Meine Ersparnisse waren durch die Scheidung und den Umzug beinahe aufgebraucht.
Ich hatte gehofft, langsam wieder Boden unter die Füße zu bekommen.
Stattdessen fühlte es sich an, als würde jemand den Boden erneut wegziehen.
Als ich die Wohnung betrat, kam Frieda mir entgegen.
Normalerweise begrüßte sie mich inzwischen mit einem leisen Miauen.
An diesem Abend hörte ich es kaum.
Ich setzte mich an den Küchentisch und starrte auf die Rechnungen.
„Vielleicht muss ich schon wieder umziehen“, murmelte ich.
Frieda sprang auf den zweiten Stuhl.
Ich sah sie an.
„Tut mir leid, Mädchen.“
Dann stand ich auf und holte einen halb geöffneten Umzugskarton aus der Ecke.
Ich wollte nur ein paar Unterlagen ordnen.
Oben auf dem Karton lag die Klebebandrolle.
Gedankenlos griff ich danach.
Ratsch.
Das Geräusch zerriss die Stille.
Frieda sprang vom Stuhl.
Sie raste durch das Wohnzimmer, prallte gegen die Wand und rutschte auf dem glatten Boden aus.
Dann verkroch sie sich hinter dem Sessel.
Ich ließ die Rolle fallen.
„Frieda!“
Ich kniete mich hin.
Sie zitterte so stark, dass ich es sogar im schwachen Licht sehen konnte.
Ihre Ohren lagen flach am Kopf.
Als ich die Hand ausstreckte, wich sie zurück.
Und plötzlich wurde mir klar, dass ich nicht einfach eine schreckhafte Katze vor mir hatte.
Ich hatte ein Tier vor mir, das etwas erlebt hatte, was es offenbar nicht vergessen konnte.
Am nächsten Morgen rief ich im Tierheim an.
Die ältere Mitarbeiterin erkannte meine Stimme sofort.
„Wie geht es unserer Frieda?“
Ich erzählte ihr alles.
Von der Wohnungstür.
Von der freien Bettseite.
Und von ihrer Angst vor Klebeband.
Am anderen Ende wurde es still.
Dann sagte die Frau leise: „Ach, die arme Frieda.“
Ich wartete.
„Als sie zu uns gebracht wurde, erzählte die frühere Besitzerin, dass sie tagelang gepackt hätten.“
„Und?“
„Es gab viele Streitgespräche. Überall standen Kartons. Immer wieder wurden Sachen hinausgetragen.“
Sie hielt kurz inne.
„Frieda hatte sich irgendwann im Kleiderschrank versteckt. Man musste sie erst suchen, bevor man sie mitnehmen konnte.“
Ich schaute zu den Kartons in meinem Wohnzimmer.
Plötzlich verstand ich etwas.
Für Frieda bedeutete dieses Geräusch offenbar nicht einfach nur Klebeband.
Es erinnerte sie an die Tage, in denen ihre vertraute Welt auseinandergefallen war.
An Menschen, die stritten.
An Möbel, die verschwanden.
An eine Wohnung, die irgendwann nicht mehr ihr Zuhause war.
„Kann ich ihr irgendwie helfen?“, fragte ich.
„Geben Sie ihr Zeit“, sagte die Frau. „Und möglichst viel Ruhe und Verlässlichkeit.“
Ich bedankte mich.
Nach dem Telefonat blieb ich lange am Küchentisch sitzen.
Dabei hatte ich gedacht, dass nur ich mit dem Ende meiner Ehe kämpfte.
Jetzt saß eine zwölfjährige Katze in meiner Wohnung, die ebenfalls ihr altes Leben verloren hatte.
Am Abend holte ich alle verbliebenen Kartons ins Wohnzimmer.
Ich wollte endlich auspacken.
Nicht, weil plötzlich alles gut war.
Sondern weil ich nicht wollte, dass Frieda jeden Tag an einen weiteren Abschied erinnert wurde.
Ich öffnete den ersten Karton.
Darin lagen Bücher, ein alter Bilderrahmen und eine Tasse, die Sabine mir vor vielen Jahren geschenkt hatte.
Auf der Tasse stand: „Für meinen Lieblingsmenschen.“
Ich setzte mich auf den Boden.
Und fing an zu weinen.
Zuerst leise.
Dann so heftig, dass ich kaum Luft bekam.
Ich weinte wegen der Ehe, die gescheitert war. Wegen des Geldes, das nicht reichte. Wegen der Zukunft, vor der ich Angst hatte.
Aber vor allem weinte ich, weil ich plötzlich begriff, wie sehr ich mich selbst in den vergangenen Wochen zusammengerissen hatte.
Ich hatte ständig so getan, als wäre alles in Ordnung.
Vor den Kollegen.
Vor meinem Bruder.
Vor den Nachbarn.
Sogar vor mir selbst.
Nur vor Frieda musste ich nichts vorspielen.
Irgendwann hörte ich leise Pfotenschritte.
Sie kam aus dem Schlafzimmer.
Langsam näherte sie sich mir.
Ich wischte mir mit dem Ärmel übers Gesicht.
„Ach, Frieda. Was machen wir zwei denn bloß?“
Sie beschnupperte mein Knie.
Dann stieg sie vorsichtig auf meinen Schoß.
Ich hielt ganz still.
Sie drehte sich einmal und legte ihren Kopf gegen meine Brust.
Und dann hörte ich es.
Ein tiefes, raues Schnurren.
Ganz leise am Anfang.
Fast wie ein alter Motor, der lange nicht gelaufen war.
Ich legte behutsam meine Hand auf ihren Rücken.
„Wir schaffen das schon“, flüsterte ich.
Ich weiß nicht, wie lange wir so saßen.
Vielleicht zehn Minuten.
Vielleicht eine Stunde.
Aber zum ersten Mal seit meiner Scheidung hatte ich nicht das Gefühl, völlig allein zu sein.
Am nächsten Tag kaufte ich eine kleine Schere, damit ich die Kartons künftig ohne lautes Klebeband öffnen konnte.
Ich räumte jeden Abend ein bisschen auf.
Die Bücher kamen ins Regal.
Das Geschirr in den Schrank.
Die Bilder stellte ich wieder auf, allerdings nicht alle.
Manche Erinnerungen durften bleiben.
Andere packte ich weg.
Und Frieda?
Sie beobachtete alles von ihrem Sessel aus.
Nach und nach wurde sie mutiger.
Sie fraß wieder ordentlich.
Sie ließ sich länger streicheln.
Und eines Tages blieb sie abends einfach auf dem Sofa liegen, statt wie gewohnt zur Wohnungstür zu laufen.
Ich bemerkte es erst, als ich auf die Uhr schaute.
Es war zwanzig vor sieben.
Früher hätte sie längst im Flur gesessen.
Jetzt schlief sie tief und fest.
Ich musste lächeln.
Im Dezember bekam ich wieder mehr Arbeitsstunden.
Es war keine große Verbesserung, aber genug, um die dringendsten Rechnungen zu bezahlen.
Mein Bruder half mir, ein gebrauchtes Bücherregal aufzubauen.
Eine Nachbarin brachte manchmal ein Stück selbst gebackenen Kuchen vorbei.
Mein Leben war noch immer nicht das, was ich mir einmal vorgestellt hatte.
Aber es war wieder ein Leben.
Und dann kam jene Nacht im Februar.
Ich lag bereits im Bett und las.
Frieda sprang wie jeden Abend auf die Matratze.
Ich erwartete, dass sie sich an ihren gewohnten Platz am äußeren Rand legen würde.
Doch diesmal blieb sie mitten auf dem Bett stehen.
Sie drehte sich zweimal.
Dann legte sie sich genau in die Mitte.
Ich schaute sie überrascht an.
„Na, was ist denn heute los?“
Sie streckte die Vorderpfoten aus und schloss zufrieden die Augen.
Zum ersten Mal ließ sie keinen Platz mehr frei.
Nicht für einen Menschen, der einmal da gewesen war.
Nicht für jemanden, der vielleicht zurückkommen könnte.
Einfach nur ein Bett.
Mit einer alten Katze und einem Mann, der langsam wieder lernte, zu Hause zu sein.
Ich löschte das Licht.
Frieda rückte ein kleines Stück näher und legte eine Pfote auf meinen Arm.
Und in diesem Augenblick begriff ich etwas, das mir vorher niemand hatte erklären können.
Manchmal beginnt ein neues Leben nicht mit einem großen Entschluss.
Manchmal beginnt es mit einer gebrauchten Wohnung, zwei einsamen Herzen und einer Katze, die irgendwann aufhört, auf jemanden zu warten.
Frieda ist inzwischen dreizehn.
Sie hat graue Haare um die Schnauze, ein eingerissenes Ohr und manchmal keine Lust, sich von mir streicheln zu lassen.
Sie ist keine besondere Katze.
Jedenfalls nicht für die Welt da draußen.
Für mich aber ist sie das Beste, was mir nach der Scheidung passiert ist.
Manche Abende sind noch immer schwer. Manchmal vermisse ich mein früheres Leben, und manchmal mache ich mir Sorgen um das Geld.
Aber wenn ich nachts ins Schlafzimmer komme, liegt Frieda meistens quer auf meinem Kopfkissen.
Dann muss ich lachen und sie vorsichtig zur Seite schieben.
Früher lag sie auf einer halben Matratze, als hätte sie Angst, einem Menschen seinen Platz wegzunehmen.
Heute beansprucht sie fast das ganze Bett.
Und ich lasse sie.
Denn wenn ich eines von Frieda gelernt habe, dann dies:
Ein Zuhause ist nicht nur der Ort, an dem man viele Jahre gelebt hat.
Es ist der Ort, an dem man irgendwann wieder ruhig einschlafen kann.
Ohne Angst vor dem nächsten Abschied.
Und ohne eine leere Hälfte freihalten zu müssen.






