Ich nahm den falschen Flur und fand eine Frau, die niemand besuchte

Am nächsten Sonntag trug ich nicht nur zwei Stück Kuchen durch denselben Flur,  ich trug auch das Gefühl mit mir, dass man an manchen Türen nicht zufällig vorbeigeht.

Meine Großmutter hatte es ernst gemeint.

Nicht auf diese halb scherzhafte Art, mit der alte Menschen manchmal etwas sagen, das man später doch wieder vergisst.

Sondern so, wie sie alles meinte, was wichtig war.

Klar. Kurz. Ohne Ausweg.

„Zwei Stück Kuchen“, hatte sie gesagt.

Also stand ich am Sonntagmittag mit einer Tüte vom Bäcker im Eingangsbereich des Pflegeheims, viel zu früh dran, und war nervöser, als ich es vor einem ganz normalen Besuch je gewesen wäre.

In der Tüte waren zwei große Stücke Käsekuchen.

Eins für Oma Ruth.

Eins für Elli.

Ich hatte sogar an kleine Papierservietten gedacht, als würde mich das irgendwie vorbereiten auf das, was kommen würde.

Am Empfang nickte man mir schon zu.

Vielleicht erkannte man mich vom letzten Mal.

Vielleicht sah ich einfach aus wie jemand, der nicht nur schnell wieder weg wollte.

Als ich zu Oma Ruth ins Zimmer kam, saß sie geschniegelt wie für eine kleine Reise im Sessel.

Die Bluse glatt.

Die Haare ordentlich.

Die Lippen ein wenig fester zusammengepresst als sonst.

„Na“, sagte sie und sah auf die Tüte. „Du bist lernfähig.“

„Ich habe genau getan, was mir aufgetragen wurde.“

„Sehr vernünftig“, sagte sie. „Und jetzt gib mir mein Stück noch nicht. Erst holen wir Elli.“

„Wir?“

„Natürlich wir“, sagte meine Großmutter. „Ich bin alt. Nicht tot.“

Ich musste lachen.

Und plötzlich fiel ein Teil meiner Nervosität von mir ab.

Ich half ihr in den Rollstuhl, legte die Decke über ihre Knie, und dann schoben wir gemeinsam durch den Flur, den ich eine Woche zuvor aus Versehen genommen hatte.

Diesmal verlief ich mich nicht.

Diesmal wusste ich genau, wohin ich wollte.

Ellis Tür stand offen.

Aber das Zimmer war leer.

Das Bett war gemacht.

Der Fernseher war aus.

Auf dem kleinen Tisch am Fenster stand nur eine Tasse mit einem braunen Rand am Boden, als hätte jemand vor Stunden einen letzten Schluck stehen lassen.

Mein Herz machte einen unangenehmen Sprung.

„Vielleicht ist sie im Speisesaal“, sagte ich schnell.

Oma Ruth sagte nichts.

Sie sah nur auf das leere Zimmer und strich mit zwei Fingern über den Türrahmen, als würde sie ein altes Gefühl erkennen.

Wir fanden Elli schließlich nicht im Speisesaal, sondern im Wintergarten am Ende des anderen Flurs.

Sie saß dort zwischen zwei hohen Grünpflanzen, den Blick nach draußen gerichtet.

Draußen hing der Himmel tief über dem kleinen Hof.

Ein paar kahle Äste bewegten sich im Wind.

Auf dem Tisch vor ihr stand kein Kuchen.

Nur eine Brille, ein Taschentuch und ein unberührter Becher Tee.

Als sie uns hörte, drehte sie den Kopf.

Für einen Moment sah sie aus, als könne sie nicht glauben, was sie da sah.

Dann nahm sie die Brille ab.

„Ach“, sagte sie leise. „Ihr seid es wirklich.“

Oma Ruth hob das Kinn.

„Natürlich sind wir es“, sagte sie. „Dachtest du, wir sagen so etwas und tauchen dann nicht auf?“

Elli blinzelte ein paarmal schnell hintereinander.

„Man weiß ja nie“, sagte sie.

„Doch“, sagte meine Großmutter trocken. „Ab einem gewissen Alter weiß man ziemlich genau, wer kommt. Gerade deshalb ist es bemerkenswert, wenn jemand es tut.“

Ich stellte die Kuchentüte auf den Tisch.

„Wir haben Verstärkung mitgebracht.“

Elli sah erst die Tüte an, dann mich, dann Ruth.

Und plötzlich lächelte sie so vorsichtig, als hätte sie Angst, das Glück könne sich erschrecken und wieder verschwinden.

„Dann muss ich wohl Platz machen“, sagte sie.

„Unsinn“, sagte Ruth. „Wir rücken einfach zusammen. So hat das früher auch funktioniert.“

Ich holte drei Teller aus dem kleinen Schrank an der Wand.

Nicht weil ich wusste, wo sie standen.

Sondern weil es in solchen Häusern immer irgendwo ein Schrank mit Tellern gibt, als warteten sie seit Jahren darauf, wieder für etwas Schönes benutzt zu werden.

Wir aßen Käsekuchen im Wintergarten.

Elli langsam.

Meine Großmutter mit Appetit.

Ich dazwischen, mit diesem warmen Druck in der Brust, der sich schwer beschreiben lässt, wenn etwas gleichzeitig ganz klein und ganz wichtig ist.

„Der hier ist besser als der vom letzten Sonntag“, sagte Elli nach dem ersten Bissen.

„Das hoffe ich doch“, sagte ich.

„Nein“, sagte sie und wischte eine Krume von der Lippe. „Ich meine nicht den Kuchen. Ich meine den Sonntag.“

Meine Großmutter nickte, als hätte Elli genau das Richtige gesagt.

Dann blickte sie zur Glastür hinaus in den Hof.

„Weißt du“, sagte sie zu Elli, „früher dachte ich immer, Einsamkeit sei etwas für Leute, die niemanden haben.“

Elli legte die Gabel hin.

„Und jetzt?“

„Jetzt weiß ich, dass Einsamkeit auch dann kommen kann, wenn irgendwo Kinder sind, Enkel, ein Telefon, ein Fotoalbum und eine ganze Vergangenheit. Man braucht nicht ein leeres Leben, um sich verlassen zu fühlen. Es reicht ein leerer Nachmittag.“

Elli schwieg eine Weile.

Dann sagte sie: „Oder ein Geburtstag.“

Niemand antwortete sofort.

Weil es nichts Kluges darauf zu sagen gab.

Also tat ich das Einzige, das mir ehrlich vorkam.

Ich legte meine Hand auf ihre.

Und diesmal legte Ruth ihre Hand oben drauf.

Drei Hände.

Drei Generationen.

Und für einen stillen Augenblick fühlte es sich an, als hätte jemand im Raum ein Fenster geöffnet, obwohl alle geschlossen waren.

Von da an wurde aus dem nächsten Sonntag der übernächste.

Und aus dem übernächsten noch einer.

Es war am Anfang nichts Großes.

Kein Plan.

Keine große Geste.

Nur ich mit Kuchen oder Streuselschnecken oder einmal auch mit Pflaumentörtchen, weil Elli davon sprach, wie ihr Mann sie immer im Spätsommer mitgebracht hatte.

Und immer meine Großmutter.

Und immer Elli.

Manchmal saßen wir im Wintergarten.

Manchmal in Ellis Zimmer.

Einmal auch bei Ruth, weil es Elli an dem Tag nicht gut genug ging, um so weit zu fahren.

Dann stellte ich die Kuchenstücke eben auf Ruths Nachttisch, und wir machten aus dem Kranksein keinen Mittelpunkt.

Mit der Zeit veränderte sich etwas.

Nicht schlagartig.

Eher so, wie Licht im Frühjahr zurückkommt.

Zuerst merkt man es kaum.

Und dann steht man eines Tages am Fenster und denkt: Es ist ja schon hell.

Elli fing wieder an, kleine Dinge zu erzählen, die nicht nur in der Vergangenheit lagen.

Dass sie in der Nacht gut geschlafen hatte.

Dass der Tee heute endlich wieder nach Tee schmeckte.

Dass im Hof eine Amsel saß.

Dass sie morgens zum ersten Mal seit Wochen Lust gehabt hatte, ihre Kette anzulegen.

Sie trug eine schmale Silberkette mit einem winzigen Blatt daran.

„Von meinem Mann“, sagte sie, als sie bemerkte, wie ich darauf sah. „Er konnte nie besonders gut Geschenke aussuchen. Aber dieses Blatt fand ich immer schön.“

„Es passt zu Ihnen“, sagte ich.

„Warum? Weil ich alt und trocken bin?“

Ich lachte so laut, dass sogar Ruth grinste.

„Nein“, sagte ich. „Weil Sie zäher sind, als man denkt.“

Elli musterte mich.

Dann nickte sie langsam.

„Das ist vielleicht das Schönste, was seit Langem jemand zu mir gesagt hat.“

Nach drei Wochen kam eine vierte Person dazu.

Nicht geplant.

Einfach, weil die Tür offenstand und eine Frau mit weißem Haar und kariertem Strickjäckchen im Flur fragte, ob sie störe, weil es hier so nach richtigem Kaffee rieche.

„Stören Sie?“, sagte Ruth. „Sie retten eher das Niveau. Kommen Sie rein.“

Die Frau hieß Hannelore und lachte mit dem ganzen Oberkörper.

Eine Woche später brachte sie ein Päckchen Kekse mit, das ihr Sohn geschickt hatte.

Die Woche darauf setzte sich ein stiller Herr namens Karl dazu, der kaum sprach, aber jedes Mal geschniegelt erschien, als wäre er zu einer Verabredung eingeladen.

Es wurde keine offizielle Runde daraus.

Niemand gab ihr einen Namen.

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