Jeden Samstag saß ein Fremder an ihrem Grab, bis ihr Mann ihn ansprach

Er stellte seinen Hocker ab und nahm mir den Stuhl aus der Hand.

„Einmal andersherum“, sagte er.

Es knackte, und der Stuhl stand.

Ich musste lachen. Es klang ungewohnt.

Wir setzten uns, und ich gab ihm den Umschlag.

Als er das Foto sah, hielt er es mit beiden Händen fest.

„Das war unser erster Ausflug nach der langen Zeit“, sagte er. „Sie ist keine zweihundert Meter gefahren. Danach war sie völlig fertig.“

Er drehte das Bild um und las die Rückseite.

„Meine Frau hat gehofft, dass sie es bekommt.“

„Sie hat es bekommen.“

Er nickte, sah aber weiter auf das Foto.

Von da an saßen wir samstags zu zweit dort. Manchmal erzählte er von Merle. Manchmal ich von Hanne, die beim Tapezieren fluchte und beim Kartenspielen betrog, obwohl sie das bis zuletzt bestritten hatte.

Ich erzählte auch von unserem Streit.

Rüdiger hörte zu, ohne mich zu unterbrechen.

„Sie hätten mitreden wollen“, sagte er schließlich.

„Ja.“

„Versteh ich.“

Ich sah überrascht zu ihm.

„Ich bin ihr trotzdem dankbar“, sagte er. „Beides geht wohl.“

Das half mir mehr, als wenn er Hanne zu einer Heiligen erklärt hätte.

Sie war großzügig gewesen und manchmal eigenwillig. Sie konnte geduldig zuhören und zugleich beschließen, dass eine Sache jetzt getan werden musste. Ich hatte sie geliebt, mich über sie geärgert und mich auf sie verlassen.

Langsam durfte all das wieder nebeneinander bestehen.

Mit Rüdiger redete es sich leichter als mit manchen Menschen, die mich seit dreißig Jahren kannten. Er sagte nicht, ich müsse nach vorn schauen. Wenn ich still war, blieb er ebenfalls still.

Einmal kam er mittwochs bei mir vorbei.

„Sie haben Samstag gesagt, der Rollladen hängt.“

„Das war keine Bitte.“

„Hab ich auch nicht gesagt.“

Er hatte das passende Ersatzteil dabei. Während er arbeitete, kochte ich Kaffee. Danach saßen wir in der alten Küche, und er sah sich die schiefe Schranktür an.

„Die machen wir nächstes Mal.“

„Sie müssen hier nichts abarbeiten, Rüdiger.“

Er stellte seine Tasse hin.

„Tu ich nicht. Ich sitze gern hier.“

Danach war es einfacher.

Anke kam an einem Sonntag mit einem Auflauf vorbei. Britta lernte die beiden kennen, als sie mit unseren Enkeln zu Besuch war. Malte half Rüdiger später beim Ausräumen seiner Werkstatt, weil dessen Rücken nicht mehr alles mitmachte.

Es ging langsam. Niemand nannte uns plötzlich Familie. Aber irgendwann wusste jeder, wo beim anderen die Kaffeetassen standen.

Merle kam erst nach mehreren Monaten mit zum Friedhof.

Rüdiger hatte vorher gefragt. Ich hatte zugesagt und danach die halbe Nacht wach gelegen.

Ich fürchtete mich vor ihrem Gesicht. Vor der Lebendigkeit eines Kindes, das längst fast erwachsen war, während meine Frau unter diesem Stein lag.

Dieser Gedanke beschämte mich. Er war trotzdem da.

Merle trug eine Jeans und eine dunkelgrüne Jacke. Ihre Haare waren zum Zopf gebunden. In der Hand hielt sie einen kleinen Strauß mit weißen und blauen Blumen.

Sie gab mir die Hand.

„Ich bin Merle.“

„Ich weiß“, sagte ich.

Mehr fiel uns beiden zunächst nicht ein.

Am Grab kniete sie sich hin, rückte die Blumen zurecht und blieb eine Weile still. Rüdiger stand ein paar Schritte hinter ihr. Ich sah, wie er die Lippen zusammenpresste.

Dann richtete Merle sich auf.

„Papa hat gesagt, Ihre Frau wusste, dass es mir besser ging.“

Ich zog das alte Foto aus meiner Jackentasche. Es steckte inzwischen in einer durchsichtigen Hülle.

Merle nahm es und lachte leise.

„Das Fahrrad. Ich hab so geheult, weil ich unbedingt den ganzen Weg schaffen wollte.“

Sie betrachtete die Rückseite.

„Darf ich das mal Mama zeigen?“

„Natürlich.“

Sie gab es ihrem Vater, dann sah sie mich wieder an.

„Ich weiß nicht richtig, was ich sagen soll.“

„Du musst nichts sagen.“

„Alle reden immer davon, dass ich jetzt was Besonderes aus meinem Leben machen soll.“

Sie zögerte.

„Ich wollte eine Zeit lang Ärztin werden. Aber ich glaube, ich möchte lieber mit Kindern arbeiten. Vielleicht in einem Kindergarten. Ich weiß es noch nicht.“

Ich sah dieses Mädchen an, das sich offenbar Sorgen machte, einer fremden Frau gegenüber etwas schuldig zu bleiben.

„Hanne hätte dich erst mal gefragt, ob dir die Schule Spaß macht.“

Merle verzog das Gesicht.

Zum ersten Mal musste auch Rüdiger lachen.

„Na also“, sagte ich. „Dann hätte sie dir gesagt, du sollst in Ruhe herausfinden, was du willst.“

Merle atmete aus. Es war nur ein kleiner Atemzug, aber ihre Schultern sanken dabei.

„Darf ich nächstes Mal wieder mitkommen?“

„Ja.“

Auf dem Rückweg erzählte sie mir von einer Freundin, die unbedingt Friseurin werden wollte, obwohl sie bisher nur ihrer kleinen Schwester die Haare geschnitten hatte. Es war schiefgegangen. Merle beschrieb es so lebhaft, dass ich am Friedhofstor lachen musste.

Danach erschrak ich kurz über mich selbst.

Rüdiger legte mir eine Hand auf die Schulter. Er sagte nichts.

Inzwischen sind wieder sechs Monate vergangen. Nicht jeden Samstag sitzen wir zu zweit am Grab. Manchmal muss Rüdiger arbeiten, manchmal bin ich bei den Enkeln. Wir haben aufgehört, aus der Stunde eine Verpflichtung zu machen.

Wenn wir beide da sind, stellen wir unsere Stühle nebeneinander.

Die Küche steht noch.

Rüdiger hat die Tür gerichtet und eine neue Arbeitsplatte eingebaut. Malte half dabei. Ich habe geschimpft, weil überall Staub lag, und Anke hat gefragt, ob ich eigentlich merke, dass ich genauso klinge wie Hanne.

An dem Abend aßen wir alle dort. Merle saß auf Hannes altem Platz, weil dieser Stuhl am nächsten zur Steckdose steht. Ihr Handy war fast leer.

Früher hätte mich das getroffen.

An diesem Abend reichte ich ihr nur das Verlängerungskabel.

Vergangenen Samstag regnete es, als wir den Friedhof verließen. Rüdiger ging voraus zum Parkplatz. Ich blieb noch einmal stehen und strich ein Blatt vom Grabstein.

„Die Merle hat einen Praktikumsplatz“, sagte ich. „In einem Kindergarten. Sie tut ganz gelassen, aber ihr Vater ist schon aufgeregt.“

Dann schwieg ich kurz.

„Und die Schranktür geht wieder zu.“

Am Tor wartete Rüdiger mit hochgezogenem Kragen. Er hielt meine Autotür offen, weil ich die beiden Stühle trug.

„Kaffee bei Ihnen?“, fragte er.

„Hab ich gerade erst gekauft.“

„Dann bring ich Brötchen mit.“

Ich legte die Stühle in den Kofferraum. Zu Hause würde ich zwei Tassen aus dem Schrank nehmen. Später würde vielleicht noch jemand dazukommen.

Als ich einstieg, sah ich noch einmal zum Friedhof hinüber.

So viel hatte ich verloren. Das würde bleiben.

Aber an diesem Nachmittag musste ich nicht allein nach Hause.

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