Ich wollte nur eine Katze, doch zwei Brüder retteten mein leeres Zuhause

Ich lief nicht mehr nur durch die Räume, um etwas zu erledigen.

Ich blieb manchmal stehen.

Ich setzte mich hin, ohne dabei sofort an die nächste Aufgabe zu denken. Ich ließ Licht an, obwohl ich früher fast automatisch jeden Schalter hinter mir ausgemacht hatte.

Es gab Abende, an denen ich auf dem Sofa saß, Anka an meiner Hüfte, Arlo an meinen Füßen, und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich nicht das Gefühl, den Rest meines Lebens irgendwie sparsam verwalten zu müssen.

Dann kam der Dezember.

Ich hatte Weihnachten früher gemocht. Nicht wegen Geschenken oder großen Runden. Eher wegen des Gefühls, dass die Welt für ein paar Tage langsamer wird. Nach der Scheidung war davon wenig übrig geblieben.

Im Jahr davor hatte ich Heiligabend mit einem belegten Brot verbracht, den Fernseher nur deshalb laufen lassen, damit die Wohnung nicht ganz so still war.

Dieses Jahr nahm ich auf dem Heimweg eine kleine Lichterkette mit.

Nichts Großes. Kein Baum. Kein Plätzchenblech. Kein Neubeginn mit Trompeten.

Nur ein warmes Licht für das Fenster.

Als ich die Lichterkette auspackte, setzte Anka sich mitten darauf, als wolle er persönlich sicherstellen, dass hier nichts ohne seine Prüfung aufgehängt wurde. Arlo beobachtete das Kabel, als sei es ein besonders fragwürdiges Tier.

Ich musste so lachen, dass ich mich auf den Küchenstuhl setzen musste.

Später am Abend klingelte es.

Ich öffnete und sah meine Nachbarin von gegenüber. Wir hatten uns bis dahin nur gegrüßt. Eine schmale Frau mit kurzen grauen Haaren und dieser vorsichtigen Freundlichkeit, die Menschen oft entwickeln, wenn sie selbst zu lange allein waren.

Sie hielt einen Teller in der Hand.

„Ich habe zu viele Vanillekipferl gemacht“, sagte sie. „Und man hat in den letzten Wochen manchmal zwei Katzen bei Ihnen im Fenster gesehen.“

Ich weiß bis heute nicht, warum mich gerade dieser Satz so traf.

Vielleicht weil darin nichts Großes lag. Keine Neugier, keine Übergriffigkeit. Nur diese schlichte Feststellung, dass jemand bemerkt hatte, dass bei mir jetzt Leben hinter dem Fenster war.

Ich bat sie herein.

Sie blieb zuerst an der Tür stehen, wie Menschen das tun, wenn sie nicht sicher sind, ob sie wirklich willkommen sind. Dann kam Anka, sah sie an, sah den Teller an und entschied offenbar, dass der Besuch vorläufig geduldet sei.

Arlo blieb etwas auf Abstand.

Wir tranken Kaffee. Sie erzählte, dass ihr Mann vor drei Jahren gestorben war. Ich erzählte fast nebenbei, dass meine Ehe vorbei war. Keiner von uns machte etwas Großes daraus.

Vielleicht war genau das der Grund, warum es sich gut anfühlte.

Zwischendurch sprang Arlo aufs Sofa und legte sich an Anka, als wolle er seine Zustimmung zu diesem Abend in seiner eigenen Sprache ausdrücken. Meine Nachbarin sah eine Weile zu und sagte dann: „Manchmal braucht man ein zweites Wesen, damit der Schmerz im Raum nicht alles einnimmt.“

Ich nickte.

Mehr musste dazu nicht gesagt werden.

Von da an klingelte sie ab und zu. Mal mit Suppe. Mal mit einem Stück Kuchen. Einmal nur, weil sie unten vor dem Haus eine kleine Maus aus Filz gefunden hatte, die vermutlich jemand für Katzen gemacht hatte und die, wie sie meinte, „eindeutig einen guten Haushalt verdient“.

Anka tat von Anfang an so, als sei diese Maus unter seiner Würde.

Nachts trug er sie heimlich durchs Wohnzimmer.

Es war kurz vor Weihnachten, als dann etwas passierte, das mich mehr erschütterte, als ich erwartet hätte.

Ich kam von der Arbeit nach Hause, schloss auf und sah sofort, dass etwas nicht stimmte. Nicht viel. Nur Kleinigkeiten.

Der Wassernapf stand halb unter dem Tisch. Ein Kissen lag auf dem Boden. Und Anka kam nicht zur Tür.

Arlo stand im Flur, angespannt wie ein Draht.

„Wo ist er?“, fragte ich sofort.

Arlo drehte sich um und lief ein paar Schritte, blieb stehen, sah wieder zu mir zurück. Dann lief er weiter.

Ich folgte ihm ins Schlafzimmer.

Dort saß Anka unter dem Bett.

Nicht tief hinten. Nur halb versteckt. Aber für ihn war das ungewöhnlich genug, dass mir sofort kalt wurde. Ich ging auf die Knie und rief seinen Namen.

Er kam nicht.

Er sah mich nur an. Die Augen schmal. Das linke Vorderbein leicht angezogen.

Mehr brauchte ich nicht.

Später stellte sich heraus, dass er sich wahrscheinlich beim Sprung von der Fensterbank vertreten hatte. Schmerzmittel, Schonung, Beobachtung. Wieder nichts Lebensbedrohliches. Aber als ich an diesem Abend mit ihm zurückkam und ihn vorsichtig auf seine Decke setzte, blieb Arlo die ganze Nacht an seiner Seite.

Nicht neben ihm.

An seiner Seite.

So dicht, dass ihre Körper eine einzige, ruhige Linie bildeten.

Ich lag wach und sah ihnen zu.

Und zum ersten Mal dachte ich nicht mehr: Hoffentlich verliere ich euch nicht.

Ich dachte: Was für ein Glück, dass ihr da seid.

Das klingt ähnlich, ist aber nicht dasselbe.

Das eine kommt aus Angst.

Das andere aus Dankbarkeit.

Zwischen den Jahren nahm Anka wieder jeden Platz in der Wohnung in Besitz, der ihm zustand oder auch nicht zustand. Arlo erschrak seltener. Meine Nachbarin kam an einem Nachmittag auf Kaffee vorbei und blieb fast zwei Stunden.

Meine Schwester fragte, ob ich an Neujahr zum Essen kommen wollte.

Früher hätte ich wahrscheinlich abgesagt. Aus Müdigkeit. Aus Bequemlichkeit. Aus diesem alten Reflex, mich lieber klein zu halten, damit nichts an mir ziehen kann.

Diesmal sagte ich zu.

Und das Erstaunlichste daran war nicht einmal, dass ich ging.

Es war, dass ich mich darauf freute, hinterher wieder nach Hause zu kommen.

An Neujahr, kurz vor Mitternacht, saß ich auf meinem Sofa. Draußen knallte es irgendwo in der Ferne. Arlo hob kurz den Kopf, weil ihm laute Geräusche noch immer nicht ganz geheuer waren. Anka blinzelte nur träge, als hielte er das Verhalten der Menschheit insgesamt für unerquicklich.

Ich legte je eine Hand auf jeden von ihnen.

Dann dachte ich an den Tag im Tierheim zurück. An diese eine Bewegung, mit der Arlo sich an seinen Bruder geklammert hatte. An das Gewicht von Anka in meinem Arm. An den Moment, in dem ich begriffen hatte, dass Vernunft manchmal nur ein anderes Wort für Angst ist.

Ich war damals hingefahren, weil ich etwas Ruhiges wollte. Etwas Überschaubares. Etwas, das nicht zu viel kostet und nicht zu viel verlangt.

Bekommen habe ich Kratzer am Sofa, Haare auf der Kleidung, doppelte Tierarztrechnungen, ein besetztes Kopfkissen und zwei Brüder, die mich jeden Tag daran erinnern, dass ein Leben nicht dadurch heil wird, dass man es immer kleiner schneidet.

Es wird heil, wenn wieder etwas hinein darf.

Ein paar Tage später fuhr ich noch einmal zum Tierheim.

Diesmal nicht, um jemandem mitzuteilen, was ich suche.

Ich hatte eine Tüte mit Decken auf dem Beifahrersitz und ein gerahmtes Foto von Anka und Arlo, das meine Schwester an Neujahr von ihnen gemacht hatte. Die beiden lagen darauf wie immer eng beieinander, als gäbe es auf der ganzen Welt keinen vernünftigen Grund, Abstand zu halten.

Die Frau vom Empfang erkannte mich sofort.

„Und?“, fragte sie. „Wie läuft es mit den Brüdern?“

Ich stellte das Foto auf den Tresen.

Sie sah es an und lächelte dieses müde, stille Lächeln wieder, das ich schon beim ersten Mal an ihr bemerkt hatte.

„Sie sehen angekommen aus“, sagte sie.

Ich wollte erst nicken. Stattdessen hörte ich mich sagen: „Ich glaube, ich auch.“

Auf dem Rückweg war die Wohnung nicht mehr nur ein Ort, an den ich zurückfuhr.

Sie war mein Zuhause.

Als ich die Tür öffnete, kam Anka mir mit seinem tiefen, vorwurfsvollen Geräusch entgegen, als hätte ich ihn völlig unangemessen lange warten lassen. Arlo stand dahinter und blinzelte mich an, noch immer vorsichtiger, noch immer weicher.

Ich stellte die Tasche ab, zog die Schuhe aus und schloss die Tür.

Dann hörte ich wieder diese kleinen, ganz normalen Geräusche.

Pfoten auf dem Boden. Ein kurzes Schnauben. Das leise Rascheln, wenn zwei Katzen sich den besten Platz auf der Decke teilen wollen.

Früher hätte ich das für Kleinigkeiten gehalten.

Heute weiß ich, dass ein gutes Leben oft genau so anfängt.

Nicht mit etwas Großem.

Sondern mit zwei Brüdern, die sich nicht voneinander trennen lassen.

Und mit einer Wohnung, in der endlich wieder jemand auf einen wartet.

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