Der Mann tippte, sah auf die Uhr und sagte: „Vierzehnter Stock. Aber Sie sind spät.“
Jonas biss die Zähne zusammen.
„Ich weiß.“
Neunzehn Minuten später war alles vorbei.
Kein Gespräch.
Keine Chance.
Nur ein nasser Lebenslauf in fremden Händen.
Als Jonas wieder auf der Straße stand, hatte der Regen aufgehört.
Das war fast beleidigend.
Die Sonne brach zwischen den Wolken hervor, als wolle sie sagen: Jetzt kannst du ja weitermachen.
Aber Jonas wusste nicht, wohin.
Er fuhr zurück ins Ruhrgebiet.
Im Zug saß er am Fenster und starrte auf Felder, Industriehallen, graue Bahnhöfe.
Seine Schuhe rochen nach Regenwasser.
In seiner Tasche lagen die Manschettenknöpfe seines Großvaters.
Er nahm einen heraus und hielt ihn in der Faust.
„Gerade stehen“, murmelte er.
Aber an diesem Tag fühlte sich selbst das schwer an.
Zu Hause fragte seine Mutter nicht sofort.
Sie sah ihn nur an.
Das reichte.
„Du hast jemandem geholfen“, sagte sie nach einer Weile.
Jonas sah auf.
„Woher weißt du das?“
„Weil du so aussiehst, wie dein Großvater aussah, wenn er wieder mal für andere den Rücken hingehalten hatte.“
Da brach etwas in Jonas.
Nicht laut.
Er setzte sich an den Küchentisch, legte die nasse Mappe vor sich und erzählte alles.
Seine Mutter hörte zu.
Sie sagte nicht: Hättest du mal weiterlaufen sollen.
Sie sagte nicht: Man muss auch an sich denken.
Sie nahm nur seine kalte Hand.
„Junge“, sagte sie, „wenn eine Firma dich nicht will, weil du einem alten Mann im Regen geholfen hast, dann war sie vielleicht nie gut genug für dich.“
Jonas wollte ihr glauben.
Aber Glauben zahlte keine Miete.
Am nächsten Morgen saß er wieder am Küchentisch.
Der Laptop brummte.
Der Kaffee war kalt.
Auf dem Bildschirm blinkte der Cursor in einem neuen Anschreiben.
Jonas starrte ihn an wie einen Gegner.
Dann klingelte sein Telefon.
Unbekannte Nummer.
Frankfurter Vorwahl.
Er richtete sich auf.
„Mensah?“
„Guten Tag, Herr Mensah. Mein Name ist Frau Berger. Ich bin Assistentin von Herrn Friedrich Ahlmann.“
Jonas schwieg.
Der Name sagte ihm etwas.
Nicht sofort.
Dann traf es ihn.
Ahlmann.
So hieß der Mann, dessen Name am Eingang der Finanzgesellschaft stand.
Nicht groß.
Nicht grell.
Aber oben auf dem Messingschild im Foyer.
„Herr Ahlmann bittet Sie heute um vierzehn Uhr zu einem Gespräch in sein Büro“, sagte Frau Berger. „Passt Ihnen das?“
Jonas stand so abrupt auf, dass der Küchenstuhl über den Boden schrammte.
Seine Mutter kam aus dem Flur.
„Herr Mensah?“, fragte die Stimme am Telefon.
„Ja“, sagte Jonas schnell. „Ja. Natürlich. Ich komme.“
„Sehr gut. Sie werden unten angemeldet sein.“
Die Verbindung endete.
Jonas hielt das Handy noch am Ohr.
Seine Mutter sah ihn an.
„Was ist?“
Er schluckte.
„Der alte Mann.“
„Welcher alte Mann?“
„Der mit dem Reifen.“
Seine Mutter setzte sich langsam auf den Stuhl.
„Sag mir jetzt nicht, dass das der Chef war.“
Jonas lachte.
Es klang halb verrückt.
„Ich glaube doch.“
Um halb zwei stand Jonas wieder vor dem Hochhaus.
Der Anzug war noch leicht wellig.
Die Schuhe hatten Spuren behalten.
Aber die Manschettenknöpfe saßen fest.
Der Wachmann im Foyer erkannte ihn.
Diesmal sagte er nichts über seine Kleidung.
Er reichte Jonas einen Ausweis.
„Vorstandsetage.“
Das Wort fühlte sich fremd an.
Im Aufzug sah Jonas sein Spiegelbild.
Er war nicht perfekt.
Nicht glatt.
Nicht einer von denen, die schon mit sechzehn wussten, wie man in solchen Gebäuden spricht.
Aber er stand gerade.
Die Türen öffneten sich in einem Flur mit hohen Fenstern.
Frankfurt lag unter ihm.
Menschen, Autos, Straßen, der Fluss wie ein graues Band.
Frau Berger empfing ihn mit einem knappen Lächeln.
„Herr Ahlmann erwartet Sie.“
Die Tür zum Büro war schwer, aber sie öffnete sich lautlos.
Der Raum dahinter war groß, aber nicht protzig.
Ein Schreibtisch aus dunklem Holz.
Regale mit Akten.
Ein altes Schwarzweißfoto von Arbeitern vor einer Fabrikhalle.
Am Fenster stand der Mann vom Straßenrand.
Trocken.
Aufrecht.
Mächtig, ohne sich groß zu machen.
Er drehte sich um.
„Herr Mensah.“
Jonas blieb kurz stehen.
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