Mein Hund konnte kaum schwimmen trotzdem zog er mich bewusstlos ans Ufer und opferte seine Schulter

Er kam.

Nicht schnell.

Nicht elegant.

Aber er kam.

Dann drückte er seinen großen Kopf gegen meine Brust.

Ich hielt ihn fest.

Und plötzlich wusste ich nicht mehr, wer von uns beiden eigentlich wen tröstete.

In dieser Nacht traf ich eine Entscheidung.

Ich wollte nicht mehr angeln.

Mein kleines Boot stand noch auf dem Anhänger.

Meine Ruten lagen im Schuppen.

Früher hätte ich gesagt, dass Angeln zu meinem Leben gehört.

Nach dem Unfall sah ich die Sachen anders.

Ich konnte mir nicht vorstellen, wieder allein hinauszufahren und Enno zu Hause zu lassen.

Noch weniger konnte ich mir vorstellen, ihn wieder in dieses kleine Boot zu setzen.

Also verkaufte ich es.

Ein Mann aus einem Nachbardorf holte es ab.

Als er mit dem Anhänger vom Hof fuhr, stand Enno neben mir.

Ich legte meine Hand auf seinen Rücken.

„Das war’s, Käpt’n.“

Ich dachte, damit sei dieses Kapitel beendet.

Einige Wochen lang war es das auch.

Wir gingen spazieren.

Enno wurde kräftiger.

Die Bandage verschwand.

Er humpelte noch leicht, besonders nach längeren Strecken.

Aber irgendwann merkte ich etwas.

Wenn wir an der Straße zum See vorbeikamen, blieb er stehen.

Immer.

Er schaute in diese Richtung.

Dann sah er mich an.

Anfangs zog ich ihn weiter.

Ich wollte ihn schützen.

Doch eines Tages setzte ich mich auf eine Bank nahe dem Ufer.

Enno setzte sich neben mich.

Er starrte minutenlang aufs Wasser.

Und da verstand ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte.

Ich hatte geglaubt, ich würde ihm etwas Gutes tun, wenn ich den See aus unserem Leben strich.

Aber Enno hatte den See geliebt.

Nicht unbedingt das Schwimmen.

Unser gemeinsames Draußensein.

Das Boot.

Das Sitzen vorne.

Die Bewegung unter seinen Pfoten.

Mich hinter ihm.

Das war sein Leben genauso gewesen wie meines.

Warum sollte ich ihm auch noch das nehmen?

Also begann ich nach einer anderen Lösung zu suchen.

Einige Zeit später kaufte ich ein gebrauchtes, breites Freizeitboot mit Motor.

Nichts Besonderes.

Aber stabil.

Viel Platz.

Kein enges Aluminiumboot mehr, in dem Enno springen oder sich abstützen musste.

Vorne befestigte ich eine dick gepolsterte Sitzfläche.

Meine Tochter sah sie und lachte.

„Das ist kein Hundesitz.“

„Doch.“

„Papa, das ist ein Thron.“

Ich sah Enno an.

„Genau.“

Ich besorgte eine kleine Rampe, damit er nicht springen musste.

Dann kam der Tag, an dem wir zum ersten Mal wieder hinausfuhren.

Ich war nervöser als Enno.

Er ging langsam über die Rampe.

Schnupperte.

Sah sich um.

Dann entdeckte er seinen Platz vorne.

Er legte eine Pfote darauf.

Dann die andere.

Und schließlich setzte er sich.

Genau wie früher.

Nur höher.

Bequemer.

Sicherer.

Ich startete den Motor.

Wir fuhren los.

Keine Angelruten.

Keine Köder.

Keine Kühlbox für Fische.

Nichts davon.

Nur Enno und ich.

Er saß vorne auf seinem gepolsterten Platz und hob den Kopf.

Ich konnte sein Gesicht von hinten nicht sehen.

Aber ich sah seine Ohren.

Und seinen Schwanz.

Der klopfte langsam gegen die Sitzkante.

Da musste ich lachen.

Das erste Mal seit dem Unfall richtig.

Seitdem fahren wir regelmäßig hinaus.

Wir angeln nicht.

Keinen einzigen Fisch.

Manche Leute verstehen das nicht.

Sie sehen uns am Steg und fragen: „Wo sind denn Ihre Ruten?“

Ich sage dann: „Brauchen wir nicht.“

Wir fahren eine Runde über den See.

Manchmal eine Stunde.

Manchmal länger.

Enno sitzt vorne.

Ich sitze hinten am Steuer.

Und wir haben kein Ziel.

Früher dachte ich, beim Angeln gehe es um Ruhe.

Heute weiß ich, dass mir etwas anderes gefehlt hatte.

Gesellschaft.

Jemand, mit dem man nichts sagen muss.

Jemand, der einfach da ist.

Enno war jahrelang mein Begleiter gewesen, ohne dass ich richtig verstanden hatte, wie viel das bedeutete.

Bis zu diesem Morgen im Wasser.

Heute humpelt er noch leicht.

Die Schulter wird nie wieder die alte.

Wenn er müde ist, sieht man es deutlicher.

Früher machte mich das traurig.

Jetzt erinnert mich jeder schiefe Schritt daran, dass ich eigentlich gar nicht mehr hier sein sollte.

Nicht so.

Nicht auf meinen eigenen Beinen.

Nicht mit meiner Tochter am Telefon.

Nicht mit einer Kaffeetasse am Küchentisch.

Nicht am Steuer eines Bootes.

Enno hat mir diese Tage gegeben.

Ich weiß nicht, ob Hunde verstehen, was Dankbarkeit bedeutet.

Vielleicht ist es ihnen völlig egal.

Enno interessiert sich jedenfalls mehr für ein Stück Käse als für große Worte.

Deshalb versuche ich gar nicht, ihm etwas zu erklären.

Ich zeige es ihm.

Mit seiner Rampe.

Mit seinem gepolsterten Platz.

Mit langsamen Spaziergängen.

Mit einer Hand unter seinem Bauch, wenn er irgendwo nicht hochkommt.

Und mit jedem einzelnen Ausflug auf den See.

Dort sitzt er dann vorne wie ein kleiner König.

Ein kräftiger alter Hund mit grauen Haaren um die Schnauze und einer Schulter, die nie wieder ganz heil geworden ist.

Manchmal kommen Leute am Steg zu uns.

Die Geschichte hat sich in der Gegend herumgesprochen.

Einer erkennt Enno.

Ein anderer fragt, ob das wirklich der Hund sei, der mich aus dem Wasser gezogen habe.

Ich sage meistens nur: „Ja. Das ist er.“

Dann streicheln sie ihn.

Enno nimmt die Aufmerksamkeit hin, als wäre sie selbstverständlich.

Natürlich.

Was sollte ein Kapitän sonst tun?

Vor einiger Zeit fragte mich ein Bekannter, ob ich das Angeln vermisse.

Ich musste nicht nachdenken.

„Nein.“

Er glaubte mir zuerst nicht.

Aber es stimmt.

Ich vermisse es überhaupt nicht.

Früher fuhr ich hinaus, um etwas zu fangen.

Heute fahre ich hinaus, weil ich längst gefunden habe, was mir gefehlt hat.

Enno kann nicht mehr schwimmen.

Also bekommt er ein Boot, in dem er es nie wieder muss.

Er hat mich mit seinem Körper ans Ufer gebracht.

Ich kann ihm mein Leben nicht zurückzahlen.

So etwas rechnet man nicht gegeneinander auf.

Aber solange er noch neben mir ist, bekommt er seinen Platz vorne.

Er bekommt seine langsamen Ausfahrten.

Er bekommt seine Rampe.

Seine Pausen.

Seinen Thron.

Und wenn ich hinter ihm sitze und sehe, wie er über das Wasser schaut, denke ich manchmal an den Mann, der dort draußen bewusstlos unterging.

Dieser Mann hätte den nächsten Tag nicht erleben sollen.

Enno entschied anders.

Mein Hund war kein guter Schwimmer.

Er sprang trotzdem hinein.

Er war viel leichter als ich.

Er zog trotzdem weiter.

Sein Körper sagte irgendwann, dass es zu viel war.

Er hörte trotzdem nicht auf.

Bis ich am Ufer lag.

Deshalb sitzt Enno heute nicht mehr auf dem Boden meines Bootes.

Er sitzt vorne auf seinem eigenen gepolsterten Platz.

Wie ein Kapitän.

Wie ein König.

Denn wenn irgendein Hund sich diesen Platz verdient hat, dann meiner.

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