Juna kämpfte sechs Stunden mit einem Glas um den Kopf für vier hungrige Welpen

Ich hatte mich geirrt.

Das Brot war nie für sie gewesen.

Unsere Hilfe traf wenige Minuten später ein. Eine Försterin namens Anja kam mit Transportboxen, Wasser und etwas weichem Welpenfutter.

Wir gaben allen nur kleine Mengen.

Die Mutter schob sogar das Wasser zuerst zu den Jungen.

„Die bringt sich noch um für die Kleinen“, murmelte Jörg.

Als wir die Welpen in eine Box setzen wollten, knurrte die Hündin zum ersten Mal.

Ihre Beine zitterten.

Aber sie stellte sich vor die Höhle.

Also machten wir nichts.

Sechs Männer mit Lederwesten saßen auf dem Waldboden und warteten darauf, dass eine halb verhungerte Hundemutter entschied, ob sie uns vertrauen konnte.

Maren legte etwas Futter vor die offene Box.

Keine Bewegung.

Nach fast zwanzig Minuten nahm ich das harte Brotstück aus dem Laub.

Die Hündin beobachtete jede meiner Bewegungen.

Ich legte es auf eine saubere Decke in der Transportbox.

Dann ging ich zurück.

Die Hündin blickte zum Brot.

Zu ihren Welpen.

Wieder zum Brot.

Dann nahm sie den kleinsten Welpen vorsichtig am Nacken.

Und trug ihn in die Box.

Danach die anderen drei.

Erst als alle drin waren, kroch sie selbst hinterher.

In der Tierklinik kam die nächste schlechte Nachricht.

Die Sauerstoffversorgung der Hündin war gefährlich niedrig. Ihr Hals war stark angeschwollen, sie war ausgetrocknet, unterernährt und voller Parasiten.

Sie wog gerade einmal 18 Kilo.

Gesund hätte sie mindestens sieben oder acht Kilo mehr wiegen müssen.

Die Tierärztin sagte später zu uns:

„Eine halbe Stunde länger, und wir hätten vielleicht nur noch die Welpen retten können.“

Die Mutter bekam Sauerstoff und Infusionen.

Doch sobald man die Welpen aus ihrem Blickfeld nahm, stand sie trotz ihrer Schwäche auf.

Also stellte das Team die warme Welpenbox direkt neben sie.

Erst dann legte sie sich hin.

Wir nannten die Hündin Juna.

Eigentlich nur, weil auf dem Aufnahmebogen irgendein Name stehen musste.

Die Welpen bekamen ebenfalls Namen.

Motte, Fips, Bruno und Piet.

Piet war der Kleinste.

Und er war der Welpe, den Juna zuerst in die Transportbox getragen hatte.

Später stellte sich heraus, dass er der Schwächste von allen war.

Seine Hinterbeine hatten kaum Kraft.

Juna hatte nicht zufällig mit ihm begonnen.

Sie wusste, welches ihrer Jungen am wenigsten allein schaffen konnte.

Am nächsten Tag bekam Juna eine Schüssel mit Spezialfutter.

Sie nahm einen Bissen.

Trug ihn zur Trennwand.

Und ließ ihn dort fallen, wo ihre Welpen lagen.

Erst nachdem sie gesehen hatte, wie die Kleinen mit der Flasche gefüttert wurden, begann sie selbst zu essen.

Immer dasselbe Muster.

Erst die vier.

Dann sie.

Zwei Tage später rief Försterin Anja an.

In der Nähe der Fundstelle hing eine Wildkamera.

Auf den Aufnahmen sah man Juna schon am frühen Morgen mit dem Glas über dem Kopf.

Später wieder in Richtung Welpen.

Dann zurück Richtung Forstweg.

Dann wieder zu den Welpen.

Stundenlang.

Sie war nicht ziellos herumgestolpert.

Sie pendelte.

Zwischen ihren Jungen und der Stelle, an der sie offenbar Menschen oder Fahrzeuge hören konnte.

Sechs Stunden lang.

Mit immer weniger Luft.

Immer weniger Kraft.

Und diesem Stück Brot im Glas.

Wir hatten uns zuerst vorgestellt, dass sie in Panik geraten war.

Aber die Bilder zeigten etwas anderes.

Juna hatte zwei Probleme.

Sie bekam das Glas nicht vom Kopf.

Und sie bekam das Futter nicht zu ihren Welpen.

Also versuchte sie beides gleichzeitig.

Sie trug das Glas mit dem Brot darin zurück zur Höhle.

Als sie merkte, dass sie es nicht loswerden konnte, ging sie wieder Richtung Weg.

Vielleicht suchte sie Hilfe.

Dann kehrte sie erneut um.

Vielleicht hörte sie ihre Jungen.

Vielleicht konnte sie einfach nicht fort.

Acht Minuten nach ihrer letzten Aufnahme hörten wir das erste Klopfen.

Klopf.

Pause.

Klopf.

In den folgenden Wochen erholten sich alle fünf.

Piet lernte langsam, auf seinen Hinterbeinen zu stehen.

Motte wurde frech.

Fips entdeckte, dass Schnürsenkel wunderbares Spielzeug waren.

Bruno schlief bei jeder Gelegenheit auf Jörgs Stiefeln.

Und Juna?

Juna zählte.

Jedes Mal, wenn ein Welpe untersucht wurde und zurückkam, berührte sie ihn mit der Nase.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Erst dann legte sie sich hin.

Nach etwas mehr als einem Monat konnten die Welpen vermittelt werden.

Nicht weit weg.

Jörg nahm Bruno.

Maren nahm Motte.

Unser ältester Fahrer, Klaus, der seit dem Tod seiner Frau behauptet hatte, nie wieder einen Hund zu wollen, nahm Fips.

Piet kam zu meiner Frau und mir.

Unser alter Mischling stand beim ersten Kennenlernen eine Minute vor dem kleinen Hund, schnupperte an ihm und legte anschließend seinen alten Stoffball vor seine Pfoten.

Damit war die Sache entschieden.

Nur Juna blieb übrig.

Mehrere Menschen wollten sie aufnehmen.

Aber wir wollten aus ihrer Geschichte keine Show machen.

Keine Fotos mit Motorradbrillen.

Keine Lederweste für den Hund.

Keine Inszenierung.

Diese Hündin hatte lange genug nur funktionieren müssen.

Sie brauchte Ruhe.

Und jemanden, der verstand, warum eine geschlossene Tür sie nervös machte.

Försterin Anja bewarb sich um sie.

Sie wohnte in einem kleinen Haus am Waldrand mit einem eingezäunten Grundstück.

Die anderen vier Hunde wären alle weniger als eine halbe Stunde entfernt.

Beim ersten Treffen setzte Anja sich einfach auf den Boden.

Sie rief Juna nicht.

Sie lockte sie nicht mit Futter.

Sie wartete.

Nach einigen Minuten ging Juna zu ihr.

Dann zurück zu ihren Welpen.

Sie berührte jeden mit der Nase.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Danach kam sie zu Anja zurück und lehnte ihre Schulter an ihr Knie.

Damit war auch diese Entscheidung gefallen.

Heute sind drei Jahre vergangen.

Einmal im Monat treffen wir uns noch immer in unserer alten Werkstatthalle.

Juna kommt mit Anja.

Bruno mit Jörg.

Motte mit Maren.

Fips mit Klaus.

Und Piet mit mir.

Juna steht jedes Mal zuerst an der Tür.

Sie wartet.

Bruno kommt.

Nase an Nase.

Dann Motte.

Dann Fips.

Piet meistens zuletzt, weil er noch immer ein wenig schief läuft, wenn er müde wird.

Juna berührt jeden von ihnen.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Erst danach geht sie zum Wassernapf.

Vor einigen Wochen legte ich ihr ein kleines Stück weiches Brot ins Futter.

Juna nahm es heraus.

Ich dachte, diesmal würde sie es sofort fressen.

Tat sie nicht.

Sie ging zu ihren vier längst erwachsenen Jungen.

Legte das Brot auf den Boden.

Teil­te es mit den Zähnen in mehrere Stücke und schob jedem etwas hin.

Am Ende blieb ein kleines Stück übrig.

Erst dieses nahm sie selbst.

Kein Glas steckte mehr auf ihrem Kopf.

Kein dunkler Wald lag zwischen ihr und ihren Jungen.

Sie musste niemanden mehr retten.

Aber manche Dinge hatte Juna offenbar nie verlernt.

Sie fraß noch immer zuletzt.

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