Er wollte nur einen Hund adoptieren, doch zwei Fremde im Zwinger änderten seine Entscheidung für immer

Stefan sah Arvid an.

Genau das machte es schlimmer.

Der Hund jammerte nicht.

Er forderte nichts.

Er stand einfach da, wenn Nala ihn brauchte.

Als wäre es seine Aufgabe.

„Leute interessieren sich eher für die Kleine, oder?“, fragte Stefan.

Heike hob überrascht die Augenbrauen.

„Ja.“

Natürlich.

Nala war klein.

Helles Fell.

Große braune Augen.

Ein Gesicht, bei dem viele Menschen wahrscheinlich sofort sagten: Ach Gott, ist die süß.

Arvid dagegen war größer.

Dunkler.

Er hatte diese Narbe über der Nase.

Und er machte keinerlei Werbung für sich.

Kein Schwanzwedeln.

Kein freundliches Hochspringen.

Kein Blick, der sagte: Nimm mich mit.

Stefan kannte diesen Typ.

Nicht bei Hunden.

Bei Menschen.

Diejenigen, die nie um Hilfe baten, wurden oft übersehen.

„Und wenn jemand Nala nimmt?“, fragte Stefan.

Heike schaute auf ihr Klemmbrett.

„Dann würden wir sehr genau prüfen, ob sie allein zurechtkommt.“

„Und wenn sie es nicht tut?“

Heike antwortete nicht.

Stefan rieb mit dem Daumen über die Kante seines Adoptionsbogens.

Theo.

Der Name stand bereits darauf.

Er sah wieder zu Zwinger 14.

Theo wedelte.

Stefan spürte dieses unangenehme Ziehen im Bauch.

Nicht weil Theo plötzlich falsch war.

Theo war immer noch richtig.

Das war das Problem.

Stefan hätte ohne schlechtes Gewissen mit ihm nach Hause fahren können.

Dann bewegte sich Nala.

Sie wollte offenbar näher ans Gitter kommen, machte einen Schritt und blieb sofort stehen.

Arvid drehte nur den Kopf zu ihr.

Nala sah ihn an.

Dann ging sie weiter.

Ein Schritt.

Noch einer.

Stefan hielt unwillkürlich den Atem an.

„Darf ich zu ihnen rein?“

Heike zögerte.

„Wenn du ruhig bleibst.“

Stefan sah sie an.

„Das kriege ich hin.“

Heike öffnete die Sicherung.

Das Metall klickte.

Sofort wich Nala zurück.

Arvid stand auf.

Stefan ging nicht hinein.

Noch nicht.

Er wartete ein paar Sekunden.

Dann trat er langsam durch die Tür.

Keine ausgestreckte Hand.

Kein „Na, komm mal her“.

Nichts.

Stefan hatte auf Baustellen gelernt, dass Druck selten jemanden ruhiger machte.

Also ging er in die Hocke und ließ zwischen sich und den Hunden mehrere Meter Platz.

Nala zitterte wieder.

Arvid bewegte sich.

Stefan spannte sich kurz an.

Doch der Hund kam nicht auf ihn zu.

Er ging seitlich.

Ein Schritt.

Dann noch einer.

Bis er wieder vor Nala stand.

Stefan sah auf seine Pfoten.

Dann in sein Gesicht.

„Du machst das absichtlich“, murmelte er.

Arvids Ohren bewegten sich.

Mehr nicht.

Nala atmete schnell.

Stefan legte seine Hand auf den Boden.

Nicht nach vorne.

Einfach neben sein Knie.

„Ich will nichts von dir“, sagte er leise.

Heike stand hinter der offenen Tür.

Keiner bewegte sich.

Zehn Sekunden.

Zwanzig.

Vielleicht länger.

Dann passierte etwas, das so klein war, dass Stefan es beinahe übersehen hätte.

Arvid drehte den Kopf.

Er senkte ihn zu Nala.

Und berührte mit der Schnauze ganz kurz ihren Rücken.

Nur eine Sekunde.

Vielleicht zwei.

Nala hörte nicht sofort auf zu zittern.

Aber ihr Körper wurde weicher.

Ihre Atmung verlangsamte sich.

Sie drückte sich nicht mehr ganz so tief in die Ecke.

Stefan spürte, wie ihm plötzlich heiß wurde.

Er konnte nicht erklären, warum.

Es war keine große Szene.

Niemand hatte etwas Spektakuläres getan.

Ein Hund hatte einen anderen Hund mit der Schnauze berührt.

Das war alles.

Und trotzdem wusste Stefan in diesem Moment, dass er ein Problem hatte.

Denn jetzt konnte er nicht mehr so tun, als hätte er nichts gesehen.

„Das macht er immer“, sagte Heike leise.

Stefan drehte sich nicht um.

„Was?“

„Wenn sie Angst bekommt.“

Stefan sah Arvid an.

Der Hund beobachtete ihn jetzt direkt.

Nicht feindselig.

Aber wach.

„Er beruhigt sie?“

„So sieht es aus.“

Stefan setzte sich ganz auf den Boden.

Seine Arbeitshose war ihm egal.

„Und wer beruhigt ihn?“

Heike schwieg.

Diese Frage hatte sie sich offenbar noch nie gestellt.

Arvid blieb stehen.

Stefan betrachtete ihn genauer.

Die Narbe.

Das stumpfe Fell an einer Stelle des Rückens.

Die angespannten Schultern.

Dieser Hund wirkte nicht entspannt.

Er funktionierte.

Das war etwas anderes.

Stefan kannte auch das.

Jeden Morgen aufstehen.

Arbeiten.

Probleme lösen.

Weitergehen.

Und irgendwann glauben alle, es gehe einem gut, nur weil man nie zusammenbricht.

„Sie waren also wirklich Fremde?“, fragte Stefan.

„Ja.“

„Und er hat einfach entschieden, bei ihr zu bleiben?“

Heike nickte.

„So könnte man es sagen.“

Stefan schnaubte leise.

„Verrückt.“

Heike lächelte.

„Ein bisschen.“

Stefan blieb noch einige Minuten sitzen.

Nala kam nicht zu ihm.

Arvid auch nicht.

Aber irgendwann legte sich Arvid hin.

Nicht ganz entspannt.

Doch er legte sich hin.

Nala folgte sofort.

Ihr Rücken berührte seinen.

Stefan stand langsam auf.

Als er den Bereich verließ, schaute Nala ihm nach.

Arvid ebenfalls.

Heike schloss die Tür.

„Theo wartet“, sagte sie vorsichtig.

Stefan nickte.

„Ich weiß.“

Er ging zurück zu Zwinger 14.

Theo kam sofort nach vorne.

Stefan kniete sich hin.

„Du bist ein toller Kerl“, sagte er.

Der Hund steckte die Nase ans Gitter.

Stefan lächelte traurig.

Es fühlte sich lächerlich an, sich bei einem Hund erklären zu wollen.

Aber er tat es trotzdem.

„Du wirst schnell jemanden finden.“

Theo wedelte.

Stefan stand auf.

Dann ging er zurück zu Heike.

„Was müsste passieren, damit Nala und Arvid zusammen vermittelt werden können?“

Heike blinzelte.

„Du meinst… an dieselbe Person?“

„Ja.“

„Das müsste individuell geprüft werden. Zwei Hunde sind natürlich eine größere Verantwortung. Platz, Zeit, Kosten, Eingewöhnung…“

„Ich habe ein Haus.“

Heike schwieg.

„Eingezäunter Garten. Ich arbeite meistens von sieben bis vier. Meine Schwester wohnt zehn Minuten entfernt und kennt sich mit Hunden aus.“

Heike hob das Klemmbrett.

„Stefan, du bist wegen Theo gekommen.“

„Ich weiß.“

„Du kennst die beiden seit vielleicht zwanzig Minuten.“

„Auch das weiß ich.“

„Zwei Hunde sind nicht doppelt so einfach.“

„Hat niemand behauptet.“

Heike sah ihn lange an.

„Warum?“

Stefan schaute zu Nala und Arvid.

„Weil ich den einen nicht mitnehmen könnte, ohne ständig an den anderen zu denken.“

„Du könntest Theo nehmen.“

„Könnte ich.“

„Er würde gut zu dir passen.“

„Wahrscheinlich.“

Heike wartete.

Stefan steckte die Hände in die Hosentaschen.

„Aber jetzt habe ich die beiden gesehen.“

Mehr sagte er nicht.

Er musste nicht.

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