Als wir an diesem Abend aus der Wohnung gingen, war Leipzig schon leiser geworden.
Nicht still.
Leipzig ist nie ganz still.
Irgendwo fuhr noch eine Straßenbahn. Aus einem geöffneten Fenster kam leises Klappern von Geschirr. Unten vor dem Haus schob ein Nachbar sein Fahrrad in den Keller und grüßte knapp.
Anna hielt meine Hand.
Nicht fest.
Aber auch nicht so, als hätte sie Angst, ich könnte sie loslassen.
Wir liefen ohne Ziel.
Früher hätte ich sofort gefragt, wohin sie will. Ich hätte versucht, den Abend zu retten. Etwas Schönes daraus zu machen. Eine Richtung. Einen Plan. Einen Sinn.
Diesmal sagte ich nichts.
Ich ging nur neben ihr.
Nach ein paar Minuten blieb Anna vor einer kleinen Bäckerei stehen, die längst geschlossen hatte. Im Schaufenster lagen nur noch ein paar leere Bleche und ein Schild, das schief an der Tür hing.
„Hier hat Lukas immer Mohnschnecken gekauft“, sagte sie.
Ich spürte, wie mein Körper kurz hart wurde.
Da war er wieder.
Dieser Name.
Dieser Mann, den ich nie kennengelernt hatte und der trotzdem so lange zwischen uns am Tisch gesessen hatte.
Aber diesmal tat es anders weh.
Nicht wie eine Konkurrenz.
Mehr wie ein alter Splitter, der endlich sichtbar wurde.
„Mochtet ihr die beide?“, fragte ich.
Anna sah mich von der Seite an.
Als hätte sie auf eine falsche Reaktion gewartet.
Dann nickte sie langsam.
„Er hat immer behauptet, die hier wären die besten in ganz Leipzig. Wahrscheinlich stimmte das nicht mal.“
Sie lächelte.
Zum ersten Mal an diesem Tag.
Nicht traurig.
Nicht glücklich.
Einfach echt.
„Dann müssen wir das irgendwann überprüfen“, sagte ich.
Anna drückte meine Hand.
Nur kurz.
Aber ich merkte es.
Wir gingen weiter.
An diesem Abend erzählte sie mir drei Dinge über Lukas.
Nicht viel.
Nur drei kleine Dinge.
Dass er beim Kochen immer zu viel Salz nahm.
Dass er nie einen Regenschirm dabei hatte, aber ständig andere daran erinnerte.
Dass er Angst vor Aufzügen hatte und lieber acht Stockwerke lief, statt sich in eine enge Kabine zu stellen.
Ich hörte zu.
Nicht wie ein Richter.
Nicht wie ein Mann, der wissen wollte, ob er gewinnt oder verliert.
Sondern wie jemand, der endlich verstand, dass Annas Vergangenheit kein Feind war.
Sie war ein Zimmer in ihr.
Und ich hatte jahrelang vor der Tür gestanden, weil ich dachte, drinnen würde kein Platz für mich sein.
Als wir zurückkamen, stand die Holzkiste noch auf dem Küchentisch.
Das Foto lag oben.
Ich zog meinen Mantel aus und blieb unsicher im Flur stehen.
Anna bemerkte es.
„Du darfst es anschauen“, sagte sie leise.
Ich trat näher.
Auf dem Foto war Lukas ungefähr so alt wie ich gewesen, als ich Anna kennenlernte. Er stand an einem See, mit nassen Haaren und einem schiefen Lächeln. Kein Held. Kein Denkmal. Kein perfekter Mann.
Nur ein Mensch.
Plötzlich wurde es leichter.
Es ist schwer, gegen einen Geist zu kämpfen.
Aber ein Mensch auf einem alten Foto?
Der hatte gelebt.
Der hatte gelacht.
Der hatte Fehler gemacht.
Und er war gegangen, ohne gehen zu wollen.
„Er sieht nett aus“, sagte ich.
Anna nickte.
„War er auch.“
Dann sah sie mich an.
„Du bist es auch.“
Das war kein großer Satz.
Kein Satz, den man in einen Rahmen hängt.
Aber er blieb in mir.
In dieser Nacht schlief Anna zum ersten Mal seit Jahren am 5. Mai ruhig.
Ich nicht.
Ich lag wach und hörte auf ihren Atem.
Nicht aus Angst.
Sondern weil ich begriff, wie nah wir uns gewesen waren und wie lange wir trotzdem beide allein geblieben waren.
Sie mit ihrer Schuld.
Ich mit meinem Vergleich.
Am nächsten Morgen machte ich Kaffee.
Anna kam in die Küche, noch verschlafen, mit zerzausten Haaren und einem alten Pullover, den ich noch nie gemocht hatte, weil die Ärmel ausgeleiert waren.
Sie sah die Holzkiste auf dem Tisch.
Dann mich.
„Ich räume sie gleich weg“, sagte sie automatisch.
„Musst du nicht“, sagte ich.
Sie blieb stehen.
„Wirklich?“
Ich nickte.
„Sie kann noch da bleiben.“
Anna setzte sich langsam.
Als hätte ich ihr nicht erlaubt, eine Kiste stehen zu lassen, sondern endlich einen Teil von ihr nicht wegzuschieben.
Wir tranken schweigend Kaffee.
Nach einer Weile sagte sie:
„Ich habe manchmal Angst, dass du irgendwann genug davon hast.“
„Wovon?“
„Von meinem halben Herzen.“
Ich stellte meine Tasse ab.
„Anna“, sagte ich, „dein Herz ist nicht halb.“
Sie sah mich an.
„Es ist nur nicht leer.“
Sie begann zu weinen.
Nicht laut.
Nicht dramatisch.
Nur so, wie Menschen weinen, wenn sie lange stark waren und plötzlich niemand mehr verlangt, dass sie es bleiben.
Ich stand nicht auf, um sie sofort zu trösten.
Früher hätte ich das getan.
Ich hätte ihre Tränen schnell weggewischt, weil ich sie nicht ertragen konnte.
Diesmal ließ ich sie da sein.
Dann legte ich meine Hand auf den Tisch.
Nach ein paar Sekunden legte sie ihre darauf.
In den Wochen danach änderte sich nichts auf einmal.
So ist das Leben nicht.
Wir wurden nicht plötzlich ein Paar, das immer alles richtig sagte. Wir stritten noch über volle Mülleimer, vergessene Termine und darüber, wer schon wieder kein Brot gekauft hatte.
Anna stellte die Holzkiste wieder in den Schrank.
Aber nicht mehr ganz nach hinten.
Sie stand nun auf dem mittleren Fach.
Nicht versteckt.
Nicht ausgestellt.
Einfach da.
Manchmal sah ich sie, wenn ich die Handtücher nahm.
Und ich merkte, dass ich nicht mehr jedes Mal innerlich zusammenzuckte.
Einmal im Juni kam ich früher nach Hause.
Anna saß am Küchentisch und hatte die Kiste offen.
Früher hätte sie sie schnell geschlossen.
Diesmal tat sie es nicht.
„Ich suche ein Foto“, sagte sie.
„Wofür?“
Sie zögerte.
„Lukas’ Mutter wird nächste Woche siebzig.“
Ich wusste, dass es sie gab.
Natürlich.
Aber wir hatten kaum über sie gesprochen.
„Habt ihr Kontakt?“, fragte ich.
Anna nickte langsam.
„Wenig. Geburtstage. Weihnachten. Manchmal am Todestag.“
Sie strich über eine alte Karte.
„Sie hat nie wieder richtig jemanden an sich herangelassen. Ich glaube, sie hat mich auch verloren, irgendwie. Obwohl ich noch lebe.“
Ich setzte mich ihr gegenüber.
„Willst du hin?“
Anna atmete tief ein.
„Ja.“
Dann kam der Satz, der mich unvorbereitet traf.
„Kommst du mit?“
Ich sagte nicht sofort etwas.
In meinem Kopf wurde es laut.
Ich sah mich in einem fremden Wohnzimmer sitzen, neben einer Mutter, die ihren Sohn verloren hatte. Ich sah Blicke. Vergleiche. Schweigen. Ich hörte einen unausgesprochenen Satz:
Das ist also der Mann danach.
Anna merkte es.
„Du musst nicht“, sagte sie schnell.
Genau das war der Moment, in dem ich verstand, wie oft sie mir Türen offen gelassen hatte, weil sie dachte, ich würde sonst gehen.
Ich nahm ihre Hand.
„Doch“, sagte ich. „Ich komme mit.“
Der Geburtstag war an einem Sonntag.
Die Mutter von Lukas wohnte in einer ruhigen Straße am Rand von Leipzig, in einer Wohnung mit vielen Pflanzen auf der Fensterbank. Sie hieß Frau Bergmann, aber Anna nannte sie noch immer „Hannelore“.
Als die Tür aufging, sah ich eine kleine Frau mit grauen Haaren, wachen Augen und einem Gesicht, das freundlich sein wollte, aber müde war.
Sie umarmte Anna lange.
Dann sah sie mich an.
Für einen Atemzug wusste niemand, was man sagt.
Ich hielt ihr die Blumen hin.
„Matthias“, sagte ich.
„Ich weiß“, sagte sie.
Nur das.
Ich weiß.
Aber es klang nicht kalt.
Eher, als hätte sie meinen Namen schon oft gehört, ohne mich je gesehen zu haben.
Drinnen roch es nach Kaffee, Kuchen und Möbelpolitur.
Auf dem Wohnzimmerschrank standen Fotos.
Viele Fotos.
Lukas als Kind mit Zahnlücke.
Lukas mit Schultüte.
Lukas auf einem Fahrrad.
Lukas mit Anna.
Ich zwang mich, nicht wegzusehen.
Hannelore bemerkte es.
„Es ist viel“, sagte sie.
Ich nickte ehrlich.
„Ja.“
Sie sah mich lange an.
Dann sagte sie:
„Für uns alle.“
Dieser Satz nahm etwas Druck aus dem Raum.
Wir setzten uns.
Anna war angespannt. Ich sah es an ihren Schultern. Sie hielt die Kuchengabel so fest, als müsste sie sich daran festhalten.
Hannelore fragte mich nach meiner Arbeit.
Nach unserer Wohnung.
Nach der kaputten Heizung im letzten Winter, von der Anna ihr offenbar erzählt hatte.
Es war fast normal.
Bis Hannelore plötzlich aufstand und ein kleines Album aus der Schublade holte.
„Ich habe etwas für dich“, sagte sie zu Anna.
Anna wurde blass.
„Für mich?“
Hannelore nickte.
„Ich wollte es dir schon lange geben. Aber ich war wütend.“
Es wurde sehr still.
Nicht unangenehm.
Wahr.
„Auf mich?“, fragte Anna.
Hannelore setzte sich wieder.
Ihre Hände lagen auf dem Album.
„Auf das Leben. Auf dich. Auf mich. Auf jeden, der morgens noch aufgestanden ist.“
Anna schluckte.
„Ich dachte immer, du gibst mir die Schuld.“
Hannelore schloss die Augen.
„Manchmal wollte ich das. Weil Schuld einfacher ist als Schmerz.“
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