Ich wollte meinen Bruder ausschließen, bis Mutter den alten Umschlag öffnete

„Sind doch meine Nichten und Neffen.“

Mein Sohn war inzwischen achtundzwanzig. Er hätte seinen Onkel auf der Straße nicht erkannt.

Ich setzte mich, weil meine Knie nachgaben.

Ralf stellte mir wortlos ein Glas Wasser hin.

Dann sagte er etwas, womit keiner von uns gerechnet hatte.

„Vater war letztes Jahr hier.“

Martin hob den Kopf.

„Was?“

„Dreimal.“

Ralf erzählte, unser Vater habe zunächst eine defekte Gartenschere gebracht. Beim zweiten Besuch einen kaputten Verschluss vom Anhänger.

Beim dritten Mal nichts.

Er habe eine halbe Stunde am Kaffeetisch gesessen.

„Hat er sich entschuldigt?“, fragte ich.

Ralf drehte das Tuch zwischen seinen Fingern.

„Er hat gesagt, dass er vieles anders machen würde.“

„Das ist keine Entschuldigung.“

„Nein“, sagte Ralf. „Ist es nicht.“

Er hatte Vater aufgefordert, mit uns zu sprechen. Mit Thomas. Mit allen, denen er die Geschichte über Werner erzählt hatte.

Vater versprach, nachzudenken.

Dann kam der Herzinfarkt.

Ich sah zu Thomas.

Er nickte nur.

Auch er hatte noch gewartet.

Am Tag darauf änderte ich meine Ansprache.

Ich strich die Sätze über Geradlinigkeit und darüber, dass Vater stets ein gerechter Mann gewesen sei.

Stundenlang saß ich vor dem Blatt.

Ich wollte weder lügen noch aus einer Beerdigung eine öffentliche Abrechnung machen. Vor allem stand es mir nicht zu, Thomas und seine Familie vor den Trauergästen bloßzustellen, indem ich ihre Geschichte ungefragt erzählte.

Also fuhr ich noch einmal zur Werkstatt und zeigte beiden den Text.

Thomas las langsam.

An einer Stelle blieb sein Finger liegen.

„Das hier stimmt“, sagte er.

Dort stand: „Unser Vater hat Menschen geholfen. Und er hat Menschen verletzt. Beides gehört zu seinem Leben. Wir werden das eine nicht länger benutzen, um das andere zu verschweigen.“

Ralf sagte lange nichts.

Dann fragte er: „Musst du erwähnen, dass ich komme?“

„Nein.“

„Gut. Ich will mich einfach hinsetzen.“

Am Freitag warteten wir vor der Trauerhalle.

Katrin zupfte immer wieder an ihrem Ärmel. Martin hielt das Programmheft so fest, dass es einen Knick bekam.

Mutter schaute zum Eingang.

Ralf kam zu Fuß vom Parkplatz. Neben ihm ging Thomas. Hinter ihnen kamen sieben weitere Menschen, Männer und Frauen, die ich nicht kannte.

Keine lärmende Ankunft. Keine große Geste.

Ralf trug eine dunkle Hose und ein graues Jackett. Unter dem Kragen konnte man eine kleine Narbe sehen. Seine Hände waren gerötet, die Haut an den Knöcheln rissig.

Ich ging ihm entgegen.

„Wir haben vorne Platz gelassen.“

Er sah an mir vorbei in die Halle.

„Für alle?“

„Für alle.“

Zum ersten Mal seit Tagen lächelte er.

Nur kurz.

Aber ich werde dieses Lächeln nicht vergessen.

Während der Ansprache suchte ich nicht die Gesichter von Vaters Geschäftspartnern. Ich sah zu meinen Geschwistern, zu Mutter und zu Ralf.

Ich erzählte, dass Vater viel gearbeitet hatte. Dass er uns Sicherheit gegeben hatte. Dass Dankbarkeit und Enttäuschung manchmal denselben Menschen betrafen.

Dann sagte ich den Satz, vor dem ich am meisten Angst gehabt hatte.

„Und ich muss mich heute bei meinem Bruder entschuldigen. Ich habe über ihn geurteilt, ohne ihm zuzuhören. Das möchte ich nicht länger tun.“

In der zweiten Reihe räusperte sich jemand.

Ralf hielt den Blick gesenkt.

Ich ließ es dabei.

Die Beerdigung machte nichts ungeschehen. Werner Beck bekam sein verlorenes Ansehen dadurch nicht zurück. Ralf bekam keinen einzigen der versäumten Geburtstage wieder.

Aber als wir zum Grab gingen, musste er nicht hinter den anderen warten.

Mutter ging an seinem Arm.

Nach der Beisetzung blieben wir noch stehen, bis die meisten Gäste gegangen waren. Der Wind bewegte die Schleifen der Kränze, und irgendwo klapperte eine Gießkanne gegen einen Wasserhahn.

„Ich weiß nicht, wie das jetzt werden soll“, sagte Ralf.

„Wir auch nicht“, antwortete Martin.

Katrin wischte sich mit einem Taschentuch über die Nase.

„Sonntag bei Mutter?“

Ralf sah sie an.

„Ich kann nicht so tun, als wäre nichts gewesen.“

„Das verlangt keiner“, sagte sie.

Mutter stand zwischen uns, klein in ihrem schwarzen Mantel.

„Ich hätte euch früher die Wahrheit sagen müssen.“

Ralf nickte.

„Ja.“

Sie begann zu weinen.

Er nahm ihre Hand. Er sagte nicht, dass alles gut sei.

Ich war froh darüber.

Am ersten Sonntag kam Ralf zwanzig Minuten zu spät.

Ich bemerkte, wie Katrin zur Uhr sah, und sah meinen eigenen Gedanken an: Natürlich, dachte ich für einen winzigen Moment. Auf ihn ist eben kein Verlass.

Dann erschrak ich über mich selbst.

Vierundzwanzig Jahre verschwanden nicht, nur weil ich die Wahrheit kannte.

Als Ralf klingelte, trug er unter einem Arm eine Holzkiste.

„Entschuldigt. Die Halterung hat länger gedauert.“

In der Kiste lag Mutters altes Küchenradio.

Es hatte seit Monaten nur noch gerauscht. Vater hatte gesagt, sie solle sich ein neues kaufen.

Ralf stellte es auf die Fensterbank, steckte den Stecker ein und drehte am Knopf.

Eine vertraute Melodie erfüllte die Küche.

Mutter legte die Hand vor den Mund.

„Das hattest du noch?“

„Hast es mir doch mitgegeben.“

Beim Essen redeten wir zunächst über Kartoffeln, Martins Rückenschmerzen und die Baustelle an der Kanalbrücke.

Keine großen Geständnisse.

Später fragte Ralf nach meinem Sohn.

Ich erzählte zu viel, viel zu schnell. Über seine Arbeit, seine Freundin, die Wohnungssuche.

Ralf hörte zu.

Dann sagte er: „Vielleicht mag er ja mal mitkommen.“

Mein Sohn kam drei Wochen später mit.

Sie verstanden sich nicht sofort. Mein Sohn redete nervös, Ralf eher wenig. Dann entdeckten sie, dass beide alte Radios mochten.

Als ich sie abholte, standen zwei kalte Tassen Kaffee auf der Werkbank.

Ein halbes Jahr ist seit der Beerdigung vergangen.

Wir haben nicht jede Woche gemeinsam gegessen. Zweimal hat Ralf abgesagt, einmal Katrin. Es gab einen Streit darüber, ob wir Vaters Bild bei Mutter im Wohnzimmer hängen lassen sollten.

Es hängt noch dort.

Daneben steht jetzt ein Foto von Werner und seiner Frau.

Mit Thomas haben wir besprochen, wie wir die alten Behauptungen richtigstellen können. Wir haben mit Menschen gesprochen, die damals beteiligt waren, und niemand von uns hat sich dabei besonders mutig gefühlt.

Es war unangenehm.

Es war überfällig.

Donnerstags helfe ich manchmal in der Werkstatt. Ich sortiere Schrauben, koche Kaffee und habe inzwischen gelernt, wann man besser einfach zuhört.

Ralf fragt gelegentlich nach einer Formulierung für einen Brief. Martin kommt, wenn seine Dienste es zulassen. Katrin hat begonnen, die unübersichtlichen Rechnungen abzuheften, allerdings erst, nachdem Ralf sie ausdrücklich darum gebeten hatte.

Anfangs wollte ich ständig etwas gutmachen.

Ralf merkte das schneller als ich.

„Du musst hier nicht jede Woche Buße tun“, sagte er eines Abends.

Ich stand mit einem nassen Geschirrtuch in der Hand.

„Was soll ich denn sonst machen?“

Er hängte seine Arbeitsjacke an den Haken.

„Wiederkommen, wenn du Lust hast.“

Vergangenen Sonntag saßen wir bei Mutter am Küchentisch. Das reparierte Radio lief leise, und Ralf versuchte, mit einer viel zu kleinen Kuchengabel ein hartes Stück Streuselkuchen zu teilen.

Mutter lachte.

Plötzlich erzählte er von dem Puppenbett aus der Obstkiste. Dass ich unbedingt darauf bestanden hatte, es müsse rosa werden, und dass er dafür Vaters einzigen sauberen Pinsel ruiniert hatte.

Ich hatte das vergessen.

Er nicht.

Als er später aufstand, griff ich schon nach der Kaffeekanne.

„Willst du noch eine Tasse?“

Er schaute zur Uhr, dann zu Mutter.

„Eine geht noch.“

Mutter schob ihm den Teller mit dem letzten Stück Kuchen hin. Ralf zog seinen Stuhl wieder an den Tisch.

Diesmal blieb er.

Nach oben scrollen