Ich hielt meinen alten Nachbarn für herzlos bis sein Kater mir die Wahrheit zeigte

Meine Augen brannten.

Dann sitzt er vielleicht tagelang eingeschlossen im Haus. Oder jemand bringt ihn weg. Oder er wartet jeden Abend an einer Tür, die ich nie wieder öffnen kann.

Ich musste aufhören.

Nur für ein paar Sekunden.

Draußen saß Fleck noch immer auf der Veranda.

Vor diesem leeren Stuhl.

Dann zwang ich mich weiterzulesen.

Darum habe ich ihn vertrieben, wenn Nachbarn zugesehen haben. Manchmal auch, wenn wir allein waren. Er sollte lernen, Abstand zu halten.

Ich wollte nicht, dass er von mir abhängig wird.

Ich wollte, dass er mich weniger braucht, bevor ich verschwinde.

Unter dem Satz war ein kleiner Fleck auf dem Papier.

Vielleicht Kaffee.

Vielleicht etwas anderes.

Es war das Schwerste, was ich in den letzten Monaten getan habe.

Ich presste die Lippen zusammen.

Plötzlich sah ich all diese Szenen wieder.

Heinz, der mit dem Stock gegen die Stufe schlug.

Heinz, der laut wurde.

Fleck, der davonlief.

Nur diesmal sah ich etwas anderes.

Ich sah einen kranken alten Mann, der jedes Mal zusah, wie das einzige Lebewesen, das regelmäßig zu ihm kam, vor ihm davonlief.

Und der trotzdem weitermachte.

Nicht aus Hass.

Aus Angst.

Im Schuppen steht genug Futter für einige Wochen.

Wenn jemand Fleck aufnehmen möchte, dann bitte nur, wenn er bleiben darf. Nicht für ein paar Tage. Nicht bis es unbequem wird.

Er wurde oft genug weggeschickt.

Ich legte den Zettel auf meinen Schoß.

Dann weinte ich.

Nicht leise.

Nicht würdevoll.

Ich saß im Flur eines Mannes, den ich kaum gekannt hatte, und heulte wie ein Kind.

Denn plötzlich war mir klar, wie sicher ich mir gewesen war.

Ich hatte ihn beobachtet.

Ich hatte ihn bewertet.

Ich hatte ihn verurteilt.

Aber ich hatte nie ein einziges Mal seine Tür geöffnet.

Nicht einmal geklopft.

Ich ging wieder hinaus.

Fleck sah mich an.

„Komm her“, sagte ich.

Er bewegte sich nicht.

Ich setzte mich auf die oberste Stufe.

Fleck blieb unten.

„Ich weiß“, murmelte ich. „Du vertraust Leuten nicht besonders.“

Er blinzelte.

Wir saßen bestimmt zwanzig Minuten so da.

Dann kam er eine Stufe höher.

Noch eine.

Schließlich stand er neben meinem Schuh.

Ich hielt die Hand hin.

Er schnupperte kurz daran.

Dann drückte er seinen Kopf gegen meine Finger.

Dieses kleine Geräusch, das danach aus ihm kam, werde ich nie vergessen.

Er schnurrte.

Laut.

Tief.

Fast wie ein kleiner Motor.

Am selben Abend nahm ich ihn mit zu mir.

Ich sagte mir zunächst, es sei nur für eine Nacht.

Natürlich log ich mich selbst an.

Fleck schlief schon in der ersten Nacht auf meinem Sofa.

Am nächsten Morgen lag er auf meiner Brust.

Zwei Tage später hatte er entschieden, dass mein Arbeitszimmer ihm gehörte.

Nach einer Woche folgte er mir durchs Haus.

Und jedes Mal, wenn ich ihn ansah, dachte ich an Heinz.

Wenige Wochen später bekam ich Post von der Nachlassverwaltung.

Heinz hatte keine Kinder.

Seine Frau war viele Jahre zuvor gestorben.

Ein entfernter Verwandter regelte den Verkauf des Hauses.

Ich weiß bis heute nicht genau, warum ich es tat.

Vielleicht aus Schuld.

Vielleicht weil ich das Haus plötzlich nicht mehr als hässlich ansehen konnte.

Vielleicht weil ich wollte, dass nicht alles von Heinz sofort verschwand.

Ich kaufte es.

Mein eigenes Haus verkaufte ich später.

Einige hielten mich für verrückt.

Aber ich zog nebenan ein.

In Heinz’ altes Haus.

Ich ließ die Elektrik prüfen.

Das Dach wurde repariert.

Ein paar Fenster mussten ersetzt werden.

Die Fassade bekam dort neue Farbe, wo das Holz wirklich geschützt werden musste.

Aber die Veranda ließ ich fast so, wie sie war.

Auch den alten Schaukelstuhl behielt ich.

Fleck liebte ihn.

Ich dachte, damit sei die Geschichte vorbei.

War sie nicht.

Etwa zwei Monate später schrieb ich in unserem privaten Nachbarschaftsforum über Heinz.

Ich erzählte von Fleck.

Von den Zetteln.

Vom vorbereiteten Futter.

Davon, wie wir alle geglaubt hatten, Heinz würde den Kater hassen.

Was ich verschwieg, war mein eigener schlimmster Gedanke.

Dass ich ihm wenige Tage vor seinem Tod gewünscht hatte, er möge einfach verschwinden.

Die ersten Reaktionen waren freundlich.

Einige Nachbarn schrieben, sie hätten Heinz ebenfalls falsch eingeschätzt.

Andere erzählten von ihren Vätern oder Großvätern, die nach außen hart gewesen waren und kaum über Gefühle sprechen konnten.

Dann kamen die unangenehmen Fragen.

„Warum hat eigentlich niemand nach ihm gesehen?“

„Warum wusste niemand, dass er krank war?“

„Habt ihr immer nur über sein Haus gesprochen?“

Ich wollte den Beitrag löschen.

Tat es aber nicht.

Weil die Fragen berechtigt waren.

Warum hatte ich nicht geklopft?

Zwischen meiner Haustür und seiner lagen vielleicht dreißig Meter.

Dreißig Meter.

Und trotzdem war es für mich leichter gewesen, hinter einem Fenster über ihn zu urteilen.

Wenige Tage später kam ein weiterer Brief.

Diesmal wegen des Hauses.

Die Verwaltung wollte wissen, wie ich mit den notwendigen Reparaturen umgehen würde. Einige Bewohner wollten, dass die alten Elemente verschwanden.

Besonders die schiefe Veranda.

Bei einem Treffen im Gemeinschaftsraum saß ich schließlich vor mehreren Nachbarn.

Die Vorsitzende der Verwaltung räusperte sich.

„Martin“, sagte sie, „wir kennen inzwischen die Geschichte. Sie hat viele berührt. Trotzdem müssen wir auch über den Zustand des Hauses sprechen.“

Ich nickte.

Eine Frau zwei Reihen weiter meldete sich.

„Es geht doch nicht darum, Heinz schlechtzumachen“, sagte sie. „Aber Regeln gelten für alle.“

„Stimmt“, sagte ich.

Ein Mann neben ihr ergänzte: „Wenn jeder einfach macht, was er will, funktioniert eine Gemeinschaft auch nicht.“

Auch da hatte er recht.

Ich wollte Heinz nicht plötzlich zum Heiligen erklären.

Er war schwierig gewesen.

Er hatte Briefe ignoriert.

Er konnte unfreundlich sein.

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