Heute ist der dritte Abend, seit ich diesen Satz gedacht habe: „Gestern hatte ich keine Katze.“ Und jedes Mal, wenn ich ihn denke, klingt er weniger nach Feststellung und mehr nach einem kleinen Schwindel, den ich mir selbst erzähle, weil ich noch nicht ganz begreife, wie schnell sich ein Leben verschiebt.
In der ersten Nacht hat Anka nicht geschlafen, jedenfalls nicht so, wie ich „Schlafen“ kenne. Er hat gewacht. Ich habe es gehört, dieses leise, schwere Umsetzen von Pfoten auf dem Laminat, als würde jemand nachts Möbel zählen, um sicherzugehen, dass sie am Morgen noch da sind.
Ich lag im Bett und starrte in die Dunkelheit, und jedes Mal, wenn ich die Augen zumachte, sah ich sein geknicktes Ohr unter meiner Hand. Es war warm gewesen, fast unverschämt echt, und trotzdem hatte sich das Schnurren angefühlt wie ein vorsichtiges Probieren, nicht wie ein Versprechen.
Am Morgen roch meine Wohnung anders. Nicht schlechter, nicht besser, nur… bewohnt. Ein Hauch von Fell, von etwas Tierischem, das nicht geschniegelt und geplant ist, sondern einfach da, wie Regen auf dem Mantel, wenn man zu spät den Schirm aufspannt.
Anka lag nicht mehr auf dem Sofa. Er lag auch nicht auf mir. Er war verschwunden, als hätte er sich in der Nacht neu überlegt, ob das hier wirklich sein soll, und wäre dann lautlos wieder in die Welt geschlüpft.
Ich stand in der Küche mit der Kaffeetasse in der Hand und merkte, wie mein Blick automatisch jede Ecke abtastete: unter dem Tisch, hinter dem Vorhang, neben dem Heizkörper. Da war nur Stille. Und diese Stille hatte plötzlich Zähne.
„Anka?“ sagte ich leise, und ich fühlte mich dabei ein bisschen lächerlich, weil ich den Namen wie eine Frage in die Wohnung stellte. Keine Antwort. Nur das Summen des Kühlschranks, als würde der sich über meine Nervosität wundern.
Er saß schließlich im Schlafzimmer, ganz hinten, zwischen Bett und Wand, wo ich selbst kaum hinschaue. Der Körper groß, die Augen halb geschlossen, als würde er sich unsichtbar machen wollen, ohne sich wirklich zu verstecken. Als wäre Rückzug seine Art, „Guten Morgen“ zu sagen.
Ich ging langsam in die Hocke und blieb auf Abstand. Ich wollte nicht wieder diese Person sein, die zu viel will, weil sie denkt, Liebe sei ein Tempo. Anka hob nur kurz den Blick, und da war es wieder: nicht böse, nicht weich, nur wach, wie jemand, der gelernt hat, dass man besser alles im Auge behält.
Ich stellte ihm Wasser hin und ein bisschen Futter in die Ecke im Wohnzimmer, die ich am Abend zuvor vorbereitet hatte. Eine Decke, eine Schale, ein stiller Ort, kein großes Theater. Als ich mich umdrehte, hörte ich das leise Klacken von Krallen – er kam nicht sofort, aber er merkte sich den Weg.
Jana rief gegen Mittag an. Ihre Stimme klang am Telefon einen Tick langsamer als sonst, als hätte sie die Nacht auch mit einem Auge offen verbracht, nur aus anderen Gründen.
„Und?“ fragte sie. „Lebt ihr noch?“
„Ich glaube, ja“, sagte ich, und ich lachte kurz, dieses kleine Lachen, das eher ein Ausatmen ist. „Er tut so, als gehöre er nicht hierher, aber gleichzeitig… als hätte er genau geprüft, welche Räume ihm zustehen.“
„Das ist Anka“, sagte Jana. „Er drängt nicht. Er nimmt, was man ihm wirklich gibt.“
Ich sah in Richtung Schlafzimmer. Anka lag immer noch dort, als wäre der Ort ihm jetzt zugeteilt worden. Und plötzlich verstand ich etwas, das ich gestern nicht verstanden hatte: Er prüfte nicht meine Wohnung. Er prüfte mich.
Am Nachmittag machte ich den Fehler, der sich wie ein guter Vorsatz anfühlt. Ich dachte, ich müsse „es richtig machen“, und „richtig“ bedeutete in meinem Kopf: Nähe anbieten, Geduld zeigen, Fortschritte sehen. Ich setzte mich auf das Sofa, klopfte neben mich und sagte: „Komm, Anka, hier.“
Er kam tatsächlich. Nicht sofort, nicht fröhlich, aber er kam. Und in dem Moment, als ich die Hand ausstreckte, nur ein bisschen zu schnell, zog er den Kopf zurück und erstarrte, als hätte ich plötzlich eine andere Sprache gesprochen.
Ich hielt inne. Das war die erste Lektion: Bei Anka war nicht die Bewegung das Problem, sondern die Idee dahinter. Zu schnelles Streicheln war nicht „Zuwendung“, sondern „Anspruch“.
„Okay“, murmelte ich, mehr zu mir als zu ihm. „Dann eben so.“
Ich ließ die Hand einfach liegen, offen, ruhig, ohne Auftrag. Anka stand da, groß wie ein Teppich mit Augen, und nach einer Weile – einer langen, peinlich langen Weile – schob er seine Wange einen Millimeter näher. Nicht gegen meine Hand. Nur näher. So, als würde er die Luft zwischen uns messen.
Am zweiten Tag fing er an, meine Rituale zu kommentieren. Nicht mit Miauen, nicht mit Theater. Mit Anwesenheit. Wenn ich Kaffee machte, lag er in der Küchentür, genau so, dass ich ihn sehen musste, aber nicht so, dass ich über ihn stolperte.
Wenn ich das Fenster öffnete, stand sein gerades Ohr wie ein kleiner Antennenmast, und sein geknicktes Ohr blieb weich, als hätte es keine Lust mehr, sich zu beweisen. Er roch die Luft, und man sah förmlich, wie die Welt in ihn hineinlief: Regen, Straße, ein fremder Hund unten, irgendwo ein Kind, das lachte.
Am Abend saß ich wieder auf dem Sofa mit meinem Buch. Ich hatte mir vorgenommen, mich nicht dauernd umzudrehen, nicht jede Regung zu bewerten, nicht aus jedem Schritt eine Geschichte zu machen.
Und genau in dieser Minute, in der ich mich „normal“ fühlte, sprang Anka ohne Vorwarnung aufs Sofa – nicht auf meinen Schoß, aber nah genug, dass ich seine Wärme spürte.
Es war kein Kuscheln. Es war eher ein stilles „Ich bin da“. Und ich merkte, wie sehr ich dieses „da“ in meinem Leben unterschätzt hatte.
Am dritten Tag passierte das, wovor Jana mich nicht gewarnt hatte, weil man vor sowas nicht wirklich warnen kann. Ich öffnete die Wohnungstür, um den Müll rauszubringen, eine Bewegung, die ich seit Jahren mache, ohne nachzudenken. Ein Schritt, ein Griff, kurz in den Hausflur, wieder zurück.
Anka war hinter mir, ohne dass ich es gemerkt hatte. Und bevor mein Verstand den Zusammenhang herstellen konnte, war dieser große, zottelige Körper zwischen Tür und Rahmen hindurchgeglitten, als hätte er genau auf diesen Spalt gewartet.
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