Ich wollte nur einen Kater adoptieren doch seine große Liebe konnte ich nicht zurücklassen

ICH WOLLTE NUR EINEN ALTEN KATER ADOPTIEREN, DANN STRECKTE DIE KATZE GEGENÜBER IHRE ZITTERNE PFOTE DURCH DAS GITTER UND MEIN GANZER PLAN ZERBRACH.

Der Transportkorb stand bereits offen vor mir.

Die Unterlagen hatte ich unterschrieben. Eigentlich fehlte nur noch eines: Mats hineinsetzen, zur Tür gehen und nach Hause fahren.

So einfach sollte es sein.

Mats war zwölf Jahre alt.

Ein kräftiger grau-getigerter Kater mit einem etwas zerzausten Fell, weißen Schnurrhaaren und diesem ruhigen Blick, den manche alten Tiere haben. Nicht traurig. Nicht müde.

Eher so, als hätten sie längst verstanden, dass Menschen ständig Dinge komplizierter machen, als sie sein müssten.

Ich kniete mich vor seine Box.

„Na komm, alter Herr. Wir fahren nach Hause.“

Mats bewegte sich nicht.

Ich hielt ihm vorsichtig die Hand hin.

Nichts.

Er schaute nicht einmal zu mir.

Sein Blick ging an meiner Schulter vorbei.

Zur gegenüberliegenden Reihe.

Dort saß Fine.

Eine kleine, dunkelbraune Katze, ungefähr zehn Jahre alt. Ihr Fell war stumpf und an manchen Stellen dünner geworden. Sie saß meistens ganz hinten in ihrer Box und gehörte offensichtlich nicht zu den Katzen, die Besucher sofort bemerkten.

Sie sprang nicht ans Gitter.

Sie miaute nicht.

Sie versuchte nicht, sich interessant zu machen.

Doch jetzt stand sie plötzlich auf.

Langsam kam sie nach vorne.

Mats hob den Kopf.

Fine setzte eine Vorderpfote gegen die Gitterstäbe.

Dann schob sie sie hindurch.

So weit sie konnte.

Ihre Pfote zitterte.

Mats machte ein leises Geräusch.

Kein richtiges Miauen. Eher ein kurzer, rauer Laut.

Dann stellte er sich auf und drückte seine Schulter gegen die Seite seiner Box.

Genau dort, wo Fines ausgestreckte Pfote fast an ihn heranreichte.

Ich blieb einfach sitzen.

Mitten im Gang.

Mit dem Adoptionsvertrag in der Hand.

„Die beiden gehören zusammen“, sagte plötzlich jemand hinter mir.

Ich drehte mich um.

Eine Mitarbeiterin des Tierheims stand dort. Mitte fünfzig vielleicht. Kurze graue Haare, ausgewaschener Pullover, müde Augen.

Sie hieß Petra.

„Wie meinst du das?“, fragte ich.

Sie sah zu Mats und Fine.

„Wir nennen sie hier manchmal unser altes Ehepaar.“

Ich musste lächeln.

Petra nicht.

„Sie kamen zusammen zu uns.“

Dann erzählte sie mir, warum.

Mats und Fine hatten bei einem älteren Mann in einem kleinen Haus am Stadtrand von Kassel gelebt.

Der Mann war allein gewesen.

Keine Familie in der Nähe. Wenig Kontakt zu anderen Menschen.

Eines Tages starb er zu Hause.

Und zunächst bemerkte es niemand.

Mats und Fine blieben bei ihm.

Tag für Tag.

Als schließlich jemand nach dem Rechten sah und die Katzen gefunden wurden, hätten beide problemlos durchs Haus laufen können.

Futter war noch vorhanden.

Trotzdem hatten sie kaum gefressen.

„Sie lagen meistens zusammen“, sagte Petra. „Ganz in seiner Nähe.“

Ich schaute wieder zu den beiden.

Fine hatte ihre Pfote immer noch durch das Gitter geschoben.

„Seitdem können wir sie kaum trennen“, sagte Petra.

„Was heißt kaum?“

„Wenn Fine Mats nicht sehen kann, wird sie völlig unruhig. Und Mats frisst schlechter, sobald sie länger getrennt sind.“

Mein Blick fiel auf meine Unterlagen.

Dort stand nur ein Name.

Mats.

Genau so hatte ich es geplant.

Ich wohnte allein in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Nicht winzig, aber auch kein Bauernhof.

Ich hatte einen Platz für das Katzenklo ausgesucht.

Einen Platz für den Futternapf.

Eine Decke neben dem Sofa.

Eine Katze.

Ein überschaubares neues Kapitel.

Zwei ältere Katzen?

Zwei Tierarzttermine.

Doppeltes Futter.

Mehr Verantwortung.

Und zwei Tiere, die offensichtlich etwas erlebt hatten, das man nicht einfach mit einem warmen Körbchen wieder gutmachte.

„Ich kann nicht beide nehmen“, sagte ich leise.

Petra nickte.

Kein Vorwurf.

„Das verstehe ich.“

Genau das machte es schlimmer.

Ich öffnete Mats’ Box.

„Komm.“

Er blieb stehen.

„Mats.“

Nichts.

Fine zog ihre Pfote langsam zurück.

Nicht plötzlich.

Ganz langsam.

Dann setzte sie sich.

Sie schaute Mats noch einige Sekunden an und ging anschließend wieder in die hinterste Ecke ihrer Box.

Mats sah ihr nach.

Ich hätte schwören können, dass sich seine ganze Haltung veränderte.

Vorher war er angespannt gewesen.

Jetzt wirkte er einfach schwer.

Ich schluckte.

„Na los“, murmelte ich.

Schließlich ließ Mats sich in den Transportkorb setzen.

Ich trug ihn zum Empfang.

Petra erledigte die letzten Formalitäten.

Niemand versuchte, mich umzustimmen.

Niemand sagte:

Du musst Fine auch nehmen.

Niemand machte mir ein schlechtes Gewissen.

Ich machte das ganz allein.

Im Eingangsbereich stellte ich den Korb kurz auf den Boden.

Mats drehte sich darin um.

Dann sah er durch das Gitter zurück in Richtung des Flurs.

Und wartete.

Ich nahm den Korb wieder hoch.

Zwei Schritte.

Drei.

Dann blieb ich stehen.

„Verdammt.“

Petra hob den Kopf.

Ich stellte den Korb auf den Tresen.

„Gibt es noch einen zweiten Vertrag?“

Zum ersten Mal lächelte sie.

„Ja.“

„Dann brauche ich den.“

Eine halbe Stunde später saß ich mit zwei Transportboxen im Auto.

Fine hatte aufgehört zu zittern.

Mats lag direkt an der Seite seines Korbes, die Fine am nächsten war.

Zu Hause stellte ich beide Boxen im Wohnzimmer ab.

Ich öffnete zuerst Mats’ Tür.

Er kam heraus.

Langsam.

Einmal durchs Wohnzimmer.

Unter den Tisch.

Zurück zum Sofa.

Dann ging er sofort wieder zu Fines Box.

Er setzte sich davor.

Fine blieb drinnen.

„Alles gut“, sagte ich.

Natürlich war gar nichts gut.

Für sie war diese Wohnung vollkommen fremd.

Neue Geräusche.

Neue Gerüche.

Ein neuer Mensch.

Eine neue Tür, die sich hinter ihnen geschlossen hatte.

Mats wartete.

Nach einigen Minuten streckte Fine den Kopf heraus.

Dann eine Pfote.

Dann die zweite.

Sie kroch beinahe über den Boden.

Direkt zu Mats.

Er blieb stehen.

Fine drückte ihren ganzen Körper gegen seine Seite.

Und plötzlich hörte sie auf zu zittern.

Da begriff ich zum ersten Mal, was ich tatsächlich mit nach Hause gebracht hatte.

Nicht zwei Katzen.

Sondern zwei Tiere, die gelernt hatten, dass sie einander brauchten, wenn alles andere verschwand.

In der ersten Nacht machte ich einen Anfängerfehler.

Ich ging ins Bad und schloss die Tür.

Vielleicht drei Minuten später hörte ich dieses Geräusch.

Ein dünnes, verzweifeltes Miauen.

Dann Kratzen auf dem Flur.

Ich öffnete sofort.

Mats saß direkt vor der Tür.

Fine stand hinter ihm.

Sie zitterte.

Nicht ein bisschen.

Ihr ganzer Körper bebte.

Als sie mich sah, kam sie allerdings nicht zu mir.

Sie lief zu Mats.

Drückte den Kopf gegen seine Brust.

Und blieb dort.

Ich setzte mich im Schlafanzug auf den Flurboden.

„Okay“, sagte ich. „Ich hab’s verstanden.“

Das hatte ich natürlich nicht.

Noch lange nicht.

Die ersten Tage waren anstrengend.

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