Ich versprach ihm einen Hochzeitstanz und zählte heimlich unsere verbleibenden Tage

Das hier ist der Samstag nach der Nacht im Autobett, nach den leuchtenden Sternen an Emils Decke und meinem Kopfrechnen im Dunkeln.

Ich wache auf, noch bevor der Wecker klingelt, weil mein Körper es nicht anders kann: als würde er schon beim Aufstehen sparen wollen. Neben mir liegt Erik, und ich sehe an seiner Stirn, dass auch er kaum geschlafen hat.

Emil ruft aus seinem Zimmer: „Mamaaa! Spielplatz!“ und seine Stimme ist so hell, dass sie für einen Moment alles überstrahlt. Ich setze mich auf, und mein Kreislauf macht dieses kurze, fiese Flackern, als würde jemand an einem Schalter spielen.

Ich lächle trotzdem, weil ich gelernt habe, dass ein Lächeln manchmal zuerst da ist und der Mut hinterherkommt.

In der Küche riecht es nach Kaffee und nach dem Toast, den Erik immer ein bisschen zu dunkel lässt.

 Emil sitzt schon am Tisch, die Haare in alle Richtungen, und zieht seine Socken über die Füße, als wäre das eine olympische Disziplin. Er sieht mich an, ganz ernst, und sagt: „Heute schubst du mich ganz hoch, ja? So hoch, dass ich fast die Wolken kitzle.“

„So hoch, dass die Wolken sich beschweren“, sage ich, und meine Stimme klingt normaler, als ich mich fühle. Erik legt mir unauffällig eine Hand an den Rücken, nicht als Stütze, eher als Erinnerung: Du musst das nicht allein machen. Ich nicke, aber in mir drin zieht etwas zusammen, weil ich immer noch denke, ich müsse beweisen, dass ich nicht zerbreche.

Draußen ist die Luft kalt und klar, diese Art von Kälte, die in der Nase kurz brennt und dann wach macht. Emil rennt voraus, sein kleiner Körper voller Energie, als würde er ständig einen unsichtbaren Motor anwerfen. Ich gehe langsamer, und ich höre meine Schritte zu laut auf dem Kies, weil mein Kopf stiller geworden ist für alles andere.

Der Spielplatz liegt zwischen nackten Bäumen, und die Schaukeln quietschen leise, noch bevor jemand darauf sitzt. Emil springt schon hoch, hält die Ketten fest, und schaut mich an, als wäre ich diejenige, die gleich abheben soll. Ich stelle mich hinter ihn, umfasse die Kette, und ich spüre, wie meine Hände kälter sind als früher.

„Bereit?“, frage ich.

„Bereiter als bereit!“, ruft er und lacht, als hätte er das Wort gerade erfunden.

Ich schubse ihn an, zuerst vorsichtig, dann stärker, und er fliegt nach vorn, die Beine gestreckt, der Kopf im Wind. Bei jedem Schwung ruft er „Höher!“ und ich merke, wie ich automatisch mitrechne: Schwung eins, Schwung zwei, Atem eins, Atem zwei. Ich will nicht, dass die Müdigkeit sichtbar wird, als wäre sie etwas, wofür ich mich schämen müsste.

Nach ein paar Minuten kommt dieses Schwindelgefühl, ganz plötzlich, wie eine Welle, die man nicht kommen sieht. Ich halte die Kette fest und blinzele, damit es weggeht, aber es bleibt, und die Welt kippt einen Millimeter zu viel. Erik ist sofort da, ohne ein Wort, nimmt meine Position ein, als hätten wir es geübt.

„Ich kann auch“, sagt er ruhig, und das klingt nicht wie Ablösung, sondern wie Team.

Ich gehe zwei Schritte zurück und setze mich auf die Bank, die kalt ist und durch die Hose hindurch in die Knochen kriecht. Emil merkt es erst nicht, weil er lacht, und dann sieht er mich, und ich sehe die Frage in seinem Gesicht, noch bevor er sie ausspricht. Er ist fünf, aber er ist nicht blind für Pausen.

„Mama, bist du müde?“, fragt er.

„Ein bisschen“, sage ich ehrlich, und mein Hals wird eng, weil Ehrlichkeit gerade so schwer wiegt. „Aber ich bin hier. Ich gucke dir zu.“

Er nickt, als würde er das prüfen, und dann ruft er wieder „Höher!“ zu Erik, als wäre das die Lösung für alles. Und vielleicht ist es das für diesen Moment.

Neben mir setzt sich eine ältere Frau auf die Bank, graue Haare unter einer Mütze, Hände in den Taschen, Blick auf ein Kind am Klettergerüst. Sie sagt nichts, aber nach einer Weile atmet sie so hörbar aus, dass ich den Impuls habe, mitzuatmen. Dann schaut sie mich kurz an und sagt leise: „Sie müssen nicht immer die Starke spielen.“

Ich schlucke, weil ich nicht weiß, ob ich weinen oder lachen soll. „Ich weiß“, antworte ich, aber es klingt wie ein Satz, den ich erst noch lernen muss. Die Frau nickt, als wäre das genug, und schaut wieder nach vorn, als gäbe sie mir damit etwas zurück: die Erlaubnis, Mensch zu sein.

Zuhause kocht Erik Nudeln, Emil baut aus Stecksteinen eine „Rakete“, die angeblich bis zur Sonne fliegen kann, und ich liege auf dem Sofa, die Decke bis zum Kinn.

 Ich höre, wie Emil mit den Steinen klackert und dabei vor sich hin singt, und ich merke, wie mein Körper nachgibt, aber nicht in Panik, eher wie ein Muskel, der endlich loslässt. In der Küche klappert Geschirr, und ich denke: So klingt Liebe manchmal. Nicht wie große Worte, sondern wie ganz normale Geräusche.

Als Emil später in seinem Zimmer spielt, setzt Erik sich zu mir auf den Teppich, Rücken an das Sofa gelehnt. Er hält mir sein Handy hin, und ich sehe ein Video: Emil und ich vor zwei Wochen, wie wir in der Küche Quatsch machen, ich mit Mütze, er mit Schokolade im Gesicht, beide lachen. Ich will wegsehen, weil mein Kopf sofort in „Später“ springt, aber Erik drückt meine Hand.

„Nicht nur später“, sagt er. „Auch jetzt. Du bist jetzt schon da. Und das zählt.“

Ich atme aus, und in mir drin verschiebt sich etwas, fast unmerklich, wie wenn ein schwerer Gegenstand ein kleines Stück weiter nach unten rutscht. „Ich habe ihm versprochen, auf seiner Hochzeit zu tanzen“, flüstere ich, als würde ich damit eine Schuld bekennen. Erik schaut mich an, lange, und dann sagt er:

„Dann tanzen wir eben heute.“

Ich blinzle. „Heute?“

„Heute“, sagt er und steht auf. „In der Küche. Ich habe zwar zwei linke Füße, aber Emil ist fünf, er wird mich trotzdem für einen Profi halten.“

Ich lache, und das Lachen tut kurz weh, weil es so lange eingesperrt war. Erik stellt das Radio an, irgendein Lied, das ich nicht kenne, aber es hat einen Takt, der freundlich klingt. Emil kommt angerannt, sofort neugierig, als hätte er das Wort „tanzen“ gerochen.

„Was macht ihr?“, fragt er.

„Training“, sagt Erik ernst und nimmt meine Hände. „Für Emils Hochzeit.“

Emil quietscht vor Freude, als wäre das das Beste, was er je gehört hat. Er stellt sich zwischen uns, fasst unsere Hände, und plötzlich tanzen wir zu dritt in einer zu kleinen Küche, zwischen Stühlen und einem Topf, der noch auf dem Herd steht.

Meine Beine sind schwer, aber mein Herz wird leichter, und Emil lacht so laut, dass ich für einen Moment vergesse, wie Klinikflur riecht.

Am Montag sitze ich wieder in einem Wartezimmer, und ich kenne inzwischen jedes Geräusch dort: das Rascheln von Zeitschriften, das leise Piepen irgendwo im Hintergrund, die Schritte auf Linoleum.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen