Er teilte mit, dass seine Ehe beendet werde und er künftig alleiniger Bewohner des Hauses sei.
Da er seit Jahren die laufenden Zahlungen übernehme, gehe er davon aus, dass die bestehende Regelung auf ihn übertragen werde.
Er wartete nicht auf eine Antwort.
Warum auch?
Geld sprach schließlich für sich.
Am Abend kam er früher nach Hause.
Helena stand in der Küche und nahm einen schweren Bräter aus dem Ofen.
Der Geruch erinnerte Markus einen Moment an früher.
Sonntage.
Besuche bei seinen Eltern.
Kartoffeln.
Bratensoße.
Ein Tisch, an dem niemand wusste, was ein Portfolio war.
Er schob die Erinnerung weg.
„Wir müssen reden.“
Helena stellte den Bräter ab.
„Gut.“
Markus blieb stehen.
Er hatte seine Worte im Auto geübt.
„Ich will die Scheidung.“
Helena bewegte sich nicht.
„Verstehe.“
Diese Ruhe brachte ihn aus dem Konzept.
„Das war’s?“
„Was erwartest du?“
„Keine Ahnung. Irgendwas.“
Helena trocknete ihre Hände an einem Geschirrtuch.
„Du bist seit Monaten kaum noch hier. Du riechst nach fremdem Parfüm. Du versteckst dein Telefon. Und du siehst mich an, als wäre ich ein Möbelstück, das nicht mehr zu deiner Einrichtung passt.“
Markus’ Gesicht wurde heiß.
„Dann ersparst du uns ja wenigstens das Theater.“
„Wer ist sie?“
„Das spielt keine Rolle.“
Helena nickte langsam.
„Doch. Aber nicht mehr für mich.“
Markus holte tief Luft.
Jetzt kam der Teil, auf den er sich gefreut hatte.
„Ich möchte außerdem, dass du heute ausziehst.“
Helena hob den Kopf.
„Ausziehst?“
„Aus dem Haus.“
„Heute?“
„Ja.“
Zum ersten Mal sah Markus Überraschung in ihrem Gesicht.
Und genoss es.
„Ich habe die Verwaltung bereits informiert. Ich bleibe hier. Ich zahle schließlich seit Jahren alles.“
Helena blinzelte.
„Du hast der Eichenhof-Verwaltung geschrieben?“
„Ja.“
„Was genau?“
„Dass wir uns trennen und ich das Haus übernehme.“
Helena schwieg.
Markus deutete zur Treppe.
„Pack deine Sachen.“
„Markus.“
„Was?“
„Bist du sicher, dass du das so machen willst?“
Er lachte.
„Jetzt versuchst du plötzlich zu verhandeln?“
„Nein.“
Ihre Stimme war sehr leise.
„Ich gebe dir nur eine letzte Möglichkeit, darüber nachzudenken.“
„Es gibt nichts nachzudenken.“
Er schlug mit der Hand auf die Kücheninsel.
„Ich habe mir dieses Leben aufgebaut. Ich habe gearbeitet. Ich habe bezahlt. Ich habe mich entwickelt.“
Helena sah ihn an.
„Und ich?“
„Du bist stehen geblieben.“
Da geschah etwas Merkwürdiges.
Helena wirkte nicht verletzt.
Eher müde.
Als würde sie nach elf Jahren endlich eine Frage beantwortet bekommen, die sie nie hatte stellen wollen.
„In Ordnung“, sagte sie.
Vierzig Minuten später kam sie mit einem einzigen Koffer herunter.
„Mehr nicht?“, fragte Markus spöttisch.
„Der Rest kann bleiben.“
„Deine Bücher auch?“
„Die wichtigsten habe ich.“
An der Haustür verlangte Markus den Schlüssel.
Helena legte ihn auf die Kommode.
Dann sah sie ihn ein letztes Mal an.
„Leb wohl, Markus.“
Er wartete auf Tränen.
Sie kamen nicht.
„Schönes Wochenende“, fügte Helena hinzu.
Dann ging sie.
Wenig später schrieb Markus Leonie:
„Es ist erledigt.“
Keine Stunde danach stand Leonie im Foyer.
Sie sah sich mit großen Augen um.
„Unglaublich.“
Markus grinste.
„Jetzt gehört der Ort uns.“
Das Wochenende verlief genau so, wie Markus es sich vorgestellt hatte.
Sie öffneten teuren Wein.
Bestellten Essen.
Luden am Samstag zwei Kollegen und deren Partnerinnen ein.
Markus führte sie durch die Bibliothek, zeigte den Wintergarten und erzählte ausführlich von der Restaurierung des Hauses.
Niemand fragte, wer sie bezahlt hatte.
Leonie spielte Gastgeberin.
Sie strahlte.
Sie legte immer wieder die Hand auf Markus’ Schulter.
Er fühlte sich bestätigt.
Am Sonntagabend saßen sie vor dem Kamin.
„Stell dir Weihnachten hier vor“, sagte Leonie.
Markus lächelte.
Zum ersten Mal seit Jahren dachte er nicht einmal an Helena.
Am Montagmorgen um acht Uhr klingelte es.
Markus stand bereits in Hemd und Hose in der Küche.
Leonie saß am Tisch.
„Erwartest du jemanden?“
„Nein.“
Markus öffnete die Haustür.
Draußen stand ein Mann Mitte fünfzig mit dunklem Mantel und Ledermappe.
Hinter ihm wartete ein Fahrer in einem schwarzen Wagen.
„Herr Seidel?“
„Ja.“
„Mein Name ist Dr. Andreas König. Ich vertrete die Eigentümerin dieses Anwesens.“
Markus runzelte die Stirn.
„Dann geht es wahrscheinlich um meine E-Mail.“
„Unter anderem.“
Der Anwalt reichte ihm einen Umschlag.
„Sie werden aufgefordert, das Grundstück bis heute Mittag zu verlassen.“
Markus lachte.
„Sehr witzig.“
Der Mann blieb ernst.
„Das ist kein Scherz.“
„Ich zahle seit Jahren für dieses Haus.“
„Sie zahlen eine freiwillig übernommene monatliche Beteiligung an den laufenden Betriebskosten.“
„Unsinn. Das ist Miete.“
„Nein.“
Markus spürte zum ersten Mal etwas Kaltes in seinem Magen.
„Natürlich ist es Miete.“
Dr. König öffnete seine Mappe.
„Herr Seidel, dieses Haus wurde Ihnen nie vermietet.“
„Dann wem gehört es?“
Der Anwalt zog einen Grundbuchauszug und weitere Unterlagen hervor.
„Der Eichenhof Vermögensverwaltung gehört eine Beteiligungsgesellschaft, über die das Anwesen verwaltet wird. Alleinige wirtschaftliche Berechtigte ist Frau Helena Katharina Winter-Seidel.“
Markus sagte nichts.
Er hörte die Worte.
Aber sie fanden keinen Platz in seinem Kopf.
„Helena?“
„Ja.“
„Meine Frau?“
„Noch Ihre Frau.“
Markus griff nach dem Papier.
Dort stand ihr Name.
Helena Katharina Winter-Seidel.
Der Anwalt fuhr fort:
„Das Grundstück stammt aus dem Familienvermögen ihres Großvaters und wurde ihr bereits vor Jahren übertragen. Es gehört nicht zu Ihrem gemeinsam erwirtschafteten Vermögen.“
Markus’ Mund wurde trocken.
„Das kann nicht sein.“
„Doch.“
„Helena hat gesagt, es gehöre einer Verwandten.“
„Frau Winter-Seidel wollte nicht, dass ihr Vermögen Ihre Beziehung beeinflusst.“
Dr. König sah ihn einen Moment lang an.
„Eine bemerkenswerte Entscheidung, wie ich finde.“
Aus der Küche hörte man Schritte.
Leonie erschien im Foyer.
„Was dauert denn so lange?“
Der Anwalt wandte sich zu ihr.
„Guten Morgen.“
Leonie schaute auf die Dokumente.
„Was ist los?“
Markus sagte nichts.
Dr. König übernahm.
„Herr Seidel wurde aufgefordert, das Haus der Eigentümerin zu verlassen.“
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