Mehr als nur Essen: Wie die ‚gruselige‘ Frau Hanke den stillen Hunger unserer Kinder stillte

Das Echo des Applauses in der Aula war längst verhallt. Jonas war ausgezogen, studierte mittlerweile Maschinenbau in Aachen und kam nur noch unregelmäßig am Wochenende nach Hause, meistens mit einem Korb voll Wäsche und einem Bärenhunger.

Eigentlich hätte meine Geschichte an dieser Schule mit seinem Abitur enden müssen. Ich hatte meinen Dienst als Mutter getan, die endlosen Elternabende, die Diskussionen über G8 oder G9 und die Kuchenverkäufe hinter mir gelassen. Doch das Leben – oder besser gesagt, die deutsche Bürokratie – hält sich selten an dramaturgische Schlussstriche.

Da ich im letzten Jahr zur Vorsitzenden des Fördervereins gewählt worden war („Nur kommissarisch!“, hatte ich damals gerufen, aber wir wissen alle, was das bedeutet), fand ich mich an einem verregneten Dienstagmorgen im Februar wieder in den Gängen der Schule wieder.

Es war sechs Monate nach Jonas’ Rede. Der Novemberregen hatte sich in einen aggressiven Februar-Niesel verwandelt, der horizontal gegen die Glasfassade der Mensa peitschte.

Ich war auf dem Weg zum Büro des neuen Schulleiters, Dr. Ebeling. Ein Mann Anfang vierzig, dynamisch, effizient, mit einem Händedruck wie eine hydraulische Presse und einem Wortschatz, der zu achtzig Prozent aus Begriffen wie „Synergieeffekte“, „Digitalpakt“ und „Prozessoptimierung“ bestand.

Mein Weg führte mich zwangsläufig an der Mensa vorbei. Und da saß sie.

Frau Hanke.

Ihr kleiner Tisch am Eingang war mittlerweile so fest im Inventar verankert wie die feuerfesten Türen. Sie sah älter aus als noch im Sommer.

Der Schlaganfall hatte eine leichte Asymmetrie in ihrem Gesicht hinterlassen, und ihre linke Hand ruhte oft zitternd auf dem Knauf ihres Gehstocks. Aber ihre Augen, diese wachen, radarscharfen Augen, waren unverändert.

Vor ihr stand ein Junge, vielleicht siebte Klasse. Er trug eine viel zu dünne Jacke für dieses Wetter und starrte auf seine Turnschuhe. Frau Hanke sprach nicht. Sie schob ihm nur ganz langsam, fast konspirativ, eine Mandarine über den Tisch. Nicht irgendeine Mandarine, sondern eine, die bereits geschält und säuberlich in Spalten zerteilt war.

„Vitamin C, Kevin“, hörte ich ihre raue Stimme, die etwas leiser geworden war. „Sonst holt dich die Grippe, bevor du die Mathearbeit verhauen kannst.“

Der Junge grinste schief, griff nach der Frucht und verschwand im Gewühl der QR-Code-Scanner.

Ich lächelte und ging weiter zum Direktorat. Ich ahnte nicht, dass genau diese Szene der Grund für meine Vorladung war.

Dr. Ebeling empfing mich stehend hinter seinem höhenverstellbaren Schreibtisch. Auf dem riesigen Monitor hinter ihm leuchteten Diagramme.

„Setzen Sie sich“, sagte er und deutete auf einen Bauhaus-Stuhl, der schick aussah, aber ergonomisch eine Katastrophe war. „Wir müssen über die Personalie Hanke reden.“

Mein Magen zog sich zusammen. „Frau Hanke? Gibt es Probleme?“

„Es gibt… versicherungsrechtliche Bedenken“, begann er und faltete die Hände. „Schauen Sie, ich schätze das soziale Engagement des Fördervereins. Wirklich. Aber wir haben hier eine zivilfremde Person im Gebäude, die gesundheitlich angeschlagen ist und sich in einem hochfrequentierten Bereich aufhält. Wenn sie stürzt? Wenn sie einem Schüler etwas Falsches zu essen gibt und der eine allergische Reaktion hat? Wer haftet? Die Schule? Die Stadt? Sie als Verein?“

„Frau Hanke sitzt nur da“, wandte ich ein. „Sie ist eine Institution.“

„Sie ist ein Risikofaktor“, korrigierte Ebeling kühl. Er tippte auf eine Tabelle. „Außerdem stört sie die Abläufe. Der Caterer hat sich beschwert. Die Schüler bleiben am Eingang stehen, es kommt zu Rückstaus beim Scannen der Codes. Die Durchlaufzeiten in der Mittagspause haben sich um durchschnittlich 1,5 Minuten verlängert. Das klingt nach wenig, aber bei 800 Schülern summiert sich das.“

Ich starrte ihn an. Er redete über die Frau, die Jonas und hunderten anderen das Überleben in dieser Betonwüste gesichert hatte, als wäre sie ein verstopftes Abflussrohr.

„Sie wollen sie loswerden“, sagte ich stumpf.

„Ich möchte die Professionalisierung vorantreiben. Wir werden zum nächsten Schuljahr ein digitales Feedback-Terminal im Eingangsbereich installieren. Dort können die Schüler Smileys drücken, um ihre emotionale Verfassung anzugeben. Die Daten werden dann direkt an die Schulsozialarbeit weitergeleitet. Das ist effizienter, datenschutzkonform und skalierbar.“

Smileys drücken. Ich dachte an Lukas mit dem Toastbrot und an Sarah mit dem Hungerzittern. Ich stellte mir vor, wie sie auf einem Touchscreen einen traurigen Smiley drücken, während ihr Magen knurrt.

„Sie können Frau Hanke nicht einfach rauswerfen“, sagte ich, und meine Stimme zitterte leicht vor unterdrückter Wut. „Die Schüler brauchen sie.“

„Der Vertrag des Fördervereins für die ‚Pausenbegleitung‘ läuft zum Ende des Halbjahres aus“, sagte Ebeling final. „Ich werde ihn nicht verlängern. Wir brauchen den Platz für die Terminals.“

Ich verließ das Büro mit dem Gefühl, gegen eine Wand aus Teflon gelaufen zu sein.

Als ich unten in der Mensa ankam, war die Pause fast vorbei. Die meisten Schüler strömten zurück in die Klassenzimmer. Frau Hanke packte gerade ihre Tupperdose zusammen. Sie sah mich kommen, und bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, sagte sie: „Der Neue will mich weg haben, stimmt’s?“

Ich ließ die Schultern hängen. „Er redet von Versicherungsschutz und Durchlaufzeiten.“

Frau Hanke schnaubte verächtlich. „Durchlaufzeiten. Als wären die Kinder Brote am Fließband.“ Sie griff nach ihrem Stock und zog sich mühsam hoch. „Wissen Sie, was er nicht sieht? Er sieht nicht die kleine Elif aus der 6b.“

„Wer ist Elif?“

Frau Hanke deutete mit dem Stock unauffällig zu einem Tisch in der hintersten Ecke. Dort saß ein Mädchen, ganz allein, vor einem Tablett mit unberührten Nudeln. Sie trug Kopfhörer, aber sie hörte keine Musik. Das Kabel hing lose herab. Sie starrte nur auf den Teller.

„Elif hat seit drei Wochen kein Wort gesprochen“, flüsterte Frau Hanke. „Ihre Eltern lassen sich scheiden. Ein Rosenkrieg, wie er im Buche steht. Der Vater hat das Konto gesperrt, die Mutter trinkt. Das Kind kommt morgens schon mit verweinten Augen. Das System sagt: Elif hat bestellt, Elif hat bezahlt, Elif hat abgeholt. Alles grün im Computer. Aber Elif isst nicht. Sie sitzt da und bestraft sich selbst.“

„Haben Sie dem Sozialarbeiter Bescheid gesagt?“

„Natürlich. Aber der Herr Müller ist für 800 Schüler zuständig und hat Burnout. Termin in sechs Wochen. Bis dahin ist das Kind verschwunden – innerlich.“

Frau Hanke humpelte los, quer durch den Raum, direkt auf Elif zu. Das war eigentlich gegen die Abmachung. Sie sollte am Eingang bleiben. Die Mitarbeiter des Caterers hinter der Theke, junge Männer in schwarzen Poloshirts mit Firmenlogo, starrten sie an. Einer griff zum Telefon – vermutlich, um Ebeling zu rufen.

Ich blieb stehen und beobachtete die Szene.

Frau Hanke setzte sich nicht zu Elif. Das wäre zu aufdringlich gewesen. Sie tat so, als würde sie den Nachbartisch kontrollieren. Dann ließ sie, scheinbar aus Versehen, ein kleines Päckchen Papiertaschentücher fallen. Direkt vor Elifs Füße.

Elif schreckte hoch. Sie sah die alte Dame an.

„Mensch, bin ich tollpatschig heute“, sagte Frau Hanke laut genug, dass ich es hören konnte. „Mein Rücken macht das Bücken nicht mehr mit. Kannst du mir helfen, Kindchen?“

Elif zögerte. Dann bückte sie sich langsam und hob die Taschentücher auf.

„Danke“, sagte Frau Hanke. Und dann, leiser: „Ich habe gehört, deine Mama mag Rosen. Meine auch.“

Es war ein Schuss ins Blaue, oder vielleicht wusste Frau Hanke mehr, als sie zugab. Elifs Gesichtszüge entgleisten für eine Sekunde. Die Maske bröckelte.

„Sie… sie wirft die Vasen an die Wand“, flüsterte das Mädchen.

„Ich weiß“, sagte Frau Hanke sanft. „Das macht einen Höllenlärm, nicht wahr? Und man denkt, man ist schuld, weil man die Vase da hingestellt hat. Aber Vasen gehen kaputt, Kindchen. Du nicht. Du bist aus anderem Holz.“

Sie griff in ihre Kitteltasche. „Hier. Kein Schokoriegel heute. Das ist Traubenzucker. Für die Energie. Wenn du die Nudeln nicht runterkriegst, nimm wenigstens das. Und morgen kommst du zu mir an den Tisch. Ich brauche jemanden, der mir beim Kreuzworträtsel hilft. Ich vergesse immer die Hauptstadt von Peru.“

Elif nickte. Ein winziges, kaum merkliches Nicken. Aber sie nahm den Traubenzucker und steckte ihn in den Mund.

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