Ich dachte, die Nacht wäre vorbei. Dass der kleine Rote jetzt einfach schläft, frisst, gesund wird, und wir alle wieder in unsere warmen Betten kriechen können. Doch um drei Uhr sechsundvierzig vibriert mein Handy erneut, und diesmal ist es nicht Frau Hamsen.
Eine andere Nummer. Unbekannt.
Ich starre auf das Display, während der kleine Kater zusammengerollt auf meinem alten Pullover liegt, direkt neben der Heizung, als hätte er nie etwas anderes gekannt als Wärme.
Ich nehme ab.
„Dominik?“, sagt eine Männerstimme, leise und heiser, als hätte jemand ihr die Jahre aus dem Hals gekratzt. „Man hat mir gesagt, Sie… Sie helfen Katzen. Hier in der Südstadt.“
Ich setze mich auf die Kante des Küchenstuhls. Der Daumen pocht unter dem Pflaster. „Kommt drauf an“, sage ich, halb im Scherz, halb ernst. „Worum geht’s?“
Kurzes Schweigen. Dann: „Ich glaube, ich hab Mist gebaut.“
In diesem Moment hebt der kleine Rote den Kopf. Seine Ohren zucken, als würde er die Scham am Telefon hören. Er schaut mich an, blinzelt einmal. Und ich weiß: Das ist nicht irgendein Anruf. Nicht in dieser Nacht.
„Sagen Sie mir, wo Sie sind“, antworte ich ruhig.
Der Mann nennt eine Straße, nur ein paar Minuten von hier. Eine dunkle Ecke, Hinterhof, Mülltonnen, die üblichen Plätze, wo sich die Nächte sammeln und nichts Gutes versprechen. Ich stehe auf, ziehe mir die dicke Jacke über, stopfe Handschuhe ein und werfe noch einen Blick auf den kleinen Kater.
„Du bleibst hier“, murmele ich. „Ich bin gleich wieder da.“
Frau Hamsen ist noch wach. Sie sitzt in ihrer Küche, als hätte sie sich gar nicht ausgezogen, und hält eine Tasse Tee wie ein Rettungsring. Als ich ihr die Lage erkläre, nickt sie nur, als wäre sie längst Teil meiner Nachtarbeit geworden.
„Nehmen Sie die Decke von meinem Sofa mit“, sagt sie. „Für den Fall.“
„Danke“, sage ich. Und meine Stimme klingt wärmer, als sie sollte. Paderborn kann kalt sein. Aber Menschen wie Frau Hamsen sind ein kleiner Ofen in der Wand.
Draußen ist die Luft scharf wie Glas. Der Wind drückt mir die Kälte in die Augen, und irgendwo klappert ein loses Schild. Ich gehe schnell, aber nicht gehetzt. Hektik bringt in solchen Nächten nur Fehler.
Als ich den Hinterhof erreiche, sehe ich zuerst den Mann. Er steht unter einer flackernden Lampe, die mehr Schatten als Licht wirft. Mitte fünfzig vielleicht, dünn, die Schultern hochgezogen, als wollte er sich klein machen. Er trägt eine alte Steppjacke, die an den Ellenbogen glänzt, und eine Mütze, die schon bessere Tage gesehen hat.
Neben ihm steht ein Karton. Und in dem Karton bewegt sich etwas.
„Sie sind Dominik“, sagt er. Es ist keine Frage. Seine Augen sind rot, nicht vom Wind.
„Ja“, sage ich. „Und Sie sind…?“
Er schluckt. „Stefan.“
Ich nicke. Namen sind wichtig, aber nicht das Wichtigste. Ich hocke mich hin und schiebe den Deckel des Kartons vorsichtig zur Seite. Der Geruch trifft mich zuerst. Kälte, Schmutz, Angst. Und darunter dieses süßliche, bittere Etwas, das nach Krankheit riecht.
Im Karton liegen zwei Katzen. Eine Mutter, grau-weiß, abgemagert, das Fell stumpf. Und daneben ein kleines Junges, kaum größer als meine Hand, die Augen halb geschlossen, als würde es sich in sich selbst verstecken.
„Wie lange stehen die schon hier?“, frage ich, ohne Stefan anzusehen.
„Seit… seit vorhin“, stammelt er. „Ich… ich wollte sie nur… wegbringen.“
Ich atme langsam aus. Nicht explodieren. Nicht urteilen. Nicht in dieser Nacht.
„Wegbringen wohin?“, frage ich.
Stefan reibt sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Ich hab sie im Schuppen gehabt. Seit Wochen. Meine… meine Frau ist vor zwei Jahren gegangen. Und seitdem… seitdem ist alles irgendwie…“ Er bricht ab, schüttelt den Kopf. „Die Katze kam irgendwann. Hat im Schuppen geworfen. Und ich hab’s erst gemerkt, als es schon zu spät war.“
Ich sehe die Mutterkatze. Sie hebt den Kopf, faucht nicht, aber ihre Augen sind wie zwei kleine Messer. Sie ist zu schwach zum Kämpfen, doch der Wille ist noch da.
„Warum rufen Sie mich an?“, frage ich leise. „Warum jetzt?“
Stefan schaut zur Seite, als würde er sich selbst nicht ertragen. „Weil ich vorhin dieses… dieses Geräusch gehört hab. So ein kleines… Wimmern. Und ich dachte, das ist nur…“ Er schluckt. „Dann hab ich gesehen, wie das Junge kaum noch atmet.“
Ein paar Sekunden lang ist nur der Wind da. Und meine eigene Erinnerung, die wie ein Film ohne Ton abläuft: Stufen, minus acht Grad, warmes Dunkel. Und dann Krallen. Und Schreien. Momo.
„Hören Sie“, sage ich schließlich. „Das Wichtigste ist jetzt: Die beiden müssen warm werden. Und das Junge braucht Ruhe.“
Stefan nickt hektisch. „Ich hab’s versucht. Ich hab eine Decke… aber…“
„Schon gut“, unterbreche ich. „Ich bin da.“
Ich breite Frau Hamsens Decke aus, hebe die Mutterkatze vorsichtig an. Sie ist leichter, als sie sein sollte, Knochen unter Fell. Sie zuckt, als ich sie berühre, doch sie beißt nicht. Ich lege sie in die Decke, dann das Junge dazu, ganz nah an ihren Bauch.
Stefan kniet daneben, als hätte er Angst, dass ich gleich verschwinde und er wieder allein ist. „Tun die Ihnen weh?“, fragt er mit einer Stimme, die fast kindlich klingt.
Ich ziehe die Mundwinkel hoch. „Katzen? Immer“, sage ich trocken. „Aber das gehört dazu.“
Er lacht nicht. Er kann noch nicht.
„Haben Sie ein Auto?“, frage ich.
„Ja“, sagt er. „Da vorn.“
Wir tragen den Karton zusammen. Ich halte die Decke, Stefan hält den Boden des Kartons, als wäre es ein Schatz, der ihm gleich zerbricht. Als wir zum Wagen kommen, zittert das Jungtier kurz, ein winziger Laut, der mehr Frage als Schmerz ist.
Und da passiert etwas, das ich nicht geplant habe: Stefan legt die Hand auf den Karton. Ganz vorsichtig. Nicht greifend, nicht fest. Einfach nur da.
„Es tut mir leid“, flüstert er.
Ich sehe ihn an. Seine Scham ist echt. Und echte Scham ist ein Anfang. Nicht das Ende.
Bei mir zuhause ist es wieder warm. Der kleine Rote hebt sofort den Kopf, als ich den Karton in die Küche trage. Er kommt näher, ein paar tapsige Schritte, die noch nicht ganz sicher sind. Dann bleibt er stehen und schnuppert, als würde er die Geschichte der anderen beiden lesen.
Ich setze den Karton neben die Heizung, lege die Decke so, dass die Mutter und das Junge geschützt sind. Die Mutterkatze hebt den Kopf, sieht den kleinen Roten, und für einen Moment ist da etwas wie stille Anerkennung. Keine Freundschaft. Aber ein Waffenstillstand.
Stefan steht in meiner Tür, als hätte er Angst, mein Boden könnte unter ihm verschwinden. „Ich… ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll“, sagt er. „Ich hab… ich hab das nicht verdient, dass Sie…“
„Stopp“, sage ich. Ich halte die Hand hoch, nicht hart, eher wie ein Signal an einem Bahnübergang. „Hier geht’s nicht um verdienen. Hier geht’s darum, dass es denen besser geht.“
Er presst die Lippen zusammen. „Und mir?“, fragt er plötzlich. Dann erschrickt er über sich selbst. „Entschuldigung. Das klingt egoistisch.“
Ich schaue auf die Katzen. Dann auf meinen Daumen, der wieder pocht. Und ich denke: Menschlichkeit ist selten ein gerader Weg. Meistens ist sie ein Stolpern.
„Setzen Sie sich“, sage ich. „Trinken Sie was Warmes. Und dann reden wir.“
In meiner Küche sitzen wir an dem gleichen Tisch, an dem ich vorhin noch mein warm gewordenes Bier ausgetrunken habe. Stefan hält jetzt einen Tee in beiden Händen. Seine Finger sind rissig, wie bei jemandem, der mehr mit Arbeit als mit Worten zu tun hat.
„Ich hab früher auch gedacht, Katzen sind…“ Ich suche nach dem Wort. „Überflüssig.“
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






