Loki hatte keine zehn Minuten gebraucht, um wieder nach Käse zu betteln.
„Du hast uns damals fast einen Herzinfarkt beschert“, murmelte ich.
Lokis Schwanz bewegte sich.
Nur einmal.
Dann noch einmal.
Ich kniete mich hin.
Er kam näher und legte eine Pfote an das Gitter.
Plötzlich musste ich wegsehen.
Sieben Jahre.
Und trotzdem wusste dieser Hund noch, wer ich war.
Gegen Nachmittag öffnete sich die Tür zum Besucherbereich.
Ich erkannte Anna nicht sofort.
Sie war schmaler geworden.
Ihre früher langen Haare trug sie kurz.
Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten.
Sie stand einfach im Eingang und umklammerte den Träger ihrer Tasche.
Dann sah sie mich.
Und danach Loki.
Sie bewegte sich nicht mehr.
„Hallo“, sagte ich.
„Hallo.“
Mehr schafften wir beide nicht.
Loki hatte sie ebenfalls entdeckt.
Sein ganzer Körper wurde plötzlich angespannt.
Anna hob eine Hand vor den Mund.
„Ich kann das nicht.“
„Doch.“
„Thomas…“
„Du bist schon hier.“
Miriam kam langsam zu uns.
„Wir machen nichts schnell“, sagte sie ruhig. „Er entscheidet selbst, wie viel Nähe er möchte.“
Anna nickte.
Sie weinte bereits wieder.
Die Tür des Zwingers wurde geöffnet.
Loki kam heraus.
Langsam.
Er schnupperte.
Sah kurz zu Miriam.
Dann zu mir.
Und schließlich zu Anna.
Niemand sagte etwas.
Für einige Sekunden standen sie sich nur gegenüber.
Anna ging nicht auf ihn zu.
Vielleicht hatte sie Angst, ihn zu erschrecken.
Vielleicht hatte sie Angst, dass er sich abwenden würde.
„Hallo, mein Großer“, flüsterte sie schließlich.
Lokis Kopf ging hoch.
Dann geschah etwas, das ich niemals vergessen werde.
Er setzte sich in Bewegung.
Erst langsam.
Dann schneller.
Seine alten Beine wirkten plötzlich nicht mehr so steif.
Anna ging auf die Knie.
Loki lief direkt in ihre Arme.
Sie fiel beinahe nach hinten.
Er drückte den ganzen Körper gegen sie, leckte ihre Hände, ihr Kinn, ihre Wangen.
Anna hielt ihn fest.
„Es tut mir leid“, schluchzte sie.
Immer wieder.
„Es tut mir so leid.“
Loki kümmerte sich nicht darum.
Er wedelte.
Er drückte seinen Kopf gegen ihre Brust.
Er wollte nur möglichst nah an ihr sein.
Und da stand ich.
Ein 52-jähriger Mann, der immer geglaubt hatte, vernünftig zu sein.
Und weinte mitten im Tierheim.
Miriam wischte sich ebenfalls über die Augen.
Später besprachen wir gemeinsam die nächsten Schritte.
Es musste geprüft werden, ob Anna Loki wieder übernehmen konnte und ob seine Versorgung gesichert war.
Sie hatte bereits darüber nachgedacht.
Ihre Arbeitszeit war inzwischen reduziert.
Eine Nachbarin, die selbst lange Hunde gehabt hatte, wollte bei Bedarf helfen.
Auch ich hörte mich plötzlich sagen:
„Und ich bin ebenfalls da.“
Anna sah mich an.
Es war ein seltsamer Blick.
Nicht romantisch.
Noch nicht.
Eher überrascht.
Als hätte sie diesen Satz vor sieben Jahren gebraucht.
Wenige Tage später durfte Loki wieder mit ihr nach Hause.
Ich fuhr sie.
Auf der Rückbank lag Loki auf seiner alten Decke, die Anna aufgehoben hatte.
Sie hatte tatsächlich all seine Sachen behalten.
Sein Halsband.
Seine Bürste.
Seinen alten Napf.
Sogar das ausgefranste Stofftier, das er seit Jahren nicht mehr beachtet hatte.
Vor Annas Haus blieb ich am Auto stehen.
„Danke“, sagte sie.
„Wofür?“
„Dass du angerufen hast.“
Ich nickte.
Dann sagte ich etwas, das ich selbst nicht geplant hatte.
„Vielleicht können wir irgendwann einen Kaffee trinken.“
Anna sah mich lange an.
„Vielleicht.“
Eine Woche später schrieb sie mir.
Loki müsse untersucht werden.
Ob ich mitkommen wolle.
Ich sagte sofort zu.
Danach gingen wir eine kleine Runde.
Dann tranken wir Kaffee.
Aus einem Kaffee wurden zwei.
Aus zwei wurden regelmäßige Treffen.
Manchmal redeten wir über Loki.
Manchmal über unsere Ehe.
Zum ersten Mal hörte ich Dinge, die Anna mir damals schon sagen wollte.
Und zum ersten Mal versuchte ich nicht sofort, mich zu verteidigen.
Ich erzählte ihr auch, wie leer meine Wohnung nach der Scheidung gewesen war.
Wie ich mich in Arbeit gestürzt hatte.
Wie ich jahrelang behauptet hatte, allein sei einfacher.
„War es das?“, fragte sie.
„Nein.“
Sie lächelte traurig.
„Bei mir auch nicht.“
Wir beschlossen trotzdem, nichts zu überstürzen.
Wir waren keine jungen Leute mehr.
Und sieben Jahre verschwinden nicht, nur weil ein alter Hund zwei Menschen wieder zusammenbringt.
Also gingen wir spazieren.
Immer mit Loki.
Er konnte keine langen Strecken mehr laufen.
Nach einer Weile blieb er stehen und sah uns auffordernd an.
Dann setzten wir uns auf eine Bank.
Loki lag zwischen unseren Füßen.
Manchmal berührten sich dabei unsere Hände.
Anfangs zog einer von uns sie sofort zurück.
Später nicht mehr.
Anna wurde kräftiger.
Ihre Gesichtszüge wirkten weniger erschöpft.
Und Loki?
Loki wurde nicht jünger.
Aber er wirkte wieder wie ein Hund, der wusste, wohin er gehörte.
Morgens wartete er an Annas Küchentür.
Wenn ich kam, brachte er mir sein altes Stofftier.
Abends lag er zwischen uns auf dem Teppich.
Eines Tages sagte Anna:
„Weißt du, was während der Krankheit am schlimmsten war?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nicht zu wissen, wen ich anrufen kann.“
Ich sah sie an.
„Du hättest mich anrufen dürfen.“
„Das weiß ich heute.“
Ich nahm ihre Hand.
„Und heute musst du nicht mehr überlegen.“
Fast ein Jahr nach dem Tag im Tierheim standen wir in einem kleinen Standesamt.
Keine große Feier.
Keine hundert Gäste.
Nur zwei enge Freunde.
Anna.
Ich.
Und Loki, der anschließend draußen auf uns wartete und so zufrieden aussah, als hätte er den gesamten Plan persönlich organisiert.
Als wir später nach Hause kamen, legte er sich mitten in den Flur.
Anna lachte.
„Der glaubt wahrscheinlich, das war alles sein Verdienst.“
Ich sah zu ihm.
„Vielleicht war es das.“
Heute schläft Loki oft neben meinem Schreibtisch.
Seine Schnauze ist inzwischen fast weiß.
Für Spaziergänge brauchen wir länger.
Manchmal bleibt er einfach stehen, weil er genug hat.
Dann warten wir.
Wir haben gelernt, dass nicht alles schnell gehen muss.
Anna steht gerade in der Küche.
Ich höre Geschirr und ihre Schritte.
Ein ganz gewöhnlicher Abend.
Früher hätte ich so etwas für selbstverständlich gehalten.
Heute weiß ich es besser.
Manchmal frage ich mich, was passiert wäre, wenn ich damals im Tierheim an Lokis Zwinger vorbeigegangen wäre.
Wenn ich ihn nicht erkannt hätte.
Wenn ich Annas Nummer gelöscht hätte.
Wenn ich aus Angst vor einer unangenehmen Antwort nicht angerufen hätte.
Aber das sind Fragen ohne Antwort.
Die einzige Antwort liegt gerade unter meinem Schreibtisch und schnarcht.
Loki hat uns nicht beigebracht, die Vergangenheit zu vergessen.
Das wäre auch falsch.
Er hat uns etwas anderes gezeigt.
Dass man verstehen kann, ohne alles gutzuheißen.
Dass man zurückkommen kann, ohne so zu tun, als wäre nichts passiert.
Und dass eine zweite Chance nicht bedeutet, wieder dort anzufangen, wo man aufgehört hat.
Man beginnt an einem neuen Punkt.
Mit mehr Narben.
Mehr Vorsicht.
Aber manchmal auch mit mehr Mut.
Und vielleicht war genau das unsere zweite Chance.






