Dr. Seidel nickte.
„Das ist ausdrücklich Bestandteil der Vereinbarung.“
Marianne wandte sich an Klaus.
„Du verstehst das ebenfalls so?“
Er lachte kurz.
„Marianne, ich leite ein Unternehmen mit hunderten Mitarbeitern. Ich verstehe einen Scheidungsvergleich.“
Vanessa kicherte.
Klaus schob den Füller näher.
„Was meins ist, bleibt meins. Was deins ist, bleibt deins.“
Marianne sah ihn noch einen Moment an.
„Gut.“
Dann unterschrieb sie.
Nicht zögernd.
Nicht mit tränenden Augen.
Sie setzte ihren vollständigen Namen unter die Vereinbarung.
Marianne Elisabeth Brenner-Albrecht.
Klaus blickte kurz darauf.
„Albrecht benutzt du immer noch?“
„Heute zum letzten Mal als Brenner.“
Sie legte den Stift hin.
Klaus lächelte.
Es war das zufriedene Lächeln eines Mannes, der glaubte, gerade ein lästiges Problem beseitigt zu haben.
Er drehte sich sogar zu Vanessa.
Sie berührte seine Schulter.
Dr. Seidel sammelte die Unterlagen ein.
„Dann können wir die Vereinbarung protokollieren.“
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür.
Nicht dramatisch.
Niemand stürmte herein.
Ein älterer Mann trat ruhig in den Saal.
Vielleicht Mitte sechzig.
Dunkler Mantel.
Schlichte Aktentasche.
Hinter ihm eine Frau und ein jüngerer Mann mit mehreren Ordnern.
Marianne blickte auf.
„Herr Reuter.“
Der Mann nickte entschuldigend.
„Verzeihen Sie die Verspätung, Frau Albrecht.“
Klaus runzelte die Stirn.
„Wer ist das?“
Marianne stand auf.
Zum ersten Mal an diesem Vormittag wirkte sie nicht wie die verlassene Ehefrau.
Ihre Schultern waren gerade.
Ihre Stimme fest.
„Mein Anwalt.“
Dr. Seidel sah den Mann genauer an.
Dann veränderte sich sein Gesicht.
„Joachim Reuter?“
Der ältere Herr reichte ihm höflich die Hand.
„Guten Morgen.“
Dr. Seidel schüttelte sie kaum merklich.
Klaus bemerkte die Reaktion.
„Was ist?“
Sein Anwalt antwortete nicht sofort.
Joachim Reuter vertrat seit drei Jahrzehnten vermögende Familien, Stiftungen und Unternehmensgruppen.
Kein Prominenter.
Kein Mann, der Interviews gab.
Aber unter Wirtschaftsanwälten kannte man seinen Namen.
Reuter stellte seine Aktentasche auf den Tisch.
„Herr Vorsitzender, die Vereinbarung wurde vollständig abgeschlossen?“
Der Richter nickte.
„Gerade eben.“
„Hervorragend.“
Klaus lachte ungläubig.
„Hervorragend?“
Reuter sah ihn erstmals an.
„Für meine Mandantin, ja.“
Plötzlich war Vanessa sehr still.
Reuter öffnete einen Ordner.
„Da Frau Albrecht mit Wirksamwerden der Vereinbarung keine ehebedingten Offenlegungspflichten mehr gegenüber Herrn Brenner aus den hier getrennten Vermögensbereichen hat, möchte sie einige gesellschaftsrechtliche Änderungen dokumentieren lassen.“
Der Richter beugte sich vor.
„Welche Änderungen?“
Reuter legte mehrere Unterlagen auf den Tisch.
„Frau Marianne Elisabeth Albrecht ist Mehrheitsgesellschafterin und Vorsitzende der Albrecht-Falken-Gruppe.“
Klaus blinzelte.
„Der was?“
Niemand antwortete.
Die Albrecht-Falken-Gruppe war kein Name, den man auf Werbeplakaten sah.
Sie stellte keine Produkte für Verbraucher her.
Aber ihr gehörten Gewerbeparks, Logistikzentren, Datenzentren, Beteiligungen an Maschinenbauunternehmen, Wohnimmobilien und Infrastrukturgesellschaften in mehreren europäischen Ländern.
Der Richter überflog die erste Seite.
Dann die zweite.
Sein Gesicht wurde ernst.
„Frau Brenner… Frau Albrecht… um welche Größenordnung sprechen wir?“
Reuter antwortete nüchtern.
„Das aktuell zurechenbare Privat- und Beteiligungsvermögen meiner Mandantin wird konservativ auf etwas über 6,8 Milliarden Euro geschätzt.“
Niemand sagte etwas.
Klaus starrte Marianne an.
Vanessa hob langsam eine Hand vor den Mund.
Dr. Seidel setzte sich.
Einfach so.
Als hätte jemand seine Beine ausgeschaltet.
„Sechs…“, sagte Klaus.
Seine Stimme versagte.
Reuter korrigierte ruhig:
„Milliarden.“
Klaus lachte.
Es war kein echtes Lachen.
Es klang wie das Geräusch eines Motors, der nicht anspringt.
„Das ist absurd.“
Marianne sagte nichts.
„Du hast in einer Buchhandlung gearbeitet!“
„Ja.“
„Wir hatten einen gebrauchten Küchentisch!“
„Auch richtig.“
„Du hast Preise beim Einkaufen verglichen!“
Marianne sah ihn an.
„Das tue ich immer noch.“
„Aber…“
Klaus stand abrupt auf.
„Das kann nicht sein.“
Reuter zog eine weitere Mappe hervor.
„Doch.“
Klaus‘ Blick sprang zu seinem Anwalt.
„Dann machen wir das rückgängig.“
Dr. Seidel sagte nichts.
„Martin!“
„Klaus…“
„Wir erklären die Vereinbarung für unwirksam.“
Reuter schüttelte den Kopf.
„Warum?“
„Weil sie Milliarden verschwiegen hat!“
„Sie haben ausdrücklich auf eine gegenseitige vertiefte Vermögensprüfung verzichtet.“
„Weil wir dachten, sie hätte nichts!“
Reuter hob die Augenbrauen.
„Genau darin liegt Ihr Problem.“
Der Richter schaute über seine Brille.
„Herr Brenner, ich habe Sie vor der Unterzeichnung ausdrücklich auf die Tragweite hingewiesen.“
Klaus wurde rot.
„Aber niemand hat gesagt, dass meine Frau Milliardärin ist!“
Marianne antwortete zum ersten Mal.
„Du hast mich nie gefragt.“
„Wir waren verheiratet!“
„27 Jahre.“
Dieser Satz traf härter als jedes Schreien.
Klaus sah sie an.
„Warum?“
Marianne stand jetzt direkt gegenüber von ihm.
„Warum ich es dir nicht erzählt habe?“
Er nickte.
Ihre Stimme wurde leiser.
„Weil ich einmal wissen wollte, ob ein Mann Marianne liebt.“
Kurze Pause.
„Nicht das Mädchen aus der Familie Albrecht.“
Klaus‘ Gesicht zuckte.
„Und ich habe dich geliebt.“
„Ja.“
Marianne nickte.
„Das hast du.“
Damit hatte er nicht gerechnet.
„Am Anfang.“
Sie lächelte traurig.
„Wir hatten kaum Möbel. Weißt du noch? Der Kühlschrank machte nachts Geräusche, und du bist jedes Mal aufgestanden, weil du dachtest, er geht kaputt.“
Klaus schwieg.
„Wir haben am Sonntag Kaffee aus diesen dicken braunen Tassen getrunken. Wir sind mit Butterbroten an die Ostsee gefahren, weil ein Restaurant zu teuer war.“
Ihre Stimme zitterte nun leicht.
Nicht vor Angst.
Vor Erinnerung.
„Ich war damals glücklicher als mit jedem Vermögen dieser Welt.“
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