Jeden Morgen um 4:13 Uhr weckte mich ein dicker Kater bis ich sein trauriges Geheimnis erfuhr

Ich erinnerte mich an den Zettel.

Langsam schaltete ich den Fernseher aus.

„Ist ja gut. Ich bin da.“

Ich legte meine Hand auf seinen Rücken.

Er drückte sich dagegen.

Dann begann er zu schnurren.

Lange saßen wir einfach nur dort, ohne ein Wort.

Und irgendwann erzählte ich ihm von meiner Tochter.

Davon, wie stolz ich auf sie war. Wie sehr ich unsere früheren Sonntage vermisste, an denen wir gemeinsam Pfannkuchen gebacken hatten.

Ich erzählte ihm auch von meiner gescheiterten Ehe.

Nicht, weil Willi irgendetwas davon verstand.

Sondern weil ich diese Dinge seit Jahren niemandem mehr erzählt hatte.

Am Ende liefen mir Tränen über die Wangen.

Es waren keine lauten, dramatischen Tränen.

Eher solche, die kommen, wenn man zu lange stark sein wollte.

Willi rückte näher und legte seinen schweren Kopf auf meinen Oberschenkel.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich meine Wohnung nicht leer an.

Zwei Tage später rief Frau Hartmann erneut an.

Sie dürfe am folgenden Nachmittag nach Hause. Die Untersuchungen seien anstrengend gewesen, aber man habe vorerst Entwarnung geben können.

Ich war erleichterter, als ich erwartet hatte.

Am nächsten Tag brachte ich Willi zurück.

Frau Hartmann öffnete mit blassem Gesicht, aber einem ehrlichen Lächeln.

„Da ist ja mein Junge!“

Willi marschierte hinein, beschnupperte seinen gewohnten Sessel und sprang auf das Kissen.

Ich stellte die Tasche mit seinem Futter ab.

„Er war eigentlich ganz brav“, sagte ich.

Frau Hartmann hob eine Augenbraue.

„Eigentlich?“

„Na ja. Er hat mich jeden Morgen um 4:13 Uhr geweckt.“

Sie wurde still.

Nur für einen Augenblick.

Dann setzte sie sich langsam auf ihren Sessel.

„Um 4:13 Uhr?“, wiederholte sie.

Ich nickte.

Sie schaute zu Willi.

„Das ist ja merkwürdig.“

„Wieso?“

Frau Hartmann strich über die Lehne des Sessels.

„Mein Mann Horst musste früher immer sehr früh zur Arbeit. Er war fast vierzig Jahre lang Schlosser in einer Fabrik.“

Sie lächelte traurig.

„Sein Wecker klingelte jeden Morgen um 4:13 Uhr. Horst sagte immer, die paar Minuten Vorsprung würden ihm gehören.“

Ich sah sie schweigend an.

„Willi hat das nie vergessen. Selbst als Horst längst in Rente war, sprang er um diese Uhrzeit auf unser Bett.“

Ihre Stimme wurde brüchig.

„Und nach Horsts Tod hat er noch monatelang versucht, ihn zu wecken.“

Ich spürte, wie mir etwas die Kehle zuschnürte.

„Wann ist Ihr Mann gestorben?“

„Vor zwei Jahren.“

Frau Hartmann sah auf ihre Hände.

„Danach hat Willi damit aufgehört. Ich dachte, er hätte die Gewohnheit endlich abgelegt.“

Wir schwiegen.

Dann schaute ich zu dem dicken roten Kater, der auf seinem Kissen lag, als wäre überhaupt nichts geschehen.

„Vielleicht“, sagte ich langsam, „hat er einfach wieder jemanden gefunden, den er wecken wollte.“

Frau Hartmann wischte sich verstohlen über die Augen.

„Vielleicht haben Sie recht.“

Ich wollte mich verabschieden.

Doch als ich die Wohnungstür öffnete, hörte ich hinter mir ein kurzes Miauen.

Willi stand mitten im Flur.

Er sah mich an.

Nicht fordernd. Nicht beleidigt.

Einfach lange und aufmerksam.

„Mach’s gut, alter Chef“, sagte ich.

Dann ging ich über den Flur in meine eigene Wohnung.

Und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich die Stille unerträglich an.

Kein leises Trippeln auf dem Laminat.

Kein unzufriedenes Miauen aus der Küche.

Niemand, der meinen Feierabend kontrollierte.

Ich setzte mich aufs Sofa und bemerkte, dass ich automatisch Platz neben mir ließ.

Dort, wo Willi immer gelegen hatte.

Ich musste über mich selbst den Kopf schütteln.

Ein erwachsener Mann, 48 Jahre alt, der einen grummeligen Kater vermisste.

Aber es war so.

Am nächsten Morgen wachte ich um 4:13 Uhr auf.

Ganz von allein.

Ich lag lange im Dunkeln und starrte auf die Zimmerdecke.

Dann stand ich auf, öffnete die Vorhänge und setzte Kaffee auf.

Zum Frühstück machte ich mir ein richtiges Brot.

Später rief ich meine Tochter an.

Einfach so.

Sie klang überrascht.

„Papa? Ist etwas passiert?“

„Nein, mein Schatz. Ich wollte nur mal hören, wie es dir geht.“

Am anderen Ende wurde es kurz still.

Dann sagte sie: „Schön, dass du anrufst.“

Wir telefonierten fast eine halbe Stunde.

Am Sonntagmorgen klingelte es an meiner Tür.

Frau Hartmann stand draußen, mit zwei Kaffeebechern in den Händen.

Sie trug eine blaue Strickjacke. Ihre Haare waren frisch gekämmt, aber ihre Hand zitterte ein wenig.

„Herr Schulz“, begann sie, „ich hoffe, ich störe nicht.“

„Überhaupt nicht.“

Sie lächelte verlegen.

„Willi und ich haben uns gefragt, ob Sie vielleicht Lust hätten, sonntags zum Kaffee rüberzukommen.“

Ich musste grinsen.

„Hat Willi Sie geschickt?“

„Gewissermaßen.“

Sie deutete auf ihre Wohnung.

„Er sitzt seit Tagen vor der Tür und schaut auf Ihren Eingang. Und wenn jemand durchs Treppenhaus läuft, rennt er sofort hin.“

Ich lachte.

Doch dann sah ich ihre zitternden Hände.

Und mir wurde klar, dass nicht nur Willi auf eine Antwort wartete.

„Wissen Sie was, Frau Hartmann?“, sagte ich. „Ich hole schnell meine Jacke. Und beim nächsten Mal bringe ich den Kuchen mit.“

Ihr Gesicht hellte sich auf.

„Das wäre schön, Herr Schulz.“

Seit diesem Sonntag ist fast ein Jahr vergangen.

Jeden Sonntag um drei sitze ich bei Frau Hartmann am Küchentisch.

Sie kocht Kaffee, ich bringe ein paar Stücke Streuselkuchen oder Berliner vom Bäcker mit.

Manchmal reden wir über früher. Über ihre Ehe mit Horst. Über meine Arbeit. Über meine Tochter.

Manchmal sitzen wir auch einfach nur da.

Willi liegt meistens zwischen uns auf seinem Lieblingskissen.

Er ist noch immer dick, eigensinnig und überzeugt davon, dass sich die ganze Welt nach seinen Vorstellungen richten sollte.

Aber er hat zwei einsame Menschen zusammengebracht, die jahrelang nur wenige Meter voneinander entfernt lebten.

Inzwischen helfe ich Frau Hartmann beim Einkaufen. Wenn ihre Knie schmerzen, trage ich ihr die Getränkekisten hoch.

Und wenn ich mal wieder zu viel arbeite, stellt sie mir eine Portion Kartoffelsuppe vor die Tür.

Mit einem kleinen Zettel: „Bitte ordentlich essen, Andreas.“

Vor drei Monaten kam meine Tochter zum ersten Mal seit langer Zeit für ein ganzes Wochenende zu Besuch.

Am Sonntag nahm ich sie mit zu Frau Hartmann.

Willi ließ sich von ihr ausgiebig kraulen.

Später sagte meine Tochter beim Abwasch etwas, das mich tief berührte.

„Papa, du lachst wieder viel mehr.“

Ich wusste zunächst nicht, was ich darauf antworten sollte.

Dann sagte ich: „Vielleicht brauchte ich einfach jemanden, der mich wieder aus dem Bett wirft.“

Sie sah mich verständnislos an.

Und ich erzählte ihr die ganze Geschichte.

Heute habe ich immer noch denselben Job. Meine Wohnung ist immer noch klein. Und manchmal bin ich nach Feierabend so müde, dass ich kaum die Schuhe ausziehen kann.

Mein Leben ist nicht plötzlich perfekt geworden.

Aber es ist wieder ein Leben, auf das ich mich freue.

Neulich fragte mich Frau Hartmann, ob ich Willi nehmen würde, falls sie eines Tages nicht mehr für ihn sorgen könnte.

Sie sagte das ganz ruhig, während sie ihm über den Kopf strich.

Ich sah den alten Kater an.

Er hatte seine Augen halb geschlossen und schnurrte zufrieden.

„Natürlich“, antwortete ich. „Aber machen Sie sich bitte nicht so viele Gedanken. Wir haben noch einige Sonntage vor uns.“

Sie lächelte und legte ihre Hand auf meine.

Seitdem steht in ihrer Küchenschublade ein kleiner Zettel mit meiner Telefonnummer und dem Satz: „Willi gehört zu Andreas, wenn ich nicht mehr kann.“

Als ich diesen Zettel zum ersten Mal sah, musste ich schlucken.

Nicht wegen der Verantwortung.

Sondern weil Frau Hartmann mir damit etwas anvertraute, das ihr unendlich viel bedeutete.

Manchmal denke ich an jenen ersten Morgen zurück.

An 4:13 Uhr.

An die weiche Pfote in meinem Gesicht.

An den dicken roten Kater, den ich eigentlich gar nicht haben wollte.

Ich hatte damals geglaubt, ich würde einer alten Nachbarin einen kleinen Gefallen tun.

Drei Tage Katzenbetreuung. Mehr nicht.

Heute weiß ich, dass aus diesen drei Tagen etwas entstanden ist, das keiner von uns geplant hatte.

Frau Hartmann bekam einen Menschen, der regelmäßig nach ihr sieht.

Willi bekam jemanden, den er wieder wecken konnte.

Und ich bekam etwas zurück, das ich längst verloren glaubte: das Gefühl, gebraucht zu werden.

Manchmal braucht es keine große Veränderung, um wieder ins Leben zurückzufinden. Manchmal reicht eine offene Tür, eine Tasse Kaffee und ein eigensinniger alter Kater, der einfach nicht zulässt, dass man in seiner Einsamkeit verschwindet.

Und falls mich Willi bei seinen gelegentlichen Übernachtungsbesuchen um 4:13 Uhr wieder mit der Pfote ins Gesicht schlägt?

Dann stehe ich auf.

Ich schimpfe ein bisschen, mache ihm sein Futter zurecht und streichle seinen dicken roten Kopf.

Denn inzwischen weiß ich:

Nicht jeder, der uns aus dem Schlaf reißt, will uns stören.

Manche wollen uns einfach daran erinnern, dass ein neuer Tag begonnen hat.

Und dass es sich lohnt, dafür aufzustehen.

Nach oben scrollen