Vielleicht braucht draußen gerade jemand genauso dringend Gesellschaft wie du.
Liebe verschwindet nicht einfach. Manchmal muss sie nur einen neuen Platz finden.
Ich las den Brief dreimal.
Dann kam Katrin in die Küche.
Sie sah mich weinen und setzte sich neben mich.
Ich gab ihr den Brief.
Als sie fertig war, nahm sie meine Hand.
„Das klingt genau wie Mama.“
Wir weinten wieder.
Aber diesmal nicht gegeneinander.
Sondern zusammen.
Am nächsten Abend stellte ich um 17:40 Uhr den Wasserkocher an.
Ich zog die Vorhänge auf.
Auf der anderen Straßenseite sah ich meinen Nachbarn Joachim.
Er war 81 und seit einem Jahr Witwer.
Rosemarie hatte ihm früher gelegentlich Kuchen gebracht.
Ich hatte mit ihm meistens nur über den Gartenzaun gesprochen.
Jetzt hob ich die Hand.
Er winkte zurück.
Bevor ich es mir anders überlegen konnte, öffnete ich die Haustür.
„Joachim! Lust auf einen Tee?“
Er schaute überrascht.
„Hast du auch Kaffee?“
„Den kann ich machen.“
„Dann komme ich.“
Zehn Minuten später saßen zwei alte Männer an meinem Wohnzimmertisch.
Anfangs redeten wir kaum.
Joachim fragte nach meiner Heizung. Ich fragte nach seinem Knie.
Dann schaute er auf Rosemaries leeren Sessel.
„Ich stelle manchmal noch zwei Teller auf den Tisch“, sagte er plötzlich.
Ich nickte.
„Ich höre nachts noch immer meinen Kater.“
Joachim sah mich an.
Und zum ersten Mal seit Wochen fühlte sich das Schweigen im Haus nicht mehr unerträglich an.
Er kam am nächsten Abend wieder.
Manchmal blieb er nur zwanzig Minuten.
Manchmal länger.
Eine Woche später brachte unsere Nachbarin Renate einen selbst gebackenen Kuchen vorbei.
Sie erzählte von ihrem verstorbenen Bruder.
Ich hörte zu.
Bald wurde aus dem Tee um 17:40 Uhr eine kleine Gewohnheit.
Keine feste Runde.
Kein Verein.
Einfach eine offene Tür.
Katrin kam eines Abends vorbei und fand drei Nachbarn an meinem Tisch.
Sie lächelte.
„Mama hätte das gefallen.“
Ich glaube, sie hatte recht.
Einen Monat später gingen wir gemeinsam die Kartons durch.
Diesmal fragte Katrin bei jedem Gegenstand, ob ich ihn behalten wollte.
Rosemaries blaue Tasse kam zurück in die Küche.
Ihre Brille legten wir in die Schublade ihres alten Schreibtisches.
Jaspers Bürste bewahrte ich in einer kleinen Dose auf.
Sein Kissen legte ich wieder auf die Fensterbank.
Nicht, weil ich glaubte, er würde zurückkommen.
Sondern weil es zu unserem Zuhause gehörte.
Zwei Monate nach Rosemaries Tod fuhr ich zum örtlichen Tierheim.
Ich wollte alte Handtücher abgeben.
Eine Mitarbeiterin fragte, ob ich mir die älteren Katzen ansehen wolle.
Eigentlich wollte ich ablehnen.
Doch dann dachte ich an Jasper.
Und folgte ihr.
Im letzten Gehege saß ein großer rotgetigerter Kater.
Er hatte ein trübes Auge und bewegte sich langsam.
„Das ist Walter“, erklärte die Mitarbeiterin. „Ungefähr zwölf Jahre alt. Sein Besitzer ist verstorben. Die Angehörigen konnten ihn nicht übernehmen.“
Walter kam näher.
Ich hielt ihm vorsichtig meine Finger hin.
Er rieb seine Wange daran.
Nur einmal.
Dann setzte er sich wieder hin.
„Für ältere Katzen finden wir leider nicht so leicht ein Zuhause“, sagte die Frau.
Ich blieb eine ganze Weile vor seinem Gehege stehen.
Doch ich nahm ihn an diesem Tag nicht mit.
Ich wollte sicher sein, dass ich nicht versuchte, Jasper zu ersetzen.
Eine Woche später kam ich wieder.
Walter saß an derselben Stelle.
Als er mich sah, stand er auf und ging langsam zur Tür seines Geheges.
Ich unterschrieb den Übernahmevertrag.
Auf der Heimfahrt blieb er ganz still in seiner Transportbox.
„Nur damit du es weißt“, sagte ich an einer roten Ampel. „Du sollst nicht Jasper werden.“
Walter blinzelte.
„Gut. Dann sind wir uns einig.“
Zu Hause öffnete ich seine Box im Wohnzimmer.
Er erkundete langsam den Teppich, den Tisch und Rosemaries Sessel.
Dann sprang er mit erstaunlich wenig Eleganz auf die Fensterbank.
Direkt auf Jaspers altes Kissen.
Ich musste lachen.
Joachim, der gerade zu Besuch war, schüttelte den Kopf.
„Na, der weiß aber, wo sein Platz ist.“
Ich sah Walter an.
„Ja“, sagte ich. „Aber er hat eine andere Aufgabe.“
Jasper hatte dort gesessen und gewartet.
Walter saß dort und schaute einfach hinaus.
Und ich saß daneben.
Der erste Winter ohne Rosemarie blieb schwer.
Natürlich blieb er schwer.
Ich griff morgens noch immer manchmal nach ihrer Bettseite.
Im Supermarkt wollte ich plötzlich ihre Lieblingskekse mitnehmen.
Und gelegentlich glaubte ich, Jaspers Schritte im Flur zu hören.
Trauer verschwindet nicht, nur weil wieder jemand im Wohnzimmer sitzt.
Aber ich begann, regelmäßig zu essen.
Ich ging mit Joachim einkaufen.
Ich nahm Katrins Anrufe an.
Und wenn mich jemand fragte, wie es mir ging, sagte ich nicht mehr automatisch: „Gut.“
Manchmal sagte ich einfach: „Heute ist es schwierig.“
Das musste reichen.
Im Frühjahr bekam die alte Eiche im Garten neue Blätter.
Unter ihr lag Jasper.
Ich setzte mich gelegentlich mit meiner Teetasse dorthin.
Eines Samstags besuchte mich Katrin mit meinem sechzehnjährigen Enkel Lukas.
Walter lag auf der Fensterbank.
Lukas betrachtete ihn.
„Opa, der sieht aus, als hätte er schon drei Kriege überstanden.“
„Vielleicht hat er das.“
Der Junge lachte und streichelte Walter vorsichtig.
Später fragte er nach Rosemaries Brief.
„Hat er dir eigentlich geholfen?“
Ich dachte lange nach.
„Er hat den Schmerz nicht kleiner gemacht.“
„Was hat er dann gemacht?“
Ich sah zum Fenster.
„Er hat mir gezeigt, wohin ich mit ihm gehen kann.“
Lukas nickte langsam.
„So was bringt einem irgendwie niemand bei.“
Ich schaute ihn an.
„Deine Oma konnte das.“
Um 17:40 Uhr stellte Katrin Wasser für Tee auf.
Joachim kam durch die Gartentür.
Renate brachte Apfelkuchen mit.
Lukas holte zusätzliche Stühle aus der Küche.
Walter saß auf Jaspers Kissen und beobachtete alles mit seinem üblichen misstrauischen Blick.
Ich schaute mich um.
Rosemaries Sessel stand noch immer am selben Platz.
Ihre blaue Tasse stand auf dem Tisch.
Jaspers Bürste lag sicher verwahrt in der Schublade.
Nichts davon musste verschwinden, damit in diesem Haus wieder Leben sein durfte.
Und plötzlich begriff ich etwas.
Ich hatte Jasper in seiner letzten Nacht gesagt, er müsse nicht länger auf mich aufpassen.
Damals hatte ich geglaubt, ich würde ihn damit trösten.
Heute glaube ich, dass er mich getröstet hat.
Er war zu mir gekommen, als ich niemanden mehr an mich heranlassen wollte.
Er hatte mich noch einmal daran erinnert, wie es sich anfühlt, gebraucht zu werden.
Und Rosemarie hatte mir mit ihrem Brief gezeigt, dass ich nicht für immer allein bleiben musste.
Ich werde meine Frau niemals vergessen.
Jasper auch nicht.
Walter wird eines Tages ebenfalls fehlen.
Das weiß ich.
Aber genau deshalb möchte ich die Zeit, die uns bleibt, nicht damit verbringen, mich vor dem nächsten Abschied zu verstecken.
An jenem Abend saßen wir alle zusammen.
Joachim erzählte eine Geschichte, die ich schon dreimal gehört hatte.
Renate lachte trotzdem.
Katrin schenkte Tee nach.
Und Walter kam von der Fensterbank herunter, um sich schwerfällig neben meinen Stuhl zu legen.
Ich beugte mich hinunter und streichelte seinen Rücken.
Dann blickte ich auf die Uhr.
17:40 Uhr war längst vorbei.
Früher hatte ich um diese Zeit auf jemanden gewartet, der nie wieder kommen würde.
Jetzt saßen Menschen bei mir, die noch da waren.
Ich hatte Rosemarie und Jasper nicht hinter mir gelassen.
Ich trug sie weiterhin mit mir.
Nur hatte ich endlich aufgehört, dabei die Tür geschlossen zu halten.
Denn manchmal besteht Liebe nicht darin, jemanden für immer festzuhalten.
Manchmal besteht sie darin, dass ein alter Kater seine letzte Kraft zusammennimmt, auf deinen Schoß klettert und dich daran erinnert, dass du selbst noch ein Leben vor dir hast.
Und manchmal beginnt dieses Leben ganz unscheinbar.
Mit einem geöffneten Vorhang.
Einer zweiten Tasse Tee.
Und einer Haustür, die man endlich wieder aufmacht.






