Als Herr Becker drei Tage später wieder vor meiner Werkstatt stand, war von seinem Grinsen nichts mehr übrig.
Und mir war sofort klar, dass dies nicht mehr das Gespräch vom Tresen werden würde.
Er hatte keinen teuren Ton mehr in der Stimme. Nur einen Pappbecher Kaffee in der einen Hand und eine zusammengerollte Zeichnung in der anderen.
„Ich wollte mich entschuldigen“, sagte er, noch bevor ich etwas sagen konnte. „Für den Ton. Für alles.“
Ich nickte nur.
In meinem Alter lernt man, dass nicht jede Entschuldigung groß klingen muss, um ehrlich zu sein.
„Zeigen Sie mal“, sagte ich und deutete auf die Zeichnung.
Er breitete sie auf dem Tresen aus. Es war keine richtige Bauzeichnung. Eher ein hastig gemalter Grundriss mit Treppe, Maßen und kleinen Pfeilen.
„Das Haus gehört meiner Mutter“, sagte er. „Sie kommt nächste Woche aus der Reha zurück. Hüfte. Sturz auf der Kellertreppe. Der Handlauf oben ist locker, unten hat das Holz einen Riss. Ich wollte es schnell erledigt haben.“
Ich sah auf die Skizze.
Dann auf ihn.
Dann wieder auf die Skizze.
„Und deshalb dachten Sie, man klebt da einmal kurz drüber und fertig.“
Er senkte den Blick.
„Ja“, sagte er. „Genau das dachte ich.“
Ich zog die Brille etwas höher auf die Nase und fuhr mit dem Finger über die eingezeichnete Kurve der Treppe.
„Das hier ist keine einfache gerade Stange“, sagte ich. „Das ist eine alte, gebogene Eiche. Wenn die sauber gemacht werden soll, dann muss man nicht nur reparieren. Dann muss man verstehen, wie sie gebaut wurde.“
Er nickte langsam.
Nicht geschniegelt. Nicht überlegen. Einfach nur still.
„Können Sie heute Nachmittag mitkommen und sich das ansehen?“, fragte er. „Dann wissen wir es genau.“
Ich sah auf die Uhr an der Werkstattwand.
Noch zwei Aufträge, ein Anruf, Material sortieren, danach eigentlich nach Hause. Meine Frau hatte an guten Tagen die Kraft, mit mir zusammen zu Abend zu essen. An schlechten Tagen schlief sie schon, wenn ich kam.
Trotzdem sagte ich: „Um halb sechs bin ich dort.“
Er atmete aus, als hätte er die Luft die ganze Zeit festgehalten.
„Danke.“
Das Haus lag keine zehn Minuten von meiner Werkstatt entfernt. Altbau, schmale Fenster, ein Eingang mit abgetretenen Steinplatten und einer Klingel, die schon bessere Jahre gesehen hatte.
Kein Prunk. Keine goldenen Griffe. Kein Leben wie aus einem Prospekt.
Nur ein Haus, in dem offenbar viele Jahre gewohnt worden war.
Herr Becker schloss auf und ließ mich zuerst hinein.
Im Flur roch es nach Möbelpolitur, altem Papier und ein bisschen nach Suppe. So riechen Wohnungen, in denen nicht nur gelebt, sondern auch festgehalten wird, was einmal wichtig war.
Die Treppe stand gleich rechts.
Als ich den Handlauf sah, wusste ich sofort, warum mich sein Satz mit den zwanzig Minuten so geärgert hatte.
Das war kein Stück Baumarkt.
Der Handlauf war alt, sauber gearbeitet, oben leicht ausgedunkelt von Jahrzehnten voller Hände. In der Kurve saß ein feiner Riss. Weiter unten war eine Befestigung in der Wand lose. Und an einer Stelle hatte wohl schon einmal jemand ungeschickt herumgedoktert.
Ich strich mit der Hand darüber.
Das Holz antwortet einem, wenn man lang genug damit arbeitet. Nicht mit Worten. Eher mit Widerstand.
„Ihr Vater?“, fragte ich.
Herr Becker stand zwei Stufen tiefer und sah nach oben.
„Mein Großvater hat die Treppe damals gebaut“, sagte er. „Mein Vater hat sie später immer gepflegt. Abschleifen, ölen, solche Sachen. Nach seinem Tod hat sich niemand mehr darum gekümmert.“
Ich nickte.
Jetzt ergab sein Blick zum ersten Mal Sinn. Nicht reich, geschniegelt, geschniegelt geschniegelt war gar nicht das richtige Wort für ihn. Eher geschniegelt auf eine Art, mit der Menschen manchmal verbergen, dass sie von den einfachen Dingen keine Ahnung haben.
„Das hier repariere ich nicht mit Leim und Hoffnung“, sagte ich.
Ich kniete mich hin, wackelte vorsichtig an der lockeren Stelle und hörte das trockene kleine Knacken tief in der Verankerung.
„Ich muss das Stück ausbauen, die beschädigte Stelle sauber öffnen, neu verstärken, die Befestigung in der Wand neu setzen und die Oberfläche so angleichen, dass es nicht aussieht wie geflickt. Sonst hält es vielleicht bis Weihnachten. Wenn Sie Pech haben, nicht mal bis zum ersten nassen Herbsttag.“
Er stand ganz still.
„Und?“, fragte er leise.
„Und es sind keine zwanzig Minuten“, sagte ich. „Nicht mal annähernd.“
Zum ersten Mal lächelte er ein wenig.
Diesmal nicht über mich. Über sich selbst.
„Das habe ich verstanden.“
Ich richtete mich langsam auf. Mein Rücken erinnerte mich dabei an alles, was er in vierzig Jahren mitgemacht hatte.
„Ich baue das beschädigte Stück morgen aus. Übermorgen bearbeite ich es in der Werkstatt. Samstag setze ich es wieder ein. Dann hat Ihre Mutter genug Zeit, sich anständig festzuhalten, wenn sie heimkommt.“
Er nickte.
Dann sagte er etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
„Darf ich dabei zusehen?“
Ich sah ihn an.
„Wobei?“
„Bei der Arbeit“, sagte er. „Nicht die ganze Zeit. Aber wenigstens ein Stück davon. Ich glaube, ich sollte einmal begreifen, was ich da eigentlich beauftrage.“
Ich dachte kurz nach.
Dann sagte ich: „Sie dürfen kommen. Aber nur, wenn Sie mir nicht im Weg stehen. In meiner Werkstatt hören Sie zu, wenn ich etwas sage. Und wenn ich sage: Finger weg, dann heißt das Finger weg.“
„Abgemacht“, sagte er sofort.
Am nächsten Morgen baute ich das beschädigte Stück aus. Das ging nur mit Geduld, mit dünnem Werkzeug und ohne Gewalt. Altes Holz verzeiht einem keine Eile.
Herr Becker stand dabei mit einer Taschenlampe neben mir und sagte fast nichts.
Nur einmal fragte er: „Warum markieren Sie jede Stelle mit Kreide? Sie sehen das doch.“
„Ich sehe es jetzt“, sagte ich. „Aber ich arbeite nicht für jetzt. Ich arbeite so, dass ich in drei Stunden noch genau weiß, was ich gedacht habe.“
Er nickte, als würde er sich das merken.
Am Sonntagmorgen war er tatsächlich um fünf vor sechs da.
Nicht geschniegelt. Kein Mantel. Kein Parfüm.
Nur in einer dunklen Jacke, mit Augenringen, zwei Bechern Kaffee und einem Beutel mit Brötchen.
„Ich dachte“, sagte er ein wenig unsicher, „wenn schon Sonntag um sechs, dann wenigstens nicht mit leerem Magen.“
Ich nahm den Kaffee.
„Sie lernen“, sagte ich.
Er schnaubte leise. „Langsam, aber ja.“
In der Werkstatt war es noch kalt. Die Maschinen schliefen förmlich in der Dämmerung, bis ich das Licht einschaltete. Holzstaub glänzte in den Strahlen wie feiner Nebel.
Herr Becker sah sich um, diesmal länger als beim ersten Mal.
Nicht wie jemand, der prüft, was alt und billig wirkt. Sondern wie jemand, der versteht, dass Dinge auch dann wertvoll sein können, wenn sie nicht geschniegelt aussehen.
Ich spannte das beschädigte Teil ein, zeichnete die Schadstelle neu an und begann, das gerissene Stück sauber aufzutrennen.
„Warum machen Sie nicht einfach ein ganz neues Teil?“, fragte er.
„Könnte ich“, sagte ich. „Wäre schneller für mich. Aber nicht besser für das Haus. Und nicht besser für Ihre Mutter. Manche Dinge soll man nicht ersetzen, nur weil das einfacher ist.“
Er schwieg.
Dann sagte er: „Mein Vater hat so ähnlich gesprochen.“
Die Säge lief an. Danach war es eine Weile nur Holz, Staub und Arbeit.
Ich zeigte ihm den Unterschied zwischen einem schnellen Schnitt und einem guten. Zwischen glattem Holz und sauber geführtem Holz. Zwischen Messen und Verstehen.
Er hielt Abstand, so wie ich es gesagt hatte.
Nur einmal bat ich ihn näher.
„Halten Sie hier das Licht.“
Er kam sofort.
„Nicht auf meine Hand“, sagte ich. „Auf die Faser. Sehen Sie die dunkle Linie?“
Er beugte sich vor.
„Ja.“
„Die geht tiefer als der Riss an der Oberfläche. Wenn ich jetzt pfusche, reißt es in ein paar Monaten wieder. Dann sieht es außen ordentlich aus und innen ist es schwach. Das ist bei Holz wie bei Menschen.“
Er blickte mich an, sagte aber nichts.
Er begriff mehr, als er aussprach.
Als ich das neue Eichenstück anpasste, das später unsichtbar in die beschädigte Stelle gesetzt werden sollte, stand er neben der Werkbank und sah mir zu, als würde er einen alten Film schauen.
Langsam. Ohne Hektik. Ohne Musik.
Nur Hände, Werkzeug und Zeit.
„Darf ich etwas fragen?“, sagte er irgendwann.
„Fragen dürfen Sie.“
„Ist das mit Ihrer Frau… sehr schlimm?“
Ich arbeitete weiter, noch einen Moment lang.
Dann legte ich das Holz weg.
In meiner Werkstatt lügt man nicht. Zumindest nicht über Dinge, die einen nachts wachhalten.
„Mal besser, mal schlechter“, sagte ich. „Im Moment ist es eher schlechter. Manche Tage schafft sie kaum vom Bett bis zum Fenster. Andere Tage sitzt sie in der Küche und tut so, als wäre alles wie früher. Das sind die besten Tage. Weil wir beide mitspielen.“
Herr Becker sah auf seine Kaffeetasse.
„Es tut mir leid“, sagte er.
„Ja“, sagte ich. „Mir auch.“
Mehr musste dazu nicht gesagt werden.
Nach einer Weile fragte er: „Und Sie arbeiten trotzdem jeden Tag so?“
Ich nahm den Hobel in die Hand.
„Gerade deshalb“, sagte ich. „Irgendwer muss ja dafür sorgen, dass die Dinge halten.“
Er sah wieder zu, und diesmal war in seinem Blick etwas, das vorher nicht da gewesen war.
Kein Mitleid.
Respekt.
Gegen neun bat ich ihn, ein Schleifbrett zu halten. Nur ruhig, nur gerade, nur so, wie ich es ihm zeigte. Nach zehn Minuten rieb er sich die Fingerkuppe.
„Blase“, sagte ich.
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