Ich war kurz davor, Schluss zu machen, bis ich seine müden Hände sah

Sonntagmorgen, kurz nach sechs, wachte ich davon auf, dass sich der Körper neben mir kaum merklich bewegte. Christoph atmete erst schnell, dann hielt er kurz die Luft an, als hätte er Angst, mich zu wecken. Seine Hand suchte blind die Decke, als müsse er sich vergewissern, dass er nicht allein eingeschlafen war.

Ich tat so, als würde ich noch schlafen, weil ich diesen Moment nicht kaputtmachen wollte. Die Art, wie er leise wurde, wie er sich schuldig anfühlte, ohne dass ich auch nur ein Wort gesagt hatte.

Und dann hörte ich dieses winzige Geräusch, das mich mehr traf als jedes große Liebesgeständnis: ein stummes Schlucken, als würde ihm etwas im Hals stecken.

„Liebes…“, flüsterte er schließlich, rau und müde.

„Ich bin so ein Idiot. Ich hab’s wieder versaut.“

Ich öffnete die Augen und sah ihn an. Sein Blick war rot am Rand, nicht dramatisch, nur erschöpft, als hätte die Woche auch in seinem Kopf Staub hinterlassen. Und plötzlich war da nicht mehr die Frau im Kleid von gestern Abend, sondern nur ich, im T-Shirt, mit einem Herzen, das endlich aufgehört hatte, sich zu vergleichen.

„Du hast nichts versaut“, sagte ich leise. „Du bist einfach umgekippt.“

Er setzte sich auf, rieb sich mit den Händen durchs Gesicht, als könnte er sich damit wach und besser machen. Diese Hände waren immer noch rau, und genau deswegen fühlte sich seine Berührung so echt an.

Er schaute zu meinen abgewischten Augen, zu meinem ungeschminkten Gesicht, und ich sah, wie er innerlich nach Worten suchte, die nicht geschniegelt klingen.

„Ich wollte dir doch…“, begann er und brach ab.

„Ich wollte dir einen Abend geben, bei dem du dich wieder leicht fühlst.“

„Weißt du, was ich gestern gemerkt hab?“, sagte ich, und meine Stimme war ruhig, weil ich mir selbst zuhörte. „Dass ich manchmal so tue, als müsste Liebe aussehen wie in diesen kurzen Videos. Aber unsere Liebe sieht aus wie du. Staubig, müde, ehrlich. Und ich… ich hab mich dafür fast geschämt.“

Er starrte mich an, als hätte ich ihm gerade etwas Unmögliches geschenkt. Dann lachte er einmal ganz kurz, ohne Freude, mehr wie ein Atemzug, der endlich raus darf. Und in diesem Lachen steckte nicht Spott, sondern Erleichterung.

„Ich hab Angst, dass du irgendwann sagst: Ich kann nicht mehr“, murmelte er. „Weil ich nur noch funktioniere.“

Ich setzte mich auf und legte meine Hand auf seine, genau auf die Stelle, wo die Haut rissig war. Nicht, um ihn zu trösten wie ein Kind, sondern um ihm zu zeigen: Ich sehe dich. Ich spürte, wie sein Daumen automatisch meinen Handrücken streichelte, als wäre das ein Reflex, den sein Körper nie verlernt.

„Dann lass uns aufhören, so zu tun, als müsste jeder Abend groß sein“, sagte ich. „Lass uns was Kleines machen, das uns gehört. Ohne Publikum.“

In der Küche roch es noch nach dem Parfum von gestern, vermischt mit Kaffeeduft und dem ganz normalen Sonntagsgeruch von Wohnung.

Christoph stand am Fenster, sah hinaus, als würde er kurz prüfen, ob die Welt noch da ist. Und ich sah, wie er sich selbst im Glas spiegelte: ein Mann, der nicht geschniegelt aussieht, aber der trägt.

Er holte zwei Tassen aus dem Schrank und stellte sie hin, als hätte er plötzlich eine Aufgabe, die er schaffen kann. Seine Schultern wirkten immer noch schwer, aber nicht mehr so, als würden sie gleich brechen. Ich stellte mich neben ihn, und zum ersten Mal seit Wochen hatten wir keinen Plan, der uns drückte.

„Ich hab dir was“, sagte er dann und ging ins Schlafzimmer. Ich hörte, wie eine Schublade aufging, wie etwas raschelte, und mein Kopf schoss sofort in diese Richtung, die ich nicht wollte: Was, wenn es wieder nur eine Entschuldigung ist, die sich wie Pflicht anfühlt?

Er kam zurück und hielt mir kein Päckchen hin, kein Glitzer, keinen Beweis für Instagram. Es war ein zerknitterter Zettel, auf dem mit Bleistift etwas stand, schief, als hätte er im Auto oder in der Pause geschrieben. Oben drüber: „Sonntag. Unser Ding.“

Darunter waren drei kurze Punkte. „Kaffee. Spaziergang. Zehn Minuten ehrlich.“

Ich musste lachen, weil es so unspektakulär war und gleichzeitig so groß. Zehn Minuten ehrlich – als wäre das eine Sportart, die man trainieren muss. Und vielleicht war es das auch.

„Zehn Minuten?“, fragte ich und hob eine Augenbraue. „Nur zehn?“

Er zuckte mit den Schultern, und da war dieses kleine, junge Lächeln, das ich vermisst hatte. „Ich bin realistisch. Wenn ich dir zwanzig verspreche, halte ich’s nicht. Aber zehn… zehn schaff ich. Auch wenn ich tot bin.“

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