Die Mutter, Claudia, war 39 Jahre alt und zog ihre drei Kinder allein groß.
Tim spielte gern Fußball. Lena malte ständig Tiere. Und Jonas lernte gerade Fahrradfahren, wobei Otto offenbar geduldig neben ihm herlief.
Wir erfuhren auch, dass Otto schon bei der Familie gewesen war, bevor Jonas geboren wurde.
Er hatte alle drei Kinder aufwachsen sehen.
Für sie war er nicht einfach ein Haustier.
Er gehörte zur Familie.
Und irgendwie gehörte er jetzt auch zu unserer.
Jeden Nachmittag um 14 Uhr kam Otto.
Frank hatte ihm eine alte Decke mitgebracht.
Derek stellte einen Wassernapf neben den Sitz.
Unser jüngster Mechaniker, Kevin, brachte ein kleines Holzschild an der Wand an.
Darauf stand:
„Ottos Ruheplatz. Bitte nicht stören.“
Sogar unsere Buchhalterin, Frau Elisabeth Hartmann, die mit ihren 70 Jahren noch zweimal wöchentlich in die Werkstatt kam, fragte regelmäßig nach ihm.
„Ist unser Herr Otto heute schon da?“
Wenn er schlief, ging sie manchmal leise zu ihm und streichelte ihm über den Rücken.
„So ein lieber Kerl“, flüsterte sie dann.
Es war erstaunlich, wie sehr ein Hund unseren Alltag verändern konnte, ohne selbst etwas Besonderes zu tun.
Er schlief einfach.
Und trotzdem wurden wir alle ein bisschen ruhiger, sobald er da war.
Dann kam dieser Montag.
14 Uhr.
Ottos Sitz blieb leer.
Ich dachte mir zunächst nichts dabei.
Vielleicht hatten die Kinder Besuch. Vielleicht war Otto müde. Vielleicht war er mit seiner Familie unterwegs.
Um halb drei fragte Derek:
„Kommt unser Kollege heute nicht?“
„Sieht nicht so aus.“
Um drei Uhr schauten wir beide zur Tür.
Niemand kam.
Am Dienstag fehlte Otto wieder.
Am Mittwoch ebenfalls.
Seine Decke lag ordentlich auf dem Sitz. Der Wassernapf war frisch gefüllt.
Aber Otto blieb verschwunden.
Es war seltsam.
Ein Hund, den wir vor wenigen Wochen noch gar nicht gekannt hatten, hinterließ plötzlich eine Lücke, die jeder von uns bemerkte.
Am Donnerstag hielt ich es nicht mehr aus.
Ich schrieb eine kurze Nachricht an die Familie.
„Liebe Familie,
Otto war seit Montag nicht mehr bei uns. Wir hoffen sehr, dass es ihm gut geht. Alle in der Werkstatt vermissen ihn.
Herzliche Grüße
Heinrich und das gesamte Werkstattteam.“
Ich legte ein kleines Päckchen Hundekekse dazu und schickte alles an die Adresse, die auf dem ersten Brief gestanden hatte.
Am Freitag kam die Antwort.
Diesmal war sie nicht von den Kindern geschrieben.
Sondern von ihrer Mutter.
Ich öffnete den Umschlag noch im Büro.
„Lieber Herr Krüger,
vielen Dank für Ihre liebe Nachricht und dafür, dass Sie sich Sorgen um Otto machen.
Leider geht es ihm im Moment nicht gut.
Seine Arthrose hat sich in den vergangenen Tagen deutlich verschlechtert. Der Tierarzt sagt, dass längere Spaziergänge für ihn zu anstrengend geworden sind.
Er bekommt Medikamente und muss sich schonen.
Otto kann manchmal kaum aufstehen.
Die Kinder sind sehr traurig. Besonders Lena fragt jeden Nachmittag, warum Otto nicht mehr zu seinen Freunden gehen darf.
Wir hätten Ihnen früher schreiben sollen.
Danke für alles, was Sie für ihn getan haben.
Mit herzlichen Grüßen
Claudia Berger.“
Ich stand lange mit dem Brief in der Hand.
Dann ging ich in die Werkstatt und las ihn den anderen vor.
Niemand sagte etwas.
Frank starrte auf den Boden.
Kevin legte seinen Schraubenschlüssel ab.
Derek sah zu dem leeren Sitz.
Schließlich sagte er:
„Dann holen wir ihn eben ab.“
Ich blickte ihn an.
„Was?“
„Na, wenn er nicht mehr zu uns laufen kann, müssen wir uns eben etwas anderes überlegen.“
Frank hob langsam den Kopf.
„Der Junge hat recht.“
Noch am selben Abend setzten wir uns im Pausenraum zusammen.
Frank, Derek, Kevin, unser Kollege Robert, Frau Hartmann und ich.
Normalerweise besprachen wir dort Ersatzteile, Rechnungen und Reparaturtermine.
Diesmal ging es nur um einen Hund.
Frank hatte früher eine Tischlerlehre gemacht.
„Ich baue ihm eine kleine Rampe“, sagte er. „Dann muss er nicht mehr auf den Sitz klettern.“
Derek schlug vor, den alten Abstellraum neben dem Büro auszuräumen.
Dort war es ruhiger als in der eigentlichen Werkstatt.
„Wir stellen ein richtiges Hundebett hinein. Und seinen alten Sitz natürlich auch.“
Robert hatte einen geräumigen Wagen.
„Ich kann ihn bei der Familie abholen. Wenn Claudia einverstanden ist.“
Frau Hartmann hörte die ganze Zeit schweigend zu.
Dann lächelte sie.
„Mein verstorbener Mann hatte einen Labrador. Ich habe noch sein Rezept für Hundekekse. Natürlich nur mit Zutaten, die für Hunde geeignet sind.“
Wir mussten alle lachen.
Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich die Werkstatt nicht mehr so leer an.
Am nächsten Morgen rief ich Claudia Berger an.
Ich erklärte ihr unseren Plan.
Am anderen Ende der Leitung blieb es erst einmal still.
„Herr Krüger“, sagte sie schließlich, „Sie kennen Otto doch erst seit ein paar Wochen.“
„Das stimmt.“
„Warum machen Sie das alles?“
Ich sah durch das Bürofenster auf den leeren Autositz.
„Weil er inzwischen dazugehört.“
Claudia antwortete nicht sofort.
Dann hörte ich, wie sie leise die Nase hochzog.
„Die Kinder werden sich unglaublich freuen.“
Wir vereinbarten, zuerst mit dem Tierarzt abzuklären, ob Otto die Fahrt und die Besuche vertragen würde.
Als Claudia uns mitteilte, dass kurze, ruhige Ausflüge bei ausreichenden Pausen möglich seien, legten wir los.
Zwei Tage lang arbeiteten wir nach Feierabend.
Frank baute eine stabile Rampe mit einer rutschfesten Oberfläche.
Derek und Kevin räumten den Abstellraum aus, putzten die Wände und stellten ein großes Hundebett hinein.
Robert besorgte eine weiche Decke.
Frau Hartmann brachte ihre selbst gebackenen Hundekekse.
Und ich?
Ich kümmerte mich um den alten Autositz.
Ich reinigte das Polster, befestigte ein zusätzliches Kissen und stellte den Sitz so auf, dass Otto ihn bequem erreichen konnte.
Dann hängte ich Lenas Zeichnung an die Wand.
Darunter kam Kevins Schild.
„Ottos Ruheplatz.“
Am Samstag fuhren wir gemeinsam zur Familie Berger.
Claudia öffnete die Tür.
Sie war eine schmale Frau mit müden Augen und kurzen braunen Haaren. Sie sah überrascht aus, als sie uns alle vor ihrem Haus stehen sah.
Hinter ihr tauchten drei Kinder auf.
„Seid ihr die Männer aus Ottos Werkstatt?“, fragte Lena.
Ich ging in die Hocke.
„Ja, genau die sind wir.“
„Habt ihr seinen Sitz noch?“
„Natürlich.“
Sie schaute mich einen Moment lang an.
Dann fragte sie ganz leise:
„Darf Otto wieder dahin?“
„Wenn es ihm gut genug geht, ja. Wir haben sogar etwas für ihn vorbereitet.“
Lena drehte sich um.
„Mama! Otto darf wieder arbeiten!“
Wir folgten Claudia ins Wohnzimmer.
Und dort lag er.
Unser Otto.
Auf einer alten Decke neben dem Sofa.
Seine graue Schnauze war auf seine Vorderpfoten gesunken. Als wir hereinkamen, hob er langsam den Kopf.
Dann sah er Frank.
Sein Schwanz begann zu klopfen.
Erst langsam.
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