Und von Herrn Aydin, der heimlich ein ganzes Stück Sahnetorte in seiner Nachttischschublade versteckt hatte.
„Wir haben es gefunden, weil eine Ameisenstraße aus seinem Zimmer führte“, sagte Lena.
„Er war nicht beschämt. Er war beleidigt, weil die Ameisen ihn verraten hatten.“
Matthias lachte laut.
Nicht kontrolliert.
Nicht vornehm.
Sein Gesicht wirkte plötzlich jünger.
Lena bemerkte es und sah schnell auf ihren Teller.
Es war gefährlich, von jemandem angesehen zu werden, wenn man zu müde war, sich zu verstellen.
An ihren Händen roch noch Desinfektionsmittel.
Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten.
Vom Namensschild hatte sich eine rote Druckstelle auf ihrer Haut gebildet.
Matthias blickte nicht daran vorbei.
Er sah es.
Aber nicht mit Ekel.
Auch nicht mit jener billigen Bewunderung, mit der Menschen sagten: „Ich könnte das ja niemals.“
Er fragte, was ihre Arbeit schwer machte.
Er fragte, warum sie trotzdem blieb.
Lena wollte zuerst sagen: wegen der Miete, der Krankenversicherung und weil man mit dreiunddreißig nicht einfach ein neues Leben aus dem Schrank nehmen konnte.
Stattdessen erzählte sie von Frau Winter.
Die alte Dame erinnerte sich nicht mehr an die Namen ihrer Töchter, aber an jedes Volkslied, das ihre Mutter früher beim Kartoffelschälen gesungen hatte.
Wenn Frau Winter unruhig wurde, setzte Lena sich zu ihr und sang leise.
Manchmal sang die alte Frau mit.
Manchmal hielt sie nur Lenas Hand.
„Einmal habe ich ihre Bluse falsch zugeknöpft“, sagte Lena. „Da hat sie mich angesehen und gesagt: Kindchen, Gott sieht die Mühe. Nicht die Knöpfe.“
Matthias lächelte.
Dann wurde er still.
Jetzt erkannte Lena auch in seinem Gesicht etwas.
Einsamkeit.
Gut versteckt hinter einem teuren Mantel und einer Uhr, die schlicht genug war, um vermutlich mehr zu kosten als ihr Auto.
„Sie sagen immer noch nicht, was Sie genau machen“, sagte sie.
„Ich leite ein größeres Unternehmen.“
„Aha.“
„Im Gesundheitsbereich.“
„Also verkaufen Sie Pflaster für den dreifachen Preis?“
„Nicht direkt.“
„Dann vielleicht Geräte, die niemand bedienen kann.“
„Das kommt der Wahrheit gelegentlich näher.“
Sie grinste.
Der Abend hätte dort enden können.
Eine merkwürdige Begegnung.
Eine Geschichte, die Lena später ihrer Kollegin erzählen würde: der fremde Mann, der ihre missratene Verabredung mit Pommes gerettet hatte.
Doch nach dem Essen kam Kaffee.
Dann eine kleine Nachspeise.
Dann jenes Schweigen, das nicht unangenehm war.
Lena ertappte sich bei dem Gedanken, wie sich seine Hand neben ihrer anfühlen würde.
Sie trank zu schnell und verbrannte sich die Zunge.
Als sie später nach draußen gingen, war der Parkplatz fast leer.
Matthias begleitete sie zum Wagen.
Lena suchte gerade ihren Schlüssel, als ihr Telefon klingelte.
Auf dem Display stand: Frau Seidel, Nachbarin Mama.
Die Wärme verschwand aus Lenas Gesicht.
Sie nahm ab.
Zunächst sagte sie nichts.
Dann wurden ihre Schultern steif.
„Seit wann?“
Matthias sah, wie ihre Hand zitterte.
Lenas Mutter Renate hatte die Wohnung verlassen.
Ohne Jacke.
Ohne Telefon.
Frau Seidel hatte im Treppenhaus, im Hof und beim kleinen Lebensmittelladen an der Ecke gesucht.
Nichts.
Renate war sechsundsechzig und lebte seit zwei Jahren mit einer beginnenden Demenz.
An guten Tagen kochte sie Kartoffelsuppe nach dem Rezept ihrer Mutter.
An schlechten Tagen suchte sie nach einem Ehemann, der seit acht Jahren tot war.
Lena riss die Autotür auf.
„Ich muss los.“
„Geben Sie mir die Adresse“, sagte Matthias.
„Nein, schon gut.“
„Sie zittern.“
„Meine Mutter ist verschwunden.“
„Eben deshalb fahre ich.“
Lena wollte widersprechen.
Dann sah sie auf ihre Hände.
Sie stieg in seinen Wagen.
Die nächste Stunde hatte nichts mit Romantik zu tun.
Es gab keine Musik.
Keine zärtlichen Blicke.
Nur Straßenlaternen, rote Ampeln, Telefonate und die Frage, wie weit eine verwirrte Frau in Hausschuhen laufen konnte, bevor die Kälte gefährlich wurde.
Matthias fuhr ruhig.
Er sagte nicht, Lena solle sich beruhigen.
Dafür war sie ihm dankbar.
Sie suchten zuerst bei der Apotheke, in der Renate früher gearbeitet hatte.
Dann an einer geschlossenen Bäckerei, wo sie noch immer glaubte, jeden Donnerstag Mohnkuchen kaufen zu müssen.
Sie kontrollierten zwei Bushaltestellen.
Lena rief immer wieder den Namen ihrer Mutter.
Nicht panisch.
Fast routiniert.
Gerade das erschreckte Matthias.
Diese Angst war nicht neu.
Vor einer kleinen Kirche am Rand eines Wohnviertels fanden sie Renate schließlich.
Sie saß unter einer Linde auf einer Bank.
An den Füßen trug sie Hausschuhe. Über ihrem Nachthemd hatte sie einen alten roten Pullover angezogen, den Lena in ihrer Schulzeit getragen hatte.
In den Händen hielt sie einen zerknitterten Gemeindebrief.
Renate weinte leise.
„Ich wollte zu deiner Hochzeit“, sagte sie, als Lena vor ihr kniete. „Aber ich weiß nicht mehr, wo sie ist.“
Lena nahm beide kalten Hände ihrer Mutter.
„Die Hochzeit ist heute nicht, Mama.“
„Ist Papa schon da?“
Lenas Vater war seit fast zehn Jahren tot.
Trotzdem lächelte sie.
„Papa wartet zu Hause.“
Matthias sah zur Seite.
Es fühlte sich zu intim an, diesen Moment zu beobachten.
Nicht romantisch.
Menschlich.
Renate erkannte ihre Tochter nach einigen Sekunden.
Dann vergaß sie, dass sie vermisst worden war.
Sie entschuldigte sich dafür, dass alle wegen ihr so viele Umstände hätten.
Lena legte ihr die eigene Strickjacke um die Schultern.
Auf der Rückfahrt saß sie hinten neben ihrer Mutter und hielt deren Hand.
Matthias sah sie im Rückspiegel.
Die Frau, die vor wenigen Stunden wegen eines feigen Mannes geweint hatte, tröstete nun ihre Mutter mit einer Geduld, die fast schmerzhaft anzusehen war.
Das war Lenas Leben.
Keine rührende Nebengeschichte.
Kein Beweis für ihre Güte.
Es war ein tägliches Bauwerk aus Verantwortung, Rechnungen, Angst, Müdigkeit und kleinen Witzen, ohne die sie längst zusammengebrochen wäre.
In der Wohnung kontrollierte Lena die Türsicherung.
Sie wechselte Renates feuchte Hausschuhe gegen warme Socken.
Sie stellte Wasser ans Bett und strich ihrer Mutter über die Haare, bis diese einschlief.
Als Lena in den Flur zurückkam, wirkte sie nicht mehr wie dreiunddreißig.
Sie wirkte wie jemand, der schon seit Jahren alles zusammenhielt.
Matthias wollte gerade etwas sagen, als sich die Tür gegenüber öffnete.
Ein junger Mann trat heraus und hielt ein Telefon in der Hand. Aus dem Lautsprecher drang die Stimme einer Nachrichtensprecherin.
„Der Vorstandsvorsitzende Matthias Bergmann steht nach Kritik an der neuen Pflegestrategie seines Gesundheitskonzerns unter Druck …“
Lena erstarrte.
Auf dem Bildschirm war Matthias zu sehen.
Derselbe Mann.
Dieselben Augen.
Aber hinter ihm standen Mikrofone, Kameras und ein Firmenlogo.
In diesem Moment wurde aus dem Fremden vom Parkplatz ein Vorstandsvorsitzender.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






