Der Raum wurde still.
Clara erzählte bruchstückhaft.
Von der Gasse.
Von der Decke.
Von der Geschichte über das Mädchen, das mit den Ohren sehen konnte.
Von der Plastiktüte um ihre Füße.
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