Teil 2
Aus dem ersten Wagen stiegen zwei Männer. Schwarze Anzüge, schwarze Sonnenbrillen, Funkstöpsel im Ohr. Solche Männer sieht man sonst nur in Filmen. Man hofft, ihnen nie im echten Leben zu begegnen.
Aus dem zweiten Wagen stieg ein dritter Mann. Älter. Sein Anzug war grau und wirkte noch teurer. Sein Gesicht: hart wie Stein.
„Oma“, sagte ich heiser. „Geh ins Schlafzimmer. Mach die Tür zu.“
„Anna, was…?“
„Bitte, Oma! Jetzt!“
Sie sah mein Gesicht und widersprach nicht.
Ich griff nach der alten Doppelflinte über dem Kamin. Mit Salzpatronen geladen. Die tun weh, töten aber nicht.
Ich trat auf die Veranda, während sie näher kamen.
„Privatgrundstück“, rief ich und versuchte, die Angst aus meiner Stimme zu halten. Die Flinte fühlte sich schwer und lächerlich an.
Der Mann im grauen Anzug blieb erst am unteren Treppenbrett stehen. Die beiden in Schwarz bildeten flankierend eine Wand. Er nahm die Sonnenbrille ab. Seine Augen waren genauso grau wie der Anzug. Kühl, leer.
„Wo ist er?“ Seine Stimme war tief, kein bisschen freundlich. Keine Frage. Eine Drohung.
„Ich weiß nicht, von wem Sie sprechen“, log ich.
Er lächelte. Es war das schlimmste Lächeln, das ich je gesehen habe. Es hatte nichts mit Freude zu tun.
„Sie sind Anna. Sie leben hier mit Ihrer Großmutter, die ‘mit Kräutern herumzaubert’. Wir haben das Signal des Schuhs meines Sohnes verfolgt. Das Handy war aus, aber der Sender in seiner Sohle hat seit 72 Stunden genau diesen Ort gemeldet.“ Er tippte mit seinem perfekt polierten Schuh auf das Holz. „Also frage ich ein letztes Mal: Wo ist mein Sohn, Leon?“
Mein Herz blieb stehen. Ein Name. Und plötzlich verstand ich, was für ein Mann vor mir stand. Kein gewöhnlicher Vater. Ein Mann, der Firmen besaß, ganze Bauprojekte, halbe Innenstädte. Einer, der Wälder abholzen ließ, um Glas und Beton hinzustellen. Einer, dessen Gesicht ab und zu in der Wirtschaftsrubrik auftauchte – ohne dass ich mir den Namen gemerkt hatte.
Ich sah durch das Fenster. Leon saß am Ofen, ein kleines Bündel im Schatten. Sein Kopf war leicht zur Tür geneigt, als lausche er.
„Er ist Patient“, sagte ich leise, aber fest. „Er war unterkühlt. Und… er ist nicht gesund.“
„Mein Sohn ist nicht ‘krank’“, zischte der Mann. „Er ist ‘nicht ansprechbar’. So nennen es seine hochbezahlten Spezialisten. Und Sie glauben ernsthaft, Sie könnten mit…“ Er machte eine Geste in Richtung Kräuterbündel, Ofen und unserer einfachen Möbel. „…mit Tee und warmen Tüchern etwas ausrichten?“
Die beiden Männer in Schwarz traten auf die Veranda. Ich hob die Flinte. „Zurück!“
Der Mann lachte kurz. Kein fröhliches Lachen, eher ein Bellen. „Sie sind jung. Und mutig. Aber wissen Sie, was die Polizei sagen wird, wenn ich melde, dass jemand meinen minderjährigen Sohn versteckt?“ Seine Stimme wurde kalt. „Sie werden hier oben alles auf den Kopf stellen. Und Sie werden am Ende vor Gericht stehen.“
Er ging eine Stufe höher. „Geben Sie mir meinen Sohn. Oder der nächste Wagen, der diesen Weg hochkommt, hat ein Blaulicht auf dem Dach.“
Ich war in der Falle. Eine 26-jährige Frau mit einer Salzflinte gegen einen Mann, der sich vermutlich einen ganzen Fuhrpark Anwälte leisten konnte.
„Er hat Angst“, flüsterte ich, ein letzter, verzweifelter Versuch. „Sie können ihn nicht einfach mitnehmen. Er war dabei, zurückzukommen.“
„Er ist ein beschädigtes… Projekt“, sagte der Mann tonlos. „Er wird in eine neue Klinik verlegt. In die Schweiz. Die haben andere Methoden.“
Einer der Männer in Schwarz schob mich beiseite, als wäre ich ein Vorhang. Ich hörte Oma von hinten schreien. Die Tür zur Stube ging auf.
„Nein!“ schrie ich.
Ich rannte hinterher. Der breitschultrige Mann kniete schon neben Leon. Er holte ein modernes Gerät aus seiner Tasche, ein kleines Display blinkte, als er es an Leons Hals hielt.
„Vitalfunktionen stabil, Herr Bergmann“, sagte er in sein Mikrofon.
Der Vater – ich wusste jetzt seinen Namen – trat in unsere Stube. Seine teuren Schuhe klackten auf unseren alten Dielen. Er sah sich um, als müsste er sich zwingen, nichts zu berühren.
„Erbärmlich“, murmelte er.
Er trat vor Leon. Er kniete sich nicht hin. Er sah einfach von oben auf ihn herab. „Leon. Wir gehen. Steh auf.“
Leon bewegte sich natürlich nicht. Die neue Starre in ihm war anders. Nicht die Kälte, sondern die pure Angst.
Der Sicherheitsmann beugte sich vor, packte ihn grob unter den Armen. Er wollte ihn einfach hochwuchten, wie ein Paket.
„Nicht!“ rief ich. „Sie tun ihm weh! Lassen Sie mich.“
Der Blick des Vaters bohrte sich in mich. Dann nickte er knapp.
Ich kniete mich vor Leon. Die Männer, der Vater, die ganze kalte Welt verschwanden kurz. Es gab nur noch ihn und mich.
Ich nahm seine kleinen, kalten Hände in meine. „Leon“, flüsterte ich, die Stimme überschlug sich. „Die Männer… sind da, um dich zurück zu deinem Vater zu bringen.“
Keine Reaktion.
„Ich… ich kann sie nicht aufhalten.“ Tränen liefen mir übers Gesicht. „Aber ich will, dass du etwas weißt. Du bist stark. Dieses kleine Licht, das wir zusammen gefunden haben – das gehört dir. Niemand kann dir das wegnehmen. Die Welt ist voller Farben, Leon. Voller Leben. Lass dir das nicht nehmen.“
Ich drückte seine Hände. „Ich weiß, dass du da drin bist. Und ich weiß, du hast Angst. Aber du musst mutig sein.“
Der Sicherheitsmann räusperte sich. „Wir müssen los, Chef.“
Der Vater nickte. „Nehmen Sie ihn.“
Der Mann hob Leon mitsamt Decken hoch. In seinen Armen wirkte Leon wieder wie ein kleines, schlaffes Bündel.
Sie gingen zur Tür. Ich stand wie angewurzelt, Tränen liefen, ich konnte nichts tun.
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