Fünf Motorradfahrer hörten ein leises Geräusch am See – Sekunden später fanden sie eine Hündin, die jemand absichtlich unter Wasser gezogen hatte.
Wir hätten die Hündin niemals gehört, wenn unsere fünf Motorräder nicht genau in dem Moment verstummt wären, als ihre Nase unter der Wasseroberfläche verschwand.
Das Geräusch war kaum mehr als ein Platschen.
Dann ein heiseres Atemholen.
Dann nichts.
Ich heiße Rainer Bergmann und war damals 54. Ich fuhr mit vier Freunden von einer Wochenendtour zurück, als Matthias plötzlich die Hand hob und am Rand einer schmalen Landstraße hielt.
Mit seiner Hinterradbremse stimmte etwas nicht.
Eine Kleinigkeit.
Diese Kleinigkeit rettete ein Leben.
Wir stellten die Motoren ab. Nach Stunden voller Fahrtwind und Motorengeräusch wirkte die Stille fast unnatürlich.
Thomas kniete sich neben Matthias’ Maschine. Jens öffnete seine Thermoskanne. Uwe vertrat sich die Beine.
Ich ging ein Stück den Hang hinunter zu einem kleinen Stausee.
Da hörte ich es.
Platsch.
Ein Atemzug.
Stille.
Ich schob das Schilf auseinander und blickte aufs Wasser.
Zuerst sah ich nur Äste und die ruhige Oberfläche.
Dann tauchte eine schwarze Nase auf.
Darunter zwei Augen.
Der Kopf blieb vielleicht eine Sekunde sichtbar.
Dann wurde er nach unten gezogen.
„Da ist ein Hund!“
Die anderen kamen sofort.
Etwa zwanzig Meter vom Ufer entfernt kämpfte eine gestromte Hündin darum, ihren Kopf über Wasser zu halten. Sie paddelte, kam aber keinen Zentimeter vorwärts.
Ihr Körper sank immer tiefer.
Etwas zog sie nach unten.
Thomas griff bereits zum Telefon.
Ich zog Stiefel und Lederjacke aus und ging ins Wasser.
„Rainer, warte!“
Ich wartete nicht.
Nach wenigen Metern konnte ich nicht mehr stehen. Meine Jeans wurde schwer, und ich musste schwimmen.
Dann verschwand die Hündin wieder.
Ich folgte den Luftblasen.
Meine Hand erwischte sie hinter den Schultern, kurz bevor auch ihre Nase unterging.
Ich zog ihren Kopf hoch.
Sie hustete mir Wasser ins Gesicht.
„Ich hab dich“, sagte ich.
Ihr ganzer Körper zitterte.
Ich tastete unter ihr entlang. Ich dachte an Angelschnur, Pflanzen oder einen Ast.
Dann fühlten meine Finger etwas Raues.
Ein Seil.
Es war mehrfach um ihren Körper gewickelt.
Das andere Ende führte nach unten.
Zu einem schweren Betonstein.
Für einen Moment verstand ich nicht, was ich da fühlte.
Dann verstand ich es sehr genau.
Jemand hatte diese Hündin an einen Stein gebunden.
Das Seil war gerade lang genug, dass sie mit ausgestrecktem Hals die Oberfläche erreichen konnte.
Solange ihre Kraft reichte.
Thomas kam ins Wasser. Die anderen sicherten ihn mit einem Abschleppseil vom Ufer aus.
Ich hatte ein kleines Taschenmesser dabei.
Meine Finger waren nass und zitterten.
Der erste Schnitt rutschte ab.
Die Hündin sank wieder gegen meine Brust.
„Halt ihren Kopf!“, rief ich.
Thomas nahm ihren Fang vorsichtig in beide Hände und hielt ihn über Wasser.
Ich sägte weiter.
Das Material war dick.
Die Hündin machte plötzlich die Augen zu.
„Komm schon“, murmelte Thomas. „Bleib bei uns.“
Endlich gab die erste Schlaufe nach.
Dann die zweite.
Das Seil riss.
Der Stein sank weg.
Für einen kurzen Moment schien die Hündin einfach auf dem Wasser zu liegen.
Dann wurde ihr Körper schlaff.
Wir zogen sie ans Ufer.
Matthias und Uwe legten sie auf meine Lederjacke. Ihre Atmung war kaum vorhanden.
Thomas hatte früher im Rettungsdienst gearbeitet und übernahm sofort.
Ich tat nur, was er mir sagte.
Sekunden fühlten sich wie Minuten an.
Nichts.
Dann hustete die Hündin.
Wasser lief aus ihrem Maul.
Ihr Brustkorb hob sich.
Einmal.
Noch einmal.
Fünf Männer in nassen Jeans und Lederkleidung knieten schweigend im Schlamm und sahen einem Hund beim Atmen zu.
Ich legte meine Hand vor ihre Nase.
„Jetzt bist du sicher.“
Sie öffnete die Augen.
Dann leckte sie über meine Fingerknöchel.
Das hat mich mehr getroffen als alles andere an diesem Tag.
Ein Mensch hatte sie gefesselt und ins Wasser gebracht.
Und trotzdem antwortete sie auf eine fremde menschliche Hand mit Vertrauen.
In der Tierklinik stellte man Unterkühlung, Wasser in der Lunge, tiefe Scheuerstellen durch das Seil und eine unbehandelte Entzündung fest.
Sie war außerdem viel zu dünn.
Unter ihrer Schulter fanden die Tierärzte einen Chip.
Über die Registrierung ließ sich ein früherer Halter feststellen.
Der Mann erklärte später gegenüber den Behörden, die Hündin sei Monate zuvor weggelaufen.
Wir wussten nicht, ob das stimmte.
Und so wütend wir waren, wir beschlossen, nicht selbst Richter zu spielen.
Thomas sagte nur einen Satz:
„Wir erzählen, was wir gesehen haben. Den Rest sollen die zuständigen Leute klären.“
Das war nicht leicht.
Besonders für Matthias.
Er lief im Wartebereich auf und ab.
„Jemand bindet einen Hund an einen Betonstein und wir sollen ruhig bleiben?“
„Ja“, sagte Thomas.
„Warum?“
„Weil sie jetzt uns braucht. Nicht unseren Ärger.“
Damit war die Diskussion beendet.
Die Hündin blieb zwei Tage unter intensiver Beobachtung.
Eine Tierärztin zeigte uns die Narben an ihrem Bauch. Offenbar hatte sie früher mehrfach Junge bekommen.
Ihre Zähne waren beschädigt, ihre Pfoten rau.
Vieles deutete darauf hin, dass sie kein besonders gutes Leben gehabt hatte.
Wir nannten sie Lotte.
Keiner von uns weiß heute noch genau, wer den Namen zuerst sagte.
Vielleicht Jens.
Vielleicht Matthias.
Aber als die Tierärztin „Lotte“ sagte, hob die Hündin leicht den Kopf.
Damit war es entschieden.
In den ersten Tagen konnte Lotte kaum schlafen.
Sobald sich eine Tür schloss, begann sie zu hecheln.
Wenn jemand mit einem Kabel oder einer Leine durch den Raum ging, drückte sie sich auf den Boden.
Beim Geräusch von Wasser kroch sie unter einen Untersuchungstisch.
Ihre Wunden heilten.
Ihre Angst nicht.
Ich besuchte sie fast jeden Tag.
Meist setzte ich mich einfach auf den Boden.
Ich sprach nicht viel.
Ich arbeitete damals in einer kleinen Motorradwerkstatt und nahm manchmal Rechnungen oder Ersatzteile mit. Während ich meine Sachen sortierte, beobachtete Lotte mich aus mehreren Metern Entfernung.
Am vierten Tag kam sie ein Stück näher.
Am siebten noch etwas.
Nach zwei Wochen legte sie sich neben meinen Stiefel.
Nicht an meinen Fuß.
Nur daneben.
Ihr Gesicht blieb zur Tür gerichtet.
Sie wollte Nähe.
Aber sie wollte jederzeit fliehen können.
Die anderen kamen ebenfalls.
Matthias brachte gekochtes Hühnchen und wurde gebeten, weniger davon mitzubringen.
Jens besorgte eine erhöhte Futterschale.
Uwe saß manchmal zwanzig Minuten schweigend bei ihr.
Unsere üblichen Treffen fanden plötzlich auf dem Parkplatz der Tierklinik statt.
Fünf Männer, fünf Motorräder, Pappbecher mit schlechtem Kaffee.
Hinter der Scheibe lag eine gestromte Hündin und beobachtete uns.
Als klar wurde, dass Lotte später in eine Pflegestelle konnte, meldeten wir uns alle.
Bei Matthias lebten bereits zwei Hunde.
Uwe war beruflich oft unterwegs.
Thomas hatte wechselnde Arbeitszeiten.
Ich lebte allein in einem kleinen Haus am Rand einer Thüringer Kleinstadt. Hinter dem Haus lag ein eingezäunter Garten.
Meine Frau Karin war drei Jahre zuvor nach langer Krankheit gestorben.
Seitdem war es dort still geworden.
Viel zu still.
Als man mich fragte, warum ich Lotte aufnehmen wollte, dachte ich lange nach.
„Weil sie einen Ort braucht, an dem niemand etwas von ihr verlangt.“
Das war meine Antwort.
Vier Wochen nach dem See kam sie zu mir.
Ich fuhr mit dem Auto.
An ein Motorrad war noch lange nicht zu denken.
Vor meiner Haustür blieb Lotte stehen.
Ich ging hinein.
Sie blieb draußen.
Ich zog nicht an der Leine.
Fast zwanzig Minuten passierte nichts.
Dann setzte sie eine Pfote über die Schwelle.
Noch eine.
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